Skip to main content
Internet Archive's 25th Anniversary Logo

Full text of "Eine okkulte Physiologie"

See other formats


RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Eine okkulte Physiologie 



Ein Zyklus von acht Vortragen 
gehalten in Prag vom 20. bis 28. Marz 1911, 
und ein Sondervortrag vom 28. Marz 1911 



1991 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 5. Auflage besorgte Ulla Trapp (Archiv) 
in Zusammenarbeit mit Dr. med. Werner Belart, Dr. med. 
Christoph Schulthess und Dr. med. Hartwig von Volkmann 



1. Auflage Dornach 1927 

2. Auflage Dornach 1957 

3. Auflage Dornach 1971 

4. Auflage Dornach 1978 

5. Auflage, mit vollig neu erarbeitetem Text 
(Naheres auf Seite 203 ff.) 
und erweitert um einen Vortrag vom 28. Marz 191 1 
Gesamtausgabe Dornach 1991 

Nahere Angaben zu den bisherigen Auflagen auf Seite 205 



Bibliographie-Nr. 128 

Zeichnungen nach den Notizen der Stenographen 
ausgefuhrt von Hedwig Frey und Leonore Uhlig 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1991 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Utesch Satztechnik GmbH, Hamburg 
Bindearbeit: Spinner GmbH, Otters weier 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1281-X 



2,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichen Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurde, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
uber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Prag, 20. Marz 191 1 

Zur Erkenntnis des menschlichen Wesens ist Ehrfurcht vor der 
menschlichen Natur als einer Offenbarung des Weltengeistes notig. 
Die Darlegungen sind von seiten des Geistesforschers gemacht. Die 
Zweiheit des Menschen seiner Form und Gestalt nach. Gehirn und 
Ruckenmark im Verhaltnis zum Knochensystem. Wirbeltheorie des 
Schadels von Oken und Goethe. Umwandlungen im Gebiete von 
Gehirn und Ruckenmark; Hirn ist umgewandeltes Ruckenmark, alter 
als dieses. Gehirn; waches, uberlegendes Denken. Ruckenmark: 
traumahnlich, iiberlegungslos funktionierend. Das im Gehirn ver- 
borgene Ruckenmark. Die Aura von Gehirn und Ruckenmark. 

Zweiter Vortrag, 21. Marz 1911 . . 

Das andere Glied der menschlichen Zweiheit, der Ernahrungs- 
apparat: System der Stoffverarbeitung. Lymphsystem, Blutgefafi- 
system, Herz, oberer, Gehirn und Sinnesorgane umschliefiender, 
unterer, Milz, Leber und Galle umfassender Kreislauf. Veranderung 
des Blutes durch die Sinneseindriicke und durch die Tatigkeit von 
Milz, Leber, Galle als zu Organen verdichteten Weltprozessen: 
Saturn, Jupiter und Mars. Nervensystem: Werkzeug des Astralleibes, 
Blut: Werkzeug des Ich. Nervensystem differenziert, Blut einheitlich. 
Verhaltnis der aufieren Eindriicke und der Seelenereignisse auf Blut 
und Ich. Unmittelbare Wirkung der Nerven auf das Ich. Abtrennung 
der Nervenwirkung vom Blut durch innere Konzentrationsiibungen; 
Ausschalten des Blutes durch Zuriickwerfen der Nerventatigkeit ins 
Innere. 

Dritter Vortrag, 22. Marz 1911 

Folgen der seelischen Konzentrationsiibungen. Wirkung der Sinnes- 
welt und der inneren Organwelt auf das Blut. Das sympathische 
Nervensystem als Vermittler der Wirkungen der inneren Welt, das 
Gehirn- und Ruckenmark-Nervensystem derjenige der aufieren Welt. 
Mystische Versenkung in das eigene Innere schafft starkere Verbin- 
dung zwischen Blut und sympathischem Nervensystem. Wesen der 
mystischen Versenkung. Rhythmisierende Funktion der Milz fiihrt 
zum inneren Eigenrhythmus. Saturnwirkung im Kosmos. Notwendig- 
keit des wieder in Einklangbringens der Eigenrhythmen mit den Wel- 
tenrhythmen; die Kronossage. Physiologische Bedeutung von 
Mythenbildern. 



Vierter Vortrag, 23. Marz 1911 

Milz. Organe als Ausdruck von geistigen Wirkungen. Umrhythmi- 
sierung der Nahrung und ihre Anpassung an die menschliche Organi- 
sation durch Milz, Leber, Galle. Beziehung zur Aufienwelt durch 
Atmung und Blut. Begegnung dieser zwei Weltenkraftssysteme im 
Herzen. Harmonisierung der Systeme durch das Nierensystem. Herz 
und Blutsystem als Mitte des Organismus. Das innere Weltsystem und 
das Blut als Werkzeug des Ich. Beziehungen des Ich zu Atmung und 
Wahrnehmung. Verhaltnis der immateriellen zu den materiellen Pro- 
zessen. Uberleitung der Seelenerlebnisse auf den Atherleib. Bildung 
der Gedachtnisvorstellungen. Bedeutung von Epiphyse und Hypo- 
physe. 



Funfter Vortrag, 24. Marz 1911 

Uber Wesen und Begriff des Organs; der iibersinnliche Organismus. 
Betrachtung des Atherleibes und der Wirkungen des Astralleibes und 
des Ich. Unterschiede in den Zusammenwirkungen der Kraftsysteme. 
Der physische Leib als Kraftsystem. Der Begriff des Gesamtorgans. 
Das Wider standfinden als Anlafi zur Selbstwahrnehmung; das Abson- 
dern als ein inneres Widerstandfinden. Das Erleben des Ich durch 
Veranderung des Blutes. Die Gestalt des Menschen und die menschli- 
chen Fahigkeiten. Die hautbildenden, von innen nach aufien dringen- 
den, formbildenden Krafte. Widerstand gegen die durch Nahrung 
aufgenommenen Stoffe durch Umanderung von deren Regsamkeit: 
Bewegungskrafte. Gegensatz von Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem 
und sympathischem Nervensystem: Funktion von Epiphyse und 
Hypophyse. 



Sechster Vortrag, 26. Marz 1911 

Die Haut als Ausdruck des Ich und das menschliche Bewufksein. Das 
Blutsystem als das Ich in die ganze Organisation tragend. Unterschied 
zwischen LebensprozefS und dem Stoffumlagerungsvorgang. Das Sich- 
Gewahrwerden des Organismus durch die Absonderung der Stoffe in 
das Innere des Organismus. Organisationskrafte des menschlichen 
Leibes als Gesetze zur Gestaltung des Blutkreislaufes; Einfugung der 
Organe in denselben. Das Blutsystem als das durch Ich-Erlebnisse 
bestimmbarste System unter den Organen. Das Knochensystem, die 
alteste Art des Ernahrungsprozesses in der Entwicklung. Die Unbe- 
stimmbarkeit des Knochensystems; Blutsystem im Gegensatz dazu. 
Knochensystem: im Sinne des Ich wirkend, aber von ihm unbestimm- 
bar. Blutsystem: Ich-Prozesse regsam aufnehmend. Zur Phrenologie. 



Siebenter Vortrag, 27. Marz 1911 

Blut als Werkzeug des Ich. Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem: 
bewufttes Leben. Sympathisches Nervensystem: zuriickhalten des 
Bewulkseins vom Leben des inneren Weltsystems. Knochensystem, 
menschliche Form fiir das Ich-Leben; Unabhangigkeit des Inneren 
von Aufienwelt, Konstanz und Unabhangigkeit der Blutwarme. Mate- 
rielle Vorgange durch alle Prozesse des Seelenlebens : Denkvorgang, 
Fiihlen, Willensprozefi. Bewulke und unbewufite Ich-Organisation: 
Knochensystem und Ich. Das innere Weltsystem und der Astralleib. 
Die zwei grundlegenden Vorgange des Denkens. Knochensystem und 
Salzablagerung. Gefuhlsprozesse und Quellungsvorgange. Willensvor- 
gange und Erwarmungsprozesse. Das Blut als das unabhangigste 
Organsystem und als Schutzer der anderen Organsysteme. Die roten 
Blutkorperchen. Eigentumlichkeit des Blutes. Therapeutische Aus- 
blicke. 

Achter Vortrag, 28. Marz 1911 

Das iibersinnliche Kraftsystem: die menschliche Form. Eingliederung 
der Nahrungsstoffe in den Lebensprozefi; Umwandlung derselben 
durch das innere Weltsystem. Das allem Organbilden zugrundelie- 
gende Gewebe: Pflanzenprozefi. Vom Leben zum Erleben: Absonde- 
rung ins Lymphsystem ergibt dumpfes Bewulksein. Ich-Bewufitsein 
durch Aufschliefien nach aufien. Ich, Blut, Gallenbildungsprozefi dem 
Ernahrungs strom begegnend. Herz sich aufschliefiend nach aufien 
durch Lunge. Absonderung von Kohlensaure und von den harnfahi- 
gen Substanzen. Herz als Mittelpunktsorgan. Planetensystem und 
inneres Weltsystem; Metalle und Organe. Salze und leicht oxydierbare 
Stoffe als regulierende Mittel. Wirksamkeit pflanzlicher Stoffe. 
Umwandlung fruherer in spatere Organformen; auf- und absteigende 
Entwicklung. Bedeutung des weiblichen und des mannlichen Anteils, 
an der Entstehung des Menschenbildes. Verwandlung der Organtatig- 
keit durch das Blut bis zum Erwarmungsprozefi, unter dessen Einflufi 
bis zum Mitgefuhl. Verwandlung der Warme in Mitgefuhl als Erden- 
mission. 

Sondervortrag, 28. Marz 1911 

Aphorismen uber die Beziehung von Theosophie und Philosophic 

Eine Betracbtung zu den Vortrdgen uber «Okkulte Pbysiologie» 

Die Notwendigkeit praziser philosophischer Formulierungen. Wah- 
rend sich die heutige Philosophic im Abstrakten bewegt, schlagt die 
Theosophie eine Briicke vom Geistigen zum Tatsachlichen. Begriffe, 
die an der aufieren Wahrnehmung gebildet werden, mussen sich mit 



den Begriffen die aus der geistig-iibersinnlichen Wahrnehmung 
gewonnen werden, auf dem Begriffsfelde treffen. Der Bezug des 
Bewufitseinsinhaltes zur Realitat. Das Ich ist umfassender als die 
Sphare der Subjektivitat. Der Satz, es konne nichts von dem Transsub- 
jektiven in das Subjektive hineinkommen, hat nur eine begrenzte Gel- 
tung. Maskierter Materialismus in der konventionellen Erkenntnis- 
theorie. Die Pflicht zum Erkennen. 

Einladung zum Vortrags-Zyklus 200 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 201 

Hinweise zum Text 206 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 215 



ERSTER VORTRAG 



Prag, 20. Marzl911 



In diesem Vortragszyklus, der auf Veranlassung unserer Prager 
Freunde gehalten wird, soli ein Thema behandelt werden, welches 
dem Menschen ungeheuer naheliegt, weil es ja das genauere Wesen 
des Menschen unmittelbar beriihrt und von dem handelt, was sich auf 
sein physisches Leben selber bezieht. Wenn dieses Thema auch auf 
der einen Seite dem Menschen so naheliegt, weil es ihn ja selbst 
betrifft, so darf man doch sagen, dafi es auf der anderen Seite ein sehr 
schwer zugangliches Thema ist. Denn schon der Blick auf die durch 
alle Zeiten, man mochte sagen, aus mystisch-okkulten Hohen an den 
Menschen dringende Forderung «Erkenne dich selbst» zeigt uns die 
Tatsache, daft Selbsterkenntnis, wirkliche, wahre Selbsterkenntnis, 
im Grunde genommen dem Menschen recht schwierig ist, und das 
bezieht sich nicht nur auf die individuelle, personliche Selbsterkennt- 
nis, sondern vor alien Dingen auch auf die Erkenntnis der mensch- 
lichen Wesenheit iiberhaupt. Und weil der Mensch - wie man sehen 
kann aus dieser ewigen Forderung «Erkenne dich selbst» - sich selbst 
seiner Wesenheit nach so sehr fernsteht, einen so weiten Weg hat, um 
sich selbst zu verstehen, deshalb wird in einer gewissen Beziehung 
das, was Gegenstand der folgenden Betrachtungen dieser Tage wer- 
den wird, als etwas Fernliegendes erscheinen, zu dessen Verstandnis 
sehr Verschiedenes notwendig ist. Nicht ohne Grund ging ich selbst 
erst nach langerer Zeit und reiflicher Uberlegung daran, auch einmal 
iiber dieses Thema zu sprechen. Denn es ist ein Thema, demgegen- 
iiber - soil man zu einer wahren, wahrhaften Betrachtung kommen — 
etwas unbedingt notwendig ist, was bei einer gewohnlichen wissen- 
schaftlichen Betrachtung so oft aufier acht gelassen wird: Notwendig 
ist, dafi man vor der Wesenheit des Menschen - wohlgemerkt, nicht 
vor der Wesenheit des einzelnen Menschen, insbesondere dann nicht, 
wenn dieser einzelne Mensch wir selber sind — , dafi man vor dem 
Wesen des Menschen im allgemeinen Ehrfurcht habe. Und es mufi 
als eine Grundbedingung fur unsere folgenden Betrachtungen angese- 



hen werden, dafi man Ehrfurcht habe vor dem, was die menschliche 
Wesenheit in Wahrheit bedeutet. 

Wie kann man denn davor wahrhafte Ehrfurcht haben? Auf keine 
andere Art, als daft man zunachst absieht von dem, wie der Mensch - 
ganz gleichgiiltig, ob wir selbst oder ein anderer - uns im alltaglichen 
Leben erscheint, und indem man sich aufschwingt zu der Anschau- 
ung: Dieser Mensch mit seiner gesamten Entwickelung ist nicht um 
seiner selbst willen da, er ist da zur Offenbarung des Geistes, der 
ganzen Welt des Gottlich-Geistigen, er ist eine Offenbarung der 
Weltengottheit, des Weltengeistes. Und fiir diejenigen, die erkennen, 
daft alles, was uns umgibt, Ausdruck ist fiir gottlich-geistige Krafte, 
fiir die ist es auch moglich, diese Ehrfurcht zu empfinden, nicht nur 
fiir das Gottlich-Geistige selbst, sondern auch fiir die Offenbarungen 
dieses Gottlich-Geistigen. Und wenn wir davon sprechen, dafi der 
Mensch nach immer vollkommenerer Selbsterkenntnis trachte, so 
sollen wir uns dariiber klar sein, dafi nicht blofi Neugierde, meinet- 
willen auch Wifibegierde, uns veranlassen soli, nach Selbsterkenntnis 
zu streben, sondern daft wir es als Pflicht empfinden miissen, die 
Erkenntnis der Offenbarungen des Weltengeistes durch den Men- 
schen immer vollkommener und vollkommener zu gestalten. In die- 
sem Sinne sind die Worte zu verstehen: Unwissend zu bleiben, wo 
Erkenntnis moglich ist, bedeutet eine Versundigung gegen die gottli- 
che Bestimmung des Menschen. Denn der Weltengeist hat in uns die 
Kraft gelegt, wissend zu werden; und wenn wir nicht erkennend 
werden wollen, so lehnen wir es ab - was wir eigentlich nicht diirf- 
ten -, eine Offenbarung des Weltengeistes zu sein, und stellen immer 
mehr und mehr nicht eine Offenbarung des Weltengeistes dar, son- 
dern eine Karikatur, ein Zerrbild von ihm. Es ist unsere Pflicht, nach 
Erkenntnis zu streben, um immer mehr und mehr ein Bild des 
Weltengeistes zu werden. Erst wenn wir mit diesen Worten einen 
Sinn verbinden konnen, «ein Bild des Weltengeistes zu werden», erst 
wenn es uns bedeutungsvoll wird, in diesem Sinne zu sagen: Wir 
miissen erkennen, es ist unsere Pflicht zu erkennen -, erst dann 
konnen wir das vorhin geforderte Gefiihl von Ehrfurcht gegeniiber 
der Wesenheit des Menschen so recht empfinden. Und fiir den, der 



im okkulten Sinne das Leben des Menschen, das Wesen des Men- 
schen betrachten will, fiir den ist diese Durchdringung mit Ehrfurcht 
vor der menschlichen Natur schon deshalb eine unbedingte Notwen- 
digkeit, weil diese Durchdringung mit Ehrfurcht einzig und allein 
geeignet ist, unsere geistigen Augen und unsere geistigen Ohren, 
unser ganzes geistiges Schauvermogen wachzurufen, das heifit dieje- 
nigen Krafte, die uns eindringen lassen in die geistigen Untergriinde 
der menschlichen Natur. Wer als Seher, als Geistesforscher nicht im 
hochsten Grade Ehrfurcht haben konnte vor der menschlichen 
Natur, wer sich nicht durchdringen kann bis in die innersten Fibern 
seiner Seele mit dem Gefiihl von Ehrfurcht gegeniiber der Menschen- 
natur, dem Abbild des Geistes, dem bliebe das Auge, wenn es noch 
so geoffnet ist fiir diese oder jene geistigen Geheimnisse der Welt, 
verschlossen fiir alles das, was sich auf die eigentlich tiefere Wesen- 
heit des Menschen selber bezieht. Und es mag viele Hellseher geben, 
welche dieses oder jenes schauen konnen in dem geistigen Umkreis 
unseres Daseins: Wenn ihnen diese Ehrfurcht fehlt, dann fehlt ihnen 
das Vermogen, in die Tiefen der menschlichen Natur hineinzu- 
schauen, und sie werden nichts Richtiges iiber das zu sagen wissen, 
was des Menschen Wesenheit ist. 

Man nennt ja die Lehre von den Lebensvorgangen des Menschen 
«Physiologie». Diese Lehre soli hier nicht in der Weise betrachtet 
werden, wie es in der aufieren Wissenschaft geschieht, sondern so, 
wie sie dem geistigen Auge sich darbietet, so dafi wir von den aufieren 
Gestaltungen des Menschen, von der Form und den Lebensvorgan- 
gen seiner Organe immer hinblicken auf die geistige, ubersinnliche 
Grundlage der Organe, der Lebensformen, der Lebensprozesse. Und 
da nicht die Absicht besteht, diese «okkulte Physiologie», wie man 
auch sagen konnte, in irgendeiner unsachlichen Weise hier zu treiben, 
so wird es notwendig sein, daft in einer gewissen unbefangenen Weise 
an manchen Stellen Hindeutungen gemacht werden auf Dinge, wel- 
che dem mehr oder weniger Aufienstehenden am Anfang recht 
unwahrscheinlich klingen werden. Es mufi ausdriicklich betont wer- 
den, dafi dieser Vortragszyklus, noch mehr als mancher andere, den 
ich gehalten habe, ein Ganzes bildet und dafi aus einzelnen Vortra- 



gen, insbesondere aus den Anfangsvortragen, nichts aus dem Zusam- 
menhang herausgerissen beurteilt werden kann, weil manches unbe- 
fangen wird gesagt werden miissen. Und erst, wenn man die Schlufi- 
vortrage gehort haben wird, wird man sich ein Urteil bilden konnen 
iiber das, was eigentlich gesagt werden soil. Denn das Thema wird 
hier in einer etwas anderen Weise behandelt werden als in der aufie- 
ren Physiologic Die Anfangsgriinde werden sich auch bestatigen 
durch das, was uns zuletzt entgegentreten wird. Wir werden sozu- 
sagen nicht eine gerade Linie vom Anfang bis zum Ende zu be- 
schreiben haben, sondern wir werden in einer Kreislinie vorgehen, 
so dafi wir am Ende dort wieder ankommen, von wo wir ausgegan- 
gen sind. 

Eine Betrachtung des Menschen soli es sein, was hier dargeboten 
wird. Zunachst tritt uns dieser Mensch fur die aufieren Sinne seiner 
aufieren Form nach entgegen. Wir wissen ja, dafi zu dem, was 
zunachst die reine aufiere laienhafte Betrachtung iiber den Menschen 
wissen kann, heute schon sehr vieles kommt, was die Wissenschaft 
hinzuerforscht hat. Daher miissen wir das, was wir in aufierer Weise, 
aus der aufieren Erfahrung und Beobachtung iiber den Menschen 
heute wissen konnen, notwendigerweise zusammenstellen aus dem, 
was schon der Laie an sich und an anderen Menschen zu beobachten 
in der Lage ist, und dem, was der Wissenschaft gelungen ist zu 
erforschen, welche durch bewunderungswiirdige Methoden, durch 
bewunderungswiirdige Instrumente zu ihren Resultaten iiber die 
Leiblichkeit des Menschen kommt. 

Wenn man alles zusammenhalt, was man als Laie rein aufierlich am 
Menschen sehen kann, was man vielleicht auch schon aus irgendwel- 
chen popularen Beschreibungen kennengelernt hat, dann wird es 
vielleicht nicht unverstandlich sein, wenn darauf aufmerksam 
gemacht wird, dafi schon die aufiere Gestalt des Menschen, wie sie 
uns in der Aufienwelt entgegentritt, aus einer Zweiheit besteht. Fiir 
den, der in die Tiefen der Menschennatur eindringen will, ist es 
durchaus notwendig, sich bewulk zu werden, daft schon der aufiere 
Mensch seiner Form und Gestaltung nach im Grunde genommen 
eine Zweiheit darstellt. 



Das eine, das wir am Menschen deutlich unterscheiden konnen, ist 
alles das, was sich als eingeschlossen erweist in Organe, die den 
groikmoglichen Schutz gegen die Au£enwelt gewahren. Es ist alles 
das, was wir zahlen konnen zum Bereich des Gehirns und des Ruk- 
kenmarkes. Alles, was in dieser Beziehung zur menschlichen Natur 
gehort, zu Gehirn und Riickenmark, ist fest umschlossen von siche- 
ren, Schutz gewahrenden Knochengebilden. Wenn wir schematisch 
darstellen wollen, was zu diesen beiden Bereichen gehort, so konnen 
wir uns das in folgender Weise veranschaulichen : Wenn a (siehe 
Zeichnung) schematisch darstellt die Summe der ubereinandergela- 




gerten Wirbelknochen, die langs des Ruckenmarkes verlaufen, b die 
Schadeldecke und die Schadelknochen, so ist eingeschlossen inner- 
halb des Kanales, der gebildet wird durch die iibereinandergelagerten 
Wirbelknochen sowie durch die Knochen des Schadels, alles, was in 
den Bereich des Gehirns und des Ruckenmarkes gehort. Man kann 
den Menschen nicht betrachten, ohne sich bewufit zu werden, dafi 
alles, was in diesen Bereich gehort, im Grunde genommen eine in sich 
geschlossene Ganzheit bildet und dafi alles iibrige vom Menschen, 
das wir in verschiedenster Weise physiologisch angliedern konnen — 
Hals, Rumpf, Gliedmafiengebilde -, mit Gehirn und Riickenmark in 
Verbindung steht durch, bildlich gesprochen, mehr oder weniger 
fadenformige oder bandformige Gebilde. Diese miissen erst die 



Schutzhulle durchbrechen, damit eine Verbindung hergestellt werden 
kann mit dem innerhalb dieser Knochengebilde eingeschlossenen 
Teil. So konnen wir sagen: Es erweist sich schon einer oberflachli- 
chen Betrachtung gegeniiber alles, was am Menschen ist, als eine 
Zweiheit; das eine liegt innerhalb der charakterisierten Knochen- 
gebilde in festen und sicheren Schutzhullen, das andere aufierhalb 
derselben. 

Nun miissen wir zunachst einen ganz oberflachlichen Blick auf das 
werfen, was innerhalb dieser Knochengebilde liegt. Da konnen wir 
wieder leicht unterscheiden zwischen jener grofien Masse, die in die 
Schadelknochen eingebettet ist als Gehirn, und dem anderen Teil, der 
wie ein Stiel oder Strang daranhangt, der in organischer Verbindung 
mit dem Gehirn steht und sich wie eine Art fadenformiger Auswuchs 
desselben in den Ruckgratkanal hineinstreckt, das Ruckenmark. 
Wenn wir diese zwei Gebilde voneinander unterscheiden, dann miis- 
sen wir schon auf etwas aufmerksam machen, worauf die aufiere 
Wissenschaft nicht aufmerksam zu machen braucht, worauf aber die 
okkulte Wissenschaft, die in die Tiefe des Wesens der Dinge einzu- 
dringen hat, wohl aufmerksam machen mull. Es mufi darauf auf- 
merksam gemacht werden, dalS alles, was wir auf dem Boden einer 
Betrachtung uber den Menschen sagen, sich zunachst nur auf den 
Menschen bezieht. Denn in dem Augenblick, wo man in die tieferen 
Griinde der einzelnen Organe eindringt, wird man gewahr - wir 
werden im Laufe der Vortrage schon sehen, dafi es so ist -, dafi ein 
Organ eine ganz andere Aufgabe haben kann in seiner tieferen 
Bedeutung beim Menschen als ein ahnliches oder gleichartiges Organ 
in der tierischen Welt. Wer in der gewohnlichen aufieren Wissen- 
schaft die Dinge betrachtet, wird sagen: Was du uns hier gesagt hast, 
kann man ja auch sagen in bezug auf die Saugetiere. — Aber, was iiber 
die Bedeutung der Organe in bezug auf den Menschen gesagt wird, 
das kann nicht, wenn man tiefer in die Sache dringt, in gleicher Weise 
fur die Tiere gesagt werden, sondern die okkulte Wissenschaft hat die 
Aufgabe, die Tiere fur sich zu betrachten und nachzusehen, ob 
dasselbe, was fur den Menschen in bezug auf Ruckenmark und 
Gehirn zu sagen ist, auch fur die Tiere gilt. Denn dafi die Tiere, die 



dem Menschen nahestehen, auch Ruckenmark und Gehirn haben, 
das beweist noch nicht, daft diese Organe fur Mensch und Tier 
dieselben Aufgaben haben, so wie man, um einen Vergleich zu 
gebrauchen, ein Messer in der Hand haben kann, um damit meinet- 
willen ein Kalb zu tranchieren oder auch um damit zu radieren. Beide 
Male hat man es mit einem Messer zu tun, und wer nur Riicksicht 
nimmt auf die Form des Messers, der wird glauben, daft es sich in 
beiden Fallen um dasselbe handelt. In derselben Lage ware derjenige, 
welcher glaubt, weil sich bei Mensch und Tier dieselben Organe - 
Gehirn und Ruckenmark - finden, so wiirden diese zu denselben 
Verrichtungen dienen. Das ist aber nicht wahr. Das ist etwas, was in 
der aufteren Wissenschaft gang und gabe geworden ist und zu gewis- 
sen Ungenauigkeiten gefiihrt hat und was nur wird korrigiert werden 
konnen, wenn sich die auftere Wissenschaft dazu bequemen wird, 
allmahlich auf das einzugehen, was aus den Tiefen der iibersinnlichen 
Forschung iiber die Charaktere der Wesenheiten gesagt werden kann. 

Wenn wir nun betrachten das Ruckenmark auf der einen Seite, das 
Gehirn auf der anderen Seite, so werden wir leicht sehen, daft das eine 
gewisse Wahrheit hat, worauf denkende Naturbetrachter schon seit 
mehr als hundert Jahren aufmerksam gemacht haben. Es hat eine 
gewisse Richtigkeit zu sagen: Wenn man das Gehirn betrachtet, so 
sieht es gleichsam aus wie ein umgebildetes Ruckenmark. - Das wird 
ja noch leichter begreiflich, wenn man sich daran erinnert, daft Goe- 
the, Oken und andere Naturbetrachter vor alien Dingen den Blick 
darauf gerichtet haben, daft die Schadelknochen gewisse Formahn- 
lichkeiten haben mit den Wirbelknochen des Riickgrates. Es war 
Goethe, der die Formahnlichkeiten der Organe aufmerksam betrach- 
tet hat, sehr friih in seinen Betrachtungen aufgefallen, daft, wenn man 
einzelne Wirbelknochen sich umgestaltet denkt, verflacht und aufge- 
trieben, daft man dann durch eine solche Umgestaltung der Wirbel- 
knochen zum Kopfknochen, zum Schadelknochen kommt. Gleich- 
sam dadurch, daft man einen Wirbelknochen nach alien Seiten auf- 
blast, so daft er flach wird in seinen Ausdehnungen, wird man nach 
und nach aus einem Wirbelknochen die Form des Schadelknochens 
ableiten konnen. So kann man in einer gewissen Beziehung die Scha- 



delknochen umgestaltete Wirbelknochen nennen. Geradeso nun, wie 
man die Schadelknochen, die das Gehirn umschliefien, als umgebil- 
dete Wirbelknochen ansehen kann, so kann man sich die Masse des 
Riickenmarkes gleichsam aufgetrieben denken, differenzierter, kom- 
plizierter gemacht, und man bekommt aus dem Riickmark, gewisser- 
mafien durch Umwandlung, das Gehirn. So etwa, wie eine Pflanze, 
die zunachst nur griine Blatter hat, diese umbildet, differenziert, um 
buntfarbige Bliitenblatter hervorzubringen, wie also die Bliiten diffe- 
renzierte Blatter sind, so konnen wir uns denken, dafi durch Umge- 
staltung, durch Differenzierung der Form, durch Heraufheben des 
Riickenmarkes auf eine hohere Stufe, das Gehirn gebildet werden 
konnte. Man kann sich also vorstellen, dafi wir in unserem Gehirn ein 
differenziertes Riickenmark sehen konnen. 

Nun schauen wir von diesem Gesichtspunkt aus uns die beiden 
Organe an. Welches dieser Organe miissen wir auf natiirliche Weise 
als das jiingere betrachten? Das ist die Frage, die wir uns vorlegen 
miissen. Doch zweifellos nicht dasjenige, welches die abgeleitete 
Form zeigt, sondern das, welches die ursprungliche Form hat. Das 
herik, wir miissen uns denken, das Riickenmark steht auf einer ersten 
Stufe der Entwickelung, es ist jiinger, und das Gehirn steht auf einer 
zweiten Stufe. Es hat zuerst die Stufe des Riickenmarkes durchge- 
macht, es ist ein verwandeltes Riickenmark und ist also als das altere 
Organ zu betrachten. Mit anderen Worten, wenn wir diese neue 
Zweiheit, die uns am Menschen als Gehirn und Riickenmark entge- 
gentritt, ins Auge fassen, so konnen wir sagen: Es miissen alle Krafte, 
die zur Gehirnbildung fiihrten, altere Krafte sein, denn sie miissen 
auf einer friiheren Stufe erst die Anlage zum Riickenmark gebildet 
haben und dann weitergewirkt haben zur Umbildung des Riicken- 
markes zum Gehirn. Es mufi also gleichsam ein zweiter Ansatz 
gemacht worden sein in unserem Riickenmark, das als solches noch 
nicht so weit fortgeschritten ist, sondern eben stehengeblieben ist auf 
einer friiheren Stufe der Entwickelung. Wir haben also, wenn wir uns 
jetzt pedantisch genau ausdriicken wollen, in dem Riickenmark- 
Nervensystem ein Riickenmark erster Ordnung zu sehen und in 
unserem Gehirn ein Riickenmark zweiter Ordnung, ein umgebildetes 



alteres Riickenmark, ein Riickenmark, das einmal ein solches war, 
aber zum Gehirn umgebildet worden ist. 

Damit haben wir zunachst in ganz genauer Weise auf das hinge- 
wiesen, was notwendig in Betracht zu ziehen ist, wenn wir die 
Organmassen, welche innerhalb dieser Knochenschutzhullen einge- 
schlossen sind, sachgemafi ins Auge fassen wollen. Nun aber kommt 
etwas anderes in Betracht, was uns erst auf dem Felde des Okkultis- 
mus entgegentreten kann. Man kann eine Frage aufwerfen, namlich: 
Wenn eine solche Umbildung stattfindet von einer Organanlage 
erster Stufe zu einer Organanlage zweiter Stufe, ist dann der Entwik- 
kelungsprozefi ein forts chreitender oder ein rucklaufiger? Das heifit, 
kann es ein solcher Prozefi sein, der zu hoheren Vollkommenheits- 
stufen eines Organes fuhrt, oder aber ein solcher Prozefi, der das 
Organ zum Degenerieren, zum allmahlichen Absterben bringt? - 
Betrachten wir ein Organ wie zum Beispiel unser Riickenmark. So 
wie es jetzt ist, so erscheint es uns als ein verhaltnismafiig wenig 
fortgeschrittenes Organ, man konnte es als jung bezeichnen, denn es 
hat es noch nicht dahin gebracht, ein Gehirn zu werden. Wir konnen 
aber in zweifacher Weise iiber dieses Riickenmark denken. Einmal 
konnen wir uns denken, es habe in sich die Krafte, auch einmal ein 
Gehirn zu werden, dann ist es in fortschreitender Entwickelung. 
Oder es habe gar nicht die Anlage dazu, diese zweite Stufe je zu 
erreichen, dann ware es in absteigender Entwickelung, es wiirde in 
die Dekadenz gehen und bestimmt sein, die erste Stufe anzudeuten, 
jedoch nicht zur zweiten Stufe zu kommen. Wenn wir uns nun 
denken, daft unserem jetzigen Gehirn einmal ein Riickenmark 
zugrunde gelegen hat, so hat das damalige Riickenmark zweifellos 
fortschreitende Krafte gehabt, denn es ist ja zum Gehirn geworden. 
Fragen wir uns aber jetzt nach unserem jetzigen Riickenmark, dann 
sagt uns die okkulte Betrachtungsweise: So wie unser Riickenmark 
heute ist, hat es in der Tat nicht in sich die Anlage zu einer fortschrei- 
tenden Entwickelung, sondern es bereitet sich vor, seine Entwicke- 
lung auf der gegenwartigen Stufe abzuschlieften. - Wenn ich mich 
grotesk ausdriicken darf: Der Mensch hat nicht zu glauben, dafi er 
einmal sein Riickenmark, wie es heute ist in Form eines diinnen 



Stranges, so aufgeplustert haben wird wie das heutige Gehirn. Wir 
werden noch sehen, was der okkulten Betrachtung zugrunde liegt, 
um so etwas sagen zu konnen. Schon aus einem reinen Vergleiche der 
Form dieses Organes, des Riickenmarkes, wie es beim Menschen 
auftritt und wie beim Tiere, sehen Sie eine aufiere Hindeutung auf 
das, was jetzt gesagt worden ist. Da sehen Sie, wenn Sie zum Beispiel 
eine Schlange nehmen, wie in unzahligen Ringen hinter dem Kopf 
das Ruckgrat ansetzt, ausgefullt ist vom Ruckenmark und wie das 
Riickgrat in einer Art gebildet ist, die fast endlos so weiter verlaufen 
konnte. Beim Menschen sehen wir, wie das Ruckenmark von der 
Stelle, wo es sich an das Gehirn ansetzt, nach unten zu verlaufend, in 
der Tat immer mehr und mehr sich zusammenschlielk und nach 
unten hin immer undeutlicher und undeutlicher jene Bildung zeigt, 
die es in den oberen Partien aufweist. So kann auch durch die aufiere 
Betrachtung schon auffallen, wie das, was sich bei der Schlange nach 
riickwarts fortsetzt, beim Menschen einem Abschluft, einer Art 
Degeneration zueilt. Das ist zunachst eine aufiere vergleichende 
Betrachtungsweise. Wir werden sehen, wie sich die okkulte Betrach- 
tung ausnimmt. 

Wenn wir dies jetzt zusammenhalten, so diirfen wir sagen: Wir 
haben eingeschlossen in jenes Knochengebilde des Schadels ein Riik- 
kenmark, das in fortschreitender Bildung zum Gehirn geworden ist, 
das auf einer zweiten Stufe seiner Entwickelung steht. Und wir haben 
gleichsam noch einmal einen Versuch, ein solches Gehirn zu bilden in 
unserem Ruckenmark, aber einen Versuch, der schon jetzt zeigt, daft 
er nicht gelingen wird. 

Sehen wir jetzt von dieser Betrachtung ab und gehen zu dem iiber, 
was wir auch wieder schon aus einer aufieren laienhaften Betrachtung 
kennen: zu den Aufgaben, die Gehirn und Ruckenmark zu erfiillen 
haben. Es ist ja jedem mehr oder weniger bekannt, dafi das Werkzeug 
fur die sogenannten hoheren Seelentatigkeiten das Gehirn ist, dafi 
diese hoheren Seelentatigkeiten von dem Organ des Gehirns dirigiert 
werden. Es ist weiterhin jedem bekannt, dafi die mehr unbewulken 
Seelentatigkeiten vom Ruckenmark und den sich anschliefienden 
Nerven dirigiert werden, diejenigen Seelentatigkeiten namlich, bei 



welchen zwischen dem aufieren Eindruck und der Handlung, die 
auf den aufieren Eindruck folgt, wenig Uberlegung sich einschiebt. 
Wenn Sie zum Beispiel von einem Insekt in die Hand gestochen 
werden, ziehen Sie die Hand zuriick, Sie zucken zuriick; da schiebt 
sich zwischen Stich und Zuriickziehen der Hand keine grofie Uberle- 
gung ein. Diese Seelentatigkeiten werden mit Recht schon von der 
aufkren Wissenschaft so angesehen, dafi ihnen als ihr Werkzeug das 
Riickenmark zugeteilt ist. Wir haben andere Seelentatigkeiten, bei 
denen sich zwischen den aufteren Eindruck und das, was zuletzt zur 
Handlung fuhrt, eine reichere Uberlegung einschiebt; diese haben ihr 
Organ im Gehirn. Denken Sie, um gleich ein markantes Beispiel zu 
nehmen, an einen Kiinstler, der die aufiere Natur betrachtet, der seine 
Sinne anstrengt und unzahlige Eindriicke sammelt; dann geht eine 
lange Zeit voriiber, in der er diese Eindriicke in seiner Seele verarbei- 
tet. Endlich, oft erst nach Jahren, geht er dazu iiber, das, was aus den 
aufieren Eindriicken in langer Seelentatigkeit geworden ist, durch 
aufiere Handlungen zu fixieren. Da schiebt sich zwischen au£eren 
Eindruck und das, was durch den Menschen aus dem aufieren Ein- 
druck gemacht wird, eine reichere Seelentatigkeit ein. Dasselbe ist 
auch beim wissenschaftlichen Forscher der Fall, aber auch bei jedem 
Menschen, der sich die Dinge, die er tun will, iiberlegt und nicht wild 
darauflossturzt wie ein Stier, wenn er rote Farbe sieht. Uberall, wo 
der Mensch nicht aus einer Reflexbewegung handelt, sondern sich 
seine Handlungen iiberlegt, sprechen wir vom Gehirn als einem 
Werkzeug der Seelentatigkeit. 

Wenn wir noch tiefer auf diese Sache eingehen, werden wir uns 
fragen: Ja, wie zeigt sich denn diese unsere Seelentatigkeit, fur welche 
wir das Gehirn als Werkzeug in Anspruch nehmen? Sie zeigt sich in 
zweifacher Art. Zunachst werden wir sie gewahr in unserem wachen 
Tagesleben. Was tun wir da? Wir sammeln durch die Sinne die 
aufieren Eindriicke und verarbeiten diese durch das Gehirn durch 
verniinftige Uberlegung. Wir miissen uns vorstellen, da$ die aufieren 
Eindriicke durch die Tore der Sinne in uns hineinwandern und 
gewisse Prozesse in unserem Gehirn anregen. Wenn wir hineinblik- 
ken konnten in das Gehirn und in das, was da geschieht, so wiirden 



wir sehen, wie unser Gehirn in Tatigkeit versetzt wird durch den sich 
hineinergieftenden Strom der aufieren Eindriicke, und wir wiirden 
sehen, was aus diesen Eindriicken wird durch das, was die menschli- 
che Uberlegung bewirkt. Wir wiirden dann sehen, wie sich hinzuge- 
sellen auch die weniger von Uberlegung beeinflulken Folgen dieser 
Eindriicke, das heifit Taten und Handlungen, die wir mehr seinem 
Werkzeug, dem Riickenmark, zuzuschreiben haben. 

Jetzt miissen wir unsere Aufmerksamkeit richten auf die zwei 
Zustande, in welchen der heutige Mensch das ganze Leben hindurch 
abwechselnd lebt, das wache Tagesleben und das bewufitlose Schlaf- 
leben. Aus fruheren Vortragen ist es uns gelaufig, dalS am Tage die 
vier Wesensglieder des Menschen zusammen sind, wahrend beim 
Schlafen Astralleib und Ich sich herausheben. Nun kennen wir alle 
jenen eigentiimlichen Zustand, der sich mischt zwischen das wache 
Tagesleben und das bewulklose Schlafleben: das Traumleben. Es soil 
zunachst in keiner anderen Weise iiber das Traumleben gesprochen 
werden als so, wie es der Laie beobachten kann. Wir sehen, dafi das 
Traumleben eine merkwiirdige Ahnlichkeit hat mit jener untergeord- 
neten Seelentatigkeit, die wir an das Riickenmark kniipfen. Denn 
wenn die Traumbilder auftreten in unserer Seele, treten sie nicht auf 
als Vorstellungen, die der Uberlegung entspringen, sondern sie treten 
mit Notwendigkeit auf, ahnlich wie etwa die unwillkuriiche Handbe- 
wegung auftritt, wenn wir eine Fliege verjagen, die sich auf unsere 
Hand setzt; als unmittelbare, notwendige Abwehrbewegung tritt da 
eine Handlung auf. Beim Traumleben ist es etwas anders; es kommt 
nicht zu einer Handlung, aber mit einer ebenso unmittelbaren Not- 
wendigkeit treten Bilder in unseren Seelenhorizont hinein. Aber so 
wenig, wie wir im wachen Tagesleben einen Uberlegungseinflufi 
haben auf die Handbewegung, die wir machen, wenn sich eine Fliege 
auf unsere Hand setzt, ebensowenig haben wir einen Einflufi auf die 
chaotisch in uns auf- und abwogenden Traumbilder. Daher konnen 
wir sagen: Wenn wir einen Menschen im wachen Tagesleben erblik- 
ken und absehen von alle dem, was in ihm vorgeht, wenn wir nur 
seine Reflexbewegungen betrachten, alle Gesten und physiognomi- 
schen Ausdriicke, die er nur auf aufiere Eindriicke hin, also ohne 



Uberlegung vollbringt, so haben wir da eine Summe von solchen 
Handlungen vor uns, die aus Notwendigkeit beim Menschen eintre- 
ten. Erblicken wir dagegen einen traumenden Menschen, so sehen 
wir eine Summe von Bildern in das Wesen des Menschen hineinwir- 
ken, die jetzt nicht zu Handlungen fiihren, sondern nur Bildcharak- 
ter haben. Wie im wachen Tagesleben die ohne Uberlegungen vor 
sich gehenden Handlungen des Menschen sich vollziehen, so 
erscheint im Menschen die Bilderwelt der chaotisch ineinander- 
wogenden Traumvorstellungen. 

Wenn wir nun hinblicken auf unser Gehirn und es auch ansehen 
wollen als ein Werkzeug des Traumbewufitseins, was miissen wir da 
tun? Wir miissen uns denken, dafi in diesem Gehirn etwas drinnen 
ist, was sich in gewisser Weise ahnlich benimmt wie unser Riicken- 
mark, das zu den unbewulken Handlungen fiihrt. Wir haben ja das 
Gehirn zunachst anzusehen als Werkzeug des wachen Seelenlebens, 
wo wir unsere iiberlegten Vorstellungen schaffen. Wir mufiten nun 
finden, wie den Traumvorstellungen gleichsam ein geheimnisvolles 
Riickenmark zugrundeliegt, das wie eingeprefit im Gehirn sitzt, das 
es aber nicht zu Handlungen bringt, sondern nur zu Bildern. Wah- 
rend unser Riickenmark es zu Handlungen bringt, wenn sie auch 
nicht durch Uberlegung zustande kommen, bringt es das Gehirn in 
diesem Falle blofi zu Bildern. Es bleibt gewissermafien auf halbem 
Wege stehen; es ist etwas im Gehirn wie eine geheimnisvolle Unter- 
lage fur eine unbewufke Seelentatigkeit, das wie eine Art Einschiebsel 
mit dem Charakter des Riickenmarks sich vorstellen lafk. Konnten 
wir also nicht sagen: Die Traumwelt fiihrt uns in merkwurdiger 
Weise dazu, geheimnisvoll hindeuten zu konnen auf jenes alte Riik- 
kenmark, das einst dem Gehirn zugrundelag? - Wenn wir unser 
Gehirn betrachten, wie es heute ausgebildet ist als Werkzeug des 
wachen Tageslebens, so ist es uns so bekannt, wie es erscheint, wenn 
wir es aus der Schadelhohle herausnehmen. Aber es mufi etwas 
darinnen eingeschlossen sein, das auftritt, wenn das wache Tagesle- 
ben ausgeloscht ist. Und das zeigt die okkulte Betrachtung, dafi in 
dem Gehirn ein geheimnisvolles Riickenmark darinnen ist als das 
Werkzeug des Traumlebens (siehe Zeichnung S. 24, schraffiert). 



Wenn wir es uns schematisch zeichnen wollen, konnten wir es so 
darstellen, dafi in dem Gehirn der Vorstellungswelt des wachen 
Tageslebens ein fur die aufiere Wahrnehmung unsichtbares geheim- 
nisvolles altes Riickenmark liegt, das irgendwie da hineingeheimnifk 




ist. Ich will es zunachst ganz hypothetisch aussprechen, daft dieses 
Riickenmark dann in Tatigkeit kommt, wenn der Mensch schlaft und 
traumt, und dann so tatig ist, wie es sich fur ein Riickenmark schickt, 
namlich so, dafi es mit Notwendigkeit seine Wirkungen hervor- 
bringt. Aber weil es eingeprefit ist in das Gehirn, fiihrt es nicht zu 
Handlungen, sondern zu bloften Bildern, zu Bildhandlungen; denn 
wir handeln ja im Traume nur in Bildern. So hatten wir auch aus 
diesem eigentiimlichen, sonderbaren chaotischen Leben heraus, das 
wir im Traume fiihren, Hinweise darauf, dafi unserem Werkzeug des 
wachen Tageslebens, als welches wir mit Recht unser Gehirn 
betrachten, ein geheimnisvolles Organ zugrundeliegt, das vielleicht 
eine altere Bildung ist, aus der es sich herausentwickelt hat. Wenn die 
Neubildung, das heutige Gehirn, schweigt, dann zeigt sich das, was 
das Gehirn einmal war; da zaubert dieses alte Riickenmark das her- 
aus, was es kann. Aber weil es eingeschlossen ist, bringt es dieses alte 
Riickenmark nicht zu Handlungen, sondern blofi zu Bildern. 

So also trennt uns die Betrachtung des Lebens selbst das Gehirn in 
zwei Stufen. Die Tatsache, dafi wir traumen konnen, weist darauf 
hin, daft das Gehirn eine Entwicklung durchgemacht hat, in der es 
noch auf der Stufe des heutigen Riickenmarks stand, bevor es sich 
entwickelt hat zum Werkzeug des wachen Tageslebens. Wenn aber 



das wache Tagesleben schweigt, dann macht sich das alte Organ noch 
geltend. 

So haben wir durch das bisher Gesagte schon etwas Typisches 
gewonnen, das sich durch eine auftere Betrachtung der Formen schon 
nachweisen lafit: Das wache Tagesleben verhalt sich zum Traumleben 
wie das ausgebildete Gehirn zum Riickenmark. Wenn wir nun fort- 
schreiten zu einer seherischen Betrachtung, konnen wir zu dem, was 
uns die Formbetrachtung geben kann, etwas hinzufiigen. In welcher 
Weise das okkulte Schauen, das seherische Auge als Unterlage dienen 
kann fur die ganz wesenhafte Betrachtung der menschlichen Natur 
und auf welche okkulte Forschung sich die Anschauungen iiber die 
im Schadel und in der Wirbelsaule eingeschlossenen Organe stiitzen, 
werden wir spater noch sehen. 

Nun wissen wir ja aus friiheren Betrachtungen, daft des Menschen 
sichtbarer Leib nur ein Teil der gesamten Wesenheit des Menschen 
ist. In dem Augenblick, wo sich das hellseherische Auge offnet, 
macht man die Erfahrung, daft dieser physische Leib sich einge- 
schlossen, eingebettet zeigt in einen ubersinnlichen Organismus, in 
das, was man, grob gesprochen, die menschliche Aura nennt. Es wird 
dies hier zunachst wie eine Tatsache angefuhrt, und wir werden 
spater darauf zuriickkommen, inwiefern sie sich rechtfertigen lafit. 
Diese menschliche Aura, in welcher der physische Mensch nur wie 
ein Kern drinnen ist, zeigt sich fur das seherische Auge als ein 
Farbengebilde, in dem verschiedene Farben auf- und abfluten. Man 
darf sich aber nicht vorstellen, daft man diese Aura malen konnte. 
Man kann sie nicht mit gewohnlichen Farben wiedergeben, denn die 
Farben der Aura sind in fortwahrender Bewegung, in fortwahrendem 
Entstehen und Vergehen begriffen. Jedes Bild, das man von ihr malen 
wollte, konnte nur annahernd richtig sein, so wie auch niemand einen 
Blitz richtig malen kann, es wiirde nur ein starres Gebilde werden. 
Wie man den Blitz nicht richtig malen kann, so kann man das noch 
weniger bei der Aura, denn die aurischen Farben sind ungemein labil 
und beweglich, sie entstehen und vergehen fortwahrend. 

Nun ziehen sich die aurischen Farben in merkwiirdigster Weise 
verschieden iiber den ganzen menschlichen Organismus hin; und es 



ist interessant, auf das aurische Bild hinzuweisen, das sich fiir das 
hellseherische Auge ergibt, wenn wir Schadeldecke und Riickgrat 
von riickwarts betrachten. Wenn wir uns den Teil der Aura vorstellen 
- von riickwarts betrachtet -, in den Schadel und Riickgrat, also 
Gehirn und Ruckenmark, eingebettet sind, so zeigt sich, da$ wir fiir 
den Teil der Aura, der zu den unteren Partien des Riickenmarks 
gehort, eine besonders deutliche Grundfarbe angeben konnen: er 
zeigt sich grunlich. Und wir konnen wiederum eine deutliche Farbe 
angeben, die in ihrer Art in keinem anderen Teile des Korpers zutage 
tritt, fiir die oberen Partien des Kopfes, wo das Gehirn ist: es ist eine 
Art Violettblau. Diese Farbe legt sich gleich einer Kappe oder einem 
Helm von riickwarts nach vorne iiber den Schadel. 



Unterhalb der violettblauen Partien sieht man in der Regel eine 
Nuance, von der Sie sich am ehesten eine Vorstellung machen kon- 
nen, wenn Sie sie mit der Farbe einer jungen Pfirsichbliite verglei- 
chen. Zwischen dieser Farbe und der griinlichen Farbe der unteren 
Teile des Riickgrats haben wir im mittleren Teil des Riickens andere, 
unbestimmte Farbnuancen, die aufierordentlich schwer zu beschrei- 
ben sind, weil sie unter den gewohnlichen, uns aus unserer sinnlichen 
Umwelt bekannten Farben nicht vorkommen. So schlielk sich an das 




Griin eine Farbe an, die nicht griin, nicht blau und nicht gelb ist, 
sondern wie ein Gemisch von alien dreien; es zeigen sich Farben 
zwischen Gehirn und Riickgratende, die es im Grunde genommen 
innerhalb der physisch-sinnlichen Welt iiberhaupt nicht gibt. Wenn 
das nun auch schwierig zu beschreiben ist, so ist doch eines mit 
Bestimmtheit zu sagen, dafi wir oben bei jenem sozusagen aufgebla- 
senen Riickenmark ein Violettblau haben und, hinuntergehend zum 
Ende des Riickgrates, zu einem deutlich griinlichen Farbton kommen. 

Wir haben also heute an eine rein aufiere Betrachtung der mensch- 
lichen Gestalt einige Tatsachen angekniipft, die nur die hellseherische 
Forschung lehrt. Morgen soil nun versucht werden, auch die anderen 
Teile des physischen Menschenleibes, die sich an die bereits bespro- 
chenen angliedern, in ihrer Zweiheit zu betrachten, damit wir dann 
weiter vorgehen konnen und sehen, wie die ganze menschliche 
Wesenheit sich uns darstellt. 



ZWEITER VORTRAG 



Prag,21.Marzl911 

Wir werden zwar innerhalb dieser Betrachtungen immer wieder in 
die Schwierigkeit versetzt werden, den aufieren menschlichen Orga- 
nismus genauer ins Auge zu fassen, um sozusagen das Vergangliche, 
das Zerbrechliche zu erkennen. Aber wir werden auch sehen, dafi 
gerade dieser Weg uns fiihren wird zu einer Erkenntnis des Bleiben- 
den, des Unverganglichen, des Ewigen in der menschlichen Natur. 
Allerdings ist es notwendig, wenn unsere Betrachtungen dieses Ziel 
haben sollen, dafi wir das streng einhalten, was gestern schon in der 
Einleitung bemerkt worden ist: den Gesichtspunkt, den aufieren 
physischen Organismus in aller Ehrfurcht als eine Offenbarung aus 
geistigen Welten zu betrachten. 

Wenn wir uns schon einigermalSen mit geisteswissenschaftlichen 
Begriffen und Empfindungen durchdrungen haben, konnen wir uns 
ja sehr leicht in den Gedanken hineinfinden, dafi der menschliche 
Organismus in seiner ungeheuren Kompliziertheit der bedeutsamste 
Ausdruck, die grofke und bedeutendste Offenbarung der Krafte sein 
muE, die als geistige Krafte die Welt durchweben und durchleben. 
Wir werden allerdings sozusagen vom Aufieren immer mehr und 
mehr in das Innere aufzusteigen haben. 

Wir haben gestern schon gesehen, wie uns die aufierliche Betrach- 
tung sowohl des Laien als auch der Wissenschaft dazu fiihren muE, 
den Menschen gewissermaften als eine Zweiheit anzusehen. Wir 
haben diese Zweiheit der menschlichen Wesenheit gestern schon 
fliichtig charakterisiert - wir werden darauf noch genauer einzugehen 
haben und wir haben dasjenige an der menschlichen Wesenheit 
genauer betrachtet, was eingeschlossen ist in die schiitzende Kno- 
chenhulle des Schadels und der Riickenwirbel. Dabei haben wir 
gesehen, wie wir, wenn wir ausgehen von der aufieren Gestaltung 
und Form dieses Teils des Menschen, schon einen vorlaufigen Aus- 
blick gewinnen konnen in den Zusammenhang desjenigen Lebens, 
das wir unser waches Tagesleben nennen, mit jenem anderen, 



zunachst fur uns natiirlich sehr von Zweifeln durchwobenen Leben, 
das wir das Traumleben nennen. Wir haben gesehen, daf$ schon die 
aufteren Formen des charakterisierten Teiles der Menschennatur eine 
Art Abbild geben, eine Art Offenbarung bedeuten: auf der einen 
Seite des Traumlebens, dieses chaotischen Bilderlebens, und auf der 
anderen Seite des mit scharf umrissener Beobachtung ausgestatteten 
wachen Tageslebens. Heute werden wir zunachst einen fliichtigen 
Blick zu werfen haben auf das andere Glied der menschlichen Zwei- 
heit, das sich gewissermafien aufierhalb des Bereiches befindet, den 
wir gestern ins Auge gefafit haben. Schon der alleroberflachlichste 
Blick auf diesen zweiten Teil der menschlichen Wesenheit kann uns 
dariiber belehren, dafi dieser in gewisser Beziehung das entgegenge- 
setzte Bild dessen zeigt, was wir bei Gehirn und Riickenmark ins 
Auge gefafit haben. Gehirn und Riickenmark sind von Knochenbil- 
dungen als schiitzender Hulle umschlossen. Betrachten wir den ande- 
ren Teil der menschlichen Natur, so miissen wir entschieden sagen, 
dafi wir hier die Knochenbildung mehr in den Organismus hineinge- 
gliedert finden. Doch das ware nur eine ganz oberflachliche Betrach- 
tung. Tiefer hinein in das Gefuge dieses anderen Teiles der Men- 
schennatur werden wir schon gefuhrt, wenn wir die bedeutendsten 
Organsysteme auseinanderhalten und sie zunachst aufierlich verglei- 
chen mit dem, was wir gestern kennengelernt haben. 

Diejenigen Organsysteme, Werkzeugsysteme des menschlichen 
Organismus, welche dabei zuerst in Betracht kommen werden, sollen 
sein der Ernahrungsapparat und alles das, was zwischen dem Ernah- 
rungsapparat und jenem wunderbaren Gebilde liegt, das wir 
unschwer wie eine Art Mittelpunkt der ganzen menschlichen Orga- 
nisation empfinden konnen, dem Herzen. Da zeigt uns gleich der 
oberflachliche Blick, dafi der Ernahrungsapparat - wie man ihn im 
popularen Sinne nennen kann - dazu bestimmt ist, die Stoffe unserer 
aufieren irdischen Umwelt aufzunehmen und fur die weitere Verar- 
beitung im physischen Organismus des Menschen vorzubereiten. 
Wir wissen, dafi dieser Verdauungsapparat zunachst von unserem 
Munde aus rohrenformig zu dem Organ sich erstreckt, das jeder als 
den Magen kennt. Und schon eine oberflachliche Betrachtung lehrt 



uns, daft von jenen Nahrungsmitteln, die durch diesen Kanal in den 
Magen eingefuhrt werden, gewissermaften unverwendete Teile ein- 
fach abgesondert werden, wahrend andere Teile von den weiteren 
Verdauungsorganen in den menschlichen Leibesorganismus iiberge- 
fiihrt werden. Es ist ja auch wohl bekannt, daft an den eigentlichen 
Verdauungsapparat im engeren Sinne sich das anschlieftt, was wir das 
Lymphsystem nennen - ich will jetzt zunachst nur schematisch spre- 
chen -, urn die vom Verdauungsapparat hineingelieferten Nahrungs- 
stoffe in verwandeltem Zustande aufzunehmen. So daft wir sagen 
konnen, daft an den Verdauungsapparat, soweit er sich an den Magen 
angliedert, ein Organsystem sich anschlieftt, das Lymphsystem, als 
eine Summe von Kanalen, die durch den ganzen Korper gehen, ein 
System, welches das ubernimmt, was durch den Verdauungsapparat 
verarbeitet ist, und die umgewandelten Stoffe abliefert an das Blut. 
Und dann haben wir das dritte Glied der Menschennatur, das Blutge- 
faftsystem selber mit seinen weiteren oder engeren Rohren, wie es 
sich durch den ganzen menschlichen Organismus zieht und das zum 
Mittelpunkte seines ganzen Wirkens das Herz hat. Wir wissen ja, daft 
vom Herzen diejenigen bluterfiillten Gefafte ausgehen, die wir die 
Arterien nennen, und daft diese nach alien Teilen unseres Organis- 
mus das sogenannte rote Blut hinfuhren. Das Blut macht einen 
gewissen Prozeft in den einzelnen Gliedern des menschlichen Orga- 
nismus durch, wird dann wiederum zuriickgefuhrt durch andere 
Gefafte, die Venen, die es aber jetzt in verandertem, verwandeltem 
Zustande als sogenanntes blaues Blut zu dem Herzen zuriickbringen. 
Wir wissen auch, daft dieses verwandelte, unbrauchbar gewordene 
Blut von dem Herzen in die Lunge geleitet wird, daft es dort in 
Beruhrung kommt mit dem von aufien aufgenommenen Sauerstoff 
der Luft, daft es dadurch erneuert und dann wiederum in Venen zum 
Herzen zuriickgeleitet wird, um von neuem den Umlauf durch den 
ganzen menschlichen Organismus zu beginnen. 

Um diese komplizierten Systeme zu betrachten, wollen wir uns, 
damit wir in der aufteren Betrachtungsweise gleich eine Grundlage 
haben fur die okkulte Betrachtungsweise, zunachst an dasjenige 
System halten, das von vornherein jedem als das eigentliche Mittel- 



punktsystem des ganzen menschlichen Organismus erscheinen mufi: 
das Blut-Herzsystem. Wir wollen dabei zunachst ins Auge fassen, 
wie das Blut, nachdem es als verbrauchtes Blut in der Lunge aufge- 
frischt ist, also aus dem sogenannten blauen Blut wieder in rotes Blut 
verwandelt worden ist, wieder zum Herzen zuruckkehrt und dann 
vora Herzen als rotes Blut wiederum ausstromt in den Organismus, 
um hier verwendet zu werden. (Es wird an die Tafel gezeichnet.) 
Beachten Sie, dafi alles, was ich hier zeichne, nur ganz schematisch 
ist. Rufen wir uns kurz ins Gedachtnis, dafi das menschliche Herz ein 
Organ ist, das eigentlich aus vier Gliedern zunachst besteht, aus vier 
Kammern, die durch Innenwande so abgegrenzt sind, dalS man unter- 
scheiden kann zwei grofiere Raume nach unten gelegen und zwei 
kleinere nach oben gelegen, die beiden unteren die beiden Herzkam- 
mern, wie man sie gewohnlich nennt, wahrend die oberen die Vor- 
kammern genannt werden. Ich will heute noch nicht von den Herz- 
klappen sprechen, sondern den Gang der wichtigsten Organtatigkei- 
ten ganz schematisch ins Auge fassen. Da zeigt sich zunachst, dafi das 
Blut, nachdem es aus der linken Vorkammer in die linke Herzkam- 
mer gestromt ist, durch eine grofte Schlagader abfliefk und von da aus 
in den ganzen Organismus geleitet wird. Nun wollen wir ins Auge 
fassen, dafi dieses Blut zunachst in alle einzelnen Organe des Orga- 
nismus sich verteilt, dafS es dann im Organismus verbraucht wird, 
wodurch es in das sogenannte blaue Blut verwandelt wird und als 
solches wieder zum Herzen in die rechte Vorkammer zuruckkehrt, 
von dort in die rechte Herzkammer fliefk, um von hier aus wieder in 
die Lunge zu gehen, wieder erneuert zu werden und den Gang durch 
den Organismus von neuem zu machen. 

Wenn wir uns dies vorstellen, so ist es zur Grundlage einer okkul- 
ten Betrachtungsweise wichtig zu bedenken, dafi sehr friih von der 
Hauptschlagader eine Nebenstromung abgeht, welche ins Gehirn 
fuhrt, die oberen Organe des Menschen versorgt und von dort als 
verbrauchtes Blut wieder zuriickflielk in die rechte Vorkammer, und 
dafi es als das Gehirn passiert habendes Blut ebenso verwandelt wird 
wie das Blut, das aus den ubrigen Gliedern des Organismus kommt. 
Wir haben also einen kleineren Nebenkreislauf des Blutes, in welchen 




das Gehirn eingeschaltet ist, abgetrennt von dem anderen, groften 
Kreislauf, der den ganzen iibrigen Organismus versorgt. Nun ist es 
aufterordentlich wichtig, daft wir gerade diese Tatsache ins Auge 
fassen. Denn wir bekommen eine richtige Vorstellung, die uns eine 
Grundlage geben kann fur alles, was uns moglich machen wird, in die 
okkulten Hohen hinaufzusteigen, nur dann, wenn wir uns die Frage 
stellen: Ist denn - in ahnlicher Weise, wie in den kleinen Blutkreislauf 
die oberen Organe eingeschaltet sind, namentlich das Gehirn - in den 
groften Blutkreislauf, der den iibrigen Organismus versorgt, etwas 
ahnliches eingeschaltet? - Da kommen wir in der Tat zu dem Ergeb- 
nis, das schon die aufiere oberflachliche Betrachtungsweise liefern 
kann, dafi in den grofien Blutkreislauf zunachst das Organ einge- 



schaltet ist, welches wir die Milz nennen, dafi weiter darin einge- 
schaltet ist die Leber und jenes Organ, welches die von der Leber 
zubereitete Galle enthalt. Diese Organe sind alle in den groften 
Blutkreislauf eingeschaltet. 

Wenn wir jetzt nach der Aufgabe dieser Organe fragen, so gibt uns 
die auftere Wissenschaft darauf die Antwort, dafi die Leber die Galle 
bereitet, dafi die Galle iiber die Gallenwege abfliefit in den Verdau- 
ungskanal und an der Verarbeitung der Nahrungsmittel so mitwirkt, 
dafi diese dann aufgenommen werden konnen vom Lymphsystem 
und iibergeleitet werden konnen in das Blut. Weniger Genaues sagt 
die aufiere Wissenschaft iiber die Milz. Wenn wir diese Organe 
betrachten, haben wir nun zunachst den Blick darauf zu richten, daft 
dieselben sich sozusagen zu beschaftigen haben mit der Umwandlung 
der Nahrung fur den menschlichen Organismus, dafi aber auf der 
anderen Seite alle drei Organe eingeschaltet sind in den grofien Blut- 
kreislauf. In diesen sind sie nun nicht umsonst eingeschaltet. Denn 
insofern die Nahrungsstoffe aufgenommen werden in das Blut, um 
durch das Blut dem menschlichen Organismus zugefiihrt zu werden 
und demselben die Baustoffe fortwahrend zu ersetzen, da beteiligen 
sich diese drei Organe an der notwendigen Verarbeitung der Nah- 
rungsstoffe. Es ist nun die Frage: Konnen wir aus einer aufieren 
Beobachtung schon entnehmen, wie sich diese drei Organe an der 
Gesamttatigkeit des menschlichen Organismus beteiligen? - Richten 
wir dazu den Blick zunachst auf eine Aufierlichkek, darauf, dafi diese 
Organe so eingeschaltet sind in den unteren Blutkreislauf, wie das 
Gehirn in den oberen Kreislauf eingeschaltet ist; und fragen wir 
einmal - wenn wir uns zunachst wirklich an diese aufierliche Betrach- 
tungsweise halten, die spater vertieft werden soil -, ob diese Organe 
moglicherweise eine ahnliche, eine verwandte Aufgabe haben konn- 
ten wie das Gehirn oder uberhaupt wie die hohergelegenen Teile des 
menschlichen Organismus. Worin konnte diese Aufgabe bestehen? 

Betrachten wir einmal diese hoheren Teile des menschlichen Orga- 
nismus; es sind ja die Organe, welche die aufieren Sinneseindriicke 
aufnehmen und das Material unserer Sinneswahrnehmung verarbei- 
ten. Daher konnen wir sagen: Was im menschlichen Haupt, in den 



oberen Partien des menschlichen Organismus geschieht, das ist Ver- 
arbeitung der Aufienwelt, Verarbeitung jener Eindriicke, die von 
aufien durch die Sinnesorgane einfliefien. Die wesentlichen Ursachen 
fur das, was in den oberen Partien des Menschen geschieht, haben wir 
zu sehen in den aufieren Impressionen, in den aufieren Eindriicken. 
Indem diese aufieren Eindriicke ihre Wirkungen hineinsenden in die 
oberen Organe des menschlichen Organismus, verandern sie das Blut 
oder tragen jedenfalls dazu bei und senden dieses Blut ebenso veran- 
dert zum Herzen zuriick, wie aus dem iibrigen Organismus das Blut 
verandert zum Herzen zuriickgesandt wird. Liegt es nun nicht nahe, 
daran zu denken, dafi das, was durch das Tor der Sinnesorgane von 
der Aufienwelt in den oberen Teil des menschlichen Organismus 
hereinwirkt, in gewisser Weise demjenigen entspricht, was aus den 
im Innern gelegenen Organen - Milz, Leber, Galle - heraus wirkt? 
Der obere Teil des menschlichen Organismus schliefit sich nach 
aufien auf, um die Wirkungen der Aufienwelt zu empfangen, und 
wahrend das Blut nach oben stromt, um diese Eindriicke der Aufien- 
welt aufzunehmen, stromt es nach unten, um dasjenige aufzuneh- 
men, was von den unteren Organen kommt. Wie wir gesagt haben, 
werden von der Umwelt durch die Sinne Wirkungen auf unsere obere 
Organisation ausgeiibt. Denken wir uns dies einmal zusammengezo- 
gen, zusammengeprelk in einem Zentrum, so konnen wir darin etwas 
Analoges sehen zu dem, was durch Leber, Galle und Milz bewirkt 
wird: Umwandlung von Stoffen, die der Aufienwelt entnommen 
sind. Wenn wir naher darauf eingehen, werden Sie sehen, dafi das 
keine so ganz absonderliche Betrachtungsweise ist. 

Denken Sie sich die verschiedenen hereinfliefienden Sinnesein- 
driicke der Aufienwelt wie zusammengezogen, gleichsam zu Orga- 
nen verdichtet, ins Innere des Menschen verlegt und eingeschaltet in 
das Blut, so bietet sich der obere Teil des menschlichen Organismus 
dem Blute ebenso dar, wie sich von innen die Organe Leber, Galle, 
Milz dem Blute darbieten. Also wir haben die Aufienwelt, die oben 
unsere Sinne umgibt, gleichsam in Organe zusammengedrangt und 
ins Innere des Menschen verlegt, so dafi wir sagen konnen: Einmal 
beriihrt uns die Welt von aufien, sie stromt durch die Sinnesorgane in 



unseren oberen Organismus ein und wirkt auf unser Blut, und einmal 
wirkt auf geheimnisvolle Weise die Welt von innen in Organen, in die 
sich erst zusammengezogen hat, was draufien im Makrokosmos vor- 
geht, und wirkt da entgegen unserem Blut, das sich ihm ebenso 
darbietet. Wenn wir das schematisch zeichnen wollten, konnten wir 
also sagen: Denken wir uns auf der einen Seite die Welt, von alien 
Seiten wirkend auf die Sinne, und das Blut, wie eine Tafel den 
Eindriicken der AufSenwelt sich darbietend, so haben wir unsere 



obere Organisation. Denken wir uns jetzt, wir konnten diese ganze 
Welt zusammenziehen, in einzelne Organe zusammenziehen, einen 
Extrakt dieser Welt bilden, und konnten ihn in das Innere herein 
verlegen, so da£> gewissermaften die ganze Welt auf die andere Seite 
des Blutes wirkt, dann hatten wir ein schematisches Bild des Aufien 
und des Innen des menschlichen Organismus in einer ganz sonder- 
baren Weise geformt. So konnten wir in einer gewissen Weise schon 
sagen: Es entspricht das Gehirn eigentlich unserer Innenorganisa- 
tion; insoweit sie Brust- und Bauchhohle ausfullt, ist gleichsam die 
Aufienwelt in unser Inneres verlegt. 

Schon in dieser Organisation, die wir ja als eine untergeordnete 
erkennen, die hauptsachlich der Fortfiihrung des Ernahrungsprozes- 
ses dient, haben wir etwas so Geheimnisvolles wie eine Zusammenfu- 
gung der ganzen Aufienwelt in eine Summe von inneren Organen, 
von inneren Werkzeugen. Und wenn wir nun diese Organe Leber, 




Galle, Milz einmal naher betrachten, konnen wir sagen: Zunachst ist 
es die Milz, die sich der Blutstromung darbietet. Die Milz ist ein 
sonderbares Organ, in der in blutreiche Gewebe eingebettet ist eine 
ganze Summe von kleinen Kdrnchen, die sich gegeniiber der ubrigen 
Gewebemasse weift ausnehmen. Wenn wir das Blut im Verhaltnis zur 
Milz betrachten, erscheint uns die Milz wie ein Sieb, durch welches 
das Blut hindurchgeht, urn sich einem solchen Organ darzubieten, 
das in gewisser Weise ein zusammengeschrumpfter Teil des Makro- 
kosmos ist. Als nachste Stufe sehen wir dann, wie sich das Blut der 
Leber darbietet und wie die Leber ihrerseits die Galle absondert, die 
in einem besonderen Organ aufbewahrt wird, dann in die Nahrungs- 
stoffe iibergeht und von dort aus mit den verwandelten Nahrungs- 
stoffen in das Blut gelangt. 

Dieses innere Sichdarbieten des Blutes an die drei Organe konnen 
wir uns nicht anders als in folgender Weise vorstellen: Das erste 
Organ, das sich dem Blut entgegenstellt, ist die Milz, das zweite die 
Leber, und das dritte, das eigentlich ein sehr kompliziertes Verhaltnis 
schon zum gesamten Blutsystem hat, ist die Galle. Weil die Galle den 
Nahrungsstoffen dargeboten wird und an der Verarbeitung derselben 
beteiligt ist, wird sie als besonderes Organ gezahlt. Aus bestimmten 
Griinden haben die Okkultisten aller Zeiten diesen Organen gewisse 
Namen gegeben. Ich bitte Sie nun recht sehr, vorlaufig bei diesen Na~ 
men, die diesen Organen gegeben sind, an nichts Besonderes zu den- 
ken und davon abzusehen, dafi diese Namen noch etwas anderes in 
der grofien Welt bedeuten. Wir werden spater noch sehen, warum ge- 
rade diese Namen genommen wurden. Weil die Milz sich dem Blut zu- 
erst darbietet - so konnen wir rein aufierlich vergleichsweise sagen — , 
erschien sie den alten Okkultisten am besten mit jenem Namen 
bezeichnet, der dem Stern zukommt, der sich im Weltenraum zuerst 
im Sonnensystem darbietet; deshalb nannten sie die Milz Saturnus 
oder einen inneren Saturn im Menschen. In ahnlicher Weise nannten 
sie die Leber einen inneren Jupiter und die Galle einen inneren Mars. 
Wollen wir zunachst bei diesen Namen uns gar nichts anderes den- 
ken, als daft wir sie aus dem Grunde wahlen, weil wir die Anschau- 
ung gewonnen haben, zunachst hypothetisch, dafi die aufteren Wei- 



ten, die sonst unseren Sinnen zuganglich sind, zusammengezogen 
sind in diesen Organen und uns gleichsam als innere Welten entge- 
gentreten, wie uns aufierliche Welten in den Planeten entgegentreten. 
Wir wiirden aber jetzt schon sagen konnen: Wie die aufteren Welten 
unseren Sinnen erscheinen, indem sie von aufien eindringen und auf 
das Blut wirken, so erscheinen uns die Innenwelten wirksam auf das 
Blut, indem sie dasselbe ebenfalls beeinflussen. 

Wir werden nun allerdings einen bedeutungsvollen Unterschied 
finden zwischen dem, was wir gestern besprochen haben als Eigen- 
tiimlichkeiten des menschlichen Gehirns, und dem, was wie eine Art 
inneres Weltensystem auf unser Blut wirkt. Dieser Unterschied liegt 
einfach darin, dafi der Mensch zunachst nichts von dem weifi, was 
sich innerhalb seines unteren Organismus abspielt; das heifit, er weifi 
nichts von den Eindriicken, welche die innere Welt - gleichsam die 
inneren Planeten — auf ihn machen, wogegen es ja gerade charakteri- 
stisch ist, daft die aufteren Welten auf sein Bewufitsein ihre Eindriicke 
machen. In einer gewissen Beziehung diirfen wir also diese innere 
Welt als die Welt des Unbewufken bezeichnen gegeniiber der bewuft- 
ten Welt, welche wir im Gehirnleben kennengelernt haben. 

Nun wird sich uns gerade das, was in diesem Bewufiten und 
Unbewulken liegt, dadurch naher aufklaren, dafi wir etwas anderes 
zu Hilfe nehmen. Sie wissen alle, dafi die aufiere Wissenschaft davon 
spricht, daft das Nervensystem das Organ des Bewufkseins ist mit 
allem, was dazugehort. Nun miissen wir als Grundlage fur unsere 
okkulten Betrachtungen eine gewisse Beziehung ins Auge fassen, die 
das Nervensystem zum Blutsystem hat, das heifk zu dem, was wir ja 
heute schematisch ins Auge gefalk haben. Da sehen wir, dafi unser 
Nervensystem iiberall in gewisse Beziehungen tritt zu unserem Blut- 
system, daft das Blut iiberall an unser Nervensystem herandringt. 
Dabei miissen wir nun zunachst auf das Riicksicht nehmen, was die 
aufiere Wissenschaft diesbeziiglich fur etwas Ausgemachtes halt. Sie 
halt das fiir ausgemacht, dafi im Nervensystem der gesamte Regulator 
liege aller Bewulkseinstatigkeit, alles dessen, was wir als bewulkes 
Seelenleben bezeichnen. Wir konnen nicht umhin - zunachst auch 
nur andeutungsweise, um es spater zu belegen -, uns zum Bewulk- 



sein zu bringen, dafi das Nervensystem fur den Okkultisten nur wie 
eine Art von Grundlage des Bewufitseins dasteht. Denn gerade so, 
wie sich in unseren Organismus eingliedert das Nervensystem und 
beriihrt wird oder wenigstens in einem gewissen Verhaltnis steht zum 
Blutsystem, so gliedert sich in die Gesamtwesenheit des Menschen 
dasjenige ein, was wir nennen des Menschen astralischen Leib und 
des Menschen Ich. Und schon eine aufterliche Betrachtung kann uns 
zeigen - und ich habe ja 6fter in meinen Vortragen dariiber gespro- 
chen dafi das Nervensystem in einer gewissen Weise eine Offenba- 
rung des Astralleibes ist und das Blut eine Offenbarung des Ich. 
Wenn wir in die unbelebte Natur gehen, so sehen wir ja, wie wir den 
Gesteinen, Mineralien und so weiter nur einen physischen Leib 
zuzuschreiben haben in den Teilen, die sie uns darbieten. Wenn wir 
dann von den unbelebten, unorganischen Naturkorpern zu den 
belebten Naturkorpern aufsteigen zu den Organismen, so mussen 
wir uns denken, dafi diese Organismen durchsetzt sind von dem 
sogenannten Atherleib oder Lebensleib, der in sich die Ursachen der 
Lebenserscheinungen enthalt. Wir werden spater schon sehen, dafi 
die Geisteswissenschaft von diesem Ather- oder Lebensleib nicht 
so spricht, wie die aufiere Wissenschaft von einer spekulativen 
Lebenskraft gesprochen hat. Wenn die Geisteswissenschaft vom 
Atherleibe spricht, spricht sie von etwas, was das geistige Auge 
wirklich sieht, also von einem Realen, das dem aufSeren, physischen 
Leibe zugrundeliegt. Wenn wir die Pflanzen betrachten, mussen wir 
ihnen einen Atherleib zuschreiben. Steigen wir hinauf von den Pflan- 
zen zu den empfindenden Wesen, den Tieren, so ist es das Element 
des Empfindens, des inneren Erlebens, welches das Tier von der 
Pflanze unterscheidet. Wenn wir uns nun fragen, was mufi sich 
eingliedern dem tierischen Organismus, damit er hinauf gehoben wer- 
den kann von den blofien Lebensvorgangen zu Empfindungen, die 
die Pflanzen noch nicht haben, so ist die Antwort: Soli die blofte 
Lebenstatigkeit, die sich noch nicht verinnerlichen kann, noch nicht 
zur Empfindung entziinden kann, sich zur Empfindung, zum inner- 
lichen Erleben entziinden konnen, so muft sich in den tierischen 
Organismus eingliedern der Astralleib. Und in dem Nervensystem, 



das die Pflanzen noch nicht haben, miissen wir den aufieren Aus- 
druck, das Werkzeug des Astralleibes sehen. Der Astralleib ist das 
geistige Urbild des Nervensystems. Wie das Urbild zu seiner Offen- 
barung, zu seinem Abbild, so verhalt sich der Astralleib zu dem 
Nervensystem. 

Wenn wir nun mit unserer Betrachtung beim Menschen einset- 
zen - und ich habe schon gestern gesagt, dafi wir es im Okkultismus 
nicht so gut haben wie die aufiere wissenschaftliche Betrachtungs- 
weise, daft wir nicht sozusagen alles durcheinanderwerfen konnen -, 
dann miissen wir, wenn wir die menschlichen Organe betrachten, uns 
immer bewufit sein, daft diese Organe oder Organsysteme zu etwas 
gebraucht werden konnen, wozu die analogen Organsysteme im 
tierischen Organismus, wenn sie auch ahnlich ausschauen, nicht 
gebraucht werden konnen. Beim Menschen miissen wir das Blut als 
aufleres Werkzeug fiir das Ich ansehen, fur alles, was wir als unser 
innerstes Seelenzentrum, das Ich, bezeichnen. So haben wir im Ner- 
vensystem ein aufieres Werkzeug des Astralleibes und in unserem 
Blut ein aufieres Werkzeug des Ich. Geradeso wie das Nervensystem 
im Organismus in gewisse Beziehungen tritt zum Blut, so treten 
diejenigen inneren Seelengebilde, die wir als unsere Vorstellungen, 
Wahrnehmungen, Empfindungen und so weiter erleben, in eine 
Beziehung zu unserem Ich. Das Nervensystem ist in der mannigfal- 
tigsten Weise im menschlichen Organismus differenziert. Es zeigt 
sich uns als die inneren Nervenstrange, da, wo es sich aufschliefit 
zum Beispiel zu Gehornerven, Gesichtsnerven und so weiter. Das 
Nervensystem ist also etwas, was sich durch den Organismus so 
hinerstreckt, dafi es in der mannigfaltigsten Weise differenziert ist, 
innere Mannigfaltigkeiten enthalt. Wenn wir das Blut, durch den 
Organismus durchstromend, betrachten, so zeigt es sich uns - wenn 
wir absehen wollen von der Veranderung von rotem in blaues Blut — 
im ganzen Organismus doch als einheitliches Blut. Als ein solches 
Einheitliches tritt es dem differenzierten Nervensystem entgegen, 
wie das Ich dem Seelenleben entgegentritt, das sich gliedert in Vor- 
stellungen, Empfindungen, Willensimpulse, Gefiihle und derglei- 
chen. Je weiter Sie diesen Vergleich verfolgen werden — und das soil ja 



zunachst auch nur vergleichsweise gesagt sein desto mehr wird sich 
Ihnen zeigen, daft eine weitgehende Ahnlichkeit besteht in der Bezie- 
hung der beiden Urbilder Ich und Astralleib zu ihren Abbildern, 
ihren Werkzeugen: Blutsystem und Nervensystem. Nun konnen wir 
allerdings sagen: Blut ist iiberall Blut, aber indem es durch den 
Organismus stromt, verandert es sich. Wir konnen diese Verande- 
rungen des B lutes in Parallele bringen mit den Veranderungen, die 
das Ich durch die verschiedenen Seelenerlebnisse erfahrt. Auch unser 
Ich ist ein Einheitliches. So weit wir zuriickdenken konnen im Leben 
zwischen Geburt und Tod, konnen wir von uns sagen: Ich war da! In 
unserem funften Jahr wie in unserem sechsten Jahr, gestern wie heute 
ist es dasselbe Ich. — Aber wenn wir jetzt auf den Inhalt eingehen, auf 
das, was dieses Ich enthalt, so werden wir finden, dafi dieses Ich, wie 
es in mir lebt, angefullt ist mit einer grofieren oder kleineren Summe 
von Vorstellungen, Empfindungen, Gefiihlen und so weiter, die dem 
Astralleibe zuzuschreiben sind und mit dem Ich in Beruhrung kom- 
men. Vor einem Jahre war unser Ich mit einem anderen Inhalt erfullt, 
gestern hatte es einen anderen Inhalt und heute wieder einen anderen. 
Das Ich kommt also mit dem gesamten Seeleninhalt in Beruhrung, 
durchstromt diesen gesamten Seeleninhalt. Geradeso wie das Blut 
den ganzen Organismus durchstromt und iiberall mit dem differen- 
zierten Nervensystem in Beruhrung kommt, so kommt das Ich 
zusammen mit dem differenzierten Leben der Seele, mit Vorstellun- 
gen, Gefiihlen, Willensimpulsen und dergleichen. So also zeigt uns 
schon diese nur vergleichsweise Betrachtung, dafi eine gewisse 
Berechtigung existiert, in dem Blutsystem ein Abbild des Ich zu 
sehen und in dem Nervensystem ein Abbild des Astralleibes, die- 
ser beiden hoheren, iibersinnlichen Glieder der menschlichen 
Natur, wahrend der Atherleib sich mehr an den physischen Leib 
anschliefit. 

Nun ist es notwendig, uns zu erinnern, daft das Blut, welches in 
der angedeuteten Weise durch den Organismus stromt, auf der einen 
Seite sich darbietet der Aufienwelt, vergleichsweise wie eine Tafel den 
Eindriicken der Auftenwelt entgegentritt, auf der anderen Seite sich 
dem entgegenhalt, was wir die innere Welt genannt haben. Ja, so ist es 



auch mit unserem Ich. Wir richten unser Ich zunachst auf die Aufien- 
welt, nehmen die aufieren Eindriicke auf. Da ergibt sich ein mannig- 
faltiger Inhalt in unserem Ich; es wird erfiillt von den Impressionen, 
die von aufien kommen. Dann gibt es auch diejenigen Augenblicke, 
wo das Ich sozusagen in sich selber bleibt, wo es hingegeben ist 
seinem Schmerz, seinem Leid, an Lust und Freude, an die inneren 
Gefuhle und so weiter, wo es sogar aus dem Gedachtnis aufsteigen 
lafit, was es jetzt nicht unmittelbar durch die Beriihrung mit der 
Aufienwelt empfangt, sondern das, was es in sich tragt. Also auch in 
dieser Beziehung ist das Ich zu parallelisieren mit dem Blut, dafi es 
sich wie eine Tafel darbietet einmal der aufteren Welt und einmal der 
inneren Welt; und wir konnten dieses Ich genauso schematisch dar- 
stellen, wie wir das Blut schematisch dargestellt haben (siehe Zeich- 
nung Seite 42). Wir konnen die aufieren Eindriicke, die das Ich 
bekommt, indem es sie als Vorstellungen, als Seelengebilde fafit, in 
dieselbe Beziehung bringen zum Ich, wie wir die realen, durch die 
Sinne zu uns kommenden aufieren Vorgange zum Blut in Beziehung 
gebracht haben; wir konnen also die Seelenereignisse, genauso wie 
beim korperlichen Leben, auf der einen Seite zum Blut, auf der 
anderen Seite zum Ich in Beziehung bringen. 

Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus das Zusammenwir- 
ken und das Einander-Entgegenwirken von Blut und Nerven. Wenn 
wir zum Beispiel unser Auge auf die Aufienwelt hinwenden, so 
wirken die aufieren Impressionen — Farben, Lichteindriicke und so 
weiter - auf die Sehnerven. Solange wir die Augen auf die Aufienwelt 
richten, so lange konnen wir auch davon sprechen, dafi die Eindriicke 
der Aufienwelt auf unsere Sehnerven, also das Werkzeug des Astral- 
leibes, eine Wirkung haben. In dem Augenblick, wo ein Verhaltnis 
eintritt zwischen Nerven und Blut, konnen wir davon sprechen, dafi 
der parallele Seelenvorgang der ist, dafi die mannigfaltigen Vorstel- 
lungen des Seelenlebens zu dem Ich in Beziehung treten. Wir miissen 
also, wenn wir das schematisch zeichnen wollen, uns das Verhaltnis 
von Nerven und Blut so denken, wie wenn das, was durch die 
Nerven von aufien einstromt, in Beziehung tritt zu den Blutlaufen, 
die in die Nahe der Sehnerven kommen. 



Diese Beziehung ist nun etwas aufterordentlich Wichtiges, wenn 
man den menschlichen Organismus so betrachten will, dafi die Be- 
trachtung eine Grundlage fur die okkulte Anschauung der mensch- 
lichen Natur ergeben kann. Dann miissen wir uns sagen: Beim ge- 
wohnlichen Leben, wie es im allgemeinen verflieftt, geschieht der 
Vorgang so, dafi eine Wirkung, die durch den Nerv sich fortpflanzt, 
in das Blut sich einschreibt wie in eine Tafel und dadurch in das 




Werkzeug des Ich sich eingeschrieben hat. Nehmen wir aber einmal 
an, wir wiirden die Beziehung zwischen Blutlauf und Nerv kiinstlich 
unterbrechen, das heifk, wir wiirden also kiinstlich den Menschen 
in eine solche Lage bringen, dafi gleichsam der Nerv in seiner Wirk- 
samkeit von dem Blutlauf entfernt wird, so daft sie nicht mehr 
aufeinander wirken konnen. Das kann man schematisch in der Wei- 
se zeichnen, dafi man die beiden Glieder weiter auseinander zeichnet, 
so dafi eine Wechselwirkung zwischen Nerv und Blut nicht mehr 
stattfinden kann. Da kann die Sache so liegen, dafi zunachst auf den 
Nerven kein Eindruck gemacht wird. So etwas kann man ja 




erreichen, indem man zum Beispiel den Nerv durchschneidet. Wenn 
es auf irgendeine Weise zustande kommt, dafi ein Nerv durchschnit- 
ten ist, dafi also auf den Nerv kein Eindruck gemacht wird, dann ist 
es ja nicht weiter wunderbar, dafi der Mensch auch nichts Besonderes 
durch diesen Nerv erleben kann. Nehmen wir aber an, es werde - 
trotzdem die Beziehung zwischen Nerv und Blut unterbrochen ist ~ 
ein gewisser Eindruck gemacht. Im aufieren Experiment kann das ja 
dadurch herbeigefiihrt werden, daft man zum Beispiel durch einen 
elektrischen Strom den Nerv reizt. Diese aufiere Beeinflussung des 
Nervs geht uns hier aber nichts an. Es gibt aber noch eine andere 
Beeinflussung des Nervs, die zu einem Zustande fiihrt, wo er auf die 
Blutbahn nicht wirken kann. Dieser Zustand kann fiir den menschli- 
chen Organismus herbeigefiihrt werden - und er wird auch herbeige- 
fiihrt - durch gewisse Vorstellungen, gewisse Ideen, Empfindungen 
und Gefiihle, die der Mensch erlebt und sich angeeignet hat und die, 
damit ein solches Experiment gelinge, hohere moralische oder intel- 
lektuelle Vorstellungen sein sollten. Wenn der Mensch sich solche 
Vorstellungen macht, zum Beispiel von Sinnbildern, und sich in 
scharfer innerer Konzentration der Seele iibt, dann bewirkt das, dafi 
er gleichsam den Nerv voll in Anspruch nimmt und ihn dadurch 
zuriickzieht vom Blutlaufe. Wenn der Mensch im wachen Bewulk- 
sein sich den normalen aufieren Eindriicken uberlafit, wie sie gerade 
kommen, dann ist die naturliche Verbindung zwischen Nerv und 
Blutlauf da. Wenn der Mensch aber sich durch scharfe innere Kon- 
zentration von der Wirkung der aufieren Eindriicke abzieht, dann hat 
er ja das in der Seele, was erst im Bewufitsein entsteht; was Inhalt des 
Bewufitseins ist, nimmt den Nerv vorzugsweise in Anspruch und 
trennt dadurch die Nerventatigkeit ab von der Bluttatigkeit. Die 
Folge einer solchen inneren Konzentration, die - wenn sie stark 
genug ist - wirklich die Leitung zwischen Nerv und Blut unterbricht, 
ist, dafi der Nerv in einer gewissen Weise befreit wird von dem 
Zusammenhang mit dem Blutsystem, ja auch befreit wird von dem, 
wofiir das Blutsystem das aufiere Werkzeug ist, das heifit also befreit 
wird von den gewohnlichen Erlebnissen des Ich. Und es ist in der Tat 
so - und das kann vollstandig experimentell belegt werden -, dafi 



durch die Erlebnisse der geistigen Schulung, die in die hoheren 
Welten hinauffiihren soil, durch die anhaltende scharfe Konzentra- 
tion das gesamte Nervensystem zeitweise dem gewohnlichen Zusam- 
menhang mit dem Blutsystem und dessen Aufgaben fiir das Ich 
entriickt wird. Da tritt nun eine gewisse Folge ein, namlich die, dafi 
das Nervensystem, das friiher seine Wirkung auf die Tafel des Blutes 
geschrieben hat, nunmehr das, was es als Wirkung in sich enthalt, in 
sich selbst zuriicklaufen lafk, in sich zurucknimmt und diese Wir- 
kung nicht bis zum Blut hinkommen lafk. Es ist also moglich, rein 
durch Vorgange innerer Konzentration, sein Blutsystem von dem 
Nervensystem gleichsam abzutrennen und dadurch dasjenige, was 
sonst in das Ich - bildlich gesprochen — hineingeflossen ware, zum 
Zuriicklaufen in das Nervensystem zu bringen. 

Nun ist das Eigentumliche, dafS der Mensch, wenn er durch innere 
Seelentatigkeit wirklich so etwas bewirkt, dann eine ganz andere Art 
des inneren Erlebens hat und damit vor einem vollstandig verander- 
ten Bewufkseinshorizont steht. Wir konnen sagen: Wenn Nerven 
und Blut in der gewohnlichen Weise miteinander in Wechselwirkung 
stehen, wie es im normalen Leben der Fall ist, dann bezieht der 
Mensch die Eindriicke, die von aufien kommen, auf sein Ich. Wenn er 
aber durch innere Konzentration, durch innere Seelentatigkeit sein 
Nervensystem heraushebt aus der Wirkung auf sein Blutsystem, 
dann lebt er auch nicht in seinem bisherigen gewohnlichen Ich; er 
kann dann nicht in demselben Sinne zu dem, was er jetzt als sein 
Selbst hat, «Ich» sagen. Der Mensch erscheint sich dann so, wie wenn 
er einen Teil seiner Wesenheit ganz bewufk aus sich herausgehoben 
hatte, abgesondert von seinem Blutsystem; es ist so, wie wenn etwas, 
was man sonst nicht sieht, ein Ubersinnliches, in unsere Nerven 
hereinwirkt, das sich nicht auf unsere Bluttafel abdruckt und auf 
unser gewohnliches Ich keinen Eindruck macht. Der Mensch fuhlt 
sich hinweggehoben von dem ganzen Blutsystem, gleichsam heraus- 
gehoben aus dem Organismus. Es ist ein bewufkes Herausheben des 
Ich aus dem Wirkungsbereich des Astralleibes. Wahrend nun friiher 
die Nerventatigkeit im Blutsystem abgebildet wurde, wird sie jetzt in 
sich selbst zuruckreflektiert; jetzt lebt der Mensch in etwas anderem, 



da empfindet er sich in einem anderen Ich, in einem [makrokosmi- 
schen] Ich, das friiher nur geahnt werden konnte: Er fiihlt das Her- 
einragen einer ubersinnlichen Welt. 

Wenn wir noch einmal die Beziehung zwischen dem Nerv oder 
dem gesamten Nervensystem, wie es die Eindriicke einer aufieren 
Welt in sich hereinnimmt, zum Blut genauer schematisch zeichnen 
wollen, so kann es in folgender Weise geschehen: 



Emdruckc 




Bluttafel 



Wiirden aufiere Eindriicke, aufiere Erlebnisse einfliefien, dann 
wiirden sie sich abdrucken im Blutsystem. Haben wir aber das Ner- 
vensystem herausgehoben aus dem Blutsystem, dann fliefit alles 
innerhalb des Nervensystems zuriick, dann ergiefit sich eine Welt, 
von der wir friiher keine Ahnung hatten, gleichsam bis an die Enden 
unseres Nervensystems, und das fiihlen wir als Riickstofi. Wahrend 
es beim gewohnlichen Bewufksein so ist, dafi man eine Welt auf- 
nimmt, die hineingeht bis zum Blutsystem, dem Blutsystem wie auf 
einer Tafel eingeschrieben wird, geht man nunmehr mit den Eindriik- 
ken nur bis dahin, wo die Nerven endigen und in sich selbst einen 
Widerstand finden. An diesen Nervenendungen prallt man gleichsam 
zuriick und lebt sich hinaus in die ubersinnliche Welt. Wenn wir 
einen Farbeneindruck haben, den wir durch das Auge empfangen, so 
geht er in unseren Sehnerv hinein, driickt sich ab auf der Tafel des 
Blutes, und wir fiihlen das, was wir mit den Worten ausdriicken: Ich 



sehe rot. - Nehmen wir aber an, wir gehen mit unseren Eindriicken 
nicht bis zum Blut hin, sondern nur bis zur Endung des Nervs, 
prallen da zuriick, so leben wir im Grunde genommen bis zu unse- 
rem Sehnerv hin. Wir prallen vor dem korperlichen Ausdruck unse- 
res Blutes zuriick, leben aufierhalb unserer selbst; wir sind eigentlich 
in den Strahlen des Lichtes, die sonst den Eindruck «rot» in uns 
hervorriefen, darinnen. Wir sind also wirklich aus uns herausgekom- 
men, und zwar dadurch, dafi wir nicht so tief in unser Inneres 
hereindringen, wie wir es sonst tun, sondern daft wir nur bis zu den 
Nervenenden gehen. Das bewirkt aber ein solches Seelenleben, das 
den physischen Menschen wie etwas Aufierliches empfindet und sich 
nicht langer mit ihm identifiziert. Das normale Bewufitsein geht bis 
zum Blute hin. Wenn wir aber die Seele so entwickelt haben, dafi wir 
gleichsam an den Nervenenden kehrtmachen, dann haben wir das 
Blut ausgeschaltet von dem, was wir den hoheren Menschen nennen, 
zu dem wir kommen konnen, wenn wir von uns selber loskommen. 

Durch diese Betrachtungen haben wir zunachst eine Anschauung 
von den Vorgangen gewonnen, die eintreten, wenn wir das Blutsy- 
stem, welches wir betrachtet haben wie eine Art Tafel, die sich auf 
der einen Seite den aufieren, auf der anderen Seite den inneren Ein- 
driicken darbietet, ausgeschaltet haben von dem, was wir nennen 
konnen den hoheren Menschen, zu dem wir uns entwickeln konnen, 
wenn wir von uns selber loskommen und frei werden von den 
Einwirkungen des gewohnlichen Ich. Wir werden nun am besten die 
ganze innere Natur dieses Blutsystems studieren konnen, wenn wir 



uns nicht in allgemeinen Phrasen bewegen, sondern das am Men- 
schen betrachten, was real ist, den ubersinnlichen, unsichtbaren Men- 
schen, zu dem wir uns selber aufschwingen konnen. Wenn wir diesen 
ubersinnlichen Menschen so betrachten, wie er sich hineinbegibt bis 
zum Blute hin, dann werden wir zu dem Gedanken vorriicken kon- 
nen, daft der Mensch in der Auftenwelt leben kann, dafi er sich 
ergieften kann iiber die ganze Auftenwelt, aufgehen kann in dieser 
Aufienwelt und dafi er gleichsam den umgekehrten Standpunkt ein- 
nehmen kann zu seinem inneren Wesen. Kurz, wir werden die Funk- 
tionen des Blutes und der Organe, die in den Blutkreislauf einge- 
schaltet sind, dadurch kennenlernen, daft wir die Frage bean two rten: 
Wie mufi nun diese hohere Welt, zu der sich der Mensch aufschwin- 
gen kann, die er genau kennenlernen kann, sich auf die Tafel des 
Blutes abmalen? — Da wird sich uns das ganze differenzierte Blutle- 
ben als der Mittelpunkt des Menschen ergeben, wenn wir unmittelbar 
die Beziehungen dieses wunderbaren Systems zu einer hoheren Welt 
betrachten. Denn das wird ja unsere Aufgabe sein, dafi wir den 
Menschen ansehen konnen als eine Offenbarung des Ubersinnlichen, 
dafi wir den aufieren Menschen ansehen konnen als ein Abbild desje- 
nigen Menschen, der in der geistigen Welt wurzelt. Dadurch werden 
wir den menschlichen Organismus erkennen konnen als ein getreues 
Abbild des Geistes. 



DRITTER VORTRAG 



Prag, 22.Marzl911 



Diese drei ersten Vortrage, einschliefilich des heutigen, sind dazu 
bestimmt, uns im allgemeinen iiber das zu orientieren, was fur das 
Leben, fur die Wesenheit des Menschen in Betracht kommt. Daher 
werden in diesen ersten Vortragen zunachst einige wichtige Begriffe 
gegeben werden, die ja sonst, weil die genaueren Ausfiihrungen 
natiirlich erst folgen sollen, ein bifichen in der Luft hangen wiirden. 
Es ist besser, wenn wir uns erst einen Uberblick iiber die ganze Art 
aneignen, wie man den Menschen im okkulten Sinne zu betrachten 
hat, um dann in diese Betrachtung, die wir vorlaufig als eine hypo- 
thetische hinnehmen, das hineinzubauen, was uns als die tieferen 
Griinde erscheinen kann. 

Nun habe ich am Ende des gestrigen Vortrages bereits eines ausge- 
fuhrt. Ich versuchte zu zeigen, dafi der Mensch durch gewisse Seelen- 
iibungen, durch starke Gedanken- und Empfindungskonzentration 
eine andere Art seines Lebenszustandes hervorrufen kann, als es die 
gewohnliche ist. Der gewohnliche Lebenszustand driickt sich ja da- 
durch aus, da£ wir im wachen Tagesleben eine enge Verbindung haben 
zwischen Nerven und Blut. Wenn wir uns schematisch ausdriicken 
wollen, konnen wir sb sagen: Was durch die Nerven geschieht, 
schreibt sich ein in die Tafel des Blutes. Durch Seeleniibungen bringt 
man es nun dahin, die Nerven so stark anzuspannen, dafi deren 
Tatigkeit sich nicht mehr hineinerstreckt bis ins Blut, sondern dafi 
diese Tatigkeit wie in den Nerv selber zuriickgeworfen wird. Weil nun 
das Blut das Werkzeug unseres Ich ist, fuhlt sich dann ein Mensch, 
welcher durch starke Empfindungs- und Gedankenkonzentration 
gleichsam sein Nervensystem freigemacht hat vom Blute, wie entfrem- 
det seiner eigenen gewohnlichen Wesenheit, wie herausgehoben aus 
ihr, er fuhlt sich gleichsam ihr gegenuberstehend, so dafi er zu dieser 
seiner gewohnlichen Wesenheit nicht mehr sagen kann : das bin ich -, 
sondern sagen kann: das bist du. Er tritt also sich selbst so gegeniiber 
wie einer fremden, in der physischen Welt lebenden Personlichkeit. 



Wenn wir einmal ein wenig auf den Lebenszustand eines solchen, in 
einer gewissen Art hellsichtig gewordenen Menschen eingehen, so 
mussen wir sagen: Ein solcher fiihlt sich so, wie wenn eine hohere 
Wesenheit in sein Seelenleben hineinragen wiirde. - Es ist dies ein ganz 
anderes Gefiihl, als man es hat, wenn man im normalen Lebenszustand 
der Aufienwelt gegeniibersteht. Im gewohnlichen Leben fiihlt man 
sich den Dingen und Wesenheiten der aufieren Welt, Tieren, Pflanzen 
und so weiter, gegeniiber fremd, man fiihlt sich als ein Wesen neben 
ihnen oder aufierhalb ihrer stehend. Man weifi ganz genau, wenn man 
eine Blume vor sich hat: Die Blume ist dort, und ich bin hier. - Anders 
ist das, wenn man auf die gekennzeichnete Art sich aus seinem sub- 
jektiven Ich heraushebt, wenn man durch Losreifien seines Nerven- 
systems vom Blutsystem in die geistige Welt hinaufsteigt. Dann fiihlt 
man nicht mehr: da ist das fremde Wesen, das uns gegeniibertritt, und 
hier sind wir — , sondern dann ist es so, wie wenn das andere Wesen in 
uns eindringen wiirde und wir uns mit ihm eins fiihlten. So darf man 
sagen: Der hellsichtig werdende Mensch beginnt bei fortgeschrittener 
Beobachtung die geistige Welt kennenzulernen, jene geistige Welt, mit 
der der Mensch in steter Verbindung steht und die ja auch im gewohn- 
lichen Leben durch unser Nervensystem auf dem Umwege durch die 
Sinneseindriicke zu uns kommt. 

Diese geistige Welt also, von welcher der Mensch im normalen 
Bewufkseinszustand zunachst nichts weifi, ist es, die sich dann ein- 
schreibt in unsere Bluttafel und dadurch in unser individuelles Ich. 
Wir diirfen namlich sagen: Alle dem, was uns aufierlich in der Sinnes- 
welt umgibt, liegt eine geistige Welt zugrunde, die wir nur wie durch 
einen Schleier sehen, der durch die Sinneseindriicke gewoben wird. 
Im normalen Bewufitsein sehen wir diese geistige Welt nicht, iiber die 
der Horizont des individuellen Ich einen Schleier ausspannt. In dem 
Augenblick aber, wo wir von dem Ich frei werden, erloschen auch die 
gewohnlichen Sinneseindriicke, die haben wir dann nicht. Wir leben 
uns hinauf in eine geistige Welt, und das ist dieselbe geistige Welt, die 
eigentlich hinter den Sinneseindriicken ist, mit der wir eins werden, 
wenn wir unser Nervensystem herausheben aus unserem gewohn- 
lichen Blutorganismus. 



Nun haben wir mit diesen Betrachtungen gewissermafien das 
menschliche Leben verfolgt, wie es von aufien angeregt wird und 
durch die Nerven auf das Blut wirkt. Wir haben aber schon gestern 
darauf aufmerksam gemacht, dafi wir in dem rein organischen phy- 
sischen Innenleben des Menschen eine Art zusammengedriickte 
Aufienwelt sehen konnen, und wir haben namentlich darauf hinge- 
wiesen, wie eine Art in Organe zusammengedrangte Aufienwelt vor- 
handen ist in unserer Leber, Galle und Milz. Wir konnen sagen: Wie 
das Blut nach der einen, der oberen Seite unseres Organismus das 
Gehirn durchlauft, um dort mit der Aufienwelt in Beruhrung zu 
kommen - und das geschieht, indem auf das Gehirn die aufieren 
Sinneseindriicke wirken — , so kommt das Blut, wenn es sich durch 
den Korper bewegt, in Beziehung zu den inneren Organen, von 
denen wir zunachst Leber, Galle und Milz betrachtet haben. Und dafi 
in ihnen das Blut nicht mit irgendeiner Aufienwelt in Beruhrung 
kommt, dafur sorgt die Tatsache, daft diese Organe sich nicht wie 
Sinnesorgane nach aufien aufschliefien, sondern in den Organismus 
eingeschlossen und von alien Seiten zugedeckt sind, so dafi sie nur ein 
inneres Leben entfalten. Diese Organe konnen alle auch auf das Blut 
nur so wirken, wie sie selbst ihrer Eigenart nach sind. Leber, Galle 
und Milz bekommen nicht wie das Auge oder das Ohr aufiere Ein- 
driicke, konnen also auch nicht an das Blut Wirkungen weitergeben, 
welche von aufien angeregt sind, sondern sie konnen in der Wirkung, 




welche sie auf das Blut haben, nur ihre eigene Natur zum Ausdruck 
bringen. Wenn wir also die innere Welt betrachten, in die die Aufien- 



welt gleichsam wie zusammengedrangt ist, so konnen wir sagen: Hier 
wirkt eine verinnerlichte Aufienwelt auf das menschliche Blut. Wenn 
wir uns das wieder schematisch zeichnen wollen, so konnen wir 
durch den schragen Strich A-B (siehe Zeichnung Seite 50) die Tafel 
des Blutes angeben, durch die oberen Pfeile konnen wir alles das 
veranschaulichen, was von aufien kommend an die Bluttafel heran- 
dringt, und durch die unteren Pfeile alles, was von innen kommend 
sich der Bluttafel einschreibt. Oder, wenn wir die Sache etwas weni- 
ger schematisch ansehen wollen, so konnen wir sagen: Wenn wir das 
menschliche Haupt und das hindurchgehende Blut betrachten, wie es 




beschrieben wird von aufien durch die Sinnesorgane, so wirkt das 
Gehirn in seiner Arbeit in derselben Weise umwandelnd auf das Blut, 
wie die inneren Organe auf das Blut umwandelnd wirken. Denn diese 
drei Organe, Leber, Galle, Milz, wirken von der anderen Seite her auf 



das Blut, welches wir hier so zeichnen wollen, als ob es die Organe 
umflosse. So also wiirde das Blut gleichsam Strahlungen, Wirkungen 
empfangen konnen von den inneren Organen und wiirde damit so- 
zusagen als Werkzeug des Ich in diesem Ich das innere Leben dieser 
Organe zum Ausdruck bringen, so wie in unserem Gehirnleben das 
zum Ausdruck kommt, was uns in der Welt umgibt. 

Da miissen wir uns allerdings klar sein, daft noch etwas ganz 
Bestimmtes eintreten mufi, damit diese Wirkungen der Organe auf 
das Blut moglich sind. Erinnern wir uns daran, dafi wir sagten, dafi in 
der Wechselwirkung von Nerv und Blutlauf iiberhaupt erst die Mog- 
lichkeit liegt, dafi auf das Blut eine Wirkung ausgeubt, dafi in das Blut 
sozusagen etwas eingeschrieben werden kann. Wenn von der Seite 
der inneren Organe her Wirkungen auf das Blut ausgeiibt werden 
sollen, wenn gleichsam das innere Weltsystem des Menschen auf das 
Blut wirken soil, so mufi zwischen diesen Organen und dem Blut 
etwas eingeschaltet sein wie ein Nervensystem. Es mufi die innere 
Welt zuerst auf ein Nervensystem wirken konnen, um dann ihre 
Wirkungen auf das Blut iibertragen zu konnen. 

So sehen wir, einfach aus einem Vergleich des unteren Teiles des 
Menschen mit dem oberen, dafi die Voraussetzung gemacht werden 
mufi, dafi zwischen unseren inneren Organen - als deren Reprasen- 
tanten wir diese drei Organe: Leber, Galle, Milz haben - und dem 
Blutkreislauf etwas eingeschaltet sein mull wie ein Nervensystem. 
Fragen wir die aufiere Beobachtung, so zeigt sie uns in der Tat, dafi in 
alle diese Organe das eingeschaltet ist, was wir das sympathische 
Nervensystem nennen, welches die Korperhohle des Menschen aus- 
fiillt und welches in einem analogen Verhaltnisse zu der mensch- 
lichen Innenwelt und dem Blutkreislauf steht, wie andererseits das 
Riickenmark-Nervensystem zwischen der aufieren grofien Welt und 
dem Blutumlauf des Menschen steht. Von diesem sympathischen 
Nervensystem, das ja zunachst langs des Riickgrates verlauft, dann, 
von dort ausgehend die verschiedensten Teile des Organismus durch- 
zieht und sich ausbreitet, auch netzformige Ausbreitungen zeigt, 
namentlich in der Bauchhohle, wo man einen Teil dieses Systems 
popular auch das Sonnengeflecht nennt, von diesem sympathischen 



Nervensystem werden wir zu erwarten haben, dafi es in einer gewis- 
sen Weise von dem anderen Nervensystem abweicht. Und es ist 
immerhin interessant - wenn es auch nicht zu einem Beweise dienen 
soil -, sich zu fragen: Wie konnte denn dieses Nervensystem gestaltet 
sein im Verhaltnis zum Ruckenmark-Nervensystem, wenn diese 
Bedingungen erfullt wiirden, die wir jetzt hypothetisch gestellt 
haben? - Sie konnten einsehen: Wie sich das Ruckenmark-Nerven- 
system offnen muft dem Umkreis des Raumes, so mu£ dieses sympa- 
thische Nervensystem demjenigen zugeneigt sein, was zusammen- 
gedrangt ist in die innere Organisation. So verhalt sich, wenn unseren 
Voraussetzungen entsprochen werden soil, das sympathische Ner- 
vensystem zu dem Ruckenmark-Nervensystem etwa so, wie sich 
verhalten die Radien eines Kreises, die vom Mittelpunkt zur Periphe- 
rie gerichtet sind (siehe Zeichnung a), zu den sich von der Peripherie 




aus nach aufien fortsetzenden Radien (b). Also in einer gewissen 
Weise miifite ein Gegensatz vorhanden sein zwischen dem sympathi- 
schen Nervensystem und zwischen dem Nervensystem des Gehirnes 
und Ruckenmarkes. Dieser Gegensatz ist auch in der Wirklichkeit 
vorhanden. Und da sehen wir, wie schon darin vieles fur uns liegen 
kann, dafi wir imstande sind nachzuweisen: Wenn unsere Vorausset- 
zungen richtig sind, dann mufi die aufiere Beobachtung sie in einer 
gewissen Weise bestatigen, und es zeigt sich, daft die aufiere Beobach- 
tung tatsachlich bestatigt, was wir als Voraussetzung gemacht haben. 
Wahrend beim sympathischen Nervensystem im wesentlichen eine 
Art starke Nervenknoten vorhanden sind und die Ausstrahlungen 



dieser Nervenknoten, die verbindenden Faden, verhaltnismafiig dttnn 
sind und wenig in Betracht kommen gegeniiber den Nervenknoten, 
ist bei dem Gehirn-Riickenmark-Nervensystem gerade das Umge- 
kehrte der Fall, da sind die verbindenden Faden das Wesentliche, 
wahrend die Nervenknoten nur eine untergeordnete Bedeutung 
haben. So bestatigt uns die Beobachtung in der Tat das, was wir als 
Voraussetzung annahmen. Wenn das sympathische Nervensystem 
die Aufgabe hat, die es nach dem, was wir gesagt haben, haben mufi, 
dann mufi sich das innere Leben unseres Organismus, das in der 
Durchnahrung und Durchwarmung des Organismus zum Ausdruck 
kommt, gleichsam in dieses sympathische Nervensystem hineinergie- 
fien, und dieses Nervensystem miifite es auf die Bluttafel geradeso 
iibertragen, wie die aufieren Eindriicke durch das Gehirn-Riicken- 
mark-Nervensystem auf das Blut iibertragen werden. So bekommen 
wir in das individuelle Ich hinein, durch das Instrument des Ich, das 
Blut — auf dem Umwege durch das sympathische Nervensystem -, 
die Eindriicke unseres eigenen korperlichen Inneren. Da aber unser 
korperliches Innere wie alles Physische aus dem Geiste heraus aufer- 
baut ist, so bekommen wir das, was sich als geistige Welt zusammen- 
gedrangt hat in den entsprechenden Organen des inneren Menschen, 
herauf in unser [waches] Ich auf dem Umwege durch das sympathi- 
sche Nervensystem. 

So sehen wir auch hier, wie sich diese Zweiheit im Menschen noch 
genauer ausdriickt, von der wir in unseren Betrachtungen ausgegan- 
gen sind. Wir sehen die Welt einmal draufien, wir sehen sie einmal 
drinnen wirken; beide Male sehen wir diese Welt so wirken, dafi zu 
dieser Wirkung einmal das eine, einmal das andere Nervensystem als 
Werkzeug dient. Wir sehen, wie in die Mitte zwischen Aufienwelt 
und Innenwelt hineingestellt ist unser Blutsystem, das sich wie eine 
Tafel von zwei Seiten beschreiben lafit, einmal von aufien, einmal von 
innen. 

Nun haben wir gestern gesagt, und es heute der Deutlichkeit 
wegen wiederholt, dafi der Mensch imstande ist, seine Nerven, inso- 
fern sie in die Sinneswelt hinausfiihren, sozusagen frei zu machen von 
den Wirkungen der Aufienwelt auf das Blutsystem. Die Frage miis- 



sen wir uns nun vorlegen, ob auch nach der entgegengesetzten Rich- 
tung hin etwas Ahnliches moglich ist? Und wir werden spater sehen, 
dafi in der Tat auch solche Ubungen der Seele moglich sind, welche 
dieselbe Wirkung, von der wir heute und gestern gesprochen haben, 
nach der anderen Richtung moglich machen. Jedoch besteht hier ein 
gewisser Unterschied. Wahrend wir durch Gedankenkonzentration, 
durch Gefiihlskonzentration, durch okkulte Ubungen die Nerven 
unseres Gehirns und Riickenmarkes vom Blute losbekommen kon- 
nen, konnen wir durch solche Konzentrationen, welche gleichsam in 
unser Innenleben, in unsere Innenwelt hineingehen - und es sind dies 
namentlich diejenigen Konzentrationen, die man zusammenfassen 
kann unter dem Namen «mystisches Leben» — , so tief in uns eindrin- 
gen, dafi wir allerdings unser Ich dabei, also auch sein Werkzeug, das 
Blut, keineswegs unberiicksichtigt lassen. Die mystische Versenkung, 
von der wir ja wissen - was spater noch genauer ausgefuhrt werden 
soli -, dafi der Mensch durch sie gleichsam untertaucht in seine eigene 
gottliche Wesenheit, in seine eigene Geistigkeit, insofern sie in ihm 
liegt, diese mystische Versenkung ist nicht zunachst ein Herausheben 
aus dem Ich. Sie ist im Gegenteil ein Sichhineinversenken in das Ich, 
eine Verstarkung, ein Energischermachen, eine Steigerung der Ich- 
Empfindung. Davon konnen wir uns iiberzeugen, wenn wir - abge- 
sehen von dem, was die Mystiker der Gegenwart sagen - uns ein 
wenig einlassen auf altere Mystiker. Diese alteren Mystiker, gleich- 
giiltig, ob sie auf einem mehr oder weniger religiosen Boden stehen, 
sind vor alien Dingen bemuht, in ihr eigenes Ich hineinzudringen und 
abzusehen von alle dem, was die Aufienwelt uns geben kann, um frei 
zu werden von alien aufieren Eindriicken und ganz in sich selber 
unterzutauchen. Diese innere Einkehr, dieses Untertauchen in das 
eigene Ich ist zunachst wie ein Zusammenziehen der ganzen Gewalt 
und Energie des Ich in den eigenen Organismus hinein. Das wirkt 
nun auf die ganze Organisation des Menschen weiter, und wir kon- 
nen sagen: Diese innere Versenkung, dieser im eigentlichen Sinne so 
zu nennende «mystische Weg» ist - im Gegensatz zu dem anderen 
Weg, den wir beschrieben haben - so, dafi wir das Werkzeug des Ich, 
das Blut, nicht abziehen von dem Nerv, sondern es gerade mehr 



hinstofien zum Nerv, zum sympathischen Nervensystem. Wahrend 
wir also die Verbindung von Nerv und Blut losen bei dem Vorgang, 
den wir gestern besprochen haben, machen wir im Gegensatz dazu 
durch die mystische Versenkung die Verbindung zwischen dem Blut 
und dem sympathischen Nervensystem starker. Das ist das physio- 
logische Gegenbild: Bei der mystischen Versenkung wird das Blut 
tiefer hineingedrangt zu dem sympathischen Nervensystem, wahrend 
bei der anderen Art seelischer Ubungen das Blut vom Nerv abge- 
drangt wird. Es ist also wie ein Eindriicken des Blutes in das sympa- 
thische Nervensystem, was in der mystischen Versenkung vor sich 
geht. 

Nehmen wir nun an, wir konnten fur eine Weile von dem absehen, 
dafi der Mensch, wenn er in mystischer Versenkung in sein Inneres 
hineingeht, nicht loskommt von seinem Ich, sondern es im Gegenteil 
tiefer hineindrangt in sein Inneres und dabei alle schlechten, alle 
minder guten Eigenschaften, die er hat, mitnimmt. Wenn man sich in 
sein Inneres hineinversenkt, ist man sich zunachst nicht klar, dafi 
man auch alle minder guten Eigenschaften hineindriickt in dieses 
Innere, mit anderen Worten, dafi alles, was im leidenschaftlichen 
Blute ist, mit hineingepragt wird in das sympathische Nervensystem. 
Aber nehmen wir an, wir konnten eine Weile davon absehen und uns 
sagen, der Mystiker habe Sorge getragen, bevor er zu einer solchen 
mystischen Versenkung gekommen ist, dafi die minder guten Eigen- 
schaften immer mehr und mehr verschwunden sind und daft anstelle 
der egoistischen Eigenschaften selbstlose, altruistische Gefiihle getre- 
ten sind, er habe sich dadurch vorbereitet, daft er versuchte, das 
Gefiihl des Mitleides mit alien Wesen in sich rege zu machen, um die 
Eigenschaften, die nur auf das Ich hinspekulieren, zu paralysieren 
durch selbstloses Mitgefuhl fur alle Wesen. Nehmen wir also an, der 
Mensch habe sich geniigend sorgfaltig vorbereitet, um sich in sein 
Inneres hinein zu versenken. Tragt der Mensch dann das Ich durch 
das Werkzeug seines Blutes in seine innere Welt hinein, dann kommt 
es dazu, daft dieses innere Nervensystem, das sympathische Nerven- 
system, von dem der Mensch im normalen Bewufttsein naturlich 
nichts weift, hereinriickt in das Ich-Bewufttsein, daft er anfangt zu 



wissen: Du hast da in dir etwas, das dir ein Ahnliches von deiner 
inneren Welt vermitteln kann, wie dein Gehirn-Riickenmark-Ner- 
vensystem dir die aufiere Welt vermittelt. - Man wird gewahr seines 
sympathischen Nervensystems, und wie man durch das Gehirn- 
Riickenmark-Nervensystem die auftere Welt erkennen kann, so 
kommt einem jetzt entgegen die innere Welt. Aber wie wir bei den 
aufieren Eindriicken auch nicht die Nerven selbst sehen, sondern 
durch die Sehnerven die aufiere Welt in unser Bewufksein herein- 
dringt, so dringen bei der mystischen Versenkung auch nicht die 
inneren Nerven ins Bewufksein herein; der Mensch wird nur gewahr, 
da$ er in ihnen ein Instrument hat, durch das er in das Innere schauen 
kann. Es tritt etwas ganz anderes ein, es tritt vor dem nach innen zu 
hellsichtig gewordenen menschlichen Erkenntnisvermogen die innere 
Welt auf. Wie uns der Blick nach aufien die Aufienwelt erschliefk, 
und uns dabei nicht unsere Nerven zum Bewufksein kommen, so 
kommt uns auch nicht unser sympathisches Nervensystem zum 
Bewufksein, wohl aber das, was sich uns als Innenwelt entgegenstellt, 
Nur rnussen wir sehen, dafS diese Innenwelt, die uns da zum Bewufk- 
sein kommt, eigentlich wir selbst als physischer Mensch sind. 

Vielleicht liegt es nicht besonders nahe, aber ich mochte doch 
sagen: Einem ein klein wenig materialistischen Denker konnte eine 
Art von Horror aufsteigen, wenn er sich sagen sollte, dafi er seinen 
eigenen Organismus von innen sehen kann, und er konnte vielleicht 
meinen: Da sehe ich aber auch etwas Rechtes, wenn ich durch mein 
sympathisches Nervensystem hellsichtig werde und meine Leber, 
Galle und Milz zu sehen bekomme! - Ich meine, es mufi ja nicht 
besonders naheliegen, aber man konnte es sich doch sagen. So ist die 
Sache aber nicht. Denn bei einem solchen Einwand wiirde man nicht 
beriicksichtigen, dafi der Mensch im gewohnlichen Leben seine 
Leber, Galle und Milz und so weiter von aufien anschaut wie die 
anderen aufieren Gegenstande auch. So wie Sie in der Anatomie, in 
der gewohnlichen Physiologie Leber, Galle, Milz und so weiter 
kennenlernen, wenn Sie einen Menschen aufschneiden, sind diese 
Organe naturlich durch die aufieren Sinne, durch das Gehirn-Ruk- 
kenmark-Nervensystem angeschaut, geradeso wie irgend etwas an- 



deres. Aber in einer ganz anderen Lage ist der Mensch, wenn er 
versucht, sein sympathisches Nervensystem zu gebrauchen, urn nach 
innen hellsichtig zu werden. Da sieht er keineswegs dasselbe, was er 
von aufien sehen kann, sondern da sieht er das, um dessentwillen die 
Hellseher aller Zeiten so sonderbare Namen fur diese Organe 
gewahlt haben, wie ich sie Ihnen im zweiten Vortrage angefiihrt 
habe. 

Da wird er namlich gewahr, dafi in der Tat dem aufieren 
Anschauen durch das Gehirn-Riickenmark-Nervensystem diese 
Organe als Maja, in aufierer Illusion erscheinen in dem Anblick, den 
sie nach aufien bieten, nicht in ihrer inneren wesenhaften Bedeutung. 
Man sieht in der Tat etwas ganz anderes, wenn man mit dem nach 
innen gewendeten Auge diese seine innere Welt hellseherisch belau- 
schen kann. Da wird man nach und nach gewahr, warum die Hellse- 
her aller Zeiten einen Zusammenhang der Organe mit den Wirkun- 
gen der Planeten gesehen haben. Wie wir gestern gesagt haben, wurde 
die Milzwirkung mit dem Namen des Saturn, die Leberwirkung mit 
dem Jupiter und die Gallewirkung mit dem Mars in Zusammenhang 
gebracht. Denn was man im eigenen Inneren sieht, das ist in der Tat 
grundverschieden von dem, was sich dem aufieren Anblick darbietet. 
Da wird man gewahr, dafi man wirklich in den inneren Organen 
umgrenzte, zusammengeschlossene Partien der Aufienwelt vor sich 
hat. Vor allem wird eines klar, was uns zunachst als ein Beispiel 
dienen soli: Durch diese Art zu einer Erkenntnis zu kommen, die 
liber das gewohnliche Anschauen hinausfuhrt, konnen wir uns davon 
iiberzeugen, dafi die menschliche Milz ein sehr bedeutungsvolles 
Organ ist. Dieses Organ erscheint ja der inneren Betrachtung wirk- 
lich so, als wenn es nicht aus aufierer Substanz, aus fleischlicher 
Materie bestehen wurde, sondern — wenn der Ausdruck gestattet ist, 
obwohl er nur annahernd das wiedergeben kann, was gesehen wird - 
die Milz erscheint tatsachlich wie ein leuchtender Weltenkorper im 
kleinen mit allem moglichen inneren Leben, das sehr kompliziert ist. 
Ich habe Sie gestern darauf aufmerksam gemacht, dafi die Milz, 
aufierlich betrachtet, beschrieben werden kann als ein blutreiches 
Gewebe, eingebettet darin die erwahnten weifien Korperchen. So dafi 



man von einer aufieren physiologischen Betrachtung ausgehend sa- 
gen kann, dafi das Blut, welches sich durch die Milz ergiefit, durch 
sie wie durch ein Sieb durchgesiebt wird. Der inneren Betrachtung 
aber stellt sich die Milz dar als ein Organ, das durch mannigfache 
innere Krafte in eine bestandige rhythmische Bewegung gebracht 
wird. Wir iiberzeugen uns schon bei einem solchen Organ davon, 
dafi im Grunde genommen in der Welt ungeheuer viel auf Rhythmus 
ankommt. Eine Ahnung von der Bedeutung des Rhythmus im 
Gesamtleben der Welt konnen wir ja bekommen, wenn wir den 
aufieren Rhythmus des Kosmos wiedererkennen im Blut-Pulsschlag. 
Auch aufierlich konnen wir den Rhythmus in den Organen, auch in 
dem Organ der Milz, ziemlich genau verfolgen. Fur den, der mit nach 
innen gewendetem hellseherischen Blick die Organe anschaut, dem 
offenbaren sich die Differenzierungen der Milz wie in einem Licht- 
korper, sie sind dazu da, um der Milz einen gewissen Rhythmus im 
Leben zu geben. Dieser Rhythmus unterscheidet sich von anderen 
Rhythmen, die wir sonst gewahr werden, ganz betrachtlich. Und 
gerade bei der Milz ist es interessant zu studieren, wie sich dieser 
Rhythmus der Milz ganz betrachtlich unterscheidet von jedem ande- 
ren Rhythmus; er ist namlich weit weniger regelmafiig als andere 
Rhythmen. Warum? Dies ist aus dem Grunde der Fall, weil die Milz 
in einer gewissen Weise naheliegt dem menschlichen Ernahrungsap- 
parat und mit demselben etwas zu tun hat. Das werden Sie gleich 
verstehen, wenn wir ein wenig darauf Riicksicht nehmen, wie unge- 
heuer regelmafiig beim Menschen der Rhythmus des Blutes sein mufi, 
damit das Leben in einer richtigen Weise aufrechterhalten werden 
kann. Das mufi ein sehr regelmafiiger Rhythmus sein. Aber es gibt 
einen anderen Rhythmus, und der ist nur in geringem Mafie regelma- 
fiig, obwohl von ihm zu wiinschen ware, dafi er durch die Selbster- 
ziehung der Menschen immer regelmaftiger und regelmafiiger wiirde, 
namentlich in dem kindlichen Lebensalter: das ist der Rhythmus, in 
dem wir uns ernahren, der Rhythmus von Essen und Trinken. Einen 
gewissen Rhythmus halt darin ja wohl ein einigermafien ordentlicher 
Mensch ein; er nimmt zu bestimmten Zeiten seine Tagesmahlzeiten, 
das Fruhstiick, das Mittagessen und das Nachtmahl ein, so daft er 



dadurch doch einen gewissen Rhythmus hat. Aber wie ist es mit 
diesem Rhythmus eigentlich bestellt? In vieler Hinsicht - das ist ja 
traurig bekannt - wird diese Regelmafiigkeit durchbrochen durch das 
Entgegenkommen vieler Eltern gegeniiber der Genaschigkeit ihrer 
Kinder, denen man einfach dann etwas gibt, wenn sie gerade danach 
Verlangen haben, wobei abgesehen wird von allem Rhythmus. Und 
auch die Erwachsenen sind nicht gerade so ungeheuer darauf aus, 
immer einen genauen Rhythmus in bezug auf Essen und Trinken 
einzuhalten. Das soil gar nicht in pedantischer oder moralisierender 
Weise gemeint sein, denn das moderne Leben macht das nicht immer 
moglich. Wie unregelmafiig die Nahrung in den Menschen hineinge- 
stopft wird, wie unregelmafiig namentlich getrunken wird, das ist ja 
hinlanglich bekannt und soli nicht getadelt, sondern nur erwahnt 
werden. Es mufi aber das, was wir in einer mangelhaften rhythmi- 
schen Art unserem Organismus zufuhren, allmahlich so umrhythmi- 
siert werden, dafi es sich in den regelmafiigeren Rhythmus des Orga- 
nismus einfugt; es muE so umgeschaltet werden, dafi wenigstens die 
grobsten Unregelmafiigkeiten in der Nahrungsaufnahme beseitigt 
werden. Nehmen wir an, ein Mensch sei durch seinen Beruf gezwun- 
gen, um acht Uhr morgens zu friihstiicken und um ein oder zwei Uhr 
zu Mittag zu essen, und diese regelmafiige Tageseinteilung sei ihm 
eine Gewohnheit. Nun nehmen wir weiter an, er wiirde zu einem 
guten Freunde gehen, und da gebiete es ihm die sonst ja nicht genug 
zu lobende Hoflichkeit, zwischen diesen beiden Mahlzeiten eine 
Erfrischung zu sich zu nehmen. Damit hat er den gewohnten Rhyth- 
mus seiner Nahrungsaufnahme in einer ganz erheblichen Weise 
durchbrochen, und dadurch wird auf den Rhythmus seines Organis- 
mus eine ganz bestimmte Wirkung ausgeiibt. Es mufi nun etwas da 
sein im Organismus, das in entsprechender Weise dasjenige starker 
macht, was regelmafiig im Rhythmus ist und was die Wirkung dessen 
abschwachen mufi, was unregelmafiig ist. Es miissen die grobsten 
Unregelmaftigkeiten ausgeglichen werden, so dafi beim Ubergehen 
der Nahrungsmittel auf das Blutsystem ein Organ eingeschaltet sein 
mufi, das die Unregelmafiigkeit des Ernahrungsrhythmus ausgleicht 
gegeniiber der notwendigen Regelmafiigkeit des Blutrhythmus. Und 



dieses Organ ist die Milz. So konnen wir an ganz bestimmten rhyth- 
mischen Vorgangen, wie es jetzt charakterisiert worden ist, einen 
Begriff dafur erhalten, daft die Milz ein Umschalter ist, urn Unregel- 
mafiigkeiten im Verdauungskanal so auszugleichen, dafi sie zu Regel- 
ma&gkeiten werden in der Blutzirkulation. Denn es ware in der Tat 
eine ganz fatale Sache, wenn gewisse Unregelmafligkeiten in dem 
Aufnehmen von Nahrungsstoffen - namentlich in der Studentenzeit 
oder auch zu anderen Zeiten - ihre ganze Wirkung fortsetzen miifiten 
in das Blut hinein. Da ist viel auszugleichen, und es ist nur so viel auf 
das Blut iiberzuleiten, als diesem zutraglich ist. Diese Aufgabe hat 
das in die Blutbahn eingeschaltete Milzorgan, das seine rhythmisie- 
rende Wirkung so ausstrahlt iiber den ganzen menschlichen Organis- 
mus, dafi das zustande kommt, was jetzt beschrieben worden ist. 

Was wir jetzt hervorgeholt haben aus dem Einblick des hellsehend 
gewordenen Auges, zeigt sich auch der aufieren Beobachtung, nam- 
lich dafi die Milz einen gewissen Rhythmus einhalt. Es ist aufieror- 
dentlich schwierig, durch die aufieren physiologischen Untersuchun- 
gen allein diese Aufgabe der Milz herauszufinden, man kann aber 
durch aufterliche Beobachtung feststellen, dafi die Milz gewisse Stun- 
den hindurch nach einer reichlich genossenen Mahlzeit angeschwol- 
len ist und dafi sie, wenn nicht wieder nachgeschoben wird, sich 
wieder zusammenzieht, wenn eine angemessene Zeit vergangen ist. 
Durch eine gewisse Ausdehnung und Zusammenziehung dieses 
Organs wird die Unregelmafiigkeit in der Nahrungsaufnahme auf 
den Rhythmus des Blutes umgeschaltet. Und wenn Sie sich dessen 
bewufk sind, dafi der menschliche Organismus nicht blofi das ist, als 
was man ihn oft beschreibt, namlich eine Summe seiner Organe, 
sondern dafi alle Organe ihre geheimen Wirkungen nach alien Teilen 
des Organismus hinschicken, so werden Sie sich auch vorstellen 
konnen, dafi die rhythmische Tatigkeit der Milz von der Aufienwelt, 
namlich von der Zufiihrung der Nahrungsmittel abhangt, und dafi 
diese rhythmischen Bewegungen der Milz ausstrahlen in den ganzen 
Organismus und iiber den ganzen Organismus hin ausgleichend 
wirken konnen. Das ist zwar nur eine Art, wie die Milz wirkt; denn 
es ist unmoglich, alle Arten gleich anzufiihren. 



Es ware nun in der Tat au£erordentlich interessant zu sehen, ob die 
aufiere Physiologie solche Dinge, wie sie eben ausgesprochen wur- 
den, bestatigen wiirde, wenn sie dieselben - da ja nicht alle Menschen 
gleich hellsehend werden konnen - hinnehmen wiirde, ich mochte 
sagen, wie eine «hingeworfene Idee», wenn also zunachst gesagt 
wiirde: Ich will mir einmal vorstellen, daft es doch nicht so ganz 
verdrehtes Zeug ist, was die Okkultisten sagen, ich will es einmal 
weder glauben noch nicht glauben, sondern es als Idee dahingestellt 
sein lassen und prufen, ob sich davon irgend etwas durch die aufiere 
Physiologie beweisen lafit. - Dann konnten Untersuchungen der 
aufieren Physiologie angestellt werden, die den Beweis erbringen 
konnten fur das, was aus hellseherischer Beobachtung heraus gewon- 
nen wurde. 

Eine solche Bestatigung haben wir ja schon genannt, das Ausdeh- 
nen und Zusammenziehen der Milz. Es zeigt sich, weil die Ausdeh- 
nung der Milz auf die Einnahme einer Mahlzeit folgt, dafi sie von der 
Nahrungsaufnahme abhangig ist. So haben wir in der Milz ein Organ 
gefunden, das nach der einen Seite hin von menschlicher Willkur 
abhangig ist, auf der anderen Seite, nach der Blutseite hin, die Unre- 
gelmafiigkeiten der menschlichen Willkur beseitigt, sie ablahmt, das 
heifit sie umschaltet auf den Rhythmus des Blutes, und dadurch das 
Physische des Menschen sozusagen erst seiner Wesenheit gemafi 
gestaltet werden kann. Denn soli der Mensch seiner Wesenheit 
gemafi gestaltet sein, dann mull ja namentlich das Mittelpunktswerk- 
zeug seiner Wesenheit, das Blut, in der richtigen Weise seine Wir- 
kung ausiiben konnen, in dem eigenen Blutrhythmus. Es mufi der 
Mensch, insofern er Trager seines Blutkreislaufes ist, in sich abgeson- 
dert, isoliert sein von dem, was draufien in der Aufienwelt unregel- 
maftig vorgeht, und von dem, was auf den Menschen dadurch ein- 
wirkt, dafi er vollig unrhythmisch sich seine Nahrung einverleibt. 

Es ist also ein Isolieren, ein Unabhangigmachen der menschlichen 
Wesenheit von der Aufienwelt. Jedes solches Individualisieren, Selb- 
standigmachen einer Wesenheit nennt man im Okkultismus «Satur- 
nisch», etwas, das durch Saturnwirkung herbeigefuhrt wird. Das ist 
die urspriingliche Idee, das Wesentliche des Saturnischen: daft aus 



einem umfassenden Gesamtorganismus ein Wesen herausgestellt, iso- 
liert, individualisiert wird, so dafi es in sich selber eine gesonderte 
Regelmafiigkeit entfalten kann. Ich will jetzt davon absehen, dafi ja 
von unserer heutigen Astronomie aufierhalb der Saturnbahn noch 
Uranus und Neptun zu unserem Sonnensystem gerechnet werden. 
Fiir den Okkultisten ist alles das, was an Kraften vorhanden ist, um 
unser Sonnensystem aus der iibrigen Welt herauszuheben, abzuson- 
dern, zu isolieren und zu individualisieren, ihm eine Eigengesetzlich- 
keit zu geben, in den Saturnkraften gegeben. 




Alle diese Krafte sind in dem gegeben, was in unserem Sonnen- 
system der aufierste Planet ist. Wenn man sich die Welt vorstellt, 
konnte man sagen, dafi innerhalb der Kreisbahn des Saturns das 
Sonnensystem so darinnen ist, dafi es innerhalb dieser Bahn seinen 
eigenen Gesetzen folgen kann und sich unabhangig machen kann, 
indem es sich herausreifk aus der Umwelt und den gestaltenden 
Kraften der Umwelt. Aus diesem Grunde sahen die Okkultisten aller 
Zeiten in den saturnhaften Kraften das, was unser Sonnensystem in 



sich selber abschliefk, was es dem Sonnensystem moglich macht, 
einen eigenen Rhythmus zu entfalten, der nicht derselbe ist wie der 
Rhythmus draufkn, der aufierhalb der Welt unseres Sormensystems 
herrscht. 

Etwas Ahnlichem begegnen wir in unserem Organismus bei der 
Milz. In unserem Organismus haben wir es zwar nicht zu tun mit 
einem Absondern gegen die ganze aufSere Welt, sondern nur von 
einer Umwelt, insofern sie die Nahrungsmittel fur unseren Organis- 
mus enthalt. In der Milz haben wir dasjenige Organ im Korper zu 
sehen, das alles, was von draufien kommt, so behandelt, wie das 
innerhalb der Saturnbahn des Sonnensystems Liegende von den 
Saturnkraften behandelt wird: dafi es zuerst umrhythmisiert wird in 
den Rhythmus und die Gesetzmafkgkeit des Menschen. Was durch 
die Milz geschieht, das isoliert unseren Blutkreislauf von alien aufie- 
ren Wirkungen, das macht ihn zu einem in sich selber regelmafkgen 
System, das seinen eigenen Rhythmus haben kann. 

Damit kommen wir schon den Griinden etwas naher, die im 
Okkultismus fur die Wahl von Planetennamen fur die Organe mafi- 
gebend waren. In den okkulten Schulen wurden diese Namen 
urspriinglich nicht blofi auf die einzelnen physisch sichtbaren Plane- 
ten angewendet. Der Name «Saturn» zum Beispiel wurde ja, wie 
schon gesagt, auf alles angewendet, was bewirkt, dafi sich etwas aus 
einer grofieren Gesamtheit aussondert und sich abschliefk zu einem 
System, das in sich selber rhythmisch gestaltet ist. Dafi ein System 
sich abschliefk und sich in sich selbstandig rhythmisch gestaltet, hat 
einen gewissen Nachteil fur die gesamte Weltentwickelung, und das 
hat immer die Okkultisten ein wenig bekiimmert. Es ist ja leicht 
verstandlich, dafi in der kleinen und in der groften Welt alle Wirkun- 
gen zueinander in Beziehungen stehen, dafi alle sich aufeinander 
beziehen. Wenn nun irgend etwas, sei es ein Sonnensystem, sei es 
das Blutsystem des Menschen, sich herausgliedert aus der ganzen 
Umwelt und einer Eigengesetzmafkgkeit folgt, so bedeutet das, dafS 
ein solches System die aufieren umfassenden Gesetze durchbricht, 
verletzt, dafi es sich verselbstandigt gegemiber den aufieren Gesetzen 
und sich eigene innere Gesetze und einen eigenen Rhythmus schafft, 



welche denen der Umwelt zunachst widersprechen. Wir werden 
sehen, wie das auch auf den physischen Menschen bezogen werden 
kann, obwohl es uns nach den ganzen Auseinandersetzungen des 
heutigen Vortrages klar sein mufi, daft es zunachst fur den Menschen 
segensreich ist, daft er diesen durch das Saturnische der Milz geschaf- 
fenen inneren Rhythmus erhalten hat. Aber wir werden doch sehen, 
daft ein Wesen, sei es ein Planet, sei es ein Mensch, durch das Sich- 
abschlieften in sich selber sich in einen Widerspruch bringt zur 
umliegenden Welt. Es ist ein Widerspruch geschaffen zwischen dem, 
was um uns ist, und dem, was in uns ist. Dieser Widerspruch, der nun 
einmal vorhanden ist, kann nicht friiher ausgeglichen werden, als bis 
sich der im Inneren hergestellte Rhythmus dem aufteren Rhythmus 
wieder vollig angepafit hat. Wir werden noch sehen, wie dies auch auf 
den physischen Menschen bezogen wird; denn so, wie es jetzt gesagt 
worden ist, sieht es aus, als ob der Mensch sich anpassen miiftte an die 
Unregelmafiigkeit. Wir werden aber sehen, daft es anders ist. Der 
innere Rhythmus mufi, nachdem er sich hergestellt hat, danach stre- 
ben, sich wiederum mit der ganzen aufteren Welt gleich zu gestalten, 
das heiftt, sich selber aufzuheben. Das heiftt also: Die Wesenheit, die 
im Inneren entsteht und selbstandig arbeitet, mufi das Bestreben 
haben, sich wiederum an die Aufienwelt anzupassen und dieser 
Aufienwelt gegeniiber so zu werden, wie diese selber ist. Mit anderen 
Worten: Alles, was durch eine saturnische Wirkung verselbstandigt 
wird, das wird zugleich durch diese saturnische Wirkung dazu ver- 
urteilt, sich selber wieder zu zerstoren. Der Mythos driickt das im 
Bilde aus: Saturn - oder Kronos - verzehrt seine eigenen Kinder. 

So sehen Sie einen tiefen Einklang herrschen zwischen einer okkul- 
ten Idee und einem Mythos, der dasselbe ausdriickt im Bilde, im 
Symbol: Kronos verzehrt seinen eigenen Kinder. - Wenn man solche 
Dinge in immer grofierer und grofterer Zahl auf sich wirken laftt, so 
bildet sich fur die Beziehungen der angedeuteten Art ein feines 
Gefiihl heraus, und dann wird es nach einiger Zeit nicht mehr so 
leicht moglich sein, wie es die aufterliche Aufklarung tun mochte, zu 
sagen: Nun ja, da traumen einige Phantasten davon, daft in den alten 
Mythen und Sagen bildliche Auspragungen tiefer Weisheiten enthal- 



ten seien. - Wenn man zwei, drei oder auch zehn solcher Entspre- 
chungen hort, noch dazu so, wie sie oft in der Literatur dargeboten 
werden, namlich in recht aufierlicher Weise, dann kann man sich 
ganz gewifi dagegen auflehnen, daft in Mythen und Sagen tiefere 
Weisheiten enthalten seien als in der aufieren Wissenschaft. Aber wer 
defer auf die Sache eingeht, der findet bewahrheitet, dafi Mythen und 
Sagen tiefer hineinfuhren in das wirkliche Wesen der Welt und der 
Organbildung, als es der aufleren wissenschaftlichen Betrachtungs- 
weise moglich ist. Wer immer wieder solche Bilder auf sich wirken 
lafit, wie sie in den wunderbaren Mythen und Sagen iiber den ganzen 
Erdkreis hin verstreut sind, der kann bei liebevollem Eingehen auf 
diese Bilder in dem ganzen Fiihlen und Denken der Volker, in den 
bildhaften Vorstellungen der Menschen, die Umgestaltung tiefster 
Weisheiten finden. Dann begreift man, warum einige Okkultisten 
sagen konnen, derjenige habe erst Mythen und Sagen wirklich begrif- 
fen, der durch sie in die okkulte Physiologie der menschlichen Natur 
eingedrungen sei. — Mehr als die aufiere Wissenschaft erfafit, enthal- 
ten Mythen und Sagen wirkliche Weisheiten iiber das menschliche 
Wesen, wirkliche Physiologie. Wenn die Menschen einmal ergriinden 
werden, wieviel Physiologie zum Beispiel in solchen Namen wie 
Kain und Abel und ihrer Nachfolgeschaft liegt - diese alten Namen 
riihren ja aus Zeiten her, in denen man in die Namen noch einen 
inneren Sinn hineinpragte — , dann werden die Menschen einen unge- 
heuren Respekt, eine ungeheure Ehrfurcht bekommen vor alle dem, 
was im Laufe des geschichtlichen Werdens von weisheitsvollen Men- 
schen ersonnen worden ist, um da, wo in die geistigen Welten noch 
nicht hineingeschaut werden kann, die Seelen durch Bilder ihren 
Zusammenhang mit diesen geistigen Welten erleben zu lassen. Da 
wird einem grundlich vertrieben der Hochmut, der in dem Worte 
steckt, das in unserer Zeit eine viel zu grofie Rolle spielt: Wie haben 
wir es heute so herrlich weit gebracht! — , womit man meint: Wie 
haben wir abgestreift die alten bildhaften Ausdriicke der Urmensch- 
heitsweistiimer. 

Die streift man grundlich ab, wenn man sich nicht mit inniger 
Liebe in den Gang der Menschheitsentwickelung durch die verschie- 



denen Epochen hindurch versenkt. Was der Hellseher mit dem geoff- 
neten inneren Auge als die innere Natur der menschlichen Organe 
physiologisch ergriindet, das driickt sich in Bildern aus und lafit ihn 
sehen, dafi die Mythen und Sagen gleichsam die menschliche Her- 
kunft enthalten. Der Hellseher sieht in den Mythen und Sagen ausge- 
driickt diesen Wunderprozefi, dafi Welten zusammengedrangt wor- 
den sind in menschliche Organe. Er sieht, wie sich im Laufe unend- 
lich langer Zeiten die Organe zusammenkristallisiert haben, um zu 
dem werden zu konnen, was als Milz, als Leber, als Galle in uns 
wirkt. Wir werden morgen noch weiter dariiber sprechen. Um das 
alles in Bildern ausdriicken zu konnen, dazu gehort wahrhaftig eine 
tiefe Weisheit, ein tiefes Wissen von dem, was wir durch die okkulte 
Wissenschaft erst erahnen. Was in unserem inneren menschlichen 
Organismus wirkt, das ist aus Welten herausgeboren wie ein Mikro- 
kosmos aus dem Makrokosmos, und wir sehen alle diese ungeheuren 
Weistumer ausgedriickt in Mythen und Sagen. Deshalb haben jene 
Okkultisten Recht, die in den Namen der Mythen und Sagen erst 
einen Sinn finden, wenn sie darin die Physiologie erkennen. 

Darauf sollte heute nur hingedeutet werden, weil es dazu dienen 
kann, uns jene Ehrfurcht anzueignen, von der in der ersten Stunde 
gesprochen worden ist. Wenn wir eine solche Betrachtungsweise 
iiben, konnen wir wirklich hinweisen auf das, was sich einer tieferen 
Erforschung des geistigen Inhaltes der menschlichen Organe darbie- 
tet. Auch wenn wir das nur fur ganz weniges darstellen konnen, so 
wird sich uns doch schon zeigen, welcher Wunderbau dieser mensch- 
liche Organismus ist. Und ein wenig werden wir gerade in diesem 
Vortragszyklus hineinzuleuchten versuchen in diese innere Wesen- 
heit des Menschen. 



VIERTER VORTRAG 



Prag, 23.Marzl911 

Die gestrige Auseinandersetzung iiber die Bedeutung zunachst eines 
derjenigen Organe, welche gleichsam ein inneres Weltsystem des 
Menschen darstellen, soli heute fortgesetzt werden. Dann soli der 
Ubergang gefunden werden zur Beschreibung der Aufgaben anderer 
Organe und Organsysteme des Menschen. 

Es ist mir gestern in Ankniipfung an das, was hier iiber das Organ 
der Milz vorgetragen wurde, gesagt worden, dafi sich doch ein 
scheinbarer Widerspruch ergeben konnte gegeniiber jener wichtigen 
Aufgabe, die dem Organ der Milz im Gesamtwesen des Menschen 
gestern zugeschrieben worden ist. Dieser Widerspruch konnte sich 
ergeben, wenn man bedenkt, dafi es ja moglich ist, die Milz aus dem 
Korper herauszunehmen, sie also aus dem Korper zu entfernen, ohne 
durch diese Entfernung der Milz den Menschen lebensunfahig zu 
machen. 

Ein solcher Einwand ist natiirlich einer derjenigen, die von unse- 
rem gegenwartigen zeitgenossischen Standpunkte aus voll berechtigt 
sind und die gerade denjenigen gewisse Schwierigkeiten bieten, wel- 
che in ganz ehrlich suchender Art an die geisteswissenschaftliche 
Weltanschauung herankommen. Nur im allgemeinen konnte ja in 
dem ersten offentlichen Vortrage darauf hingewiesen werden, wie 
unsere heutigen Zeitgenossen - namentlich dann, wenn sie ein durch 
die wissenschaftlichen Methoden geschultes Gewissen haben - 
Schwierigkeiten zu iiberwinden haben, wenn sie sich auf den Weg 
begeben, dasjenige zu verstehen, was aus den okkulten Untergrunden 
des Weltwesens dargestellt wird. Nun werden wir ja im Laufe der 
Vortrage im Prinzip von selber sehen, wie sich ein solcher Einwand 
beheben lafit. Ich will aber doch heute schon vorbemerkend darauf 
aufmerksam machen, dafi die Entfernung der Milz aus dem mensch- 
lichen Organismus durchaus vereinbar ist mit dem, was gestern aus- 
einandergesetzt worden ist. Wenn Sie wirklich aufsteigen wollen zu 
den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, miissen Sie sich ja allmah- 



lich dareinfinden, daft dasjenige, was wir den menschlichen Organis- 
mus nennen, was wir durch unsere aufteren Sinne wahrnehmen, was 
wir substantiell, materiell an diesem menschlichen Organismus 
sehen, daft dies nicht der ganze Mensch ist, sondern daft dem physi- 
schen Organismus - das werden wir noch weiter auszufiihren haben 
- zugrundeliegen hohere, iibersinnliche Organisationen: der Ather- 
leib oder Lebensleib, der astralische Leib und das Ich, und daft wir im 
physischen Organismus nur den aufteren, den physischen Ausdruck 
haben fur die entsprechende Gestaltung, fur die entsprechenden Vor- 
gange des Atherleibes, des Astralleibes und des Ich. Wenn wir auf ein 
solches Organ hinweisen wie die Milz, so meinen wir es im geistes- 
wissenschaftlichen Sinne so, daft im Grunde genommen nicht nur in 
der aufteren physischen Milz etwas vor sich geht, sondern daft das, 
was in der physischen Milz vorgeht, nur der physische Ausdruck ist 
fur entsprechende Vorgange im Atherleibe oder im Astralleibe. Und 
man konnte sagen: Je mehr ein Organ der unmittelbare physische 
Ausdruck eines Geistigen ist, desto weniger ist die physische Form 
des Organs, also das, was wir physisch- substantiell vor uns haben, 
das eigentlich Maftgebende. Wenn wir ein Pendel ansehen, so ist die 
Pendelbewegung nur der physische Ausdruck fur die Schwerkraft. 
Ebenso ist ein physisches Organ nur der physische Ausdruck fur 
iibersinnliche Kraft- und Formwirkungen. Nun ist allerdings ein 
Unterschied zwischen den Folgen der Schwerkraft, welche sich in der 
Pendelbewegung zeigen, und den Folgen, welche entstehen durch die 
Wirkungen des Ather- und Astralleibes auf die Milz. Nimmt man das 
Pendel weg, so ist kein Objekt mehr vorhanden, an welchem sich der 
durch die Schwerkraft bewirkte Rhythmus zeigen kann. So ist es bei 
der unbelebten, anorganischen Natur, beim belebten Organismus ist 
es anders. Wenn nicht Grunde vorliegen, von denen wir noch spre- 
chen werden, so horen mit der Wegnahme des physischen Organs 
nicht notwendigerweise auch die geistigen Wirkungen der hoheren 
Organisationen auf. 

Wenn wir also den Menschen in bezug auf seine Milz ansehen, so 
haben wir es zunachst zu tun mit der physischen Milz, und dann mit 
einem System von Kraftwirkungen, die in der Milz nur ihren physi- 



schen Ausdruck haben. Wenn man die Milz wegnimmt, dann sind 
diese Kraftwirkungen, die einmal dem menschlichen Organismus 
eingegliedert wurden, noch da, sie horen nicht auf. Es kann unter 
Umstanden sogar sein, dafi durch die Anwesenheit eines erkrankten 
physischen Organs ein viel grofteres Hindernis eintritt fiir die Fort- 
dauer der geistigen Wirkungen als durch die Herausnahme des 
betreffenden Organs. Das kann zum Beispiel bei einer schweren 
Erkrankung der Milz der Fall sein. Wenn es bei einer schweren 
Erkrankung eines Organs moglich ist, das Organ zu entfernen, so ist 
unter Umstanden das Fehlen dieses Organs ein geringeres Hindernis 
fiir die Entfaltung der geistigen Wirkungen als die Anwesenheit des 
erkrankten Organs, das ein fortwahrender Storenfried ist fiir die 
Entwickelung der geistigen Kraftwirkungen. Daher gehort ein sol- 
dier Einwand, wie der angefiihrte, zu denjenigen, welche man gewifi 
macht, wenn man noch nicht tiefer in das eigentliche Wesen des 
geisteswissenschaftlichen Erkennens eingedrungen ist. Ein ganz 
begreiflicher Einwand ist es, aber zu gleicher Zeit einer derjenigen, 
die ganz von selbst verschwinden, wenn man sich Zeit lalk und 
Geduld hat, um tiefer in die Sache einzudringen. Diese Erfahrung 
werden Sie iiberhaupt machen: Wenn man mit einem gewissen Wis- 
sen, das aus den Anschauungen der heutigen materialistischen Wis- 
senschaft geschopft ist, an das Studium der Geisteswissenschaft her- 
antritt, da kann sich Widerspruch auf Widerspruch ergeben, so daft 
man gar nicht zurechtkommen kann. Und wenn man da schnell fertig 
ist mit dem Urteilen, so wird man ja allerdings zu keinem anderen 
Ergebnis kommen konnen als zu dem, dafi Geisteswissenschaft etwas 
Hirnverbranntes sei, das nicht im geringsten iibereinstimme mit den 
Ergebnissen der aufieren Wissenschaft. - Wenn man aber sich mit 
Geduld und Zeit auf die Sache einlafit, dann wird man sehen, dafi es 
keinen Widerspruch, auch nicht geringfiigigster Art, gibt zwischen 
dem, was aus der Geisteswissenschaft kommt, und dem, was sich aus 
der aufieren wissenschaftlichen Forschung ergibt. Die Schwierigkeit, 
die da vorliegt, ist die, dafi das Gesamtgebiet des anthroposophischen 
oder geisteswissenschaftlichen Erkennens ein so weites ist, dafi man 
immer nur Teile geben kann. Und wenn die Leute an diese Teile 



herantreten, konnen sie leicht solche Widerspriiche fiihlen wie diesen 
charakterisierten . 

Aber das darf uns nicht zuriickschrecken, man wiirde ja sonst gar 
nicht anfangen konnen mit dem notwendigen Hereinbringen anthro- 
posophischer Weltanschauung in die Gesamtbildung und in das 
Gesamtwissen unserer Zeit. 

Gestern versuchte ich Ihnen darzulegen jene Umrhythmisierung, 
welche durch die Milz bewirkt wird gegeniiber dem aufteren rhyth- 
muslosen Ernahren des Menschen. Ich bin davon ausgegangen, weil 
es von alien Funktionen, welche die Milz hat, die am leichtesten 
verstandliche ist. Aber obzwar es die am leichtesten verstandliche ist, 
ist sie nicht die allerwichtigste und auch nicht die, welche die Haupt- 
sache bildet. Denn man konnte ja sagen: Nun ja, wenn der Mensch 
sich bemiihen wiirde, den richtigen Rhythmus fiir seine Ernahrung 
zu erkennen, so wurde in dieser Hinsicht die Tatigkeit der Milz nach 
und nach eine unnotige werden mussen. — Schon daraus ersieht man, 
dafi diese Funktion, von der wir gestern gesprochen haben, die 
geringfugigste ist. Weit wichtiger ist die Tatsache, dafi wir bei unserer 
Ernahrung den Nahrungsmitteln als aufieren Stoffen, in der Art und 
Weise ihrer Zusammensetzung, wie sie sich in unserer Umgebung 
vorfinden, gegenuberstehen. Solange man freilich die Anschauung 
hat, daft diese Nahrungsmittel tote Stoffe seien oder hochstens von 
dem Leben erfullt, das man in den Pflanzen voraussetzt, solange man 
dies annimmt, konnte es allerdings scheinen, als ob der aufiere Stoff, 
der da als Nahrung aufgenommen wird in den Organismus, durch 
das verarbeitet wird, was man im weitesten Sinne die Verdauung 
nennt. Gewift stellen sich ja auch viele Menschen die Sache so vor, 
dafi man es mit einem bestimmungslosen Stoff zu tun hat, den wir als 
unsere Nahrung aufnehmen, mit einem Stoff, der ganz gleichgiiltig ist 
gegen uns selbst und der nur darauf wartet, wenn wir ihn aufgenom- 
men haben, daft wir ihn auch verarbeiten konnen. So ist es aber nicht. 
Die Nahrungsstoffe sind doch nicht wie Ziegelsteine, die es sich 
gefallen lassen mussen, in jeder Art als Bausteine an einem Bau zu 
dienen, der eben aufgefuhrt werden soli. Die Ziegelsteine lassen es 
sich gefallen, in beliebiger Weise nach dem Plan des Architekten 



einem Bau eingefiigt zu werden, weil sie eine in sich ungefiigte, 
leblose Masse darstellen, wenigstens in bezug auf den Bau. So ist es 
aber nicht bei den Nahrungsmitteln in bezug auf den Menschen. 
Denn ein jedes Substantielle, das wir in unserer Umgebung haben, 
hat gewisse innere Krafte, hat eine innere Gesetzmafiigkeit. Und das 
ist das Wesentliche eines Stoffes, dafi er innere Gesetzmafiigkeiten, 
innere Regsamkeiten hat. Wenn wir also die aufieren Nahrungsstoffe 
in unseren Organismus hineinbringen, sie sozusagen unserer eigenen 
inneren Regsamkeit einfugen wollen, so lassen sie sich das nicht ohne 
weiteres gefallen, sondern legen es zunachst darauf an, ihre eigenen 
Gesetze, ihre eigenen Rhythmen und ihre eigenen inneren Bewe- 
gungsformen zu behalten. Und will der menschliche Organismus sie 
fiir seine Zwecke gebrauchen, so mufi er zunachst die eigene Regsam- 
keit dieser Stoffe vernichten, er mufi sie aufheben. Er mufi nicht blofi 
ein gleichgiiltiges Material verarbeiten, sondern er mufi der eigenen 
Gesetzmafiigkeit der Stoffe entgegenarbeiten. Dafi diese Stoffe eine 
Eigengesetzmafiigkeit haben, das kann der Mensch zum Beispiel bald 
spiiren, wenn er ein starkes Gift zu sich nimmt. Da wird er bald 
sehen, dafi die Eigengesetzmafiigkeit des Giftes sich geltend macht 
und Herr uber ihn wird. So wie aber ein Gift eine innere Gesetzma- 
fiigkeit hat, durch die es eine Attacke auf den Organismus ausfuhrt, 
so ist es mit jedem Nahrungsstoff, den wir zu uns nehmen. Er ist 
nicht etwas Gleichgiiltiges, sondern er macht sich in seiner eigenen 
Natur, in seiner eigenen Wesenheit geltend; er hat seinen eigenen 
Rhythmus. Und diesem Rhythmus mufi vom Menschen entgegenge- 
arbeitet werden, so dafi nicht nur gleichgultige Baumaterialien zu 
verarbeiten sind in der inneren Organisation des Menschen, sondern 
es mufi zuerst die eigene Natur dieser Baumaterialien iiberwunden 
werden. 

So konnen wir sagen, dafi wir in den Organen, denen unsere 
Nahrungsstoffe im Inneren des Menschen zuerst entgegentreten, die 
Werkzeuge haben, um demjenigen entgegenzuarbeiten, was Eigen- 
leben der Nahrungsstoffe ist — jetzt «Leben» im weitesten Sinne auf- 
gefafit. Nicht nur das, was wir durch unregelmafiigen Rhythmus in der 
Ernahrung selber bewirken, sondern auch das, was die Nahrungs- 



stoffe an eigenem Rhythmus in sich haben, welcher dem menschli- 
chen Rhythmus widerspricht, das muft umrhythmisiert werden. Von 
den Organen, die dies bewirken, ist die Milz das aufterste Organ. 
Aber an diesem Umrhythmisieren, an diesem Umgestalten und 
Abwehren arbeiten die anderen genannten Organe wesentlich mit, so 
daft wir in Milz, Leber und Galle ein zusammenwirkendes Organ- 
system haben, welches im wesentlichen dazu bestimmt ist, bei der 
Aufnahme der Nahrungsmittel in den Organismus dasjenige zuriick- 
zuschieben, was Eigennatur dieser Nahrungsmittel ist. Alle Tatigkeit, 
welche im Magen entfaltet wird, oder auch schon, bevor die Speise in 
den Magen gelangt, ferner das, was dann bewirkt wird durch die 
Absonderung der Galle, was dann weiter durch die Tatigkeit von 
Leber und Milz geschieht, das alles gibt eben diese Abwehr der 
Eigennatur der aufteren Nahrungsstoffe. Daher sind also unsere 
Nahrungsmittel erst dann dem inneren Rhythmus des menschlichen 
Organismus angepaftt, wenn ihnen die Wirksamkeiten dieser Organe 
entgegengetreten sind. Und erst dann, wenn wir die in uns aufge- 
nommenen Nahrungsmittel den Wirksamkeiten dieser Organe aus- 
gesetzt und sie umgewandelt haben, haben wir dasjenige in uns, was 
fahig ist, in jenes Organsystem aufgenommen zu werden, das der 
Trager, das Werkzeug unseres Ich ist, in das Blut. Bevor irgendein 
aufterer Nahrungsstoff in unser Blut aufgenommen werden kann, so 
daft dieses unser Blut die Fahigkeit erhalt, Werkzeug zu sein fur 
unser Ich, mussen all die Eigengesetzlichkeiten der Auftenwelt abge- 
streift sein, und das Blut muft die Nahrungsstoffe in einer solchen 
Gestalt empfangen, die der eigenen Natur des menschlichen Organis- 
mus entspricht. Daher konnen wir sagen: In Milz, Leber und Galle 
und in ihrem Zuriickwirken auf den Magen haben wir diejenigen 
Organe, welche die Gesetze der aufteren Welt, aus der wir unsere 
Nahrung entnehmen, anpassen der inneren Organisation, dem inne- 
ren Rhythmus des Menschen. 

Nun steht aber diese menschliche Natur, wie sie als Ganzes wirkt, 
mit alien ihren Gliedern nicht bloft der inneren Welt gegeniiber, 
sondern diese innere menschliche Natur muft in einer fortwahrenden 
Korrespondenz, in einem fortwahrenden lebendigen Wechselwirken 



mit der Aufienwelt sein. Dieses lebendige Wechselwirken mit der 
Aufienwelt wird ja gerade dadurch abgeschnitten, dafi den Gesetzen 
der Aufienwelt, insofern wir mit ihr in Beziehung treten durch die 
Nahrungsstoffe, entgegengestellt werden die drei Organsysteme 
Leber, Galle, Milz. Durch diese wird die aufiere Gesetzmafiigkeit 
weggenommen von innen her. Und es wiirde der menschliche Orga- 
nismus, wenn er nur diesen Organsystemen ausgesetzt ware, sich von 
der Aufienwelt vollstandig abschliefien, er wiirde ein vollkommen in 
sich isoliertes Wesen sein. Daher ist ein anderes ebenso notwendig. 
Wie der Mensch auf der einen Seite solche Organsysteme braucht, 
durch welche die Aufienwelt so umgestaltet wird, dafi sie seiner 
Innenwelt gemafi wird, so mu£ er auf der anderen Seite auch in der 
Lage sein, unmittelbar mit dem Werkzeug seines Ich der Aufienwelt 
entgegenzutreten, unmittelbar also seinen Organismus, der sonst eine 
in sich isolierte Wesenheit ware, mit der Aufienwelt in Beziehung zu 
setzen. Wahrend das Blut auf der einen Seite mit der Aufienwelt nur 
so in Beziehung tritt, dafi es von dieser Aufienwelt nur das erhalt, 
dem alle Eigengesetzmafiigkeit abgestreift ist, tritt es auf der anderen 
Seite mit der Aufienwelt so in Beziehung, dafi es unmittelbar an sie 
herantreten kann. Das geschieht, wenn das Blut durch die Lungen 
fliefit und mit der aufieren Luft in Beriihrung kommt. Da wird es 
durch den Sauerstoff der aufieren Luft aufgefrischt und in einer 
solchen Weise gestaltet, dafi jetzt dieser Gestaltung nichts abschwa- 
chend gegeniibertritt, so dafi in der Tat der Sauerstoff der Luft so 
herantritt an das Werkzeug des menschlichen Ich, wie es dessen 
eigenster Natur und Wesenheit entspricht. So sehen wir jene ganz 
merkwiirdige Tatsache vor unser Auge treten, dafi das edelste Werk- 
zeug, das der Mensch hat, das Blut, das Werkzeug seines Ich, wie ein 
Wesen dasteht, welches alle Nahrung sorgfaltig filtriert erhalt durch 
die friiher charakterisierten Organsysteme. Dadurch ist das Blut in 
die Fahigkeit versetzt, ganz und gar ein Ausdruck der inneren Orga- 
nisation des Menschen zu werden, des inneren Rhythmus des Men- 
schen. Dadurch aber, dafi das Blut unmittelbar in Beriihrung tritt mit 
denjenigen Stoffen der Aufienwelt, die in seine innere Gesetzmafiig- 
keit und Regsamkeit aufgenommen werden diirfen, ohne dafi sie 



unmittelbar bekampft zu werden brauchen, dadurch ist diese 
menschliche Organisation nichts in sich Abgeschlossenes, sondern 
mit der Aufienwelt voll in Beruhrung. 

So haben wir im menschlichen Blutorganismus auch von diesem 
Gesichtspunkte aus etwas ganz Wunderbares vor uns. Wir haben in 
ihm ein wirkliches, echtes Ausdrucksmittel des menschlichen Ich, das 
ja in der Tat auf der einen Seite der Aufienwelt zugekehrt ist, auf der 
anderen Seite dem eigenen Innenleben zugekehrt ist. So wie wir 
gesehen haben, daft der Mensch durch sein Nervensystem den 
Impressionen der Aufienwelt zugewendet ist, also die Auftenwelt 
sozusagen auf dem Umwege durch die Nerven in sich aufnimmt, so 
kommt er in eine unmittelbare Beruhrung mit der Aufienwelt durch 
sein Blut, indem das Blut den Sauerstoff der Luft durch die Lungen 
aufnimmt. Daher konnen wir also sagen: In dem, was uns gegeben ist 
auf der einen Seite in dem Milz-Leber-Gallesystem und auf der 
anderen Seite in dem Lungensystem, haben wir zwei einander entge- 
genwirkende Systeme, die sich gleichsam beriihren in dem Blut. 
Aufienwelt und Innenwelt beriihren sich durch das Blut ganz unmit- 
telbar im menschlichen Organismus, indem das Blut von der einen 
Seite her mit der aufieren Luft in Beruhrung kommt und von der 
anderen Seite her mit den Nahrungsmitteln, denen ihre eigene Natur 
genommen ist. Es stofien also, mochte man sagen, wie positive und 
negative Elektrizitat, hier zwei Weltenwirkungen im Menschen 
zusammen. Und wir konnen uns sehr leicht vorstellen, wo das 
Organsystem liegt, welches bestimmt und geeignet ist, das Aufeinan- 
derprallen dieser beiden Weltenkraftsysteme auf sich wirken zu las- 
sen. Bis zum Herzen herauf, insofern das Blut durch das Herz 
stromt, wirken die umgewandelten Nahrungssafte. Bis zum Herzen 
herein, insofern es vom Blute durchflossen wird, wirkt der Sauerstoff 
der Luft, der unmittelbar aus der Aufienwelt in unser Blut tritt, so 
dafi wir im Herzen dasjenige Organ haben, in dem sich diese zwei 
Systeme begegnen, in die der Mensch hineinverwoben ist, an denen 
er nach zwei Seiten hangt. Es ist mit diesem menschlichen Herzen so, 
dafi wir sagen konnten: An ihm hangt auf der einen Seite der ganze 
menschliche innere Organismus, und auf der anderen Seite ist der 



Mensch durch das Herz unmittelbar angekniipft an den Rhythmus, 
an die Regsamkeit der aufteren Welt. 

Wenn nun zwei solche Systeme zusammenstoften, so konnte es ja 
sein, daft ihr Zusammenwirken eine unmittelbare Harmonie ergabe. 
Wir konnten uns vorstellen, daft diese zwei Systeme - das System der 
groften Welt, das durch den aufgenommenen Sauerstoff oder die Luft 
iiberhaupt in uns hineinwirkt, und das System der kleinen Welt, 
unseres eigenen inneren Organismus, das uns die Nahrungsmittel 
umwandelt -, daft sich diese Systeme im Blute, indem es das Herz 
durchstromt, einen harmonischen Ausgleich schaffen. Wenn es so 
ware, dann ware der Mensch eingespannt in zwei Welten, die sozusa- 
gen sein inneres Gleichgewicht schiifen. Nun werden wir im Laufe 
dieser Vortrage noch sehen, daft es sich mit der Beziehung der Welt 
zur menschlichen Wesenheit nicht so verhalt. Es ist vielmehr so, daft 
die Welt sich sozusagen ganz passiv verhalt, daft sie nur ihre Krafte 
aussendet und es dem Menschen iiberlafit, durch eigene innere Tatig- 
keit den Ausgleich zu schaffen zwischen den zweierlei Systemen, in 
deren Wirkungen wir eingespannt sind. Wir werden es immer mehr 
und mehr als das Wesentliche erkennen lernen, daft dem Menschen 
zuletzt immer ein Rest bleibt fur seine innere Tatigkeit, daft es ihm - 
bis in seine Organe hinein - iiberlassen ist, den Ausgleich, das innere 
Gleichgewicht selber zu schaffen. So miissen wir auch im menschli- 
chen Organismus selber den Ausgleich, die Harmonisierung dieser 
beiden Weltsysteme suchen. Wir miissen uns von vornherein sagen: 
Durch die Gesetzmaftigkeiten der Auftenwelt, die direkt in den Men- 
schen hineintreten, und durch die eigenen inneren Gesetzmaftigkei- 
ten des Menschen, in die er die Gesetzmaftigkeiten der Auftenwelt 
umwandelt, welche er aufnimmt durch die Nahrung, ist noch nicht 
ohne weiteres die Harmonisierung der beiden Systeme gegeben. Die 
Harmonisierung muft sich erst durch ein besonderes eigenes Organ- 
system vollziehen. Der Mensch muft in sich selber die Harmonisie- 
rung herbeifuhren. Das geschieht nicht in bewuftten Vorgangen, 
sondern durch Vorgange, die sich ganz unbewuftt innerhalb des 
menschlichen Organismus abspielen. Dieser Ausgleich zwischen die- 
sen beiden Systemen wird dadurch herbeigefiihrt, daft zwischen dem 



Milz-Leber-Gallesystem auf der einen Seite und dem Lungensystem 
auf der anderen Seite, die sich in dem das Herz durchstromenden 
Blute gegeniiberstehen, eingeschaltet ist dasjenige, was wir das Nie- 
rensystem nennen, das auch in inniger Verbindung stent mit dem 
Blutkreislauf. 

Im Nierensystem haben wir dasjenige, was sozusagen harmonisiert 
jene aufieren Wirkungen, die von dem unmittelbaren Beriihren des 
Blutes mit der Luft herriihren, mit den Wirkungen, die von denjeni- 
gen inneren Organen des Menschen ausgehen, durch die die Nah- 
rungsstoffe erst zubereitet werden mussen, damit ihre Eigennatur 
abgestreift wird. In dem Nierensystem haben wir also ein solches 
ausgleichendes System, durch das der Organismus in die Lage 
kommt, den UberschufS abzugeben, der sich ergeben wiirde durch 
ein unharmonisches Zusammenwirken der beiden anderen Systeme. 

Damit haben wir der ganzen inneren Organisation - den Organen 
des Verdauungsapparates einschliefilich derjenigen Organe, die wir 
dazurechnen mussen, wie Leber, Galle und Milz - dasjenige gegen- 
ubergestellt, wofiir diese Organe zunachst ihre vorbereitende Tatig- 
keit entwickelt haben, das Blutsystem. Und wir haben auf der ande- 
ren Seite diesem Blutsystem diejenigen Organe gegeniibergestellt, 
durch welche der einseitigen Isolierung entgegengearbeitet und damit 
der Ausgleich geschaffen wird zwischen dem genannten inneren 
System und dem, was von aufien her kommt. Wenn wir also - und 
wir werden noch sehen, wie sehr das berechtigt ist - das Blutsystem 
mit seinem Mittelpunkt, dem Herzen, uns in die Mitte des Organis- 
mus hineingestellt denken, so haben wir, sich angliedernd an dieses 
Blut-Herzsystem, auf der einen Seite das Leber-Galle-Milzsystem, 
auf der anderen Seite - und auf andere Weise mit dem Herzen in 
Verbindung stehend - das Lungensystem. Dazwischen ist das Nie- 
rensystem angeordnet, Wir werden spater noch sehen, wie ungemein 
interessant der Zusammenhang ist zwischen dem Lungensystem und 
dem Nierensystem. Jetzt wollen wir darauf zunachst nicht naher 
eingehen, sondern das Ganze im Zusammenhang betrachten. Wenn 
wir die Systeme einfach ganz schematisch nebeneinander zeichnen 
(Zeichnung Seite 78 links), dann erkennen wir schon aus dieser 



schematischen Darstellung, wie die menschliche innere Organisation 
in einem gewissen Zusammenhange stent, und wir haben diesen 
Zusammenhang so dargestellt, daft wir in dem Herzen mit dem 
dazugehorigen Blutsystem das Allerwichtigste zu sehen haben. 



Leber 






nil* 

o 




Nun habe ich schon darauf hingewiesen - und wir werden noch im 
genaueren sehen, inwiefern eine solche Namengebung gerechtfertigt 
ist -, daft im Okkultismus die Milzwirkung als eine saturnische 
Wirkung bezeichnet wird, die Leberwirkung als eine Jupiter- und die 
der Galle als eine Marswirkung. Aus demselben Grunde sieht nun die 
okkulte Erkenntnis in dem Herzen und dem dazugehorigen Blutsy- 
stem dasjenige, was den Namen «Sonne» im menschlichen Organis- 
mus ebenso verdient wie die Sonne drauften innerhalb des Planeten- 
systems. Das Lungensystem bezeichnet der Okkultist nach demsel- 
ben Prinzip als «Merkur» und das Nierensystem mit dem Namen 
«Venus». So haben wir schon in der Benennung dieser Systeme des 
menschlichen Organismus - wenn wir jetzt auch gar nicht eingehen 
auf eine Rechtfertigung dieser Namen — etwas angedeutet wie ein 
inneres Weltsystem, was wir noch dadurch erganzt haben, daft wir 
uns in die Lage versetzten, auch den Zusammenhang der beiden 
Organsysteme zu betrachten, die zum Blutsystem in Beziehung ste- 
hen. Erst wenn wir die Zusammenhange in diesem Sinne betrachten, 



tritt uns das in einer Vollstandigkeit entgegen, was wir die eigentliche 
menschliche innere Welt nennen konnen. Ich werde Ihnen nun in den 
foigenden Vortragen auch noch zu zeigen haben, dafi tatsachlich der 
Okkultist Griinde hat, das Verhaltnis der Sonne zu Merkur und 
Venus in einer ahnlichen Weise sich vorzustellen, wie im menschli- 
chen Organismus das Verhaltnis zwischen Herz, Lungen und Nieren 
gedacht werden mufi. 

Wir sehen daraus, daft in dem Werkzeug unseres Ich, in unserem 
Blutsystem, das seinen Rhythmus im Herzen zum Ausdruck bringt, 
etwas gegeben ist, was gewissermafien in seiner ganzen Gestaltung, in 
seiner inneren Natur und Wesenheit durch das innere Weltsystem 
des Menschen bestimmt wird, und dafi es in ein solches [makrokos- 
misches] Gesamtsystem eingebettet sein mufi, damit es so leben kann, 
wie es eben lebt. In diesem menschlichen Blutsystem - das habe ich 
schon ofter erwahnt — haben wir zu sehen das physische Werkzeug 
unseres Ich. Wir wissen ja, daft unser Ich, so wie wir es haben, nur 
dadurch moglich ist, dafi dieses Ich aufgebaut ist auf Grundlage eines 
physischen Leibes, eines Atherleibes und eines Astralleibes. Ein frei 
in der Welt herumfliegendes menschliches Ich ist innerhalb der Welt, 
die unsere Welt ist, nicht denkbar. Ein menschliches Ich setzt voraus 
als Grundlage einen Astralleib, einen Atherleib und einen physischen 
Leib. Wie nun dieses Ich in geistiger Beziehung die drei genannten 
Wesensglieder des Menschen voraussetzt, so setzt sein physisches 
Organ, das Blutsystem, auch physisch solche Abbilder des astrali- 
schen und des atherischen Leibes voraus. Das Blutsystem kann sich 
also nur auf der Grundlage von etwas anderem entwickeln. Wahrend 
die Pflanze sich einfach entwickelt auf der Grundlage der sie umge- 
benden unorganischen Natur, indem sie gleichsam aus derselben 
herauswachst, miissen wir sagen, dafi fur den menschlichen Blutorga- 
nismus als Grundlage nicht ohne weiteres blofi die aufiere Natur als 
Unterlage notig ist, sondern es mufi diese aufiere Natur erst noch eine 
Umgestaltung erfahren. Wie der physische Leib des Menschen erst 
einen Atherleib und einen Astralleib haben mufi, so mufi das, was an 
Nahrungsstoffen einstromt, erst umgestaltet werden, damit es dem 
menschlichen Ich als Werkzeug dienen kann. 



Wenn wir nun auch sagen konnen, dafi dieses physische Werkzeug 
des menschlichen Ich, das Blut, durch die Lunge von aufien bestimmt 
wird, so ist die Lunge selber doch ein Organ der physischen Leibes- 
organisation, das heifit, es ist nicht dieses Organ, sondern die durch 
dasselbe eingeatmete Luft, welche es mdglich macht, mit einem aufie- 
ren Rhythmus auf das Blut einzuwirken. Wir muss en unterscheiden 
zwischen dem, was von aufien an den Menschen herankommt in 
Form der Luft, die eingeatmet wird und die es dem Menschen mog- 
lich macht, mit einem aufieren Rhythmus unmittelbar sein Blutsy- 
stem zu durchdringen, und dem, was nicht unmittelbar an das leben- 
dige Werkzeug des Ich im Organismus, an das Blut, herantritt, 
sondern was herantritt - in der Art, wie es schon charakterisiert 
worden ist - auf dem Umwege durch die Seele, was der Mensch also 
dadurch aufnimmt, dafi er die Eindriicke der Aufienwelt durch die 
Sinne empfangt und diese Sinne dann ihre Eindriicke auch vermitteln 
bis zur Bluttafel hin. Deshalb werden wir sagen konnen: Der Mensch 
tritt nicht blofi mit der Aufienwelt unmittelbar stofflich in Beruhrung 
durch die Atmungsluft, indem diese Beruhrung hereinwirkt bis auf 
sein Blut, sondern er tritt durch die Sinnesorgane mit der Aufienwelt 
auch so in Beruhrung, dafi diese Beruhrung eine nichtstoffliche ist, 
wie sie in dem Prozefi der Wahrnehmung stattfindet, den die Seele 
entfaltet, wenn sie zur Umwelt in Beziehung tritt. Da haben wir 
etwas, was sich als ein hoherer Prozefi hinzufiigt zum Atmungspro- 
zefi, wir haben etwas wie einen vergeistigten Atmungsprozefi. Wah- 
rend wir durch den Atmungsprozefi die Aufienwelt stofflich aufneh- 
men, nehmen wir im Wahrnehmungsprozefi - und ich meine jetzt 
mit «Wahrnehmung» alles, was der Mensch an aufieren Impressionen 
verarbeitet - etwas durch einen vergeistigten Atmungsprozefi in 
unseren Organismus auf. Und es entsteht jetzt die Frage: Wie wirken 
diese beiden Prozesse zusammen? Denn im menschlichen Organis- 
mus mufi alles aufeinander ein wirken. 

Legen wir uns einmal diese Frage genauer vor - denn es wird 
Wesentliches davon abhangen, dafi wir sie uns genau vorlegen um 
uns die heute zunachst hypothetisch zu gebende Antwort vor unsere 
Seele fiihren zu konnen. Wir miissen uns dariiber klar werden, wie 



ein Zusammenwirken, ein Wechselwirken stattfinden kann zwischen 
alle dem, was durch das Blut wirkt und was es geworden ist dadurch, 
dafi alle diese inneren Organprozesse stattgefunden haben, und dem, 
was das Blut wird, indem wir aufiere Wahrnehmungsprozesse voll- 
ziehen. Wir mussen sehen, dafi da eine Wechselwirkung stattfinden 
kann. Das Blut ist, trotzdem es so eingehend und so vielseitig filtriert 
ist, trotzdem so vieles dafur gesorgt hat, dafi es ein so wunderbar 
organisierter Stoff ist, der Werkzeug unseres Ich sein kann, das Blut 
ist trotzdem eine physische Substanz und gehort als solche zum 
physischen Leibe. Daher konnen wir sagen: Zunachst erscheint uns 
ein weiter, weiter Abstand zwischen dem, was im menschlichen Blute 
an physischen Prozessen wirkt, und dem, was wir als unsere Wahr- 
nehmungsprozesse kennen, die die Seele vollzieht. Das ist eine nicht 
abzuleugnende Realitat; denn der Mensch miifite ja auf sonderbare 
Weise nicht zu denken verstehen, der ableugnen wollte, daft Wahr- 
nehmungen, Begriffe, Ideen, Gefuhle, Willensimpulse ebenso etwas 
Reales sind wie Blutsubstanz, Nervensubstanz, Lebersubstanz, Gal- 
lensubstanz und so weiter. Wie diese Dinge zusammenhangen, dar- 
uber konnen sich die Weltanschauungen streiten; sie konnen sich 
dariiber streiten, ob die Gedanken blofi irgendwelche Wirkungen, 
sagen wir, der Nervensubstanz oder dergleichen seien. Da kann 
vielleicht ein Streiten der Weltanschauungen beginnen. Aber keinen 
Streit kann es dariiber geben, weil es eine selbstverstandliche Sache 
ist, daft unser Seeleninnenleben, unser Gedankenleben, unser 
Gefiihlsleben, alles was sich aufbaut auf Grund der aufteren Wahr- 
nehmungen und Eindriicke, eine Realitat fur sich darstellt. Wohlge- 
merkt, ich sage nicht: eine abgesonderte Realitat -, sondern: eine 
Realitat fur sich, denn nichts ist in der Welt abgesondert. Mit « Reali- 
tat fur sich» soil nur angedeutet werden, was real beobachtet werden 
kann, und dazu gehoren Gedanken, Gefuhle und so weiter ebenso 
wie Magen, Leber, Galle und Milz. 

Aber ein anderes kann uns auffallen, wenn wir diese zwei Realita- 
ten nebeneinanderstellen: Auf der einen Seite alles, was ein selbst 
noch so stark filtriertes Materielles, Physisches ist wie das Blut, und 
auf der anderen Seite das, was ja mit einem Physischen gar nichts zu 



tun zu haben scheint zunachst, namlich die Inhalte der Seele, die 
Gefuhle, Gedanken und so weiter. In der Tat bietet der Anblick 
dieser zweierlei Arten von Realitaten fiir den Menschen solche 
Schwierigkeiten, dafi sich an diesen Anblick angegliedert haben die 
allermannigfaltigsten Antworten aus den verschiedensten Weltan- 
schauungen heraus. Da gibt es Weltanschauungen, welche eine 
unmittelbare Einwirkung des Seelischen, des Gedanklichen, des 
Gefuhlsmafiigen auf die physische Substanz annehmen, wie wenn der 
Gedanke unmittelbar auf die physische Substanz wirken konnte. 
Denen stehen andere gegeniiber, die materialistischen, die annehmen, 
dafi Gedanken, Gefuhle und so weiter einfach produziert werden aus 
den Vorgangen des Physisch-Substantiellen heraus. Der Streit dieser 
beiden Weltanschauungen hat ja in der aufieren Welt - nicht fiir den 
Okkultisten, fiir den dieser Streit ein Streit mit leeren Worten ist - 
durch lange Zeiten hindurch eine grofie Rolle gespielt, Und als man 
endlich gar nicht mehr zurechtgekommen ist, da ist in der neueren 
Zeit noch etwas anderes aufgetreten, was den sonderbaren Namen 
«psychophysischer Parallelismus» fiihrt. Weil man sich gar nicht 
mehr zu helfen wulke, welcher nun von den beiden Gedanken der 
richtige ist - entweder wirkt der Geist auf die leiblichen Prozesse, 
oder es wirken die leiblichen Prozesse auf den Geist -, so sagte man 
eben einfach, das seien zwei Vorgange, die parallel ablaufen. Man 
sagte sich: Wahrend der Mensch denkt, fiihlt und so weiter, laufen 
parallel in seinen physischen Organsystemen ganz bestimmte 
Vorgange ab. - Die Wahrnehmung «Ich sehe Rot» wiirde also entspre- 
chen irgendeinem materiellen Vorgang innerhalb des Nervensy stems. 
Was wir empf inden bei einem roten Eindruck, was wir fiihlen an Freude 
oder Schmerz bei ihm, entspricht einem materiellen Vorgang. Aber 
weiter geht man nicht, als zu sagen, dafi er eben «entspricht». Diese 
Theorie hebt in der Tat die ganzen Schwierigkeiten auf, indem sie 
diese einfach wegexpliziert. Nun, alle Streitereien, die sich auf diesem 
Boden entsponnen haben und auch die Hilflosigkeit des psychophy- 
sischen Parallelismus ergeben sich daraus, dafi man diese Fragen 
entscheiden will auf einem Boden, auf dem sie gar nicht ausgetragen 
werden konnen. Wir haben es mit nichtmateriellen Vorgangen zu 



tun, wenn wir die Tatigkeiten unseres inneren Seelenlebens ins Auge 
fassen, und wir haben es mit materiellen Vorgangen zu tun, wenn 
wir, selbst iiber etwas so fein organisiertes wie es das Blut ist, unsere 
Betrachtungen anstellen. Wenn man diese zwei Dinge einfach gegen- 
iiberstellt - physische Betatigung und seelische Betatigung - und jetzt 
durch Nachdenken herausbekommen will, wie diese beiden aufein- 
ander wirken, so ergibt dieses Nachdenken eben gar nichts. Durch 
Nachdenken kann man alle willkiirlichen Losungen oder Nichtlo- 
sungen finden. Erst dadurch wird iiber diese Fragen etwas entschie- 
den werden konnen, dafi wir uns wirklich eine hohere Erkenntnis 
aneignen, die weder stehenbleibt bei dem physischen Anschauen der 
Aufienwelt noch bei dem an die blofie physische Aufienwelt gebun- 
denen Denken. Wir miissen eine Form der Erkenntnis finden, die 
sich erhebt zu dem, was iiber das Physische hinaus in die uberphysi- 
sche Welt fiihrt. Wir miissen auf der einen Seite von dem Materiellen 
hinaufsteigen zu dem Ubermateriellen, zu dem Uberphysischen, wir 
miissen aber auf der anderen Seite auch von dem Seelenleben, das sich 
in der physischen Welt abspielt, hinaufsteigen zu dem, was unserem 
Seelenleben zugrundeliegt in der uberphysischen Welt, denn mit 
unserem Seelenleben, mit alien unseren Gefiihlen und so weiter leben 
wir ja auch in der physischen Welt. Wir miissen also von zwei Seiten 
her aufsteigen zu einer uberphysischen Welt. 

Um von der materiellen Seite her in die uberphysische Welt aufzu- 
steigen, dazu sind jene Seeleniibungen notwendig, welche es dem 
Menschen moglich machen, hinter das aufiere Sinnliche zu schauen, 
hinter den Schleier, von dem ich gesprochen habe, in welchen unsere 
Sinneseindriicke hineinverwoben sind. Solche Sinneseindriicke haben 
wir ja auch dann vor uns, wenn wir den aufieren menschlichen 
Organismus betrachten, auch bei dem am feinsten Organisierten des 
menschlichen Organismus, dem Blute, haben wir es mit einem Phy- 
sisch-Sinnlichen zu tun. Es sind Seeleniibungen notwendig, um den 
Menschen in die ubersinnliche Welt hineinzufuhren. Zunachst mufi 
er eine Stufe tiefersteigen als dort, wo er war, als er die Seelenein- 
driicke in sich aufnehmen konnte, unter den Plan des Physischen. In 
den Untergriinden der physisch-sinnlichen Welt, da tritt ihm als das 



Ubersinnliche der menschlichen Organisation der Atherleib entge- 
gen. Dieser Atherleib - wir werden ihn noch genauer besprechen 
gerade vom okkult-physiologischen Standpunkte aus - ist eine uber- 
sinnliche Organisation, die wir uns zunachst einfach denken als die 
ubersinnliche Grundsubstanz, aus der sich der sinnliche Organismus 
des Menschen herausgliedert und von dem er ein Abbild, ein 
Abdruck ist. Von diesem Atherleibe ist selbstverstandlich auch das 
Blut ein Abdruck. Wir haben also jetzt hier, indem wir um eine Stufe 
hinter den physisch-sinnlichen Organismus getreten sind, ein iiber- 
sinnliches Glied in dem menschlichen Atherleibe gefunden. Und es 
fragt sich nun: Konnen wir an dieses Ubersinnliche, an diesen Ather- 
leib, nun auch herankommen von der anderen Seite her, von der Seite 
des Seelischen her, von unseren Empfindungen, Gedanken, Gefuhlen 
her, die wir uns aufbauen aus Eindriicken der Aufienwelt? 

Da stellt sich nun allerdings heraus : So unmittelbar, wie wir unser 
Seelenleben haben, kommen wir nicht gleich an den Atherorganis- 
mus heran. Aber - und damit lassen Sie mich die heutige Betrachtung 
ausklingen - wenn wir in unserer Seele arbeiten, so geschieht das ja 
so, dafi wir zunachst die aufieren Eindnicke bekommen, auf die Sinne 
wirkt die aufiere Welt, dann verarbeiten wir in unserer Seele die 
aufieren Eindnicke; aber wir tun noch mehr, wir speichern gleichsam 
diese empfangenen Eindriicke in uns selber auf. Denken Sie nur 
einmal nach liber die einfache Erscheinung des Gedachtnisses, der 
Erinnerung. Wenn Sie sich an etwas erinnern, woran Sie vor Jahren 
auf Grundlage aufierer Wahrnehmungen Eindriicke gewonnen 
haben, sich Vorstellungen gebildet haben, die Sie heute aus den 
Untergriinden Ihrer Seele heraufholen, und es kommt Ihnen die 
Erinnerung, sagen wir an etwas ganz einfaches, einen Baum oder 
einen Geruch, da mussen Sie sagen, Sie haben in Ihrer Seele etwas 
aufgespeichert, was Ihnen hat bleiben konnen von dem aufieren 
Eindruck. Nun zeigt uns aber eine wiederum nur durch Ubungen der 
Seele zu gewinnende Betrachtung des Seelenlebens selber, dafi in dem 
Augenblick, wo wir unser Seelenleben soweit haben, dafi wir aufge- 
speicherte Eindriicke als Erinnerungsvorstellungen zuriickrufen kon- 
nen, wir mit unseren seelischen Erlebnissen nicht nur in unserem Ich 



wirken. Zunachst tun wir das ja, indem wir mit unserem Ich der 
Aufienwelt gegeniibertreten, Eindriicke aus ihr aufnehmen und sie 
verarbeiten im Astralleibe. Wurden wir aber nur das tun, so wurden 
wir alles gleich wieder vergessen. Wenn wir Schliisse Ziehen, arbeiten 
wir im Astralleib. Wenn wir aber die Eindriicke in uns so fest 
machen, dafi wir sie nach einiger Zeit - ja, oder auch nur nach 
Minuten - wieder heraufholen konnen, dann pragen wir die Ein- 
driicke, die wir durch unser Ich gewonnen und durch unseren Astral- 
leib verarbeitet haben, in unseren Atherleib ein; so dafi wir also in 
den Gedachtnisvorstellungen vom Ich aus hineingeprelk haben in 
den Atherleib dasjenige, was wir als seelische Betatigung in der 
Beriihrung mit der Auftenwelt gewonnen haben. Wenn wir nun die 
Fahigkeit haben, von unserer Seele her in den Atherleib hineinzu- 
pressen unsere Erinnerungsvorstellungen, und wenn wir den Ather- 
leib auf der anderen Seite anerkennen als den nachsten ubersinnlichen 
Ausdruck unseres Orgamsmus, so fragt es sich nun: Wie geschieht 
dieses Hineinpressen? Wie geht das vor sich, dafi der Mensch tatsach- 
lich das, was vom Astralleibe verarbeitet ist, jetzt wirklich in den 
Atherleib hineinbringt? Wie kann er es in den Atherleib iiberleiten? 

Diese Uberleitung geschieht auf eine sehr merkwurdige Weise. 
Wenn wir zunachst ganz schematisch den Verlauf des Blutes durch 
den ganzen menschlichen Korper betrachten und dieses Blut als den 
aufieren physischen Ausdruck des menschlichen Ich fassen, so sehen 
wir - wenn wir das jetzt so betrachten, als ob wir im Atherleibe 
drinnen stiinden -, wie das Ich arbeitet in Korrespondenz mit der 
Aufienwelt, wie es Impressionen empfangt und diese zu Vorstellun- 
gen verdichtet, und wir sehen, wie dabei in der Tat unser Blut nicht 
nur tatig ist, sondern wie unser Blut im ganzen Verlauf, namentlich 
nach oben zu - nach unten weniger -, iiberall den Atherleib erregt, so 
dafi wir iiberall im Atherleibe Strdmungen sich entwickeln sehen, die 
einen ganz bestimmten Verlauf nehmen. Sie erscheinen so, als ob sie 
sich an das Blut anschliefien wurden, vom Herzen nach dem Kopfe 
gehen und sich im Kopfe sammeln wurden. Sie sammeln sich unge- 
fahr so - wenn ich jetzt einen aufieren Vergleich gebrauchen darf -, 
wie etwa Strome von Elektrizitat einer Spitze zugehen, der eine 



andere Spitze entgegengestellt ist, und so zum Ausgleich von positi- 
ver und negativer Elektrizitat hinstreben, 

Wenn wir diesen Vorgang okkult betrachten mit entsprechend 
geiibter Seele, so sehen wir, wie in einem Punkte sich jene Ather- 
krafte unter einer gewaltigen Spannung zusammendrangen, welche 
hervorgerufen sind durch die Eindriicke, die jetzt gewisse Vorstel- 
lungen werden wollen, Gedachtnisvorstellungen, die sich in den 
Atherleib einpragen wollen. Man sieht es den Atherkraften an, da$ 
sie Gedachtniskrafte werden wollen. Ich will die letzten Auslaufer 
dieser Atherstromungen nach dem Gehirn herauf und das Sich- 
zusammendrangen so zeichnen, wie es sich etwa wirklich darstellen 




wiirde. Wir sehen da eine machtige Spannung, die sich an einer Stelle 
sammelt und gleichsam sagt: Ich will in den Atherleib hinein! - Wir 
sehen nun, wie dieser Atherstromung des Kopfes andere Stromungen 
entgegenkommen, die ausgehen namentlich von den Lymphgefafien 
und die sich so sammeln, dafi sie sich der ersten Stromung entgegen- 
stellen. So haben wir im Gehirn, wenn sich eine Gedachtnisvorstel- 
lung bilden will, einander gegeniiberstehen zwei Atherstromungen, 
die sich mit grofitmoglicher Kraft konzentrieren, etwa so wie positive 
und negative Elektrizitat sich an ihren Polen mit grofiter Spannung 
konzentrieren und nach Ausgleich streben. Ein Ausgleich zwischen 
den beiden Atherstromungen geschieht in der Tat, und wenn er 
vollzogen ist, dann ist eine Vorstellung Gedachtnisvorstellung 
geworden und hat sich dem Atherleibe einverleibt. 



Solche ubersinnlichen Realitaten, solche iibersinnlichen Stromun- 
gen im menschlichen Organismus driicken sich dadurch aus, dafi sie 
sich auch ein physisch-sinnliches Organ schaffen, welches wir wie 
eine Versinnlichung solcher Stromungen anzusehen haben. So haben 
wir ein Organ, welches sich im mittleren Gehirn befindet, das der 
physisch-sinnliche Ausdruck ist fur das, was als Gedachtnisvorstel- 
lung sich bilden will. Dem stellt sich gegeniiber ein anderes Organ im 
Gehirn, das der Ausdruck ist fur diejenigen Stromungen im Ather- 
leib, die von den unteren Organen kommen. Diese beiden Organe im 
menschlichen Gehirn sind der physisch-sinnliche Ausdruck fur diese 
beiden Stromungen im menschlichen Atherleibe, sie sind etwas wie 
letzte Anzeichen dafur, dafi solche Stromungen im Atherleibe statt- 
finden. Es verdichten sich gleichsam diese Stromungen so stark, dafi 
sie die menschliche Leibessubstanz ergreifen und zu diesen Organen 
verdichten, so dafi wir in der Tat den Eindruck haben, wie wenn von 
dem einen Organ helle Lichtstromungen ausstrahlen, die zu dem 
anderen Organ iiberfliefien. Das physische Organ, das die Gedacht- 
nisvorstellung bilden will, ist die Zirbeldriise, der aufnehmende Teil 
ist der Gehirnanhang, Hypophysis. 



Hier haben Sie an einer ganz bestimmten Stelle des physischen 
Organismus den aufieren physischen Ausdruck fur das Zusammen- 
wirken des Seelischen mit dem Leiblichen! 

Es soil das zunachst nur wie eine prinzipielle Darstellung sein, 
womit wir unsere heutige Betrachtung ausklingen lassen wollen, die 
wir morgen weiter ausfiihren wollen und an die wir Genaueres und 
Beweisbares ankniipfen wollen. Es ist wichtig, daft wir den Gedan- 
ken genau festhalten, daft wir im Ubersinnlichen forschen konnen, 
und uns dann fragen konnen, ob der zu erwartende physische Aus- 
druck fur das Ubersinnliche auch vorhanden ist. Wir sahen hier, daft 
das der Fall ist. Da es sich aber hier um die Eingangspforte vom 
Sinnlichen zum Ubersinnlichen handelt, so werden Sie es begreifen, 
daft diese Organe fur die physische Wissenschaft hochst zweifelhafte 
Organe sind, und daft Sie iiber diese Organe von der aufteren Wissen- 
schaft nur aufterordentlich unzureichende und ungeniigende Aus- 
kunft erhalten konnen. 



FUNFTER VORTRAG 



Prag, 24.Marzl911 



Es wird heute meine Aufgabe sein, bevor wir in unseren Betrachtun- 
gen weiterschreiten, einige Begriffe herbeizutragen, die wir in der 
weiteren Folge unserer Darstellungen notwendig brauchen werden. 
Da wird es insbesondere wichtig sein, dafi wir uns verstandigen iiber 
die Bedeutung dessen, was wir im geisteswissenschaftlichen, anthro- 
posophischen Sinne ein physisches Organ nennen oder vielmehr den 
physischen Ausdruck eines Organs. Denn Sie haben ja schon gese- 
hen, dafi wir zum Beispiel iiber die Milz so reden konnen, dafi die 
physische Milz sogar materiell entfernt werden kann oder unbrauch- 
bar werden kann, ohne dafi dasjenige, was wir im anthroposophi- 
schen Sinne die «Milz» nennen, von seiner Tatigkeit ausgeschaltet 
wird. Es bleibt dennoch, wenn wir ein solches physisches Organ 
ausgeschaltet, entfernt haben, im Organismus die Tatigkeit, die 
innere Regsamkeit, die durch das Organ ausgeiibt worden war, 
immer noch iibrig. Daraus sehen wir - und ich bitte Sie recht sehr, 
sich einen solchen Begriff fur das folgende anzueignen — , dafi wir 
alles, was physisch anschaubar, was physisch wahrnehmbar ist bei 
einem solchen Organ, uns wegdenken konnen - natiirlich kann man 
das nicht von jedem Organ sagen -, und es bleibt doch die bestim- 
mungsgemafie Funktion des Organs; und das, was dann bleibt, was 
die Funktion weiter fortfiihrt, das miissen wir zu dem Ubersinnli- 
chen des menschlichen Organismus rechnen. 

Nun sprechen wir aber uberhaupt, wenn wir im Sinne unserer 
Geisteswissenschaft von solchen Organen sprechen wie Milz, Leber, 
Galle, Nieren, Lungen und so weiter, indem wir diese Namen aus- 
sprechen, zunachst gar nicht von dem, was man physisch sehen kann, 
sondern wir bezeichnen damit die in diesen Organen wirkenden 
Kraftsy steme, die ubersinnlicher Natur sind. Daher werden wir, und 
das ist in besonderem Grade bei der Milz der Fall, wenn wir geistes- 
wissenschaftlich davon sprechen, zunachst ein aufierlich physisch 
nicht sichtbares Kraftsystem uns denken miissen. Denken wir also in 



dem, was ich hier zeichne, ein physisch nicht sichtbares Kraftsystem, 
das nur anschaubar werden konnte fur ein iibersinnliches Schauen. 





Mihoiherkrafte 




SloftlUhkoil 



Ein solches ware also zum Beispiel in der Gegend unserer Milz nur 
als iibersinnliches Kraftsystem sichtbar. Wenn wir nun ins Auge 
fassen, dafi ja im wirklichen uns vorliegenden menschlichen Organis- 
mus dieses iibersinnliche Kraftsystem ausgefiillt ist mit sinnlicher 
Materie, so miissen wir uns fragen: Wie haben wir uns nun das 
Verhaltnis dieses iibersinnlichen Kraftsystems zu dem, was sinnliche 
Materie ist, zu denken? 

Ich glaube, es wird Ihnen nicht schwierig werden, zu denken, dafi 
Krafte durch den Raum gehen konnen, welche zunachst nicht sinn- 
lich anschaubar sind. Man braucht sich nur an folgendes zu erinnern: 
Wer zum Beispiel niemals etwas von der Realitat der Luft in einer 
von Wasser entleerten Flasche gehdrt hat, der wird der Meinung sein, 
die Flasche sei ganz leer. Ein solcher physikalisch Unkundiger wird 



einigermaften erstaunt sein zu sehen, dafi, wenn wir eine leere Was- 
serflasche auf den Tisch stellen, einen gut anschliefienden enghalsigen 
Trichter aufsetzen und rasch Wasser in den Trichter eingiefien, wir 
das Wasser im Trichter behalten und es nicht in die Flasche hinein- 
fliefien kann, weil es durch den Gegendruck der Luft verhindert 
wird, in die Flasche einzudringen. Ein solcher Mensch wird dann 
gewahr, dafi doch ein fur ihn Unsichtbares in der Flasche darinnen 
ist, welches das Wasser zunickhalt. Denken Sie sich diesen Begriff 
etwas erweitert, so wird es auch nicht schwierig sein, sich vorzustel- 
len, dafi der Raum von Kraftsystemen durchdrungen sein kann, 
welche zunachst ubersinnlicher Natur sind, so daft wir sie nicht mit 
dem Messer durchschneiden konnen und dafi sie auch nicht ange- 
griffen werden konnen, wenn ein physisches Organ, das ihr materiel- 
ler Ausdruck ist, zum Beispiel die Milz, erkranken sollte. Wir haben 
uns zu denken, dafi ein iibersinnliches Kraftsystem zu dem, was wir 
als physisch-sinnliches Organ sehen, in einem solchen Verhaltnis 
steht, dafi physische Materie sich in dieses Kraftsystem einlagert, 
angezogen von den Kraftpunkten und Kraftlinien, und dadurch zu 
einem physischen Organ wird. Wir konnen sagen: Der Grund, warum 
zum Beispiel an der Stelle der Milz ein physisch-sinnliches Organ 
sichtbar ist, ist also der, dafi dort in einer ganz bestimmten Weise 
Kraftsysteme den Raum ausfullen, welche die Materie so heranziehen, 
dafi sie sich in einer solchen Weise einlagert, wie wir es an dem aufieren 
Organ der Milz sehen, wenn wir es anatomisch betrachten. 

So konnen Sie sich die verschiedensten Organe im menschlichen 
Organismus denken. Sie sind zuerst ubersinnlich veranlagt und dann 
ausgefullt unter dem Einflufi der verschiedensten iibersinnlichen 
Kraftsysteme von physischer Materie. Daher miissen wir in diesen 
Kraftsystemen zunachst einen iibersinnlichen Organismus sehen, der 
in sich differenziert ist, der in den verschiedensten Weisen die physi- 
sche Materie sich eingliedert und dessen Kompliziertheit das physi- 
sche, ihm eingegliederte Organ nur unvollstandig zu folgen vermag. 
Damit haben wir nicht nur den Begriff des Verhaltnisses der iiber- 
sinnlichen Kraftsysteme zu den eingelagerten physisch-materiellen 
Organen gewonnen, sondern zugleich auch einen anderen Begriff, 



den der Ernahrung des Gesamtorganismus. Worm besteht denn diese 
Ernahrung des Gesamtorganismus? Sie besteht in nichts anderem als 
darin, daft die aufgenommenen Nahrungsstoffe so vorbereitet wer- 
den, daft es moglich ist, sie hinzuleiten nach den verschiedenen 
Organen, und diese sich dann die Stoffe eingliedern. Wir werden in 
den folgenden Vortragen noch sehen, wie dieser allgemeine Begriff 
der Ernahrung, der sich zeigt als eine Anziehungskraft der verschie- 
denen Organsysteme fur die Nahrungsstoffe, sich verhalt zur Entste- 
hung des einzelnen Menschen, zur Keimesgeschichte des einzelnen 
Menschen, die vor der Geburt liegt. Der umfassendste Begriff der 
Ernahrung ist also der, daft durch iibersinnliche Kraftsysteme, durch 
einen ubersinnlichen Organismus die einzelnen Nahrungsstoffe ein- 
gesogen und in der verschiedensten Weise dem physischen Organis- 
mus eingegliedert werden. 

Nun miissen wir uns klar sein, daft der Atherleib des Menschen, 
der das nachste iibersinnliche Glied in der menschlichen Organisa- 
tion ist nach dem physischen Leibe, daft dieser Atherleib, wenn er 
auch das grobste der ubersinnlichen Glieder ist, wie ein ubersinnli- 
ches Urbild dem gesamten Organismus zugrundeliegt, daft er in sich 
gegliedert, differenziert ist und die mannigfaltigsten Kraftsysteme 
enthalt, um sich die durch die Ernahrung aufgenommenen Stoffe 
einzugliedern. Wir haben nun aber nach diesem atherischen Leib, den 
wir als das Urbild des menschlichen Organismus betrachten konnen, 
als das nachsthohere Glied der menschlichen Wesenheit den soge- 
nannten Astralleib. Wie sich diese beiden zusammenschlieften, wer- 
den uns die nachsten Vortrage noch zeigen. Der Astralleib ist das, 
was sich erst eingliedern kann, wenn sowohl der physische Organis- 
mus als auch der atherische Organismus ihrer Anlage nach schon 
vorbereitet sind; er setzt die beiden anderen Organismen voraus. 
Ferner haben wir das, was wir das menschliche Ich nennen, so daft 
die gesamte menschliche Wesenheit sich zusammenschlieftt aus die- 
sen vier Gliedern. Wir konnen uns nun vorstellen, daft schon im 
Atherleib selbst gewisse Kraftsysteme sind, die die Nahrungsstoffe 
an sich ziehen und sie dann im physischen Organismus in einer ganz 
bestimmten Weise gestalten. Wir konnen uns aber auch vorstellen, 



dal$ ein solches Kraftsystem nicht nur durch den Atherleib bestimmt 
ist, sondern auch durch den Astralleib und dafi dieser seine Krafte da 
hineinsendet, so da$, wenn wir uns das physische Organ wegdenken, 
wir zunachst das atherische Kraftsystem haben wiirden, dann das 
astralische Kraftsystem, welches das atherische Kraftsystem in einer 
ganz bestimmten Weise durchdringt, und wir konnen uns vorstellen, 
dafi da auch noch Strahlungen vom Ich hineindringen. 

Es kann nun Organe geben, welche so in den Organismus einge- 
gliedert sind, dafi ihr Wesentlichstes darauf beruht, dafi die atheri- 
schen Stromungen in ihrer Eigenart noch sehr wenig bestimmend 
gewirkt haben, so dafi, wenn wir den Raum okkult untersuchen, in 
dem ein betreffendes Organ sich befindet, wir finden wiirden, dafi 
der atherische Teil dieses Organs recht wenig durch sich selber 
differenziert ist, nur wenig von diesen Kraftsystemen enthalt, dafi 
aber dafiir dieser Teil des Atherleibes durch starke astralische Krafte 
beeinflufit wird. Dann wird, wenn die physische Materie sich einem 
solchen Organ eingliedert, der Atherleib nur eine geringe Anzie- 
hungskraft auf die einzugliedernden Stoffe ausiiben, die hauptsach- 
lichste Anziehungskraft wird dann vom Astralleib auf das betref- 
fende Organ ausgeiibt, und zwar so, als ob die betreffenden Stoffe 
direkt von dem Astralleibe hereingeholt wiirden in das betreffende 
Organ. Daraus sehen Sie, dafi die Organe des Menschen von ganz 
verschiedener Wertigkeit sind. Es gibt solche Organe, von denen man 
sagen raufi, dafi sie hauptsachlich bestimmt sind durch Kraftsysteme 
des Atherleibes, andere, die mehr bestimmt sind durch Stromungen 
oder Krafte des Astralleibes, wahrend noch andere mehr bestimmt 
sind durch Stromungen des Ich. Aus den Ausfuhrungen, die in den 
Vortragen gemacht worden sind, konnen Sie sich schon sagen, dafi 
insbesondere das Organsystem, das unser Blut fiihrt, im wesentlichen 
von solchen Strahlungen abhangt, die von unserem Ich ausgehen, daft 
also das menschliche Blut im wesentlichen mit Stromungen und 
Strahlungen des menschlichen Ich zusammenhangt. Die anderen 
Organsysteme und ihre Inhalte sind in den verschiedensten Abstu- 
fungen von den iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Natur 
bestimmt. 



Aber es kann auch der umgekehrte Fall eintreten, wenn wir nam- 
lich den physischen Leib an sich nehmen, der ja - jetzt abgesehen von 
seinen hoheren Gliedern - auch ein Kraftsystem darstellt. Er stellt 
zunachst das dar, was man sich zusammengesetzt denken kann aus 
Stoffen der aufieren Welt, die auch ihre inneren Gesetze haben, die 
aber umgewandelt dem physischen Leibe eingefugt sind. Der physi- 
sche Leib ist also auch ein Kraftsystem. So dafl Sie sich auch den Fall 
denken konnen, dafi der physische Organismus wieder zuriickwirkt 
auf das atherische oder bis auf das astralische Kraftsystem oder sogar 
bis ins Ich-System hinein. Wir miissen uns denken, daft das atheri- 
sche Kraftsystem nicht nur eingefangen wird von dem astralischen 
oder vom Ich-System, sondern dafi es auch Organe gibt, bei denen 
die atherischen Krafte von der Seite des physischen Kraftsystems 
derart eingespannt werden, dafi das physische Kraftsystem iiber- 
wiegt. Solche Organe, bei denen der physische Leib das Uberwie- 
gende ist, die also nur in geringerem Mafie beeinflufk werden von den 
hoheren Gliedern der menschlichen Organisation, das sind haupt- 
sachlich diejenigen Organe, welche im weitesten Sinne als Absonde- 
rungsorgane zu bezeichnen sind, alle driisigen Organe, alle Absonde- 
rungsorgane iiberhaupt. Alle Absonderungsorgane, alle Organe, wel- 
che direkt Stoffe absondern, werden zu diesen Stoffabsonderungen - 
also zu einem Vorgang, der innerhalb der rein physischen Welt seine 
wesentliche Bedeutung hat - hauptsachlich durch die Krafte des 
physischen Organismus veranlafit. Wo immer im menschlichen 
Organismus solche Organe sind, wenn sie vorzugsweise zum Abson- 
dern des Stofflichen bestimmt sind, miissen wir uns klar sein, dafi 
solche Organe, die hauptsachlich Werkzeuge der physischen Kraft- 
systeme sind, durch Erkrankung, durch Unbrauchbarwerden oder 
durch ihre Entfernung den Organismus unfehlbar zum Verfall brin- 
gen, so daft er dann nicht mehr in entsprechender Weise sich entwik- 
keln und zuletzt nicht mehr leben kann. Sie sehen an einem solchen 
Organ, wie es die Milz ist, von der wir gestern gesprochen haben, dafi 
deren Erkranken, deren sonstiges Unbrauchbarwerden oder opera- 
tive Entfernung den physischen Korper in seinen Funktionen weit 
weniger stort, als dies bei anderen Organen der Fall ist, weil sie in 



besonders starker Weise beeinflufit wird von den iibersinnlichen 
Teilen der menschlichen Natur, vom Atherleibe, namentlich aber 
vom Astralleibe. Anders ist es bei den Organen, wo das physische 
Kraftsystem Uberwiegt. Eine Erkrankung der Schilddriise zum Bei- 
spiel, die sich bei bestimmten Erkrankungen manchmal vergrofiert 
zur sogenannten Kropfbildung, kann auf den ganzen Organismus 
sehr schadlich wirken. Sie darf aber nicht vollstandig unbrauchbar 
werden oder vollstandig entfernt werden, und zwar deshalb nicht, 
weil sie ihre Wirkungen so zu aufiern hat, dafi das, was als physischer 
Vorgang durch sie bewirkt wird, im Gesamthaushalt des mensch- 
lichen Organismus ganz wesentlich ist. 

Nun kann es solche Organe geben, die in hohem Mafie abhangen 
von den iibersinnlichen Kraftsystemen der menschlichen Organisa- 
tion, die aber doch eingespannt sind in den physischen Organismus 
und durch dessen Krafte veranlalk werden, Stoffliches abzusondern. 
Ein solches Organ ist zum Beispiel die Leber, ebenso sind es die 
Nieren. Das sind Organe, die, geradeso wie die Milz, abhangig sind 
von den iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation, 
vom Atherleibe und Astralleibe, die aber sozusagen eingefangen sind 
von den Kraften des physischen Organismus, heruntergezogen sind 
in ihren Wirkungen bis zu den Kraften des Physischen. Daher 
kommt es bei ihnen in einem viel hoheren Grade darauf an, dafi sie als 
physische Organe in gesundem Zustande sind, als zum Beispiel bei 
der Milz, bei welcher die Sache so liegt, dafi das Physische sehr wenig 
in Betracht kommt und weit uberwogen wird von dem, was von den 
iibersinnlichen Gliedern der menschlichen Organisation herkommt. 
Wir konnen von der Milz sagen, dafi sie ein sehr geistiges Organ ist, 
denn der physische Teil dieses Organs macht den geringsten Teil 
seiner Bedeutung aus. Aus diesem Grunde wurde die Milz zu alien 
Zeiten in der okkulten Literatur, die entsprungen ist aus Kreisen, wo 
man wirklich etwas iiber diese Sachen gewufit hat, immer als ein 
besonders geistiges Organ angesehen und geschildert. 

So also haben wir jetzt gewissermafien den Begriff des Gesamtor- 
ganismus gewonnen, dessen einzelnes Organ angesehen werden kann 
als ein iibersinnliches Kraftsystem, in das gleichsam die stoffliche 



Materie durch den gesamten Ernahrungsprozefi hineingelagert wird. 
Ein anderer Begriff, den wir uns aneignen miissen, ist der: Was 
bedeutet iiberhaupt fur den Menschen die Aufnahme - sei es eines 
Stoffes oder sei es die Aufnahme eines Geistigen, die durch unsere 
Seelentatigkeit bewirkt wird, zum Beispiel bei der Wahrnehmung? 
Und was bedeutet die Absonderung, die Abgabe eines Stoffes? 

Gehen wir da zunachst aus von dem Absonderungsprozefi im 
weitesten Umfange. Wir wissen ja, dafi von den aufgenommenen 
Nahrungsmitteln schon ein grofier Teil des Stofflichen vom Verdau- 
ungskanal abgesondert wird. Wir wissen ferner, dafi durch die Lun- 
gen aus dem menschlichen Organismus die Kohlensaure ausgeschie- 
den wird. Dann haben wir einen Absonderungsprozefi durch die 
Nieren, ein weiterer Absonderungsprozefi geschieht durch die Haut. 
In diesem letzteren, der zunachst in der Schweifibildung verlauft, 
aber auch in allem, was im umfanglichen Sinne als Absonderungspro- 
zefi durch die Haut zu gelten hat, haben wir jene Absonderung zu 
sehen - und ich bitte, darauf zu achten -, die beim Menschen an dem 
aufiersten Umfange, an der aufiersten Peripherie seines Leibes er- 
folgt. Nun fragen wir uns zunachst einmal: Was bedeutet denn 
iiberhaupt ein Absonderungsprozefi fur den Menschen? 

Wir werden uns die Bedeutung eines Absonderungsprozesses nur 
klarmachen konnen auf folgende Weise. Sie werden sehen, dafi wir 
ohne die Begriffe, die wir heute entwickelt haben, iiberhaupt nicht 
weiterkommen konnen in der Betrachtung des menschlichen Orga- 
nismus. Ich mochte Ihnen, um unsere Gedanken allmahlich hiniiber- 
zufuhren zu der wesentlichen Natur eines Absonderungsprozesses, 
zunachst einen anderen Begriff vorfiihren, der allerdings nur eine 
entfernte Ahnlichkeit mit dem Absonderungsprozesse hat, der uns 
aber dazu hinuberfuhren kann, namlich den Begriff des Gewahrwer- 
dens unseres Selbst. Bedenken Sie einmal, wie Sie im Grunde genom- 
men doch sagen konnen, dafi es eine Art Gewahrwerden Ihres Selb- 
stes ist, wenn Sie in einem Raume gehen und sich unvorsichtigerweise 
an einem harten Gegenstande stofien. Dieses Anstofien ist im Grunde 
genommen ein Gewahrwerden des eigenen Selbstes. Es ist ein 
Gewahrwerden des eigenen Selbstes auf die Art, dafi Ihnen das 



Ereignis, das sich durch den Stoft vollzogen hat, zu einem inneren 
Ereignis geworden ist. Denn was ist fur Sie der Zusammenstoft mit 
einem fremden Gegenstande? Er ist die Ursache eines Wehetuns, 
eines Schmerzes. Der Schmerzvorgang spielt sich rein in Ihrem Inne- 
ren ab. Also ein innerer Vorgang wird dadurch hervorgerufen, daft 
Sie sich in Beriihrung bringen mit einem fremden Gegenstand, der 
Ihnen als Hindernis im Weg liegt. Das Gewahrwerden dieses Hin- 
dernisses ist das, was den inneren Prozeft hervorruft, der als Schmerz 
beim Sichstoften auftritt. Im Grunde genommen konnen Sie sich 
leicht vorstellen, daft Sie iiberhaupt nichts anderes zu wissen brau- 
chen, urn das Gewahrwerden Ihres eigenen Selbstes zu erleben, als 
den inneren Schmerz, der durch das Anstofien an einen aufteren 
Gegenstand bewirkt wird. Denken Sie sich, daft Sie im Finstern an 
einen Gegenstand stofien, von dem Sie gar nicht wissen, was er ist, 
und nehmen Sie an, Sie stoften sich so stark, daft Sie auch gar nicht 
darauf schliefien konnen, wie der Gegenstand beschaffen sein konnte, 
sondern Sie spiiren nur die Wirkung des Stoft es als Schmerz. Sie 
haben den Stoft in seiner Wirkung so empfunden, daft Sie den Vor- 
gang in sich selbst erlebten. Sie erleben gar nichts anderes als einen 
inneren Vorgang, und das ist das Wesentliche. Wenn Sie allerdings 
auch sagen: Ich habe mich an einem aufteren Gegenstand gestoften -, 
so ist das mehr oder weniger ein unbewuftter Schluft von einem 
inneren Erlebnis auf ein aufteres Hindernis. 

Daraus konnen Sie sehen, daft der Mensch seines Inneren gewahr 
wird durch das Finden eines Widerstandes. Diesen Begriff mussen 
wir haben: das Gewahrwerden des Selbstes, das Erleben des Inneren, 
das Ausgefiilltsein mit realen Erlebnissen im Inneren durch das Fin- 
den eines Widerstandes. Dies ist ein Begriff, den ich, ich mochte 
sagen, in aller Grobheit entwickelt habe, um von ihm den Ubergang 
machen zu konnen zu einem anderen Begriffe, dem der Absonderun- 
gen im menschlichen Organismus. Denken wir uns einmal, der 
menschliche Organismus nehme in sich selber in irgendein Organ- 
system, meinetwegen in den Magen, eine gewisse Stofflichkeit auf und 
das Organsystem sei so eingerichtet, daft es durch seine Tatigkeit aus 
diesem Stoffe, der da aufgenommen ist, etwas aussondert, etwas 



gleichsam separiert, wegnimmt von dem Gesamtstoff, so dafi durch 
diese Tatigkeit des Organs der Gesamtstoff zerfallt in einen feineren, 
gleichsam filtrierten Teil und in einen groberen Teil, der ausgeson- 
dert wird. Es wird also eine Differenzierung des Stoffes vorgenom- 
men in einen solchen, der in einen weiter brauchbaren, fur andere 
Organe aufzunehmenden Stoff umgewandelt wird und in einen sol- 
chen, der erst abgesondert und dann ausgeschieden wird. 




Hier an dieser Stelle, wo die unbrauchbaren Teile der Stofflichkeit 
abgestofien werden gegenuber den brauchbaren Stoffen, hier haben 
Sie in modifizierter Form etwas wie ein Sichanstofien an einen 
aufteren Gegenstand, wie ich es eben dargestellt habe. Es stolk der 
aufgenommene Stoffstrom, indem er an ein Organ herankommt, 
sozusagen auf einen Widerstand; er kann nicht so bleiben, wie er ist, 
er mufi sich andern. Es wird ihm gleichsam durch das Organ gesagt: 
So kannst du nicht bleiben, wie du bist, du mufit dich andern. - Es 
wird also dem Stoff ein Widerstand entgegengestellt, er mufi als ein 
anderer Stoff weiterverbraucht werden, und er mufi gewisse Teile 
abstofien. In unserem Innern stellt sich das Organ dem Stofflauf so 
entgegen, wie sich der aufiere Gegenstand uns entgegenstellt, an dem 
wir uns stofien. Solche Widerstande finden sich innerhalb des 
Gesamtorganismus in den mannigfachsten Organen. Und erst 
dadurch, dafi iiberhaupt in unserem Organismus abgesondert wird, 
erst dadurch, daft wir Absonderungsorgane haben, dadurch ist die 
Moglichkeit gegeben, dafi unser Organismus eine in sich abgeschlos- 
sene, sich selbst erlebende Wesenheit ist. Denn Erleben kann sich 
eine Wesenheit nur dadurch, daft sie auf Widerstand stofit. So haben 



wir in den Absonderungsprozessen wichtige Prozesse des menschli- 
chen Lebens, namlich diejenigen Prozesse, wodurch sich der leben- 
dige Organismus in sich selber abschlielk. Der Mensch ware kein in 
sich abgeschlossenes Wesen, wenn solche Absonderungsprozesse 
nicht vorhanden waren. 

Denken Sie sich einmal, der aufgenommene Nahrungsstrom oder 
der Sauerstoffstrom wiirden durch den menschlichen Organismus 
wie durch einen Schlauch glatt hindurchgehen und es gabe keinen 
Widerstand durch die Organe. Die Folge davon ware,, dafi der 
menschliche Organismus sich nicht in sich selbst erleben konnte, 
sondern er wiirde sich nur erleben als angehorig der gesamten grofien 
Welt. Wir konnten uns ja allerdings auch vorstellen, daft innerhalb 
des menschlichen Organismus die grobste Art dieses Widerstandbie- 
tens eintreten wiirde, daft der Stoffstrom sich an einer festen Wan- 
dung stolen und reflektieren, zuriickkehren wiirde. Das wiirde aber 
das innere Erleben des menschlichen Organismus nicht beriihren, 




denn ob der Nahrungsstrom oder der Sauerstoffstrom durch den 
menschlichen Organismus wie durch einen Schlauch hindurchginge, 
auf der einen Seite hinein, auf der anderen wieder hinaus, oder ob er 
reflektiert wiirde, das wiirde fur das innere Erleben nichts ausma- 
chen. Dafi das so ist, konnen Sie schon daraus entnehmen, dafi - wie 
wir schon gesagt haben wenn wir es in unserem Nervensystem 
dazu bringen, daft eine Vorstellung in sich selbst zuriickkehrt, wir 
dann geradezu unser Nervensystem herausheben aus dem Erleben 
des inneren Organismus. Es macht also keinen Unterschied, ob vol- 



lige Reflexion oder blofies Hindurchgleiten der von aufien hineinge- 
henden Strome durch den menschlichen Organismus vorliegt. Was 
den menschlichen Organismus in sich selbst erlebbar macht, das sind 
die Absonderungen. 

Wenn Sie dasjenige Organ betrachten, welches wir als das Mittel- 
punktsorgan fur den menschlichen Organismus ansehen miissen, das 
Blutsystem, wenn Sie sehen, wie auf der einen Seite das Blut immer- 
fort durch Aufnehmen von Sauerstoff sich auffrischt, und wenn Sie 
auf der anderen Seite das Blutsystem als das Werkzeug des menschli- 
chen Ich betrachten, so konnen wir sagen: Wenn das Blut unveran- 
dert durch den menschlichen Organismus hindurchgehen wiirde, so 
konnte es nicht das Organ des menschlichen Ich sein, das im eminen- 
testen Sinne das Organ ist, welches den Menschen sich innerlich 
erlebbar macht. Nur dadurch, daft das Blut in sich selber Verande- 
rungen durchmacht und als ein anderes wieder zuriickkehrt, dafi also 
Absonderungen geschehen von verandertem Blut, nur dadurch ist es 
moglich, dafi der Mensch das Ich nicht nur hat, sondern es auch 
erleben kann mit Hilfe seines sinnlich-physischen Werkzeuges, des 
Blutes. 

Daraus hat sich uns nun dieser Begriff der Absonderung ergeben. 
Und jetzt werden wir uns zu fragen haben: Wie steht es nun mit jener 
Absonderung, welche wir vorhin bezeichnet haben als der aufiersten 
Peripherie des menschlichen Organismus angehorig? - Es wird uns ja 
unschwer sein, uns vorzustellen, wie der Gesamtorganismus des 
Menschen wirken mufi, damit diese Absonderung an der Peripherie 
geschehen kann. Dazu ist es notwendig, dafi den gesamten Stromun- 
gen des menschlichen Organismus entgegengestellt werde ein Organ, 
welches in Zusammenhang steht gerade mit diesem umfanglichsten 
Absonderungsprozefi. Und dieses Organ, das ja, wie Sie sich leicht 
denken konnen, die Haut ist, mit allem, was zu ihr gehort im 
umfanglichsten Sinne, das ist zugleich dasjenige, was schon fur den 
unmittelbaren aufieren Anblick als das Wesentliche der menschlichen 
Gestalt, der menschlichen Form sich darbietet. Wenn wir uns also 
vorstellen, dafi der menschliche Organismus, der sich selbst erleben 
kann an seinem aufieren Umfange, dies nur dadurch kann, dafi er das 



Organ der Haut seinen gesamten Stromungen entgegenstellt, so miis- 
sen wir in der eigenartigen Formung der Haut einen der Ausdriicke 
sehen fur die innersten Krafte des menschlichen Organismus. 

Wir werden uns nun zu fragen haben: Wie haben wir uns denn 
dieses Hautorgan zu denken? Wie haben wir uns die Haut mit allem, 
was dazugehort, zu denken ? Wir werden schon sehen, was im einzel- 
nen dazugehort, wir wollen es aber heute nur im grofien und ganzen 
charakterisieren. Da miissen wir uns zunachst dariiber klar sein, dafi 
in dem, was zu unserem bewufiten Erleben gehort, wovon wir eine 
Erkenntnis haben konnen durch irgendeine Selbstbeobachtung, jene 
Gestaltung nicht einbegriffen ist, welche in der Formung unserer 
Haut zum Ausdruck kommt. Selbst wenn wir in begrenztem 
Umfange mittatig sind an der Gestaltung unserer aufieren Korper- 
oberflache, so ist sie doch etwas, das sich der unmittelbaren Willkiir 
in vollkommenster Weise entzieht. Nur in bezug auf die Beweglich- 
keit unserer Haut, in bezug auf Mienenspiel, Gesten und so weiter, 
haben wir ja einen Einflufi, der noch an das heranreicht, was wir 
bewufke Tatigkeit nennen konnen; aber auf die Gestalt, auf die Form 
unserer Korperoberflache haben wir keinen Einflufi mehr. Es mufi 
freilich zugegeben werden, dafi der Mensch zwischen Geburt und 
Tod einen gewissen Einflufi auf seine aufiere Leibesform in engeren 
Grenzen hat. Davon kann sich jeder iiberzeugen, der einen Menschen 
kennengelernt hat in einem bestimmten Lebensalter und ihn viel- 
leicht nach zehn oder zwanzig Jahren wiedersieht, insbesondere 
wenn dieser Mensch in diesen Jahren durchgegangen ist durch tiefere 
innere Erlebnisse, namentlich durch Erkenntniserlebnisse, die nicht 
Gegenstand der aufieren Wissenschaft sind, sondern durch solche, 
die «Blut kosten», die zusammenhangen mit unserem ganzen 
Lebensschicksal. Dann sehen wir allerdings innerhalb enger Gren- 
zen, wie die Physiognomie sich andert, wie also der Mensch inner- 
halb dieser Grenzen einen Einflufi hat auf die Gestaltung seines 
Leibes. Aber er hat ihn nur in geringem Mafie, und das wird jeder 
zugeben miissen; denn das Hauptsachlichste in der menschlichen 
Gestalt ist durchaus nicht in unsere Willkiir gegeben und nicht durch 
unser Bewufitsein bestimmt. Dennoch miissen wir sagen: Die ganze 



menschliche Gestalt ist angepaftt der menschlichen Wesenheit; und 
wer auf die Dinge eingeht, wird sich niemals vorstellen konnen, da£ 
dasjenige, was wir den ganzen Umfang der menschlichen Fahigkeiten 
nennen, sich entwickeln konnte in einem Wesen von einer anderen 
Gestalt, als es die heutige Menschengestalt ist. Alles, was an Fahigkei- 
ten im Menschen ist, hangt zusammen mit dieser Menschengestalt. 
Denken Sie sich nur einmal, dafi etwa das Stirnbein in einer irgendwie 
anderen Lage ware zu dem Gesamtorganismus, als es ist, so wiirde 
diese Gestaltanderung ganz andere Fahigkeiten und Krafte im Men- 
schen voraussetzen. Daniber konnten ja Studien gemacht werden, 
indem man sich klarmacht, wie andere Fahigkeiten vorhanden waren 
bei Menschen mit verschiedener aufierer Gestaltung des Kopfes, des 
Schadelbaus und so weiter. So miissen wir uns einen Begriff verschaf- 
fen von dem Angepaiksein der menschlichen Gestalt an die gesamte 
innere menschliche Wesenheit, ja, von einem volligen Sichentspre- 
chen der aufieren Gestalt und der inneren Wesenheit des Menschen. 
Was in den Kraften dieser Anpassung liegt, hat nichts zu tun mit 
dem, was in die eigene, vom Bewufitsein umspannte Tatigkeit des 
Menschen hereingehort. Da aber die Gestalt des Menschen zusam- 
menhangt mit seiner geistigen Betatigung und auch mit seinem seeli- 
schen Leben, so konnen Sie es sich leicht vorstellen, dafi in den 
Kraften, welche die physische Gestalt des Menschen zustande brin- 
gen, solche Krafte liegen, die gleichsam von einer anderen Seite 
entgegenkommen denjenigen Kraften, die der Mensch in sich selbst 
entwickelt. Krafte der Intelligenz, Gefuhlskrafte, Gemiitskrafte und 
so weiter, die kann der Mensch nur entwickeln in der physischen 
Welt unter der Voraussetzung seiner besonderen Gestalt. Diese 
Gestalt mufi ihm gegeben sein. Er mufi also diese Gestalt fur seine 
Fahigkeiten zubereitet erhalten - wenn ich mich so ausdriicken darf - 
von Kraften entsprechend ahnlicher Art wie die, die von der anderen 
Seite her diese Gestalt erst aufbauen, damit sie dann zu dem 
gebraucht werden kann, wozu sie verwendet werden soli. Es ist 
unschwer, sich diesen Begriff zu verschaffen, denn man braucht nur 
daran zu denken, dafi eine Maschine, die wir zu einer Tatigkeit 
verwenden wollen, fur diese Tatigkeit intelligent und zweckmalSig 



eingerichtet sein mufi. Damit eine solche Maschine zustande komme, 
ist es notwendig, dafi zuerst ahnliche Verrichtungen vollfiihrt wer- 
den, wie sie dann von der Maschine ausgefuhrt werden sollen, und 
danach die Teile der Maschine herzustellen und zusammenzuglie- 
dern, welche der Maschine ihre Form geben. Wenn wir eine fertige 
Maschine vor uns haben, so ist sie fur uns ganz mechanisch erklarbar, 
wenn wir ihre Wirksamkeit sehen und verstehen. Als denkende 
Beobachter werden wir uns aber fragen: Wer ist es, der sie gebaut 
hat? — Denn ihre Zusammensetzung weist auf eine zielbewufite gei- 
stige Tatigkeit hin, welche diese Maschine zu einem bestimmten 
Zwecke hergestellt hat. Diese geistige Tatigkeit braucht nicht mehr 
da zu sein, wenn wir die Maschine mechanisch erklaren wollen, aber 
sie steht hinter der Maschine, sie hat sie erst zustande gebracht. 

Ebenso konnen wir sagen: Alles, was an Formsystemen in der 
Gestaltung unseres Organismus liegt, das ist uns in erster Linie 
gegeben, damit wir unsere Fahigkeiten und Krafte als Menschen 
entwickeln. Aber es mufi hinter dieser Gestaltung des Menschen 
gestaltunggebende, formgebende Krafte geben, die wir ebensowenig 
in der fertigen Gestalt finden, wie wir in der Maschine den Maschi- 
nenbauer finden. 

Mit dieser Idee wird Ihnen zugleich etwas anderes vollig einleuch- 
tend sein. Ein materialistischer Denker konnte sagen: Wozu braucht 
man intelligent^ Krafte und bewuftt schaffende Wesenheiten anzu- 
nehmen hinter unserer physischen Welt? Wir konnen ja die physi- 
sche Welt aus sich selbst, aus ihren eigenen Gesetzen erklaren. Eine 
Uhr, eine Maschine kann aus ihren eigenen Gesetzen heraus erklart 
werden. - Hier stehen wir an einem Punkte, wo huben und driiben 
die schlimmsten Fehler gemacht werden, sowohl bei solchen, die auf 
dem Boden einer spirituellen Weltanschauung stehen, wie auch auf 
der Seite der Materialisten. Wenn zum Beispiel von einer geisteswis- 
senschaftlichen Weltanschauung bestritten wiirde, dafi der menschli- 
che Organismus, wie er seiner Form nach vorliegt, nicht rein mecha- 
nisch oder mechanistisch durch seine eigenen Gesetze erklarbar ware, 
so wiirde das selbstverstandlich zu weit gehen und ganz unberechtigt 
sein. Der menschliche Organismus ist ganz und gar aus seinen eige- 



nen Gesetzen heraus erklarbar, wie die Uhr auch. Aber daraus, daft 
die Uhr aus ihren eigenen Gesetzen erklarbar ist, folgt nicht, daft 
hinter der Uhr nicht der Erfinder der Uhr stand, der Uhrmacher und 
seine geistige Tatigkeit. Dieser Einwand, der von materialistischer 
Seite aus gemacht werden kann, erledigt sich dadurch. Aber der 
Geistesforscher mufi auch zugeben, daft der menschliche Organis- 
mus, so wie er vor uns stent, aus seinen eigenen Gesetzen erklart 
werden kann. Aber wenn wir wirklich geisteswissenschaftlich den- 
ken, haben wir hinter der Gesamtgestaltung des menschlichen Or- 
ganismus zu suchen die gestaltenden Wesenheiten, dasjenige also, 
was der gesamten Form der menschlichen Wesenheit zugrundeliegt. 
Wenn wir uns nun einen Begriff davon bilden wollen, wie iiberhaupt 
die menschliche Form zustande kommt, so miissen wir uns denken, 
daft sie auf der einen Seite dadurch bewirkt wird, daft die formgeben- 
den Krafte sich entfalten und daft sie den Menschen dadurch auf- 
bauen, daft sie sich an den Grenzen der menschlichen Form selbst 
abschlieften. Wir haben in der Hautbildung das am reinsten gegeben, 
was das raumliche Sichabschlieften der formgebenden Krafte im 
Menschen bedeutet. Wenn wir das schematisch zeichnen, konnen wir 
uns denken, daft die formgebenden Krafte zur Peripherie dahinflie- 
ften und sich da abschlieften in der aufteren Form, die in der Linie 
A-B nur angedeutet werden soil. 



Wir werden nun sehen, wie wir diesen Begriff wiederum brauchen, 
um alles das erkennen zu konnen, was innerhalb der Haut geschieht. 
Weiter aber werden wir uns dariiber klar werden miissen, daft wir 



fit 




nun nicht blofi in der menschlichen Haut solche Abschliisse vor uns 
haben, sondern dalS wir auch innerhalb des menschlichen Organis- 
mus selber solches Abschliefien der von aufien wirkenden Tatigkeit 
und Wesenhaftigkeit finden. Sie brauchen sich nur zu iiberlegen, was 
bisher gesagt worden ist, dann werden Sie darauf kommen, dafi wir 
auch im Inneren des Menschen solche sich abschliefienden Tatigkei- 
ten vor uns haben, an denen wir ebenso unbeteiligt sind wie an 
unserer Oberflachengestaltung, und das sind gerade diejenigen Beta- 
tigungen, die zustande kommen in den Organen Leber, Galle, Milz 
und so weiter. Da wird das aufgehalten, was durch die Krafte, die in 
den Nahrungsmitteln sitzen, in den Organismus einstromt, dem wird 
etwas entgegengeschoben, wird ein Widerstand entgegengesetzt, das 
heifk, es wird in diesen Organen die aufiere, die eigene Regsamkeit 
der Stoffe umgeandert. Wahrend also bei den formgebenden Kraften 



Uf /// / /77 

t / / / / f / / / / 

/// ULULLL. 



Leber 




die Sache so ist, dafi wir uns diese formenden Krafte wirksam zu 
denken haben bis zur Haut hin und aufierhalb der Haut nichts mehr 
von formgebenden Kraften haben, mussen wir uns vorstellen, dafi bei 
denjenigen Kraften, die mit dem Nahrungs- oder Luftstrom nach 
unserem Inneren gehen, nicht ein vollstandiges Abschliefien dessen 
vorhanden ist, was als Stromungen von aufien eindringt, sondern es 
tritt da eine Umgestaltung ein. Diese Organe mussen wir uns so 
denken, dafi sie nicht, wie es bei der Haut ist, sich abschliefien, so dafi 
aufierhalb nichts mehr ist, sondern so, dafi die Regsamkeit der Stoffe 



umgeandert wird durch sie derart, dafi der Nahrungsstrom, der von 
der Seite dieser Organe her aufgenommen ist (siehe Zeichnung, a), in 
einer anderen Weise wekergeleitet wird (b), nachdem ihm ein Wider- 
stand entgegengesetzt worden ist. Hier haben wir es also mit einer 
Umanderung zu tun, und das betrifft vor allem diejenigen Organe, 
welche wir als ein inneres Weltsystem des Menschen bezeichnet 
haben. Die andern die aufiere Regsamkeit der Stoffe um. Es sind 
Krafte, die wir im Gegensatz zu den Formkraften, die den gesamten 
Organismus bilden, Bewegungskrafte nennen konnen. In unserem 
inneren Weltsystem werden diese Krafte, welche die innere Regsam- 
keit der Nahrungsstoffe umgestalten, dann Bewegung, so dalS wir 
hier von Bewegungskraften in den Organen sprechen konnen. 

Wir sind jetzt so weit vorgeschritten in den Betrachtungen des 
menschlichen Organismus, dafi wir sagen konnen: In den menschli- 
chen Organismus wirken von auften Krafte herein, deren Tatigkeit 
wir mit unserem Bewufitsein nicht wahrnehmen. Das alles geht 
unterhalb unseres Bewufitseinshorizontes vor sich, was wir da als 
Tatigkeit ausfiihren; memand kann im normalen Bewufitsein die 
Tatigkeit seiner Leber, Galle, Milz und so weiter beobachten. Nun 
entsteht die Frage: Wodurch werden wir denn verhindert, etwas zu 
wissen von den Form- und Bewegungskraften, die sich in unseren 
inneren Organen abspielen, da doch unser Seelenleben dem Organis- 
mus eingegliedert ist? Da gehen ja in unserem Innern gewaltige 
Tatigkeiten vor sich. Woher kommt es, dafi wir davon nichts wissen? 

Nun, genau ebenso wie unser Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem 
dazu bestimmt ist, die aufieren Eindriicke, die wir durch unsere Sinne 
erhalten, bis zum Blute hinzuleiten, das heilk, die Impressionen von 
aufteren Vorgangen in unser Blut, in das Werkzeug des Ich, aufzu- 
nehmen, ebenso wie also das Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem 
dazu bestimmt ist, im normalen Bewulksein dem Ich zu dienen, 
gerade so ist das sympathische Nervensystem, das sich mit seinen 
Knoten und Verzweigungen dem inneren Weltsystem gleichsam vor- 
lagert, dazu ausersehen, die Vorgange, die sich im Innern des Orga- 
nismus abspielen, nicht an das Blut, das Werkzeug des Ich, heran- 
zulassen, sondem sie vom Blut zuruckzuhalten. 




So sehen Sie, dafi das sympathische Nervensystem eine entgegen- 
gesetzte Aufgabe hat wie das Gehirn-Ruckenmark-Nervensystem, 
und hier haben wir eine Erklarung fiir den Unterschied in Bau und 
Beschaffenheit dieser beiden Systeme. Wahrend das Gehirn-Riicken- 
mark-Nervensystem sich anstrengen mufi, um moglichst gut die 
aufieren Eindriicke zum Blut iiberzuleiten, mufi durch das entgegen- 
gesetzt wirkende sympathische Nervensystem vom Blut - als dem 
Werkzeug des Ich - fortwahrend zuriickgestaut werden die Eigen- 
regsamkeit der aufgenommenen Stoffe. Wenn wir den Verdauungs- 
prozefi betrachten, so haben wir zuerst das Aufnehmen der aufieren 
Nahrungsstoffe, dann das Zuriickstauen der Eigenregsamkeit der 
Nahrungsstoffe und dann die Umwandlung dieser Regsamkeiten 
durch das innere Weltsystem des Menschen. Damit wir nicht fort- 
wahrend, wie wir so dastehen in der Welt, alles das wahrnehmen, was 
in unseren inneren Organen bewirkt wird, mufi der ganze Strom der 
Vorgange durch das sympathische Nervensystem zuriickgestaut wer- 
den vom Blut, geradeso wie durch das Gehirn-Ruckenmark-Nerven- 
system das zum Blute hingetragen wird, was von aufien aufgenom- 
men wird. Da haben Sie die Aufgabe des sympathischen Nerven- 
systems, unsere inneren Vorgange in uns zu halten, sie nicht bis zum 
Blut, dem Werkzeug des Ich, hinaufdringen zu lassen, um das Ein- 
treten dieser inneren Vorgange in das Ichbewufitsein zu verhindern. 

Ich habe schon gestern darauf hingewiesen, dafi das Aufienleben 
und das Innenleben des Menschen, wie es sich im Atherleibe auslebt, 



in einem Gegensatz zueinander stehen und dafi dieser Gegensatz von 
Aufienleben und Innenleben in Spannungen zum Ausdruck kommt, 
die, wie wir gesehen haben, am starksten werden in den Organen des 
Gehirnes, die wir als Zirbeldruse und Gehirnanhang bezeichnen. 

Wenn Sie nun die heutige und die gestrige Ausfuhrung zusammen- 
nehmen, so werden Sie sich leicht denken konnen, dafi alles, was von 
aufien hereinstromt, um in moglichst engen Kontakt mit der Blutzir- 
kulation zu treten, darnach strebt, sich zu vereinigen mit seinem 
Gegensatze, mit dem, was von innen kommt und zuruckgehalten 
wird durch das sympathische Nervensystem. In der Zirbeldruse 
haben wir die Stelle, wo das durch das Gehirn-Ruckenmark-Nerven- 
system an das Blut von aufien Herangebrachte sich vereinigen will 
mit dem, was von der anderen Seite kommt, und der Hirnanhang ist 
gleichsam der letzte Vorposten, um das nicht heranzulassen an das 
Blut, was menschliches Innenleben ist. Es stehen sich an dieser Stelle 
im Gehirn zwei wichtige Organe gegeniiber. Das gesamte innere 
Erleben bleibt unter unserem Bewulksein; es wiirde uns ja auch in 
einer furchtbaren Weise storen, wenn wir bewufit mitmachen wiir- 
den unsere ganzen Ernahrungsprozesse; das wird zunickgehalten 
durch das sympathische Nervensystem. Nur wenn dieses gegensei- 
tige Verhaltnis zwischen den beiden Nervensystemen, wie es sich 
ausdriickt in dem Spannungsverhaltnis zwischen Zirbeldruse und 
Hirnanhang, nicht in Ordnung ist, stellt sich das heraus, was wir 
nennen konnen ein Durchschimmern der einen Seite in die andere 
hinein, ein Gestortwerden der einen Seite von der anderen Seite her. 
Das tritt zum Beispiel schon dann ein, wenn eine unregelmafiige 
Tatigkeit unserer Verdauungsorgane uns in unbehaglichen Gefiihlen 
zum Bewufksein kommt. Da haben wir ein - allerdings noch sehr 
unbestimmtes - Hereinstrahlen des sonst unbewufken menschlichen 
Innenlebens in das Bewufitsein, das sich aber auf diesem Wege 
bedeutend umgewandelt hat, also im Bewulksein nicht so erscheint, 
wie es sich abgespielt hat. Oder wir haben in besonderen Affekten, 
Zorn, Wut, Schrecken und dergleichen, die ihren Ursprung im 
Bewufitsein haben, ein besonders starkes Hereinstrahlen von der 
Seite des inneren menschlichen Organismus; da haben wir den Fall, 



dafi Affekte, besondere innere Erregungen der Seele, die Verdauung, 
das Atmungssystem und dadurch auch die Blutzirkulation und alles, 
was unterhalb des Bewulkseins liegt, in besonders schadigender 
Weise beeinflussen konnen. So konnen diese zwei Seiten der mensch- 
lichen Natur dennoch aufeinander wirken. 

So stehen wir als Menschen in der Tat als eine Zweiheit in der 
Welt, und wir haben heute diese Zweiheit gesehen: Auf der einen 
Seite bewufites Erleben der Aufienwelt durch das Gehirn-Riicken- 
mark-Nervensystem, welches die aufieren Eindriicke bis zum Blut, 
dem Werkzeuge des Ich, bringt; auf der anderen Seite unbewufites 
Erleben der Innenwelt, unbewufit, weil es durch das sympathische 
Nervensystem vom Blute zuriickgehalten wird. Diese beiden Gegen- 
satze stehen sich auf der ganzen Linie gegeniiber. Aber wir finden 
ihren besonderen Ausdruck in der Spannung zwischen diesen beiden 
Organen, von denen wir gesprochen haben: der Zirbeldriise und dem 
Hirnanhang. 

Von diesem Punkte aus wollen wir das nachste Mai unsere 
Betrachtungen fortsetzen. 



SECHSTER VORTRAG 



Prag, 26. Marzl911 



Aus den letzten Vortragen konnten wir ersehen, daft der Mensch als 
physische Organisation sich gewissermaften durch seine Haut nach 
auften abgrenzt. Wenn wir den menschlichen Organismus ganz in 
dem Sinne auffassen, wie wir das nach den bisherigen Erorterungen 
tun miissen, dann ist es notwendig, daft wir uns sagen: Es ist der 
menschliche Organismus mit seinen verschiedenen Kraftsystemen 
selber, der sich in der Haut nach auften einen bestimmten Abschlufi 
gibt. Mit anderen Worten: Uns mufi klar sein, daft im menschlichen 
Organismus ein solches Gesamtsystem von Kraften ist, welche sich 
durch ihr Zusammenwirken so bestimmen, daft sie sich genau den 
Formumrift geben, der durch die Haut als auftere Begrenzung der 
Menschengestalt zum Vorschein kommt. So miissen wir eigentlich 
sagen, daft fur den Lebensprozeft des Menschen die interessante 
Tatsache vorliegt, daft uns in der aufteren Formbegrenzung ein 
gleichsam bildhafter Ausdruck gegeben ist fur die gesamte Wirksam- 
keit der Kraftsysteme im Organismus. Wenn nun in der Haut selber 
ein solcher Ausdruck des Organismus gegeben werden soil, so miis- 
sen wir voraussetzen, daft innerhalb der Haut eigentlich in einer 
gewissen Weise der ganze Mensch irgendwie zu finden sein mull. 
Denn, wenn der Mensch, so wie er ist, so gebildet sein soli, daft die 
auftere Haut als Formbegrenzung das ausdriickt, was er ist, so muft in 
der Haut alles das gefunden werden konnen, was im Menschen zur 
Gesamtorganisation gehort. Und in der Tat, wenn wir auf dasjenige 
eingehen, was zur Gesamtorganisation des Menschen gehort, so kon- 
nen wir finden, wie sehr eigentlich dasjenige innerhalb der Haut 
vorhanden ist, was in den Kraftsystemen des Gesamtorganismus 
veranlagt ist. 

Da haben wir zunachst gesehen, daft der Gesamtmensch, wie er 
uns als Erdenmensch entgegentritt, das Werkzeug seines Ich in sei- 
nem Blutsystem hat, so daft der Mensch dadurch Mensch ist, daft er 
in sich ein Ich birgt, und dieses Ich sich bis zum physischen System 



herunter einen Ausdruck, ein Werkzeug schaffen kann im Blut. 1st 
nun unsere Korperoberflache, unsere Formbegrenzung ein wesentli- 
ches Glied unserer Gesamtorganisation, so miissen wir sagen: Diese 
Gesamtorganisation muE durch das Blut bis in die Haut hinein 
wirken, damit in der Haut ein Ausdruck der ganzen menschlichen 
Wesenheit, insofern sie physisch ist, vorhanden sein kann. Betrachten 
wir die Haut, wie sie sich, aus mehreren Schichten bestehend, iiber 
die ganze Oberflache des Leibes spannt, so finden wir, dafi in der Tat 
in diese Haut feine Blutgefafie hineingehen. Durch diese feinen Blut- 
gefafie kann das Ich seine Krafte senden und sich bis in die Haut 
hinein einen Ausdruck der menschlichen Wesenheit schaffen. Wir 
wissen ferner, dafi fur alles, was wir als Bewulksein zu bezeichnen 
haben, das Nervensystem das physische Werkzeug ist. Wenn nun die 
Korperoberflachenbegrenzung ein Ausdruck der Gesamtorganisa- 
tion des Menschen ist, so miissen auch die Nerven bis in die Haut 
hinein sich erstrecken, damit das menschliche Bewufitsein bis in 
dieses Organ gehen kann. Wir sehen daher neben den feinen Blut- 
gefafien innerhalb der Hautschichten die mannigfaltigsten Nerven- 
endungen verlaufen, die man ja gewohnlich - obwohl nicht mit vol- 
lem Recht - die Tastkorperchen nennt, weil man annimmt, dafi der 
Mensch mit Hilfe dieser Tastkorperchen die aufiere Welt durch den 
Tastsinn wahrnimmt, so wie er durch Augen und Ohren Licht und 
Schall wahrnimmt. Es ist das aber nicht eigentlich der Fall. Genauer 
betrachtet ist dieser Tastsinn der Ausdruck verschiedener Sinnesta- 
tigkeiten, zum Beispiel Warmesinn und andere. Wir werden noch 
sehen, wie die Sache liegt. Wir finden also in der Haut dasjenige, was 
Ausdruck oder korperliches Organ des menschlichen Ich ist: das 
Blut. Wir sehen aber auch dasjenige, was Ausdruck des menschlichen 
Bewufitseins ist: das Nervensystem, das seine Auslaufer bis in die 
Haut hineinerstreckt. 

Nun miissen wir uns umsehen nach dem Ausdruck dessen, was wir 
iiberhaupt betrachten konnen als das wesentliche Instrument des 
Lebensprozesses. Wir haben schon im letzten Vortrage auf dieses 
Instrument des Lebensprozesses aufmerksam gemacht bei der 
Besprechung der Absonderung. In der Absonderung, bei der, wie wir 



gesehen haben, gleichsam eine Art von Hemmnis auftritt, haben wir 
insofern den Ausdruck des Lebensprozesses zu sehen, als ein leben- 
diges Wesen, das in der Welt existieren will, notwendig hat, sich nach 
aufien abzuschlieften. Das kann nur dadurch geschehen, daft es in sich 
selber ein Hemmnis erlebt. Dieses Erleben eines Hemmnisses in sich 
selber wird vermittelt durch Absonderungsorgane, die man im weite- 
sten Umfange als Driisen bezeichnen kann. Driisen sind Absonde- 
rungsorgane, und das Hemmnis tritt dadurch ein, dafi sie den an sie 
herandrangenden Nahrungsstoffen sozusagen inneren Widerstand 
entgegensetzen. Wir miissen also voraussetzen, dafi solche Abson- 
derungsorgane, ebenso wie wir sie sonst im Organismus verteilt ha- 
ben, auch der Haut angehoren. Und sie gehoren der Haut an; denn 
wir finden auch in der Haut Absonderungsorgane, Driisen der ver- 
schiedensten Art, Schweifidrusen, Talgdriisen, welche dieses Abson- 
derungsgeschaft - also einen Lebensprozefi - innerhalb der Haut 
betreiben. 

Und wenn wir endlich nach dem fragen, was unterhalb des 
Lebensprozesses liegt, so werden wir da dasjenige finden, was wir 
nennen konnen den reinen Stoffprozeft, das Uberleiten der Stoffe von 
einem Organ zum anderen. Ich mochte Sie jetzt an dieser Stelle 
bitten, genau zu unterscheiden zwischen einem solchen Absonde- 
rungsprozefi, der ein inneres Hemmnis schafft, der den Lebenspro- 
zessen angehort, und denjenigen Prozessen, die rein stoffliche Umla- 
gerungen bewirken, also bloftes Transportieren der Stoffe von einem 
Orte zum anderen. Denn das ist nicht dasselbe. Fur eine materialisti- 
sche Anschauung konnte es so aussehen, aber fur eine lebensvolle 
Erfassung der Wirklichkeit ist es nicht so. Wir haben es im menschli- 
chen Organismus nicht blofi zu tun mit einer bloften Transportierung 
der Stoffe. Allerdings findet iiberall ein Hinleiten der Stoffe, der 
Ernahrungsprodukte, zu den einzelnen Organen statt. Aber in dem 
Augenblick, wo die Nahrungsstoffe aufgenommen werden, haben 
wir es mit einem Lebensprozesse zu tun, mit Absonderungsprozes- 
sen, die zugleich innere Hemmnisse schaffen. Es ist notwendig, dies 
zu unterscheiden von dem Prozefi der blofien Stoffumlagerung, Wir 
steigen von dem Lebensprozeft hinunter zu den Prozessen des eigent- 



lichen Physischen, wenn wir sagen, es sieht sich so an, wie wenn die 
aufgenommenen Nahrungsstoffe in die verschiedensten Teile des 
physischen Leibes transportiert wiirden. Es ist aber eine lebendige 
Tatigkeit, gleichsam ein Sichgewahrwerden des Organismus in sei- 
nem eigenen Innern, in dem durch die Absonderungsorgane innere 
Hemmnisse geschaffen werden. 

Mit den Lebensvorgangen findet zugleich ein Transport der Stoffe 
statt, und das ist in der Haut ebenso wie in den anderen Teilen des 
Organismus. Durch die Haut werden die Abfalle der Nahrungsstoffe 
ausgeschieden, abgesondert, nach aufien getragen durch den Prozefi 
der Schweifiabsonderung, des Schwitzens, so dafi auch hier ein rein 
physisches Transportieren der Stoffe vorhanden ist. 

Damit haben wir im wesentlichen charakterisiert, dafi in dem 
aufieren Organ der Haut sich finden sowohl das Blutsystem als 
Ausdruck des Ich als auch das Nervensystem als Ausdruck des 
Bewufitseins. Ich will jetzt nach und nach dazu iiberleiten, dafi wir 
ein Recht haben, alle Bewufkseinserscheinungen zusammenzufassen 
mit dem Ausdruck «Astralleib», daft wir also das Nervensystem 
bezeichnen konnen als einen Ausdruck des Astralleibes, das Driisen- 
system als einen Ausdruck des Ather- oder Lebensleibes und dafi 
wir den eigentlichen Ernahrungs-Umlagerungsprozefi bezeichnen 
konnen als einen Ausdruck des physischen Leibes. Insofern sind alle 
einzelnen Gliederungen der menschlichen Organisation in dem 
Hautsystem, durch das sich der Mensch nach aufien abschliefit, tat- 
sachlich vorhanden. Nun miissen wir allerdings beriicksichtigen, dafi 
alle Gliederungen der menschlichen Organisation, Blutsystem, Ner- 
vensystem, Ernahrungssystem und so weiter, in ihren gegenseitigen 
Beziehungen ein Ganzes ausmachen und dafi wir gleichsam, indem 
wir diese vier Systeme der menschlichen Organisation betrachten 
und sie am physischen Leibe uns vor Augen fiihren, den menschli- 
chen Organismus von zwei Seiten vor uns haben. Wir haben ihn 
tatsachlich von zwei Seiten, und zwar zunachst so, dafi wir sagen 
konnen: Der menschliche Organismus hat innerhalb des Erdenda- 
seins nur einen Sinn, wenn er als Gesamtorganismus das Werkzeug 
unseres Ich ist. Das kann er aber nur sein, wenn das nachste Werk- 



zeug, dessen sich das menschliche Ich bedienen kann, das Biut- 
system, in ihm vorhanden ist. Nun ist aber das Biutsystem nur moglich, 
wenn ihm die anderen Systeme in ihrer Bildung vorangehen. Das 
Blut ist nicht nur im Sinne des Dichterwortes «ein ganz besonderer 
Saft», sondern es ist leicht einzusehen, dafi es so, wie es ist, uberhaupt 
nicht existieren kann, ohne dafi es sich einlagert dem ganzen ubrigen 
Organismus des Menschen; es ist no tig, dafi es in seiner Existenz 
vorbereitet ist durch den ganzen ubrigen menschlichen Organismus. 
Das Blut, so wie der Mensch es hat, kann nirgends vorkommen als im 
menschlichen Organismus. Wir diirfen durchaus nicht das, was fur 
das Blut des Menschen gesagt worden ist, ohne weiteres auf ein 
anderes Lebewesen der Erde ubertragen. Ich werde vielleicht spater 
noch Gelegenheit haben, iiber das Verhaltnis von menschlichem Blut 
zu tierischem Blut zu sprechen. Das wird eine sehr wichtige Betrach- 
tung sein, weil die auftere Wissenschaft auf diesen Unterschied wenig 
Riicksicht nimmt. Heute wollen wir nur hinweisen auf das Blut als 
Ausdruck des menschlichen Ich. Ist einmal der ganze iibrige Orga- 
nismus des Menschen aufgebaut, so ist er erst fahig, Blut zu tragen, 
den Blutkreislauf in sich aufzunehmen, erst dann kann er in sich das 
Instrument haben, welches als Werkzeug unserem Ich dient. Dazu 
mufi aber der Gesamtorganismus des Menschen erst aufgebaut sein. 

Sie wissen, dafi es auch andere Wesenheiten neben dem Menschen 
auf der Erde gibt, die in einer gewissen Verwandtschaft mit dem 
Menschen augenscheinlich stehen, die aber nicht in der Lage sind, ein 
menschliches Ich zum Ausdruck zu bringen. Bei diesen ist offenbar 
dasjenige, was in den entsprechenden Systemen der menschlichen 
Anlage ahnlich sieht, doch anders aufgebaut als beim Menschen. In 
alien diesen Systemen, die dem Biutsystem vorausgehen, mufi schon 
die Moglichkeit veranlagt sein, das Blut aufnehmen zu konnen. Das 
heifk, wir miissen erst ein solches Nervensystem haben, welches ein 
Biutsystem im Sinne des menschlichen Blutsystems aufnehmen kann; 
wir miissen ein solches Driisensystem haben und ebenso ein solches 
Ernahrungssystem, die vorgebildet sein miissen fur die Aufnahme 
eines menschlichen Blutsystems. Das bedeutet, es muE zum Beispiel 
schon auf der Seite des menschlichen Organismus, die wir bezeichnet 



haben als den eigentlichen Ausdruck des physischen Leibes des Men- 
schen, beim Ernahrungssystem, das Ich veranlagt sein. Es mull 
gleichsam der Prozefi der Bildung des Ernahrungssystems durch den 
Organismus so gelenkt und geleitet sein, dafi zuletzt das Blut sich in 
den richtigen Bahnen bewegen kann. Was heifit das? 

Das bedeutet, dafi der Blutkreislauf in seiner Gestaltung, in der 
ganzen Art seiner Regsamkeit, bedingt ist durch die Ich-Wesenheit 
des Menschen. Denken wir uns den Blutkreislauf in dieser ovalen 
Linie vollig schematisch angedeutet (siehe Zeichnung), so miissen wir 



'A 1 1 v 



Mi W \ r 



sagen, es mull ja der Blutkreislauf von dem iibrigen Organismus 
aufgenommen werden, das heifit, alle Organsysteme miissen so ange- 
ordnet sein, dafi der Blutkreislauf sich eingliedern kann. Wir konnten 
das ganze Gewebe unserer Blutgefafie - sei es am Kopfe oder an 
einem anderen Teil unseres Organismus - nicht so haben, wie es ist, 
wenn nicht iiberall dahin, wo das Blut kreisen soil, die entsprechen- 
den Dinge geleitet werden, die da sein miissen. Das heifit, die Kraft- 
systeme miissen im menschlichen Organismus, vom Ernahrungs- 
system angefangen, so wirken, dafi sie an die betreffenden Orte das 
notwendige Ernahrungsmaterial hintragen und es zugleich so gestal- 
ten, so vorbilden, dafi an diesen Orten das Blut genau die Form seines 



Verlaufs einhalten kann, deren es bedarf, um ein Ausdruck des Ich 
werden zu konnen. Es muE daher in alle Impulse unseres Ernah- 
rungsapparates, also des untersten Systems unseres Organismus, 
schon dasjenige hineingelegt sein, was den Menschen zu einem Ich- 
Wesen macht. Die ganze Form, die der Mensch zuletzt in seiner 
physischen Vollendung zeigt, mufi schon hineingegliedert sein in die 
Organsysteme bis in das hinein, was die verschiedenen Ernahrungs- 
prozesse des Menschen sind. Da sehen wir von dem Blute hinunter in 
die den Blutkreislauf vorbereitenden Organsysteme zu den Prozes- 
sen, die weitab von unserem Ich im Dunkel unseres Organismus sich 
abspielen. Wahrend das Blut der Ausdruck unserer Ich-Tatigkeit ist, 
also Ausdruck des Bewulkesten ist, was wir haben, sind wir nicht 
fahig, hinunterzusehen in die unbekannten Tiefen des physischen 
Leibes. Wir wissen nicht, wie die Stoffe hingeleitet, hingetragen 
werden zu den einzelnen Orten unseres Organismus, wo sie verwen- 
det werden miissen, um ihn aufzubauen und zu formen, damit er 
Werkzeug unseres Ich sein kann. Das zeigt uns, dafi schon von 
Anfang an bei der Ernahrung alle Gesetze im Organismus des Men- 
schen liegen, die zuletzt zur Gestaltung des Blutkreislaufes fiihren. 

Das Blut als solches stellt sich uns nun dar als das beweglichste, als 
das regsamste aller unserer Systeme. Und wir wissen ja, wenn wir 
auch nur in geringem Mafte irgendwie eingreifen in die Blutbahn, so 
nimmt das Blut sogleich andere Wege. Wir brauchen uns nur an 
irgendeiner Stelle zu stechen, so nimmt das Blut gleich einen anderen 
Weg als sonst. Das ist unendlich wichtig zu berucksichtigen, denn 
daraus konnen wir ersehen, dafi das Blut das bestimmbarste Element 
im menschlichen Leibe ist. Es hat seine gute Unterlage an den ande- 
ren Organsystemen, aber es ist zugleich das aller bestimmbarste, das 
die wenigste innere Stetigkeit hat. Das Blut kann ungeheuer bestimmt 
werden durch die Erlebnisse des bewulken Ich. Ich will dabei nicht 
eingehen auf die phantastischen Theorien, die von seiten der aufieren 
Wissenschaft liber das Erroten oder Erbleichen bei Scham- oder 
Angstgefuhlen aufgestellt werden, ich will nur hinweisen auf die rein 
aufiere Tatsache, dafi solchen Erlebnissen wie Furcht oder Angst und 
Schamgefuhl Ich-Erlebnisse zugrunde liegen, die in ihrer Wirkung auf 



das Blut erkennbar sind. Beim Furcht- und Angstgefiihl ist es so, daft 
wir uns gleichsam schiitzen wollen vor irgend etwas, von dem wir 
glauben, daft es gegen uns wirkt; wir zucken da gleichsam mit unse- 
rem Ich zuriick. Beim Schamgefiihl ist es so, daft wir uns am liebsten 
verstecken mochten, uns sozusagen hinter das Blut zuruckziehen, 
unser Ich ausloschen mochten. Beide Male - ich will dabei nur auf die 
aufteren Tatsachen eingehen - folgt das Blut materiell, als aufteres 
materielles Werkzeug dem, was das Ich in sich erlebt. Beim Furcht- 
und Angstgefiihl, wo der Mensch sich so stark in sich zuruckziehen 
mochte vor etwas, von dem er sich bedroht fiihlt, da wird er bleich; 
das Blut zieht sich zuriick von der Oberflache zum Zentrum, nach 
innen. Wenn sich der Mensch beim Schamgefiihl verstecken mochte, 
sich ausloschen mochte, wenn er am liebsten nicht ware und 
irgendwo hineinschlupfen mochte, da drangt sich das Blut unter dem 
Eindrucke dessen, was das Ich erlebt, bis zur Peripherie des Organis- 
mus, und der Mensch wird rot. So sehen wir, daft das Blut das am 
leichtesten bestimmbare System im menschlichen Organismus ist 
und den Erlebnissen des Ich am schnellsten folgen kann. 

Je weiter wir hinunterriicken in unseren Organsystemen, desto 
weniger folgen die Anordnungen der Systeme unserem Ich, desto 
weniger sind sie geneigt, sich den Erlebnissen des Ich anzupassen. 
Was das Nervensystem anbelangt, so wissen wir, daft es angeordnet 
ist in bestimmten Nervenbahnen und daft diese in ihrem Verlauf 
etwas verhaltnismaftig Festes darstellen. Wahrend das Blut regsam ist 
und je nach den inneren Erlebnissen des Ich von einem Korperteil 
zum anderen bis in die Peripherie gefiihrt werden kann, ist es bei den 
Nerven so, daft den Nervenbahnen entlang diejenigen Krafte verlau- 
fen, welche wir als «Bewufttseinskrafte» zusammenfassen konnen, 
und daft diese nicht die Nervenmaterie von einem Orte zum anderen 
tragen konnen, wie das mit dem Blut in seinen Bahnen moglich ist. 
Das Nervensystem ist also schon weniger bestimmbar als das Blut; 
und noch weniger bestimmbar ist das Drusensystem, das uns die 
Driisen zeigt fur ganz bestimmte Verrichtungen an ganz bestimmten 
Orten des Organismus. Wenn eine Druse durch irgend etwas tatig 
gemacht werden soil zu einem bestimmten Zwecke, so kann sie nicht 



erregt werden durch einen Strang ahnlich dem Nervenstrang, son- 
rauE diese Druse an dem Orte, wo sie eben ist, erregt werden. Es ist 
also das Driisensystem noch weniger bestimmbar, wir miissen die 
Driisen da erregen, wo sie sind. Wahrend wir die Nerventatigkeit den 
Nervenstrangen entlang leiten konnen - wir haben da noch Verbin- 
dungsfasern, welche die einzelnen Nervenknoten miteinander ver- 
binden -, kann die Druse nur an dem Ort zu einer Tatigkeit erregt 
werden, wo sie ist. Noch mehr aber ist dieser gleichsam Verfesti- 
gungsprozefi, dieser Prozefi des inneren Bestimmtseins, des Nicht- 
Bestimmbarseins ausgesprochen in alle dem, was zum Ernahrungs- 
system gehort, durch das der Mensch sich direkt die Stoffe eingliedert, 
um ein physisch-sinnliches Wesen zu sein. Dennoch mull in der 
Eigenart dieser Stoffeingliederung eine vollige Vorbereitung fur das 
Werkzeug des Ich gegeben sein. 

Betrachten wir nun einmal den menschlichen Organismus in bezug 
auf sein unterstes System, das Ernahrungssystem im umfassendsten 
Sinne, durch das die Stoffe nach alien Gliedern des Organismus 
transportiert werden, so mufi die Anordnung dieser Stoffe so gesche- 
hen, da£ die Formung, der aufiere Aufbau des Menschen so vor sich 
gehen kann, dafi zuletzt der Ausdruck des Ich im menschlichen 
Organismus moglich ist. Dazu ist vieles notwendig. Nicht nur, dafi 
die Ernahrungsstoffe in der verschiedensten Weise transportiert und 
an die verschiedensten Orte des Organismus gelagert werden, son- 
dern auch, dafi alle moglichen Vorkehrungen getroffen werden, um 
die aufSere Form des menschlichen Organismus zu bedingen. 

Nun ist es wichtig, dafi wir uns folgendes klarmachen. In dem, was 
wir die Haut genannt haben, sind zwar alle Systeme des menschli- 
chen Organismus vertreten, bis zum untersten System, dem Ernah- 
rungssystem, und wir konnten sagen: In die Haut wird alles ergos- 
sen, was im eminentesten Sinne zum physischen System des Men- 
schen gehort. Aber Sie konnen sich leicht denken, dafi diese Haut - 
trotzdem sie alle diese Systeme in sich hat - fur sich einen grofien 
Fehler hat, so paradox das auch klingt. Sie hat zwar so wie sie am 
Menschen ist, die Form des menschlichen Organismus, diese Form 
wiirde sie aber durch sich selber nicht haben; durch sich selber wiirde 



sie nicht in der Lage sein, dem Menschen seine charakteristische 
Formbegrenzung zu geben. Ohne Unterstiitzung wiirde die Ham in 
sich selber zusammensinken; da wiirde der Mensch sich nicht auf- 
recht halten konnen. Daraus sehen wir, dafi nicht blofi diejenigen 
Ernahrungsprozesse stattfinden miissen, welche die Haut erhalten, 
sondern es miissen auch die mannigfaltigsten anderen Prozesse statt- 
finden und zusammenwirken, welche die Gesamtform des Menschen- 
organismus bilden. Da wird es uns nicht schwer sein zu begreifen, 
dafi wir auch als solche umgewandelten Ernahrungsprozesse diejeni- 
gen Prozesse anzusehen haben, die vor sich gehen in den Knorpeln 
und in den Knochen. Was sind das fur Prozesse? 

Wenn das Material unserer Nahrungsstoffe bis zu einem Knorpel 
oder Knochen geleitet wird, so ist im Grunde genommen auch nur 
physisches Material dahin transportiert. Was wir zuletzt im Knorpel 
oder Knochen finden, ist ja nichts anderes als die umgewandelten 
Nahrungsstoffe; aber sie sind in anderer Art umgewandelt als zum 
Beispiel in der Haut. Daher konnen wir sagen: Wir haben in der 
Haut zwar die umgewandelten Nahrungsstoffe zu sehen, die sich in 
der aufiersten Formumgrenzung unseres Leibes ablagern. In der Art 
aber, wie im Knochen das Ernahrungsmaterial abgelagert wird, 
haben wir einen solchen Ernahrungsprozefi zu sehen, wo das Mate- 
rial sich rundet zur menschlichen Form. Es ist also ein umgekehrter 
Ernahrungsprozefi wie derjenige in der menschlichen Haut. Nun 
wird es uns gar nicht mehr schwierig sein, gleichsam nach dem 
Muster der Betrachtungen, die wir fiir das Nervensystem angestellt 
haben, uns auch diesen gesamten Ernahrungsprozefl, das Transpor- 
tierungssystem der Nahrungsmittel zu denken. 

Wenn wir die Haut anschauen und auf die Ernahrungsstoffe sehen, 
welche sie zustande bringen, diesen aufieren Abschlufi, der dem 
Menschen die Oberflache gibt, aber niemals seiber die menschliche 
Form hervorbringen konnte, so wird es uns klar sein, dafi die Haut- 
ernahrung die jiingste Art der Ernahrung ist im Menschenorganis- 
mus; und wir erkennen, dafi wir in der Art, wie die Knochen ernahrt 
werden, einen analogen Prozefi zu sehen haben, der in einem ahnli- 
chen Verhaltnis zur Hauternahrung steht, wie wir den Prozefi der 



Gehirnbildung in ein Verhaltnis setzen konnten zum Prozeft der 
Riickenmarksbildung. Wir werden dasselbe Recht haben zu sagen: 
Dasjenige, was wir zunachst aufierlich im Hauternahrungsprozefi 
auftreten sehen, konnen wir auf einer spateren, das heifit hier hohe- 
ren Stufe umgewandelt sehen in der festen Form der Knochenbil- 
dung. - Es weist uns eine solche Betrachtung des menschlichen 
Organismus darauf hin, dafi unser Knochensystem friiher als weiche 
Substanz bestanden hat und sich erst im Laufe der Entwickelung 
verfestigt hat. Das kann auch durch die aufiere Wissenschaft nachge- 
wiesen werden, die uns lehren kann, wie gewisse Gebilde, die spater 
deutlich Knochen sind, im kindlichen Alter noch weich, knorpelhaft 
auftreten und dafi erst nach und nach aus einer weicheren, knorpel- 
maftigen Masse durch Einlagerung von Ernahrungsmaterial sich die 
Knochenmasse bildet. Da haben wir ein Hinuberfuhren von einer 
weichen in eine festere Substanz, wie es auch beim einzelnen Men- 
schen sich vollzieht. Wir haben also im Knorpel eine Vorstufe des 
Knochens zu sehen und konnen sagen, dalS uns die ganze Einlage- 
rung des Knochensy stems in den Organismus als etwas erscheint, 
was sozusagen ein letztes Resultat derjenigen Prozesse darstellt, die 
uns in der Hauternahrung vor Augen treten. Es werden also zuerst in 
einfachster Weise die Ernahrungsstoffe umgewandelt zu einer wei- 
chen, biegsamen Substanz, und dann, wenn dies vorbereitet ist, kann 
der Ernahrungsprozefi sich abspielen, durch den gewisse Teile sich 
erst verharten zu Knochenmaterie, damit zuletzt die Form des 
menschlichen Gesamtorganismus zum Vorschein kommt. Die Art, 
wie uns die Knochen entgegentreten, gibt uns Anlafi zu sagen: Uber 
die Knochenbildung hinaus haben wir eigentlich dann kein weiteres 
Fortschreiten der Ernahrungsprozesse zur Verfestigung, soweit der 
Mensch der gegenwartigen Entwickelungsstufe in Betracht kommt. 
Wahrend wir auf der einen Seite im Blut die bestimmbarste, wand- 
lungsfahigste Substanz im Menschen haben, konnen wir andererseits 
in der Knochensubstanz dasjenige erblicken, was vollig unbestimm- 
bar ist, was bis zu einem letzten Punkte sich verhartet, verfestigt hat, 
iiber den hinaus es keine weitere Umwandlung mehr gibt; sie hat es 
bis zur starrsten Form gebracht. Wenn wir nun die friiheren Betrach- 



tungen fortsetzen, dann mussen wir sagen: Das Blut ist das bestimm- 
barste Werkzeug des Ich im Menschen, die Nerven sind es schon 
weniger, die Driisen noch weniger, und im Knochensystem haben 
wir das, was am letzten Punkte seiner Evolution angelangt ist, was 
ein letztes Umwandlungsprodukt darstellt in bezug auf die Bestimm- 
barkeit durch das Ich. Deshalb geschieht alles, was zur Formung des 
Knochensystems gehort, in der Weise, dafi zuletzt die Knochen 
Trager und Stiitze eines weicheren Organismus sein konnen, in wel- 
chem Lebens- und Ernahrungsvorgange so ablaufen, dafi das Blut in 
seinen Bahnen in der rechten Weise verlaufen kann, damit das 
menschliche Ich in ihm ein Werkzeug haben kann. 

Ich mochte wissen, wer nicht mit hochster Bewunderung und 
Ehrfurcht erfullt wiirde, wenn er hineinblickt in den menschlichen 
Organismus und sich vorzustellen versucht: Im Knochensystem habe 
ich dasjenige vor mir, was die meisten Verwandlungen, die meisten 
Stufen durchgemacht haben mufi, was von den untersten Stufen 
aufgestiegen ist durch viele, viele Epochen hindurch bis zum heu- 
tigen Knochensystem; es ist zuletzt so gestaltet worden, dafi es der 
feste Trager, die feste Stiitze des Ich sein kann. Wenn man gewahr 
wird, wie bis in die Bildungen der einzelnen Knochen hinein die 
Tendenz des Ich wirkt, wer konnte da nicht mit tiefster Bewunde- 
rung erfullt werden gegeniiber diesem Bau des menschlichen Orga- 
nismus. 

Sehen wir diesen Menschen an, so haben wir zwei Pole des physi- 
schen Daseins gegeben, einmal im Blutsystem, das das bestimmbarste 
Werkzeug des Ich ist, und dann im Knochensystem, das in aufierer 
Form und innerer Struktur am meisten fest ist, am unbestimmbar- 
sten, am wenigsten wandlungsfahig, das in der Unbestimmbarkeit am 
weitesten vorgeschritten ist. Wir diirfen daher sagen: Im Knochen- 
system hat die physische Organisation des Menschen vorlaufig ihren 
letzten Ausdruck, ihren Abschlufi gefunden, wahrend sie in dem 
Blutsystem in einem gewissen Sinne einen neuen Anfang genom- 
men hat. Schauen wir auf unser Knochensystem hin, so konnen wir 
sagen: Wir verehren in diesem Knochensystem einen letzten Ab- 
schlufi der menschlichen physischen Organisation. - Und schauen 



wir auf unser Blutsystem, so konnen wir sagen: Wir sehen in ihm 
einen Anfang, etwas, das erst anfangen konnte, nachdem alle ande- 
ren Systeme vorangegangen sind. - Vom Knochensystem konnen 
wir sagen: Eine gewisse erste Anlage, die ersten Krafte zur Bil- 
dung des Knochensystems mulken schon vorhanden gewesen sein, 
bevor Driisen- und Nervensystem im Organismus zur Entwicke- 
lung kamen, denn diese mufiten durch das Knochensystem ihre ent- 
sprechenden Orte angewiesen erhalten. Das alteste der Kraft- 
systeme des menschlichen Organismus haben wir im Knochen- 
system in uns. 

Wenn wir nun das Blutsystem und das Knochensystem als zwei 
Pole bezeichnet haben, so wollten wir damit bildlich ausdriicken, daft 
in ihnen gleichsam die beiden aufiersten Enden der menschlichen 
Organisation zu sehen sind. Im Blutsystem haben wir das beweglich- 
ste Element vor uns, das so regsam ist, dafi es jeder Regung unseres 
Ich folgt. Und im Knochensystem haben wir dasjenige, was fast ganz 
dem Einflufi unseres Ich entzogen ist, wo wir nicht mehr hinunterrei- 
chen mit unserem Ich; dennoch aber liegt in seiner Form schon die 
ganze Organisation des Ich darinnen. Es stehen damit schon rein 
aufierlich betrachtet Blutsystem und Knochensystem im Menschen 
wie ein Anfang und ein Abschlufi einander gegemiber. Und wenn wir 
so unser Blutsystem anschauen, das fortwahrend alien Regungen des 
Ich folgt, so sagen wir uns : Im regsamen Blut driickt sich uns so recht 
das menschliche Leben aus. - Wenn wir auf unser Knochensystem 
schauen, sagen wir uns: Es symbolisiert alles das, was sich unserem 
Leben entzieht und dem Organismus nur als Stiitze dient. - Unser 
pulsierendes Blut ist unser Leben; unser Knochensystem ist dasje- 
nige, was sich dem unmittelbaren Leben schon entzogen hat - weil es 
ein so alter Herr ist -, was sich schon ausgeschaltet hat und nur noch 
als Stiitze dienen will, nur noch Form geben will. Wahrend wir in 
unserem Blute am meisten organisch leben, sind wir im Grunde 
genommen in unserem Knochensystem schon gestorben. Und ich 
bitte Sie, diesen Ausspruch wie ein Leitmotiv fur die folgenden 
Vortrage zu betrachten, denn es werden sich wichtige physiologische 
Dinge daraus ergeben. Wahrend wir in unserem Blute leben, sind wir 



in unserem Knochensystem eigentlich schon gestorben. Unser Kno- 
chensystem ist wie ein Geriist, es ist das am wenigsten Lebendige, es 
ist nur das uns stiitzende Geriist in uns. 

Wir haben schon am Anfang dieser Vortragsreihe im Menschen 
eine Zweiheit gesehen; jetzt tritt uns diese Zweiheit noch einmal in 
einer anderen Weise entgegen. Auf der einen Seite das Regsamste, 
Lebendigste im Blut, auf der anderen Seite etwas wie ein sich der 
organischen Regsamkeit am meisten Entziehendes, den Tod eigent- 
lich schon in sich Tragendes im Knochensystem. Unser Knochen- 
system hat einen gewissen Abschlufi schon erhalten - in seiner Aus- 
formung wenigstens, wenn es auch nachher noch wachst - bis zu der 
Lebenszeit des Menschen, wo die Ich-Erlebnisse beginnen regsam zu 
werden. Bis zum Zahnwechsel im siebten Lebensjahr hat das Kno- 
chensystem sich im wesentlichen seine Form gegeben. Gerade in der 
Zeit also findet die Hauptentwickelung unseres Knochensystems 
statt, wo wir selber noch der Regsamkeit unseres Ich in hohem Mafie 
entzogen sind. In dieser Zeit, wo das Knochensystem sich aufbaut 
aus den dunklen Untergriinden und Kraften unseres Organismus 
heraus, konnen auch die meisten Fehler in der Ernahrung gemacht 
werden. Gerade in diesen ersten sieben Lebensjahren konnen in der 
Ernahrung des Kindes besonders folgenschwere Fehler gemacht wer- 
den, die sich auf das Knochensystem libel auswirken, zum Beispiel in 
rachitischen Erkrankungen, die namentlich davon herriihren, dafi die 
Ernahrungsprozesse in diesen Jahren nicht in der richtigen Weise 
geleitet werden, zum Beispiel wenn man der Naschhaftigkeit der 
Kinder nachgibt und ihnen alles mogliche gibt, wonach sie Verlangen 
tragen. So sehen wir das, was dem Ich entzogen ist, in unser Kno- 
chensystem hineinwirken. 

Ganz anders ist es beim Blutsystem, welches regsam folgt unserem 
einzelmenschlichen Leben und mehr als alles andere abhangig ist von 
den Prozessen unseres inneren Erlebens. Es ist nur eine Art von 
Kurzsichtigkeit seitens der aufieren Wissenschaft, zu glauben, dafi 
von den inneren Erlebnissen das Nervensystem mehr abhangig ware 
als das Blutsystem. Ich will nur darauf hinweisen, dafi wir die ein- 
fachste Art der Beeinflussung des Blutsystems durch die Ich-Erleb- 



nisse in der Scham und in der Furcht haben, wo eine Umlagerung des 
Blutes stattfindet, die deutlich ausdriickt die Ich-Erlebnisse in dem 
Werkzeuge des Ich, dem Blut. Sie konnen sich also denken, wenn 
sich schon voriibergehende Prozesse so ausdriicken, wie sich dann 
dauernde oder gewohnheitsmafiige Erlebnisse des Ich ausdriicken 
miissen in dem erregsamen Elemente des Blutes. Es gibt keine Lei- 
denschaft, keinen Trieb oder Affekt, ob wir sie gewohnheitsmafiig 
haben oder ob sie explosionsartig zum Ausdruck kommen, die nicht 
als innere Erlebnisse iibertragen werden auf das Blut als Instrument 
des Ich. Alle ungesunden Elemente des Ich-Erlebens kommen im 
Blutsystem zum Ausdruck. 

Und iiberall, wo wir irgend etwas verstehen wollen, was im Blut- 
system vorgeht, da ist es wichtig, nicht blofi zu fragen nach dem 
Ernahrungsprozefi, sondern vielmehr nach den seelischen Prozessen 
zu suchen, insofern sie Ich-Erlebnisse sind, wie Stimmungen, dau- 
ernde Leidenschaften, Affekte und so weiter. Nur eine materialisti- 
sche Gesinnung wird bei Storungen im Blutsystem das Hauptaugen- 
merk auf die Ernahrung lenken; denn die Bluternahrung baut sich auf 
auf die Ernahrung des physischen Systems, des Drusensystems, des 
Nervensystems und so weiter, und im Grunde genommen sind die 
Nahrungsstoffe schon sehr filtriert, wenn sie an das Blut herankom- 
men. Wenn daher das Blut von dieser Seite her beeintrachtigt werden 
soil, muE schon eine ganz wesentliche Erkrankung des Organismus 
aufgetreten sein; dagegen wirken alle seelischen, alle Ich-Prozesse in 
unmittelbarer Weise auf das Blut zuriick. 

So entzieht sich unser Knochensystem am meisten den Vorgangen 
unseres Ich, und so fiigt sich unser Blutsystem am allermeisten den 
Vorgangen unseres Ich. Ja, dieses Knochensystem ist am allerwenig- 
sten veranlagt, dem Ich zu folgen, man mochte sagen, es ist ganz 
unabhangig vom Ich, aber doch ist es fur das Ich organisiert. 

Nur ein kleiner Teil des Knochensystems macht von der Unbe- 
stimmbarkeit durch das Ich eine Ausnahme und zeigt eine individu- 
elle Pragung, namlich die Schadelknochen, besonders der obere Teil 
des Schadels. Diese Tatsache hat zu verschiedenem Unfug Veranlas- 
sung gegeben. 



Sie wissen, daft es eine Phrenologie, eine Schadelknochenunter- 
suchung, gibt. Diese hat nach und nach, trotzdem sie von materiali- 
stischer Seite als Aberglaube angesehen wird, nach den allgemeinen 
Gepflogenheiten unserer Zeit eine materialistische Nuance angenom- 
men. Wenn wir grob charakterisieren wo lien, konnen wir sagen: Im 
allgemeinen wird Phrenologie so beschrieben, daft in den Formen 
unserer Schadelbildung der Ausdruck gesucht wird fur die innere 
Beschaffenheit unseres Ich, indem gleichsam allgemeine Gesichts- 
punkte aufgestellt werden und erklart wird, der eine Hocker bedeute 
dies, der andere das und so weiter. Da will man die menschlichen 
Eigenschaften auffinden an den verschiedenen Hockern, die sich an 
unserem Schadel zeigen. In dem Knochensystem des Schadels wird 
also von der Phrenologie gesucht eine Art plastischer Ausdruck fur 
unser Ich. Nun ist das aber, wenn es so getrieben wird, auch wenn 
scheinbar geistige Ausdriicke im Bau der einzelnen Knochen gesucht 
werden, doch ein Unfug. Denn wer wirklich ein feiner Beobachter 
ist, der weift, daft kein einziger menschlicher Schadel dem anderen 
gleicht und daft man niemals Erhohungen oder Vertiefungen an- 
geben konnte, die fur diese oder jene Eigenschaft allgemein typisch 
sind, sondern daft ein jeder Schadel sich unterscheidet von dem an- 
deren, so daft wir bei jedem Menschenschadel andere Formen vor 
uns haben. 

Nun haben wir gesagt, daft sich unserem Ich, dem das Blut in 
seiner Regsamkeit am meisten folgt, der Knochenbau entzieht, ihm 
am wenigsten folgt. Es ist merkwiirdig, daft uns dennoch die Bildung 
des Schadels und der Gesichtsknochen dem Ich entsprechend gestal- 
tet erscheinen, wahrend der Knochenbau mehr allgemein typisch 
erscheint. Wer den Schadelbau betrachtet, der weifi: So wahr der 
Mensch selber individuell ist, so wahr ist auch sein Schadelbau 
individuell. 

Wie kommt es, daft diese wunderbare Konfiguration des Schadels 
von Anfang an der einzelnen menschlichen Individuality entspre- 
chend angelegt ist, wenn doch das Ich keinen Einflufi auf den Kno- 
chenbau hat? Woher kommt es, daft der Schadel, der sich so entwik- 
keln muft, wie die anderen Knochen auch, anders ist bei jedem 



Menschen? Woher kommt das? Das kommt einfach aus demselben 
Grande, aus dem die individuellen Eigenschaften des Menschen sich 
iiberhaupt entwickeln, namlich daher, daf$ das individuelle menschli- 
che Gesamtleben nicht nur verlauft von der Geburt bis zum Tode, 
sondern verlauft in vielen Inkarnationen. Wahrend unser Ich also in 
der gegenwartigen Inkarnation keinen Einflu# hat auf den Schadel- 
bau, hat es durch die Erlebnisse seiner vorangegangenen Inkarnation 
die Krafte entwickelt, die in der Zeit zwischen dem Tode und der 
nachsten Geburt die Konfiguration des Schadelbaues, die Schadel- 
form, in dieser Inkarnation bestimmen. Wie das Ich in der vorherigen 
Inkarnation war, das bestimmt die Schadelform in der jetzigen Inkar- 
nation, so dafi wir in dem Bau unseres Schadels einen aufieren plasti- 
schen Ausdruck haben fur die Art und Weise, wie wir, jeder einzelne, 
als Individualist, in der vorhergehenden Inkarnation geiebt und 
gewirkt haben. Wahrend alle anderen Knochen bei uns etwas Allge- 
mein-Menschliches ausdriicken, driickt der Schadel in seiner aufieren 
Form das aus, was wir waren und was wir getan haben in der vorigen 
Inkarnation. 

Das aufierst regsame Element des Blutes kann also bestimmt wer- 
den vom Ich in dieser Inkarnation. Unsere Knochen aber haben sich 
in dieser Inkarnation dem Einflufi des Ich schon ganz entzogen, bis 
auf den letzten Rest, den Schadelknochen, der aber dem Ich auch 
nicht mehr in dieser Inkarnation folgen kann. Der Schadelknochen, 
der aus der Weiche der Keimessubstanz heraus sich entwickelt hat, 
wo das Ich noch gestaltend einwirken konnte, gibt einen Ausdruck 
dafiir, wie wir in der vorherigen Inkarnation waren. Eine allgemeine 
Phrenologie gibt es nicht. Wenn wir Phrenologie iiberhaupt in 
Betracht ziehen wollen, so darf sie keine schematisierende Wissen- 
schaft sein, sondern sie sollte auf eine kunstlerische Art und Weise 
die plastischen Eigentiimlichkeiten des Schadelbaues betrachten. Wir 
miissen unseren Schadelbau beurteilen wie ein Kunstwerk. Wir miis- 
sen allerdings in dem Schadelbau etwas Individuelles sehen, aber 
etwas Individuelles, das ein Ausdruck der Geschichte des Ich ist in 
einer vorhergehenden Inkarnation. So sehen wir, dafi selbst diese 
Form des Knochenbaus, wie sie uns im Schadelbau entgegentritt, 



dem Ich soweit entzogen ist, daft es in der gegenwartigen Inkarnation 
darauf keinen Einfluft mehr hat. Aber es hat noch Einfluft darauf 
beim Durchgang zwischen Tod und neuer Geburt, wo es in gewissem 
Sinne die Krafte wieder aufnimmt, die sich ihm im vergangenen 
Leben schon entzogen hatten und welche unter seinem Einfluft fiir 
das nachste Leben das Knochensystem und besonders den Schadel 
aufbauen. 

Wenn daher von der Wiederverkorperungsidee gesprochen und 
gesagt wird, das sei eine Sache, die sich im allgemeinen der Beurtei- 
lung durch unsere Vernunft entziehe, da miisse man eben das glau- 
ben, was der Geistesforscher sagt -, so ist das nicht richtig. Man kann 
darauf erwidern: Ihr konnt euch handgreiflich davon iiberzeugen, 
daft das menschliche Ich in einer vorhergehenden Inkarnation dage- 
wesen sein mufi; im menschlichen Schadel hat man handgreiflich den 
Beweis vor sich, wie der Mensch in der vorhergehenden Inkarnation 
war. Wer das nicht zugibt, wer darin etwas Paradoxes sieht, daft man 
aus der Art, wie etwas aufterlich geformt ist, schlieften mufi auf etwas 
friiher Lebendiges, das aus seinem friiheren Leben heraus das Auftere 
geformt hat, der hat auch kein Recht, sonstwie auf ein friiher Leben- 
diges zu schlieften, wenn ihm irgendwo eine plastische Gestalt entge- 
gentritt. Wer nicht den Schluft zugibt als einen streng logischen, daft 
in der individuellen Schadelform, die wir haben, sich die Konfigura- 
tion des Ich aus fruheren Inkarnationen ausdriickt, der hat auch kein 
Recht, wenn er zum Beispiel irgendwo auf der Erde eine leere 
Muschel findet, aus der aufieren Form dieser Muschel schlieften zu 
wollen, daft da einmal ein Lebewesen drin war. Wer aus der toten 
Muschel schlieften will auf ein Lebewesen, das einmal da drinnen war 
und die Muschel geformt hat, der darf den logisch ganz gleichwerti- 
gen Schluft nicht abweisen, daft in der individuellen Ausgestaltung 
unseres Schadels der unmittelbare Beweis gegeben ist fiir das Herein- 
wirken eines fruheren Lebens in dieses Leben. 

So sehen Sie, daft wir hier eines der Tore haben, durch die wir 
physiologisch hineinleuchten konnen in die Reinkarnationsidee. Sol- 
che Tore gibt es viele; man mufi sich nur Zeit lassen. Wenn man 
geduldig ist und wartet, dann wird man die Stellen finden, wo die 



Beweise erbracht werden konnen und wie sie zu erbringen sind. Und 
wer leugnen wollte, daf5 in dem, was jetzt gesagt worden ist, Logik 
liegt, der mufite auch die gesamte Palaontologie leugnen, denn sie 
beruht auf denselben Schlufifolgerungen. So sehen wir, wie wir durch 
Eindringen in die Formen des menschlichen Organismus diesen auf 
seine geistigen Grundlagen zuriickfiihren konnen. 



SIEBENTER VORTRAG 



Prag, 27. Marz 1911 



Wir haben im Verlaufe dieser Vortrage wohl den Eindruck bekom- 
men konnen, dafi sich die verschiedenen Organsysteme und Gliede- 
rungen des menschlichen Organismus in der allerverschiedensten 
Weise beteiligen an dem Gesamtprozesse dieses menschlichen Orga- 
nismus. Wir haben auf verschiedenes in dieser Richtung hinweisen 
konnen und uns schon im Verlaufe der bisherigen Vortrage bemiifiigt 
gesehen, die Tatigkeiten, die in den verschiedenen Organsystemen 
wirken, vorlaufig einmal zuzuteilen hoheren, iibersinnlichen Glie- 
dern der menschlichen Organisation. So zum Beispiel muftten wir 
sagen, dafi mit dem, was wir das menschliche Ich nennen, in einem 
innigen Zusammenhange steht der menschliche Blutkreislauf, so dafi 
wir das Blut ansprechen konnten als ein Werkzeug des menschlichen 
Ich. Wir haben ferner das, was wir Bewufkseinsleben nennen, zutei- 
len konnen dem Nervensystem. Wir haben aber auch gezeigt, wie ein 
besonderer Teil des Nervensystems - das sympathische Nervensy- 
stem - in gewisser Weise eine entgegengesetzte Aufgabe hat wie der 
andere Teil des Nervensystems, eine Aufgabe, welche darin besteht, 
alles, was in den Tiefen des Organismus des Menschen sich abspielt, 
was hervorgerufen wird durch die Tatigkeit des inneren Weltsystems, 
sozusagen zuriickzuhalten, so dafi es bei normaler korperlicher Ver- 
fassung nicht bis zum Horizonte des Ich, also bis ins Tagesbewulk- 
sein heraufdringt. Wir haben gestern ferner versucht, wenigstens 
annahernd zu erkennen, daiR sich dem bewufiten Leben des Men- 
schen am meisten das entzieht, was sich in dem festen Knochengeriist 
aufbaut; wir haben aber doch betonen mussen, wie schon in diesem 
festen Knochengeriist des Menschen tatig sein muE ein solches 
Wesenhaftes, das zuletzt den Menschen fahig macht, das Organ 
seines bewufiten Ich-Lebens, den Blutkreislauf, zu entfalten. So kon- 
nen wir auch sagen: die Einlagerung des menschlichen Knochen- 
systems bedeutet fur den Gesamtorganismus des Menschen, dafi er 
uberhaupt eine menschliche Form erhalten kann und dafi alles, was 



vorgeht innerhalb der Prozesse, die sich in dem festen Knochen- 
system abspielen, unterhalb der Schwelle des Bewufttseins gehalten 
wird. Immer haben wir es in der menschlichen Organisation mit 
etwas ahnlichem zu tun, namlich damit — wir wollen uns insbeson- 
dere in diesem Punkte richtig verstehen daft das, was innerhalb 
dieser menschlichen Organisation ist, gleichsam behiitet wird vor den 
Einflussen, die in unserem Umkreise und in der groften Welt des 
Kosmos sich abspielen. Wir haben gesagt, daft die Glieder des inne- 
ren Weltsystems, jene sieben Organe, die gewissermaften das auftere 
Planetensystem in unserem Innern spiegeln - insbesondere die 
Milz -, die aufteren Gesetze dessen, was wir als Nahrung aufnehmen, 
zuriickhalten, gleichsam von diesen Gesetzen befreien, und daft die 
Nahrungsstoffe so in den menschlichen Organismus aufgenommen 
werden, daft sie sich als filtriert erweisen, so daft sie nicht in einer 
solchen Gestalt in den menschlichen Organismus hineinkommen, 
daft sie innerhalb desselben in einer eigenen Gesetzmaftigkeit und 
eigenen Regsamkeit walten konnen. In der, ich mochte sagen, grob- 
sten Weise haben wir fur den Menschen und die hoheren Tiere dieses 
Behiiten innerer Vorgange gegenuber den aufteren Einflussen ja 
schon in der Blutwarme gegeben. Diese Blutwarme, die innerhalb 
enger Temperaturgrenzen liegt, wird durch eine innere Gesetzmaftig- 
keit erhalten und ist unabhangig von den Warmevorgangen des 
Makrokosmos, der grofien Welt, die um uns herum sich abspielen. 
Hier haben Sie recht anschaulich eine Art von Grundphanomen in 
dieser Konstanz der Blutwarme. So miissen wir immer darauf hin- 
weisen, wie ein Wesentlichstes der inneren Organisation des Men- 
schen darin besteht, daft ein begrenztes Wesenhaftes abgeschlossen 
wird gegeniiber dem Makrokosmos und seine eigenen Regsamkeiten 
entwickelt. 

Nun werden wir heute gut tun, um dem menschlichen Organismus 
noch weiter beizukommen, ein wenig von der anderen Seite auszu- 
gehen und auf das bewufite Leben einen kurzen Blick zu werfen. Wir 
wissen schon aus den vorhergehenden Vortragen, wie das bewuftte 
Leben des Menschen sich der Werkzeuge des Blutes und des Nerven- 
systems bedient, wir konnten aber noch nicht auf die feineren Vor- 



gange eingehen. Was ich jetzt sagen werde, ist etwas, was geeignet ist, 
die aufiere Welt, die heute gebrauchliche Wissenschaft - das sei ganz 
offen gestanden — noch in hohem Grade zu schockieren. Aber ein 
jeder, der auf dem Boden des echten, wahren Okkultismus wahrhaft 
stent, wird Ihnen sagen, daft die Tendenz der Wissenschaft dahin 
geht, dafi durch sie im Verlaufe von wenigen Dezennien auch diejeni- 
gen Dinge bestatigt und anerkannt werden, die wir heute noch nur 
aus okkulten Beobachtungen heraus sagen konnen. Wenn ich statt 
einer so kurzen Reihe von Vortragen ein halbes Jahr iiber diese Dinge 
hier sprechen konnte, so ware es moglich, aus den Ergebnissen der 
heutigen Wissenschaft alles das herbeizutragen, was geeignet ist, auch 
aufierlich zu belegen, was im heutigen Vortrag gesagt werden soli. 
Aber ich mufi da manches schon dem eigenen guten Willen und den 
Fahigkeiten der verehrten Zuhorer iiberlassen. Es ist ja iiberall mog- 
lich, die Wege zu suchen zur aufieren Wissenschaft, die, wenn sie 
nicht von theoretischen Vorurteilen, sondern von den Tatsachen 
ausgeht, auch heute schon iiberall Bestatigungen finden kann fiir 
das, was auf dem Felde des Okkultismus gesagt wird. Ich bitte, alle 
diese Ausfiihrungen in diesem Sinne zu nehmen. 

Wenn wir von unserem bewufiten Leben ausgehen, namentlich 
wenn wir das Verhaltnis unseres bewufiten Seelenlebens zu unserem 
Organismus betrachten, ist es zunachst notwendig, alles das ins Auge 
zu fassen, was wir unsere Denktatigkeit im umfassendsten Sinne 
nennen. Wir brauchen uns dabei nicht einzulassen auf feinere logi- 
sche oder psychologische Unterscheidungen, wir brauchen uns 
zunachst nur vor unsere Seele zu stellen, daft wir es zu tun haben mit 
dem denkerischen Leben des Menschen, mit dem Gefuhlsleben und 
mit dem Willensleben des Menschen. 

Nun werden Sie unter denjenigen, die auf dem Boden des wahren 
Okkultismus stehen, niemals einen Widerspruch finden, wenn gesagt 
wird, dafi durch alle solche Prozesse, die sich in unserem Seelenleben 
im wachen Tagesbewufitsein abspielen und die unter die Kategorien 
des Denkerischen, des Gefuhlsmafiigen oder des Willensimpulsmafii- 
gen fallen, im Organismus wirklich materielle - sei es belebte oder 
andere - Vorgange bewirkt werden, so dafi wir iiberall fiir ein jeg- 



liches, was in unserer Seek vorgeht, die entsprechenden materiellen 
Prozesse in unserem Organismus finden konnen. Das ist von aller- 
hochstem Interesse. Denn erst in unserer Zeit wird es aus gewissen 
Tendenzen, die erst heute in der Wissenschaft vorhanden sind, in den 
nachsten Jahrzehnten moglich sein, diese Entsprechungen von See- 
lenvorgangen und physiologischen Vorgangen im Organismus wirk- 
lich herauszufinden und das aus dem Okkultismus Gewonnene zu 
bestatigen. 

Jedem denkerischen Vorgange entspricht ein Vorgang in unserem 
Organismus, ebenso jedem Gefuhlsvorgange und ebenso jedem Vor- 
gange, der mit dem Ausdruck Willensimpuls bezeichnet werden 
muE. Gleichsam konnten wir sagen: Wenn in unserem Seelenleben 
etwas vorgeht, wird eine Welle angeschlagen, die sich bis hinunter in 
den physischen Organismus fortpflanzt. - Nehmen wir zunachst den 
Vorgang des Denkens. Da ist es am besten, einen solchen Gedanken- 
prozefi ins Auge zu fassen, der wie das rein mathematische Denken 
oder ein ahnliches objektives Denken unsere Gefuhle und unseren 
Willen unbeeinflufit lafit. Solche Gedankenprozesse, die denkerische 
Prozesse «in Reinkultur» sind, wollen wir zunachst ins Auge fassen. 
Was geht in unserem Organismus vor, wenn sich solche Gedanken- 
prozesse in unserem Seelenleben abspielen? Jedesmal, wenn wir den- 
ken, wenn wir Gedanken fassen, findet in unserem Organismus ein 
Prozefi statt, den wir vergleichen konnen - ich sage das nicht als 
Analogie, sondern als eine Tatsache, der Vergleich soli uns auf Tatsa- 
chen fuhren -, den wir vergleichen konnen mit dem Prozefi einer 
Kristallisation. Wenn wir in einem Glase Wasser haben, das bis zu 
einem gewissen Grade erwarmt ist, und darin irgendein Salz, Stein- 
salz zum Beispiel, aufgelost haben und bringen nun durch Abkiih- 
lung des Wassers dieses aufgeloste Salz zur Kristallisation, dann 
vollzieht sich der der Auflosung entgegengesetzte Prozefi. Wenn das 
Salz ganz aufgelost ist, ist das Wasser durchsichtig. Wenn aber das 
Wasser wieder abgekiihlt wird und der der Auflosung entgegenge- 
setzte Prozefi im Wasser sich vollzieht, dann wird das Salz wieder 
herauskristallisiert aus dem Wasser; es geschieht eine Salzriickbil- 
dung, eine Salzeinlagerung im Wasser. Der Prozefi stellt sich also so 



dar, dafi wir sehen: In dem vorher warmen Wasser entsteht, wenn 
wir es abkiihlen, ein Festes; es lagert sich im Fliissigen ein Festes ein, 
eine Salzablagerung. Wie gesagt, ich habe vorausgesetzt, daft durch 
die Angaben okkulter Resultate derjenige, der nur pedantisch im rein 
philistrdsen Sinne die Tatsachen zugeben will, die von der Wissen- 
schaft registriert sind, zunachst schockiert werden kann. 

Ein ganz gleicher Prozefi spielt sich nun ab in unserem Organis- 
mus, wenn wir denken. Es ist der Prozefi des Denkens entsprechend 
einem Einlagerungsprozefi von Salzen, der ausgeht von einer Wir- 
kung unseres Blutes und der irritierend zuriickwirkt auf unser Ner- 
vensystem, ein organischer Prozefi also, der sich abspielt an der 
Grenze unseres Blutes und unseres Nervensy stems. Und geradeso, 
wie wir beim Anschauen des Wassers in dem Wasserglase das Aus- 
kristallisieren des Salzes beobachten konnen, so konnen wir sehen, 
wenn wir einen Menschen beobachten, der in der befriedigenden 
Lage ist zu denken, wie sich in der Tat — fur das hellseherische Auge 
sehr genau iibersinnlich wahrnehmbar - ein solcher Prozeft abspielt. 
So haben wir das physische Korrelat des Denkprozesses einmal vor 
unsere Seele hingestellt. 

Fragen wir uns jetzt: Wie nimmt sich das Entsprechende beim 
Fiihlen aus? - Beim Fuhlen haben wir es nicht mit einer Einlagerung 
von festwerdenden Salzen, also nicht mit einem umgekehrten Auflo- 
sungsprozefi zu tun, sondern es finden in unserem Organismus feine 
Prozesse statt, die sich etwa so abspielen, wie wenn ein Fliissiges 
halbfest wird. Denken Sie sich: Ein Fliissiges wird so halbfest wie 
etwa fliissiges Eiweifi, es koaguliert zur Konsistenz von verdicktem 
Eiweifi; also es findet ein Festwerden eines Fliissigen statt. Wahrend 
wir es beim Denkprozefi zu tun haben mit einem Herausholen eines 
Festen, Salzartigen aus einem Fliissigen, das sich ablagert, haben wir 
es beim Gefiihlsmafiigen zu tun mit einem Ubergehen gewisser Teil- 
chen im Blut aus einem mehr fliissigen Zustand in einen dichteren 
Zustand. Die Substanz selber wird durch eine Art Gerinnung in 
einen dichteren Zustand gebracht. Dem hellseherischen Auge zeigt 
sich das wie ein Sichbilden kleiner Flockchen, geradeso, wie Sie in 
einem Glase, in welchem eine bestimmte Flussigkeit ist, durch 



bestimmte Vorgange einen Prozefi innerer Flockenbildung bewirken 
konnen, ein Ausscheiden quellbarer kleiner Tropfchen aus einer 
flussigen Substanz. 

Wenn wir jetzt Ubergehen zu dem, was wir unsere Willensimpulse 
nennen konnen, so ist das physische Korrelat dafiir wiederum anders. 
Das ist nun sogar leichter zu fassen, denn da kommen wir nach der 
Seite, wo die Sache schon etwas offenbarer wird. Der unseren Wil- 
lensimpulsen entsprechende physische Prozeft ist eine Art Erwar- 
mungsprozefi, der Temperaturerhohungen im Organismus hervor- 
ruft, eine Art Heifiwerden des Organismus in gewisser Beziehung. 
Da nun diese Erwarmung eng mit der ganzen Pulsation des Blutes 
zusammenhangt, so konnen wir sagen, dafi die Willensimpulse mit 
einer Temperatursteigerung des Blutes verbunden sind. Dazu gehort 
nicht viel; wenn man nur einigermafien Sinn hat fur wirkliche Beob- 
achtungen, kann man auch schon am tierischen Organismus beob- 
achten, daft die Willensimpulse in der Erwarmung des Blutes ihr 
physisches Korrelat haben. 

So konnen wir die physischen Korrelate, die sich abspielen bei 
inneren, seelischen Vorgangen, einigermafien charakterisieren. Was 
ich Ihnen jetzt charakterisiert habe, ist naturlich nicht etwas, was sich 
sehr im groben abspielt, sondern das sind aufierordentlich feine, 
minuziose Prozesse, Prozesse von einer Feinheit, von welcher man 
sich allerdings gewohnlich gar keine Vorstellung machen kann. Aber 
mit Ausnahme der Erwarmungsprozesse spielen sich diese Prozesse 
so ab, daft sie in bezug auf alles, was wir an ahnlichen Prozessen in 
der aufteren physischen Welt kennen, eben eine ungeheure Feinheit 
darbieten. Alles dieses sind Prozesse, die der Organismus durch seine 
gesamten Krafte ausfuhrt, wenn das Ich in Tatigkeit ist, mit Hilfe des 
Instrumentes des Blutes. Von der Salzablagerung bis zur Quellbar- 
keit und zur Erwarmung spielen sich diese Prozesse so ab, dafi der 
ganze Organismus ergriffen wird oder auch, zum Beispiel beim 
denkerischen Prozefi, hauptsachlich ein Teil unseres Organismus, 
Gehirn und Ruckenmarksystem. In der mannigfaltigsten Weise im 
menschlichen Organismus verteilt sind diese Prozesse, welche Folgen 
der Einwirkung der seelischen Prozesse sind. Wenn man diese Dinge 



allmahlich als Tatsachen kennenlernt, kommt man dahin, allerdings 
zugeben zu mussen, dafi das, was man Gedanken oder Gefiihle oder 
Willensimpulse nennt, reale Krafte sind, die reale Wirkungen haben 
innerhalb des physischen Organismus und sich in realen Wirkungen 
aussprechen. Wir mussen rein aus der okkulten Beobachtung heraus 
sprechen von einer realen Wirkung der Seele auf den menschlichen 
Organismus. Es werden sich diese realen Wirkungen auf den 
menschlichen Organismus nach und nach in den folgenden Jahrzehn- 
ten der Wissenschaft schon enthiillen. Diese feinen Prozesse im 
Organismus werden den sorgfaltigeren und subtileren Untersu- 
chungsmethoden der Wissenschaft schon zuganglich werden; und 
dann wird jenes Strauben mehr und mehr von selber aufhoren, das 
heute - nicht aus den Tatsachen, die die Wissenschaft erforscht hat, 
wohl aber aus gewissen vorurteilsvollen Theorien, die an diese Tatsa- 
chen sich anknupfen - sich erhebt gegen Behauptungen, die aus der 
okkulten Erkenntnis gemacht werden konnen. 

Nun haben wir noch darauf hingewiesen, daft das, was wir als eine 
bewufite Tatigkeit des Ich auffassen, im Grunde genommen nur ein 
Teil der menschlichen Wesenheit ist und dafi unter der Schwelle 
dessen, was auf diese Art in unseren Bewufitseinshorizont herein- 
dringt, Prozesse sich abspielen, die unterhalb des Bewulkseins liegen 
und die gleichsam ferngehalten werden von unserem Bewufitsein 
durch das sympathische Nervensystem. Wir haben von verschiede- 
nen Seiten her darauf hinweisen konnen, wie das, was wir dergestalt 
unbewufit in uns tragen, auch in einer gewissen Art im Zusammen- 
hange steht mit unserem Ich. Wir haben von dem Unbewufttesten, 
von unserem Knochensystem, gesagt, dafi es von vornherein so orga- 
nisiert ist, da(5 es dem Werkzeuge des bewufken Ich geradezu die 
Grundlage geben kann. So wachst aus dem Unbewulken heraus eine 
unbewufite Ich-Organisation der bewufiten Ich-Organisation entge- 
gen. Gleichsam teilt sich fur uns der Mensch in zwei Teile: Es wirkt 
von der einen Seite her die bewufite Ich-Organisation und von der 
anderen Seite her die unbewulke Ich-Organisation in den Menschen 
hinein (siehe Zeichnung S. 136). Wir haben in dieser Beziehung gese- 
hen, dafi Blutsystem und Knochensystem einen gewissen Gegensatz 



/ 1 ' 

ft. A 

x,. f / 
\ I ./ 
Y 



i/nfcewt/ssffc Jc!j- Organisation 



bilden, sich wie entgegengesetzte Pole ausnehmen. Wahrend das Blut 
in seiner inneren Regsamkeit als ein schmiegsames Werkzeug der 
Tatigkeit des Ich folgt, entzieht sich der andere Pol, das Knochensy- 
stem, der Regsamkeit des Ich so, dafi von allem, was im Knochensy- 
stem geschieht, das Ich kein Bewufitsein hat, das heifit, dafi alle im 
Knochensystem vorgehenden Prozesse vollstandig unter der Ober- 
flache der eigentlichen bewufiten Ich-Geschehnisse ablaufen. Es sind 
zwar Prozesse, welche unserer Ich-Tatigkeit entsprechen, aber sie 
sind ebenso tot, wie unsere Blutprozesse lebendig sind; sie sind damit 
im Grunde genommen ein Teil solcher Prozesse, die dem Ich unbe- 
wufit bleiben, die sich nur stufenweise herauferheben aus dem Unbe- 
wufiten zum Bewufitsein. 

Wenn wir das Knochensystem in seiner Gesamtfunktion im 
menschlichen Organismus einmal eingehend betrachten, so mufi uns 
ja iiberall auffallen, dafi es sich allem bewufiten Leben entzieht, und 
zwar am starksten von alien Organsystemen. Wenn wir aber nun 
vom Knochensystem iibergehen zu den Organsystemen, die wir das 
innere Weltsystem des Menschen genannt haben, zum Leber-Galle- 
Milzsystem, zum Lungen-Herzsystem und so weiter, so miissen wir 
nach dem in den fruheren Vortragen hieriiber Mitgeteilten sagen : In 
hohem Grade sind die Vorgange innerhalb dieser Systeme auch unse- 
rem Bewufitsein entzogen, aber doch nicht ganz so, wie die Vorgange 
in unserem Knochensystem. An unser Knochensystem brauchen wir 



doch viel weniger zu denken, auf dasselbe zu achten als auf die 
Organe, die eben genannt worden sind. Einige dieser genannten 
Organe geben sich dem Menschen sogar sehr deutlich in ihren Funk- 
tionen kund als etwas, was iiber das Unbewufke herausragt. Es ist 
etwa so, wie wenn ein Gegenstand, der im Wasser des Meeres 
schwimmt, teilweise heraufstofk und wie eine Insel iiber der Oberfla- 
che sichtbar wird. So dringt zum Beispiel manches von dem, was im 
Herzen vorgeht, in das Bewulksein herauf. Sie wissen ja aus Erfah- 
rung, wie besonders hypochondrische Naturen - zu ihrem Schaden 
natiirlich - etwas von den Dingen verspiiren, die in ihren inneren 
Organen vorgehen, allerdings wird es ihnen ganz anders bewufk, als 
es drinnen vorgeht, aber sie empfinden es doch. Ich spreche jetzt 
nicht davon, wie es ist, wenn ein gewisser Grad von Erkrankung in 
den Organen schon eingetreten ist. Beim Krankwerden namlich wird 
man sich der Organe bewufk; da liegt aber eine wirkliche Ursache 
vor, wodurch die Wirkungen der inneren Weltsysteme heraufsteigen 
bis in das Bewufksein; sondern ich spreche davon, daft lange nicht 
diese Grenze erreicht zu werden braucht, welche ein gesunder 
Mensch gegemiber dem Kranksein hat. Diese Grenze verschiebt sich 
aber leider recht oft. Was oft schon als Krankheit angesprochen wird, 
kann durchaus als ein geringerer oder hoherer Grad des Hinaufdrin- 
gens innerer Vorgange in das Bewufksein angesehen werden. Wir 
mussen also wirklich die Ursachen der verschiedenen Krankheiten 
immer so untersuchen, dafi wir uns fragen: Liegen die Ursachen der 
Schmerzen in Krankheiten der Organe, oder haben wir sie anderswo 
zu suchen? - Wir wissen ja, dafi wir vor dem Ins-Bewufksein-Treten 
dessen, was sich da unten im Organismus abspielt, geschiitzt sind 
durch das sympathische Nervensystem. 

Wenn wir im Knochensystern etwas sehen, was den Menschen 
seiner Form, seiner Gestaltung nach so aufbaut, daft das Blutsystem 
darin in der entsprechenden Weise ein Werkzeug fur sein Ich sein 
kann, so mussen wir uns nach dem, was eben jetzt gesagt worden ist, 
dariiber klar sein, dafi auch die anderen Organsysteme in einer gewis- 
sen Weise dem bewufken Leben des Menschen, das sich zuletzt wie 
eine Blute entfalten soil, entgegenwachsen. Wir mussen uns klar sein, 



dafi alle diese Organe auch schon, obwohl sie nicht durchdrungen 
sind von vollbewufitem Leben, das enthalten, was unserem bewufiten 
Seelenleben entgegenwachst, so wie wir gesehen haben, dafi unser 
Knochensystem entgegenwachst dem Ich-Leben. 

Wir mussen uns nun die Frage vorlegen: In welchem Grade wachst 
denn dieses innere System, das wir als ein inneres Weltsystem 
bezeichnet haben, dem bewufken Seelenleben des Menschen entge- 
gen? - Wenn wir auf der einen Seite bedenken, dafi wir in dem Kno- 
chensystem die festeste Stiitze in unserem physischen Korper haben, 
die dem Blutsystem so seine Anordnung gibt, daft es an den richtigen 
Orten wirkt, um sich als Werkzeug des Ich entfalten zu konnen, so 
miissen wir auf der anderen Seite auch sagen, daft das Knochensystem 
diejenigen Organe stiitzt und in der richtigen Lage halt, die wir 
fruher als innere Weltsysteme bezeichnet haben. Denn was mit dem 
Blute geschieht, das kommt auch diesen Organen zugute. Wenn Sie 
alle diese Organsysteme betrachten, wird Ihnen auffallen, dafi Sie in 
deren Anordnung nichts entdecken konnen, was so wesentlich und 
innig mit der aufteren Form des Menschen zusammenhangt wie das 
Knochensystem. Es ist die Grundlage der menschlichen Form, und 
was sich um das Knochensystem herum hineinbaut und auflagert, das 
kann sich nur so hineinbauen und auflagern, weil das Knochensystem 
die Grundform abgibt. Auch die Haut als aufiere Korperbegrenzung 
ist gleichsam vorgebildet durch die ganze Gestaltung des Knochensy- 
stems. Goethe hat das in einem schonen Ausspruch gesagt, nicht blofi 
vom asthetischen, sondern auch vom wissenschaftlichen Standpunkt 
aus: «Es ist nichts in der Haut, was nicht im Knochen ist.» Das heifit, 
in der aufieren Hautgestaltung driickt sich dasjenige aus, was schon 
durch das Knochensystem vorgebildet ist. Dasselbe konnen wir von 
unserem inneren Weltsystem nicht sagen. Andererseits zeigt aber 
gerade das Heraufrucken der Wirkungen des inneren Weltsystems zu 
niederen Graden des Bewufkseins, dafi dieses innere Weltsystem 
etwas zu tun hat mit unserem Astralleib; denn der Astralleib ist der 
Trager des Bewulkseins. So miissen wir daher sagen, dafi zwar dieses 
innere Weltsystem uns nicht erscheinen kann als ein Ausdruck des 
unterbewufiten Ich, des in tiefen Untergninden gelegenen formbil- 



denden Ich, dafi es uns aber als das erscheinen kann, was uns durch 
den ganzen Weltenprozefi als Ausdruck der Umwelt so eingegliedert 
ist, dafi es einen ahnlichen Bezug hat zu unserem Astralleib, wie das 
Knochensystem die Grundlage abgibt zu der das Ich umfassenden 
menschlichen Form. Wir konnen daher sagen: Wir haben im Kno- 
chensystem schon vorgebildet, tief unten im Unterbewulken, das 
menschliche Ich, und in dem, was wir unser inneres Weltsystem 
nennen, haben wir dasjenige vorgebildet, was wir unseren Astralleib 
nennen. 

Nun stammt dieses innere Weltsystem in seiner ganzen Organisa- 
tion, weil es eben noch unter dem Bewulksein liegt, gar nicht aus dem 
bewufiten Seelenleben; es ist unserem Organismus eingefugt aus dem 
Makrokosmos. Es ist also damit dem Menschen etwas, was wir ein 
kosmisches Astrales nennen konnen, so eingefugt, dafi es sich aus- 
driickt als unser inneres Weltsystem. Und in unserem Knochensy- 
stem haben wir wiederum in unseren Organismus etwas eingegliedert 
bekommen aus unserer Umgebung, aus dem grofien Weltsystem, und 
weil das zusammenhangt mit der gesamten Form unseres physischen 
Organismus, mtissen wir sagen: Dieses Knochensystem ist eigentlich 
dadurch die Grundlage fur unser Ich in unserem physischen Leib, 
weil es ein makrokosmisches oder schlechtweg ein kosmisches 
System ist, das uns zu diesem physisch gestalteten Menschen macht. 
Neben diesem Knochensystem wird uns eingelagert ein makrokos- 
misches astrales Weltsystem als unser inneres Weltsystem. Insofern 
unser Ich als bewufites Ich auftritt, hat es zum Werkzeug das Blut- 
system, insofern unser Ich vorgebildet ist als Form und Gestalt, liegt 
ihm zugrunde ein kosmisches Kraftsystem, das hindrangt zur festen 
Gestaltung, das sich am dichtesten zum Ausdruck bringt in unserem 
Knochensystem . 

Fassen wir die Sache noch von einem anderen Gesichtspunkt ins 
Auge. Wir wissen ja jetzt, dafi alles, was wir als bewufite Denktatig- 
keit, die vom Ich bewirkt wird, bezeichnet haben, sich zum Aus- 
druck bringt durch eine Art von feinster Salzablagerung im Blut. Es 
gibt sich also das bewufite Denken zu erkennen durch eine Art von 
innerer Salzablagerung. Wir konnen daher also erwarten, dafi da, wo 



aus dem Kosmischen heraus unser Knochensystem vorgebildet wird, 
so dafi der Organismus die materielle Stiitze bilden kann fur den 
Menschen als denkerisches Wesen, wir auch den physischen Prozefi 
einer Salzablagerung finden mufiten. Wir miifiten also Salzablagerun- 
gen im Knochensystem finden konnen; und tatsachlich bestehen die 
Knochen zum Teil aus phosphors aurem und kohlensaurem Kalk, 
also aus abgelagerten Kalksalzen. 

So haben wir auch hier die beiden entgegengesetzten Pole. Indem 
der Mensch denkerisch tatig ist, sind die Gedankenprozesse dasje- 
nige, was uns innerlich zu einem festen Wesen macht. Unsere Gedan- 
ken sind in einer gewissen Weise unser inneres Knochengerust. Der 
Mensch hat bestimmte scharfumrissene Gedanken; unsere Gefiihle 
dagegen sind unbestimmt, lavierend, bei jedem Menschen mehr oder 
weniger anders. Die Gedanken bilden feste Einschliisse im Gefuhls- 
system. Wahrend diese festen Einschliisse im bewufiten Leben sich 
ausdriicken im Blut durch eine Art von regsamem, beweglichem 
SalzablagerungsprozelS, driickt sich das, was das Ich vorbereitet, im 
Knochensystem so aus, dafi der Makrokosmos unser Knochensystem 
so bildet, dafi es zum grofken Teil aus abgelagerten Salzen aufgebaut 
ist. Diese sind nun das ruhende Element in uns, der andere, der 
entgegengesetzte Pol zu den Vorgangen der inneren Regsamkeit, 
welche in den Salzablagerungsprozessen im Blut sich abspielen. So 
werden wir als Menschen von zwei Seiten her in unserer Organisa- 
tion zum Denker gemacht, von der einen Seite her unbewufit, indem 
unser Knochensystem aufgebaut wird, von der anderen Seite aus 
bewufk, indem wir - nach dem Muster unseres Knochenaufbaupro- 
zesses - dieselben Prozesse bewuik vollziehen, die sich im Organis- 
mus als solche Salzablagerungsprozesse zeigen, von denen wir sagen 
konnen, dafi sie innerlich regsame sind. Die beim Denken gebildeten 
Salze miissen sogleich durch den Schlaf wieder aufgelost, f ortgeraumt 
werden, sonst wiirden sie etwas wie Zersetzungsprozesse, Auflo- 
sungsprozesse im Organismus herbeifiihren. Wir haben also im Den- 
ken einen wirklichen Zerstorungsprozefi zu sehen. Und durch den 
wohltatigen Schlaf wird ein RiickbildungsprozelS ausgeiibt, der 
bewirkt, dafi das Blut wieder frei wird von Salzablagerungen, so 



daft wir von neuem bewulke Gedanken im wachen Tagesleben ent- 
wickeln konnen. 

Es geht aber nicht an, dafi man nun einfach sagt: Denken ist ein 
Salzbildungsprozefi -, denn wenn die Menschen das nicht in der 
richtigen Weise verstehen, konnte wohl jemand sagen, die Geistes- 
wissenschaft behaupte das dummste Zeug. 

Gehen wir nun weiter. Wir konnen uns denken, daft zwischen 
diesen beiden aufiersten Polen der Salzbildung sich alle anderen 
Prozesse im menschlichen Organismus abspielen, und zwar im 
wesentlichen diejenigen, auf die wir schon hingewiesen haben. Wie 
wir regsame Salzbildungsprozesse haben durch das Denken, die ihren 
Gegenpol haben im Salzbildungsprozefi in den Knochen, der bis zu 
einem gewissen Grade zur Ruhe gekommen ist, so haben wir auch 
einen Gegenpol zu demjenigen, was wir bezeichnet haben als den 
innerlichen Quellungsprozefi, als Koagulation, als Flockenbildungs- 
prozefi, als etwas Ahnliches wie eiweifiartige Einschliisse, welche 
unter dem Einflusse unseres Gefiihlslebens entstehen, als aufieren 
Ausdruck unseres Gefiihlslebens. Dieser Gegenpol zeigt sich in dem, 
was mehr innere Prozesse unseres Organismus sind, und nimmt teil 
an einem solchen unbewulken Quellen, an einem Dichterwerden von 
Substanzen, welche sich bilden und einlagern als Wirkung des 
makrokosmischen Astralsystems. Es ist der Knochenleim, der teil- 
nimmt an dem Knochenbildungsprozefi und der den anderen Kno- 
chensubstanzen eingefugt wird. Das ist der andere Pol des Quel- 
lungsprozesses gegeniiber dem, was als physisches Korrelat durch 
unser Gefiihl entsteht. 

Unsere Willensimpulse driicken sich ja organisch in einem Warme- 
prozefi, in einem inneren Erwarmungsprozefi aus. Verbindungen, die 
sich bilden und die wir bezeichnen konnen als Produkte innerer 
Verbrennungsprozesse, als innere Oxidationsprozesse, finden sich 
durch unseren ganzen Organismus hindurch. Und insofern sie unter 
der Schwelle des Bewufitseins verlaufen und nichts zu tun haben mit 
dem bewufiten Leben, gehoren sie der anderen Seite an, dem Gegen- 
pol, der abgeschlossen ist von dem, wovon das bewufite Leben 
Einflusse erhalten kann. Dadurch ist der Mensch durch einen Teil 



seines Organismus innerlich geschiitzt vor Storungen, damit sich 
innerhalb desselben Prozesse vollziehen konnen, die von grolker 
Zartheit sind, die von dem Seelenleben veranlafit sind. 

Wie wir erfahren haben, finden also in unserem Organismus solche 
physiologische Vorgange wie Salzbildung, Quellbildung und War- 
mebildung statt, die unserem bewulken Leben folgen, und solche 
Prozesse, die aufierhalb unseres bewulken Lebens sich so abspielen, 
dafi sie erst die Grundlage abgeben fur das, was sich vorbereitet im 
menschlichen Organismus, damit das bewufite Leben sich iiberhaupt 
entfalten kann. So also ist unser gesamter Organismus ein Durchein- 
anderweben von Prozessen, die wir als unserem bewulken Leben 
zugehorig, und solchen, die wir als unserem unbewufiten Leben 
zugehorig zu bezeichnen haben. Das ist eine aufierordentlich bedeu- 
tungsvolle Tatsache, dafi unser Organismus wirklich etwas darstellt 
wie ein Zusammengehoriges aus zwei Polaritaten: dafi sich gleich- 
artige Prozesse einmal so vollziehen, dafi sie hereinragen in den 
Organismus aus dem Makrokosmos und gleichsam im groberen sich 
abspielen, und auf der anderen Seite solche Prozesse, welche als 
Folgen des bewufiten Lebens des Menschen im feineren vor sich 
gehen konnen. 

Nun ist im heutigen fertigen Organismus die Sache so, dafi alle 
diese Prozesse durchaus ineinanderspielen und dafi wir sie, so wie der 
Organismus vor uns stent, nicht eigentlich so voneinander trennen 
konnen, dafi wir iiberall bestimmte Grenzen zu bezeichnen vermoch- 
ten; der eine Prozefi spielt in den anderen hinein. Sie brauchen nur 
das Blutsystem, das regsamste, feinste Element zu betrachten. Im 
Blut sehen Sie sowohl den Erreger der Salzablagerungsprozesse wie 
auch der Prozesse der Koagulierung einer flussigen Substanz und 
auch der Erwarmungsprozesse. In ahnlicher Art finden wir diese 
Prozesse auch bei anderen Organsystemen miteinander in enger 
Beziehung stehend. Wenn wir zum Beispiel Nahrungsmittel von 
au^en in unseren Verdauungskanal aufnehmen, so haben diese Nah- 
rungsmittel noch das, was ich als ihre aufiere Regsamkeit bezeichnet 
habe. Sie machen eine erste Stufe der Durchsiebung durch, indem sie 
aufgenommen werden im Munde und durch den Kauprozefi vorbe- 



reitet werden fur den Verdauungsprozefi im Magen; in weiterer 
Stufenfolge werden sie verarbeitet durch die Organe, die wir als das 
innere Weltsystem bezeichnet haben, und endlich werden sie heran- 
gefiihrt bis dahin, wo sie das feinste Instrument des menschlichen 
Organismus, das Blut, ernahren konnen. Nachdem wir so in gewisser 
Beziehung eine Stufenfolge der Durchsiebung der Nahrungsstoffe 
durch die inneren Organsysteme angedeutet haben, konnen wir uns 
jetzt leicht denken, dafi in der Tat das feinste System, das Blutsystem, 
sozusagen die durchgesiebtesten Nahrungsregsamkeiten in sich auf- 
nehmen mufi und daft das, was an das Blut herantritt, schon am 
allerwenigsten von demjenigen enthalt, was die Nahrungsstoffe an 
eigener Regsamkeit in sich hatten, als sie aufgenommen wurden. 
Wenn die Stoffe aufgenommen werden, haben sie noch ein gut Teil 
ihrer eigenen Natur und Gesetzmafiigkeit, Sie haben diese im Magen 
und den weiteren Organsystemen, die sie passierten, aufgeben miis- 
sen, und soweit sie sich im Blut befinden, sind sie zu etwas vollstan- 
dig Neuem geworden. Daher ist das Blut auch dasjenige Organ, das 
am meisten von alien geschutzt ist gegen die Eindriicke der Aufien- 
welt, das seine Prozesse am meisten unabhangig von der Aufienwelt 
vollzieht. Das ist die eine Seite; aber wir haben schon eingehend 
gezeigt, dafi das Blut nach zwei Seiten sich wendet, dafi es wie eine 
Tafel sowohl nach der einen wie nach der anderen Seite hin Ein- 
wirkungen ausgesetzt ist. Das Blut wird auf der einen Seite ja zu den- 
jenigen Organen in den tieferen Regionen des menschlichen Orga- 
nismus hingefiihrt, wo alles, was an Prozessen vorgeht, durch das 
sympathische Nervensystem zuruckgehalten, abgewehrt wird, so 
dalS es nicht zum Bewufitsein kommt. Nun mufi das Blut sich ja auch 
der anderen Seite zuwenden, den Erlebnissen des bewufiten Seelen- 
lebens. Es mufi nicht nur die unbewufiten Vorgange aufnehmen, 
sondern es mufi auch das bewufite Ich sich einpragen dem Blut. 
Unsere bewufiten Seelentatigkeiten miissen sich so wandeln kon- 
nen, bis sie das Blut erreichen, damit sie in diesem Blute zum Aus- 
druck werden fur das, was wir um uns haben. Was haben wir denn 
um uns? Die physisch-sinnliche Welt; denn das, was der Pflanzen- 
welt eingegliedert ist — der Atherleib — , das ist fur das normale 



Bewufitsein nicht da. Fur das helle Tagesbewufitsein gehort der 
Mensch nur der physischen Welt an; die Lebenswelt ist fiir uns 
unsichtbar. 

So stehen wir mit der anderen Seite der Blutstafel der physisch- 
sinnlichen Welt gegeniiber. Das ganze Seelenleben, wie es verlauft 
unter den Eindriicken der physisch-sinnlichen Welt, wie es zu 
Gedanken erregt wird, wie es zu Gefuhlen entflammt wird, wie es zu 
Willensimpulsen angeregt wird, das mufi alles im Blutsystem sein 
Werkzeug finden konnen, insofern es bewufites Ich-Leben ist. Das 
alles mufi im Blut pulsieren konnen. Was heifit das? Das heifit nichts 
anderes, als dafi wir in unserem Blut nicht nur dasjenige haben 
diirfen, was aus den Nahrungsstoffen ist, nachdem sie in hohem 
Grade filtriert, ihrer Eigenregsamkeit enteignet, geschiitzt von alien 
makrokosmischen Gesetzen sind, sondern es mufi - damit das Ein- 
schreiben auf die Blutstafel auch von der anderen Seite moglich ist - 
in dem Blut auch etwas zu finden sein, was verwandt ist mit dem 
Physisch-Sinnlichen, mit dem Unlebendigen der physisch-sinnlichen 
Welt. Was das Leben ausmacht, kann ja fiir das gewohnliche Bewufit- 
sein nur durch Kombination der physisch-sinnlichen Eindriicke 
erkannt werden, in seiner Wirklichkeit kann es erst erkannt werden 
durch das unterste iibersinnliche Glied der menschlichen Wesenheit, 
durch den Atherleib. 

Das Blut mufi also verwandt sein mit der physisch-sinnlichen 
Welt, so wie diese unmittelbar ist. Wir werden nun sehen, dafi sich 
dem Blute etwas eingliedert, wovon wir sagen konnen: Das ist nun 
nicht so in unserem Blut, wie wenn es bestimmt wiirde durch die 
Prozesse, die aus unserem Wesen, aus den Tiefen unseres Organismus 
heraufdringen zum Blut, deren Gesetzmafiigkeit also der unsrigen 
angepafit ist, sondern es ist so, als ob es durch die Wirkungen aufierer 
makrokosmischer Gesetzmafiigkeiten und Regsamkeiten unserem 
Blut eingegliedert wiirde. Wir miissen in unserem Blut etwas haben, 
was so ist und so wirkt wie unmittelbare aufiere Prozesse, die aber 
innerlich sich geradeso abspielen wie aufierlich im Makrokosmos, die 
also ihre Eigengesetzmafiigkeit nicht verlieren. Es miissen also in 
unser Blut physische, chemische, anorganische Prozesse hineinspie- 



len; die sind notwendig, damit unser Ich Teilnehmer werden kann an 
der physischen Welt. Wir werden also in dem Blut solche Stoffe zu 
suchen haben, die so wirken konnen, daft ihr physischer Charakter, 
ihre Eigengesetzmafiigkeit beibehalten wird. Das finden wir in der 
Tat im Blut. In unseren roten Blutkorperchen ist uns etwas gegeben, 
das deutlich zeigt, dafi es eben erst zu leben anfangt und an dem 
Punkte ist, wo es vom Leben in die Leblosigkeit ubergeht. Auf der 
anderen Seite haben wir dem Blut eingegliedert einen fortwahren- 
den Erwarmungsprozefi, der sich vergleichen lafit mit einem aufie- 
ren Verbrennungsprozefi, wo der Oxidationsprozefi wieder neue 
Lebensmoglichkeiten gibt. Wir haben also dem Blute eingeordnet 
dasjenige, was den Menschen zu einem physisch-sinnlichen Wesen 
macht. 

So zeigt sich uns bis in die Organisation des Blutes hinein, wie 
bedeutsam die physische, die chemische Untersuchung erleuchtet 
werden kann durch das, was aus okkulter Anschauung mitgeteilt 
werden kann, und wie diese erst verstandlich macht, was sich dem 
unmittelbaren aufieren Anblick darbietet. 

So konnen wir sagen: Wir haben im menschlichen Organismus, im 
Blut, Prozesse, die angeregt werden durch die Einwirkung der 
Aufienwelt, die physisch-sinnlicher Art sind; wir haben aufierdem 
aber auch solche Prozesse im Blut, die von der inneren Seite her 
heraufreichen und die auf der Einlagerung der bis zum aufiersten 
Grade filtrierten und veranderten Nahrungsstoffe beruhen. Wenn 
wir das ins Auge fassen, so wird uns das Blut erst recht bedeutungs- 
voll als «ein ganz besonderer Saft» erscheinen, kehrt es doch auf der 
einen Seite seine Wesenheit dem niedersten, untersten uns bekannten 
Reiche zu und zeigt sich als eine Materie, die fahig ist, aufiere chemi- 
sche Prozesse auszufiihren, um dadurch ein Werkzeug sein zu kon- 
nen fiir das Ich. Auf der anderen Seite ist das Blut jene Substanz, die 
am geschutztesten ist, um innerliche Prozesse auszufiihren, die sonst 
nirgends ausgefuhrt werden konnen, weil alle iibrigen Organprozesse 
dazu als Voraussetzung notwendig sind. 

Die feinsten, die hochsten Prozesse, die angeregt werden aus den 
Tiefen unseres Organismus, verbinden sich in unserem Blut mit 



physikalisch-chemischen Prozessen, wie wir sie iiberall in der Welt 
vor Augen haben. In keiner anderen Substanz trifft so unmittelbar 
die physisch-sinnliche materielle Welt mit einer anderen, inneren 
Welt zusammen, die voraussetzt das Dasein, die Tatigkeit von iiber- 
sinnlichen Kraftsystemen, wie in unserer Blutsubstanz. Das tritt in 
keiner anderen Substanz so zutage wie in dem Blut, das unseren 
Organismus durchfliefit. Dieses Blut ist in der Tat etwas, worin sich 
das Niederste, das der Mensch um sich herum schauen kann, zusam- 
menfugt mit dem Hochsten, das sich in seiner Natur organisch 
ausbilden kann. Daher wird es uns wohl klar sein, dafi wir in bezug 
auf diese im Blut sich abspielenden komplizierten Vorgange etwas 
vor uns haben, das, wenn es etwas unregelmafiig wird oder Storungen 
eintreten, in einem hohen Mafte Unregelma&gkeiten in unserem 
Gesamtorganismus hervorrufen mufi. Und dafi wir da, wo solche 
UnregelmalSigkeiten sich zeigen, immer iiberlegen miissen, wie diese 
entstanden sind. Es wird schwierig sein, auseinanderzuhalten, ob wir 
diese Unregelmafiigkeiten im einzelnen Falle solchen Prozessen 
zuzuschreiben haben, die nach dem Muster physischer chemischer 
Prozesse verlaufen, oder ob sie anderen Prozessen des Blutes entspre- 
chen. Wenn die Unregelmafiigkeiten verlaufen nach dem Muster 
physisch-chemischer Prozesse, dann miissen wir uns klar sein, dafi 
ihnen begegnet werden mufi von der Seite des Bewufitseins her, und 
zwar in dem Sinne, wie das Bewufitsein mit dem physischen Plan 
zusammenhangt. Hier eroffnet sich ein therapeutisches Gebiet, des- 
sen Charakteristisches ist, darauf zu achten, ob gewisse Unregel- 
maftigkeiten zusammenhangen mit solchen Prozessen, die wir als 
physisch-chemische bezeichnen konnen. Bei dieser Voraussetzung 
ist es giinstig, einzugreifen durch aufiere Impressionen, durch ent- 
sprechende Regelung der aufieren Eindriicke, welche diese phy~ 
sisch-chemischen Prozesse hervorrufen konnen. Damit sind weniger 
seelisch-geistige Impressionen gemeint, dagegen namentlich alles 
dasjenige, was wir bewirken konnen durch eine Regelung des 
Atmungsprozesses und durch Uberwachung der Prozesse der 
Wechselwirkung des inneren Organismus mit der Aufienwelt 
durch die Haut. 



Dann konnen wir aber auch von der anderen Seite her im Blut die 
feinsten organischen Vorgange feststellen, und wir werden uns klar 
sein miissen, dafi wir darin sozusagen die dritte Stufe der Verfeine- 
rung unserer vorverarbeiteten Nahrungsstoffe zu sehen haben. Wenn 
im Blutorganismus jene feinen Prozesse der Salzbildung, der Quell- 
barkeit, der Warme hervorgerufen werden durch aufiere Vorgange, 
also von aufien in ihrem chemischen Verlauf bestimmt werden, so 
diirfen wir auf der anderen Seite fragen, wodurch die Prozesse im 
Blut von der inneren Seite her bestimmt werden. Wir miissen da 
unterscheiden zwischen der Aufgabe, die das Blut hat, und der Tat- 
sache, dafi es so ernahrt werden mufi wie jedes andere Organ auch. 
Zugleich miissen wir es auch als das Organ erkennen, das auf der 
hochsten Stufe der organischen Tatigkeit steht. Es kommt hier dasje- 
nige in Betracht, was wir als die innerliche Stiitze des menschlichen 
Lebens bezeichnen konnen. Das Blut mufi vor alien Dingen davor 
geschiitzt werden, dafi die aufiere Welt auf dem Wege der Nahrungs- 
stoffe unmittelbar in das Blut hineinwirkt, es wird sonst seine Tatig- 
keit als Werkzeug unseres Denkens unterbunden, es wird der Vor- 
gang gestort, den wir als einen Prozefi der Salzablagerung friiher 
bezeichnet haben. Dieser Schutz mufi vom Blute selbst ausgehen; es 
mufi imstande sein, nach der geistigen Seite hin gerichtet gleichsam 
ein geistiges Knochensystem aufzubauen durch die sich taglich wie- 
derholenden Salzablagerungsprozesse. Das ist eine Aufgabe des Blu- 
tes, die es unterscheidet von anderen Organen. Von den anderen 
Organen des menschlichen Organismus erhalt es dabei am wenigsten 
Unterstiitzung. Am wenigsten spielen die anderen Organe in diesen 
Salzbildungsprozefi des Blutes herein, so dafi das Blut in bezug auf 
die durch das Denken bedingten Prozesse am meisten verinnerlicht 
ist, wie ja in der Tat unsere Gedanken das Innerlichste sind, was wir 
haben. Mit unseren Gefiihlen stehen wir an der Grenze von aufien 
und innen, und mit seinen Willensimpulsen stromt der Mensch so 
stark nach aufien, dafi er sich unter Umstanden gar nicht wiederer- 
kennt. In seinem Denken wird sich der Mensch immer wiedererken- 
nen, aber in seinen Willensimpulsen nicht. Dafi es nicht so klar ist, 
wie die Willensimpulse entspringen, das konnen Sie schon daraus 



sehen, dafi in bezug auf Freiheit und Unfreiheit des menschlichen 
Willens so viel in der Welt gestritten wird. In unserem Denken haben 
wir also das Innerlichste dessen, was das Blut als Werkzeug des Ich 
zu verrichten hat. Und weil nun der Prozefi der Salzablagerung am 
meisten verinnerlicht ist und auch am meisten geschutzt sein mufi, so 
kann durch Unregelmafiigkeiten oder Abnormitaten des Blutes auch 
diese Tatigkeit des Blutes am meisten behindert werden. Und wenn 
wir merken, daft das Blut so behindert ist, dafi es nach dieser Rich- 
tung hin seine Tatigkeiten nicht mehr zeigt, so miissen wir uns 
dariiber klar sein, dafi es angeregt werden mufi zu einer regelmafiigen 
Tatigkeit, wenn sein Eigenleben unter eine gewisse Grenze herunter- 
gesunken ist. 

Es kann aber auch der andere Fall eintreten, daft die innere Reg- 
samkeit des Blutes iiber ein gewisses Maft hinausgeht, daft dieses 
Eigenleben stiirmischer wird. Das ist der weitaus wichtigere Fall, 
weil er bei Erkrankungen viel haufiger vorkommt. In den seltensten 
Fallen haben wir es mit dem Entgegengesetzten zu tun. Meist haben 
wir es damit zu tun, daft die Tatigkeit der sonst geschiitzten inneren 
Organe zu stark angeregt wird und in gleichem Sinne auf das Blut- 
system wirkt. Wenn sich das Blut so zeigt, daft es iibermaftig nach der 
Richtung der Willenstatigkeit sich entfalten will, dann mufi diesem 
Drang therapeutisch entgegengewirkt werden. Das konnen wir tun 
durch die Zufuhrung von solchen Substanzen, die zur normalen 
Salzbildung, zur normalen Salzablagerung im Sinne von seelisch- 
gedanklichen Prozessen fuhren. Das fiihrt uns dazu einzusehen, daft 
ein gewisses System hineingebracht werden kann in die Art, wie wir 
solchen Unregelmaftigkeiten unseres Organismus entgegenwirken 
konnen. Es kann hier natiirlich nur darauf hingewiesen werden, eine 
genauere Angabe wiirde iiber die Grenzen dieses Vortragszyklus 
hinausgehen. 

Wie wir Erkrankungen einer zu groften Regsamkeit im Blutsystem 
zuschreiben muftten, so konnen wir uns auch fragen, wie wir den 
Organen unserer inneren astralischen Welt, unseres inneren Welt- 
systems, Milz, Leber, Galle und so weiter, beikommen konnen, wenn 
sie in ihrer Tatigkeit in einer zu groften inneren Regsamkeit sind. Da 



mussen wir uns vor alien Dingen vor die Seele fiihren, daft diese 
Organe ja bestimmt sind, heraufzuwirken bis zur Blutzirkulation, 
daft sie die Nahrungsstoffe so zu iibernehmen haben, wie sie vom 
Verdauungskanal zugefiihrt werden, und diese hinzuleiten haben in 
umgewandelter Regsamkeit bis zum Blut, daft sie also die Vermittler 
zwischen diesen beiden Systemen sind. Wie das Blutsystem sich als 
Werkzeug erweist der groftten inneren Regsamkeit, des bewuftten 
denkerischen Lebens, so wird es auch zu einer Tatigkeit angeregt, die 
sich als zusammenhangend zeigt mit unserem Gefuhlsleben, das wir 
schon beschrieben haben als Prozeft des inneren Verdichtens, des 
inneren Quellens. Hier wird das Blut - abgesehen von aufteren 
Einwirkungen - angeregt von der Tatigkeit der inneren Weltsysteme, 
die in ihrer charakteristischen Eigenart ihre Wirkungen in das Blut 
hineinstrahlen konnen. Wir haben hier auf eine Tatigkeit im Blut 
hingewiesen, die schon iiber das Eigenleben des Blutes hinausgehen, 
deren Ursache aber dem inneren Weltsystem angehort. Wir konnen 
nun die Frage aufwerfen: Konnen nicht auch diese Organe - Leber, 
Galle, Milz, Nieren, Lunge, Herz — eine zu grofie Regsamkeit, ein 
uberquellendes Leben und damit eine unregelmaftige Einwirkung 
auf das Blut entwickeln? Und wenn sie das tun, wie konnen wir - 
in ahnlicher Weise wie beim Blut - die zu grofte Regsamkeit dieser 
Organe therapeutisch paralysieren? Da mussen wir - da diese Organe 
in direktem Zusammenhang stehen mit dem kosmischen Astral- 
system — solche Stoffe zufuhren, die die Regsamkeit des kosmischen 
Lebens entfalten. So wie wir durch Zufuhren von salzhaltigen Stoffen 
die innere iibertriebene Regsamkeit des Blutes verhindern konnen, so 
konnen wir die krankhafte Regsamkeit der inneren Organe abdamp- 
fen und ihr entgegenwirken, indem wir Stoffe zufuhren, deren Ener- 
gie derjenigen der betreffenden Organe entspricht und die geeignet 
sind, sie wieder in Zusammenklang zu bringen mit der allgemeinen 
Gesetzmaftigkeit. 

Fur uns entsteht also jetzt die Frage: Wie konnen wir auf diese 
Organe einwirken? Wie konnen wir den Unregelmaftigkeiten der 
einzelnen Organsysteme und auch dem Verdauungssystem beikom- 
men? Damit stellt sich die Frage iiberhaupt: Wie stellt sich uns ein 



Krankheitsbild im okkult-physiologischen Sinne dar, und wie sind 
die Krankheitserscheinungen zu heilen? - Wir werden morgen darauf 
zu antworten haben und dabei auch Riicksicht nehmen zum Beispiel 
auf das Muskelsystem. Unsere Betrachtungen werden darin ausklin- 
gen, daft wir zeigen, wie das, was als bewundernswerter fertiger 
Organismus uns entgegentritt, sich als werdender Organismus im 
Keimesleben deutlich ankiindigt. Dann wird sich uns ganz von selbst 
ergeben, wie sich die iibersinnlichen Glieder beteiligen an der 
menschlichen Organisation. 



ACHTER VORTRAG 



Prag,28.Marzl911 



Es wird heute in diesem letzten Vortrage meine Aufgabe sein, die 
Betrachtungen der letzten Tage iiber okkulte Physiologie, die man- 
ches, wenn auch zum Teil recht skizzenhaft, von den Vorgangen der 
menschlichen Organisation darzustellen versuchten, zu einer Art von 
Gesamtbild zu vereinigen, das ja wieder nur skizzenhaft sein kann, 
durch das wir in den Stand gesetzt werden konnen, eine Anschauung 
zu bekommen von dem lebendigen Leben und Weben des mensch- 
lichen Organismus. Wir werden dabei am besten tun, wieder von 
dem grobsten auszugehen, von der Wechselbeziehung zwischen dem 
menschlichen Organismus und der aufieren Welt, unserer physischen 
Erde, in der Aufnahme der Nahrungsstoffe. 

Diese Nahrungsstoffe werden ja, nachdem sie aufgenommen sind, 
in der mannigfaltigsten Weise umgewandelt und stufenweise so 
umgeandert durch die verschiedenen Organwirkungen, da$ sie hin- 
geleitet werden konnen zu den einzelnen Gliedern des menschlichen 
Organismus, zu den einzelnen Systemen der menschlichen physi- 
schen Wesenheit. Es ist ja nicht schwer einzusehen, dafi alles, was aus 
den Nahrungsstoffen im menschlichen Organismus wird, im Grunde 
genommen den Menschen, wie er vor uns steht in der physischen 
Welt, eigentlich erst zum physischen Menschen macht. Es liegt hier ja 
allerdings eine gewisse Schwierigkeit fiir das Verstandnis vor. Allein, 
wenn wir Ernst machen mit den bisher eingehaltenen Prinzipien und 
die ubersinnliche Erkenntnis wirklich auf die Betrachtung des Men- 
schen anwenden, so miissen wir sagen, dafi es nur die Nahrungsstoffe 
sind, die von der aufieren Welt substantiell in den menschlichen 
Organismus aufgenommen werden. Alle iibrigen auf den Menschen 
einwirkenden Einfliisse haben wir uns im Grund genommen zu 
denken als ubersinnliche, unsichtbare Krafte. Wenn sie sich fiir einen 
Moment alles wegdenken, was den menschlichen Organismus, von 
den Nahrungsstoffen herriihrend, ausfiillt, so behalten Sie in phy- 
sischer Beziehung noch weniger - verzeihen Sie den trivialen Aus- 



druck -, viel weniger iibrig als einen leeren Sack, namlich gar nichts. 
Denn auch was an Haut, an Umhullung des physischen Organismus 
vorhanden ist, ist nur dadurch vorhanden, weil entsprechend verar- 
beitete Ernahrungsstoffe an die betreffenden Partien hingefiihrt wor- 
den sind. Rechnen Sie die Nahrungsstoffe und was aus ihnen wird, 
weg, so haben Sie dahinter den menschlichen Organismus nur als ein 
iibersinnliches Kraftsystem zu denken, das die Verteilung der assimi- 
lierten Nahrungsstoffe nach alien Richtungen hin bewirkt. Wenn Sie 
diesen Gedanken, wie er jetzt ausgesprochen worden ist, sich so 
richtig vor die Seele stellen, so werden Sie sich sagen: Eines ist aber 
eigentlich die Voraussetzung, bevor irgend etwas, auch das kleinste, 
von den Nahrungsstoffen aufgenommen werden kann, denn diese 
Stoffe konnen nicht von der Aufienwelt in jedes beliebige Wesen 
hineinbefdrdert werden, damit dasjenige in ihm vorgehe, was im 
menschlichen Organismus vorgeht. Es mu£ der Mensch schon bei 
der allerersten Nahrungsaufnahme den physischen Nahrungsstoffen 
eine innere Kraftwirkung entgegenstellen konnen, welche aus der 
ubersinnlichen Welt stammt, und es mufi in diesem inneren Krafte- 
system der Mensch als solcher schon enthalten sein. Im Okkultismus 
nennen wir dasjenige, was so den eigentlichen physischen Ausfiil- 
lungsmaterialien vom Menschen zunachst entgegengehalten wird, 
was durchaus schon iibersinnlich zu denken ist, das nennen wir im 
umfassendsten Sinne die menschliche Form. "Wenn wir uns die aller- 
unterste Grenze der menschlichen Organisation denken, so miissen 
wir uns vorstellen, dafi sich gegeniiberstehen die physische Materie 
und die iibersinnliche Form, welche als ein aus den ubersinnlichen 
Welten herausgeborenes Kraftsystem dazu bestimmt ist, die Materie 
aufzunehmen - nicht wie ein physischer Sack oder Balg, sondern wie 
ein Uberphysisches, ein iibersinnliches - und dasjenige herauszubil- 
den, was iiberhaupt den Menschen erst physisch-sinnlich erscheinen 
lalk. Erst dadurch, dafi sich dieser ubersinnlichen Form eingliedert 
das assimilierte Ernahrungsmaterial, wird der sonst rein iibersinnli- 
che menschliche Organismus zu einem physisch-sinnlichen Organis- 
mus, den man mit Augen sehen und mit Handen greifen kann. Man 
nennt das, was so entgegengehalten wird der physischen Materie, aus 



dem Grunde «Form», weil eigentlich in aller Natur ein solches 
Gesetz wirkt, ein genau gleiches Gesetz, das uberall «Formprinzip» 
genannt wird. Wenn wir die aufiere Welt betrachten, so finden wir, 
dafi bis zum Kristall hinunter uberall das Formprinzip tatig ist. Die 
Substanzen, welche in den Kristall eintreten, miissen, um das zu 
werden, als was der Kristall sich darstellt, gleichsam eingefangen 
werden von dem Formprinzip, und dieses macht mit Hilfe der Sub- 
stanzen den Kristall erst zu dem, was er ist. Nehmen Sie zum Beispiel 
das Kochsalz, Chlornatrium, so haben Sie als physische Substanzen 
miteinander verbunden Chlor und Natrium, ein Gas und ein Metall. 
Sie werden leicht einsehen, dafi diese beiden Stoffe, so wie sie sind, 
bevor sie eingefangen werden durch eine formende Wesenheit und 
dadurch erst zu einer chemischen Verbindung in Wiirfeln kristalli- 
siert erscheinen, jede fur sich vollig andere Formen zeigt. Bevor sie 
eintreten in dieses Formprinzip, haben sie nichts Gemeinsames; aber 
sie werden eingespannt, aufgenommen von diesem Formprinzip, und 
dieses bildet den physischen Korper Kochsalz. 

So setzt auch alles, was als umgewandelte Nahrungsstoffe im 
menschlichen Organismus erscheint, die unterste ubersinnliche 
Wesenheit, die ubersinnliche Form voraus. Wenn nun neue Ernah- 
rungsstoffe in den menschlichen Organismus eintreten sollen, der 
durch das Wirken des Formprinzips bereits nach aufien abgegrenzt 
ist, so miissen sie unter normalen Verhaltnissen durch den Mund in 
den Ernahrungskanal aufgenommen werden. Dabei machen sie gleich 
schon vom Munde ab die allererste Umwandlung durch. Durch den 
Ernahrungskanal werden weitere Umwandlungen bewirkt. Diese 
Umwandlungen kompliziertester Art konnten nicht bewirkt werden, 
wenn nicht dem menschlichen Organismus ein hoheres Prinzip ein- 
gegliedert ware, das wir Formprinzip genannt haben, durch dessen 
Wirksamkeit die Nahrungsstoffe - die zunachst, wenn sie aufgenom- 
men werden, sich zueinander neutral, gleichgiiltig verhalten — modifi- 
ziert wiirden, so dafi sie in die Lage kommen, lebendige Organe zu 
bilden. Wir konnen uns, obgleich es beim Menschen ein ganz anderer 
Prozefi ist, weil er auf einer anderen Stufe geschieht, diese Umwand- 
lung der Nahrungsstoffe im menschlichen Verdauungskanal ver- 



gleichsweise so vorstellen, wie wenn die Pflanzen ihre Ernahrungs- 
stoffe aufnehmen aus dem mineralischen Boden und sie dergestalt 
umwandeln, daft sie sich zu der Form der betreffenden Pflanze 
aufbauen. Da ist nur moglich, weil bei der Pflanze der Ernahrungs- 
strom von einem Lebensprozeft oder, wie wir im Okkultismus sagen, 
vom Atherleib als dem ersten iibersinnlichen Prinzip aufgenommen 
wird. So werden auch beim Menschen die in den Organismus eintre- 
tenden Nahrungsstoffe vom Atherleibe bearbeitet, das heiftt, der 
Atherleib sorgt fur ihre Umwandlung, fur ihre Eingliederung in die 
inneren Gesetzmaftigkeiten des menschlichen Organismus. So haben 
wir also dieses erste ubersinnliche Glied des Menschen, den Ather- 
leib, anzusehen als den Erreger der ersten Umwandlung der Nah- 
rungsstoffe. Wenn nun diese Nahrungsstoffe soweit umgewandelt 
sind, daft sie in den Lebensprozeft aufgenommen sind, dann miissen 
sie in dem Sinne, wie wir es in den vorhergehenden Vortragen 
geschildert haben, weiter verarbeitet und dem menschlichen Organis- 
mus angepaftt werden. Sie miissen so verarbeitet werden, daft sie nach 
und nach denjenigen Organen im menschlichen Organismus dienen 
konnen, die ein Ausdruck der hoheren iibersinnlichen Prinzipien 
sind, des Astralleibes und des Ich. Kurz, wir miissen uns klar sein, 
daft die hoheren Prinzipien, Astralleib und Ich, die eigentiimliche Art 
ihrer Regsamkeit hinuntersenden miissen bis zu den Vorgangen in 
den Organen des Ernahrungs- und Verdauungsapparates und daft sie 
bis in die verwandelten Nahrungsstoffe hinab wirken miissen. 

Da stellen sich nun dem Nahrungsstrom diejenigen Organe entge- 
gen, welche uns schon bekannt sind, die wir bezeichnet haben als die 
sieben Organe des inneren Weltsystems. Wir zeichnen nochmals 
ganz schematisch das innere Weltsystem des Menschen: 

Die Nahrungsstoffe werden also aufgenommen und zunachst in 
der mannigfaltigsten Weise umgearbeitet im Verdauungskanal, dann 
stellen sich ihnen entgegen Leber, Galle, Milz, Herz, Lunge, Nieren 
und so weiter. Wenn wir uns nun dariiber klar sind, daft diese Or- 
gane durch die ihnen entsprechenden Kraftsysteme dazu bestimmt 
sind, den Nahrungsstrom weiter umzuarbeiten, so konnen wir fra- 
gen: Welches ist der Sinn dieser weiteren Umwandlung? — Wenn der 




Nahrungsstrom nur so weit bearbeitet wiirde, wie es im Verdauungs- 
kanal geschieht, urn der Lebensform dienen zu konnen, so wiirde der 
Mensch nur ein unbewufttes Pflanzendasein fiihren konnen, denn er 
hatte es nicht zur Ausbildung solcher Organe gebracht, die Werk- 
zeuge sein konnen fur seine hoheren Fahigkeiten. Die sieben Organe 
wandeln den Ernahrungsstrom aber weiter urn, und wir wissen, dafi 
diese Vorgange durch das sympathische Nervensystem davon abge- 
halten werden, in das menschliche Bewufksein einzutreten. Daher 
haben wir in dem sympathischen Nervensystem mit den sieben 
Organen zusammen dasjenige, was sich dem Nahrungsstrom entge- 
genstellt. 

Damit sind wir schon bis zu einem hohen Grade von aufien in das 
Innere des menschlichen Organismus hineingedrungen. Aber das, 
was da drinnen vorgeht, man mochte sagen als die gegenseitige Ange- 
legenheit der sieben Organe, da ist etwas, was nirgends in unserer 
Erdenwelt so vorgehen konnte wie da drinnen. Es kann nur dadurch 
so vorgehen, dafi dieses Innere von der Auftenwelt vollig abgeschlos- 
sen ist und fur diese Tatigkeit des Innern die Stoffe vorbereitet sind 



durch den Verdauungskanal. Also wir stehen damit schon im Inneren 
des menschlichen Organismus darinnen. 

Nun haben wir das Eigentiimliche zu verzeichnen, dafi, indem wir 
so im Innern des Organismus darinnenstehen, der Organismus sich ja 
selbst innerlich organisieren, sich selbst innerlich differenzieren mufi. 
Urn alien diesen an ihn herantretenden Anforderungen zu geniigen, 
muli der Organismus eine Vielheit zusammenwirkender Organe her- 
ausbilden. Fur die mannigfaltigen inneren Verrichtungen ist gerade 
diese Vielheit der Organe notwendig. Was durch diese erreicht wer- 
den mufi, werden wir im folgenden sehen. Wenn wir uns denken, dafi 
nur der Nahrungsstrom umgewandelt wiirde durch die sieben 
Organe des inneren Weltsystems, da wiirde der Mensch nimmermehr 
sein Wesen dem Bewufitsein aufschliefien konnen. Er wiirde nicht 
einmal die dumpfeste Form des Bewufitseins haben konnen, weil ja 
alles, was da vorgeht, verhullt wird, abgehalten wird vom Bewufitsein 
durch das sympathische Nervensystem. Es ist also eine Verbindung 
notwendig zwischen diesen sozusagen von aufien her aufgebauten 
inneren Organsystemen und dem, was weiter im Inneren des 
menschlichen Organismus ist. Diese Verbindung wird dadurch her- 
gestellt, dafi in der Tat durch alles das, was der Ernahrungsprozefi in 
seiner Ganzheit gibt, die gesamte Form des menschlichen Organis- 
mus durchzogen wird von dem, was wir im weitesten Sinne Gewebe 
nennen. Eine gewisse Art von Gewebe einfachster Organisation 
durchzieht alle einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit, das 
fahig ist, sich so umzuwandeln und auszugestalten, daft sich die 
verschiedensten Organe herausbilden konnen. Gewisse Arten des 
Gewebes zum Beispiel bilden sich so um, dafi sie sich durch Einlage- 
rung besonderer Zellen zu den Muskeln umgestalten; andere bilden 
sich so um, dafi sie fest werden und sich die Knochenzellen einlagern, 
indem sie die entsprechenden Substanzen sich aneignen. So dafi wir 
in den einzelnen Organen des menschlichen Organismus stets an das 
zu denken haben, was ihnen zugrundeliegt, namlich das den Korper 
nach alien Richtungen durchziehende Gewebe, aus dem die einzelnen 
Organe sich herausbilden. Dieses bildungsfahige Gewebe wiirde 
aber, wenn es noch so sehr zu wachsen und die verschiedensten 



Organe aus sich herauszubilden imstande ware, doch nichts anderes 
darstellen als im Grunde nur etwas Pflanzenhaftes; denn das ist ja das 
Wesentliche des Pflanzenhaften, daft die pflanzlichen Wesen wach- 
sen, daft sie aus sich Organe hervortreiben und dergleichen. Indem 
sich aber der Mensch iiber das Pflanzenhafte hinaus erhebt, mufi sich 
uns ein ganz neues Element darbieten, durch welches der Mensch in 
die Lage kommt, zu dem Pflanzenleben dasjenige hinzuzufiigen, was 
ihn iiber das Pflanzenleben hinaushebt. Der Mensch mufi hinzufiigen 
das Bewufttsein, zunachst die einfachste Form des Bewufttseins, das 
dumpfe Bewufttsein, das ihn fahig macht, das eigene innere Leben 
wahrzunehmen. Solange nicht ein Wesen das eigene innere Leben 
bewuftt miterlebt, solange es noch nicht in der Lage ist, sich innerlich 
gleichsam zu durchspiegeln, um dieses eigene innere Leben mitzuer- 
leben, so lange konnen wir nicht sagen, daft es sich iiber die Pflanzen- 
haftigkeit hinauferhebt. Erst dadurch erhebt sich ein Wesen iiber die 
Pflanzenhaftigkeit hinauf, daft es nicht bloft in sich Leben hat, son- 
dern dieses Leben bewuftt erlebt, daft es zunachst diese inneren 
Vorgange durchspiegelt und miterlebt. 

Wodurch kommt nun iiberhaupt Erleben zustande? Dafur haben 
wir uns schon den Begriff gebildet. Wir haben ja in den friiheren 
Vortragen schon gezeigt, daft Erleben zustande kommt durch 
Absonderungsprozesse. Deshalb werden wir als die Grundlagen des 
inneren Erlebens, des dumpfen, die inneren Lebensprozesse durch- 
ziehenden Bewufttseinserlebens, Absonderungsprozesse suchen 
miissen. Wir werden voraussetzen miissen, daft uberall aus den 
Geweben heraus Absonderungsprozesse stattfinden; und in der Tat 
treten uns diese Absonderungsprozesse schon bei der aufteren 
Betrachtung des menschlichen Organismus entgegen, wenn wir 
sehen, wie fortwahrend Stoffe aus alien Teilen des Gewebes aufge- 
nommen werden durch das, was wir die Lymphgefafie nennen, die 
wie eine Art anderes System neben dem Blutsystem den ganzen 
Organismus durchziehen. In das Lymphgefaftsystem miinden sozu- 
sagen von alien Bezirken des menschlichen Organismus diejenigen 
Absonderungsprozesse, welche das dumpfe innere Erleben vermit- 
teln. Konnten wir uns einmal in abstracto das gesamte Blutsystem 



wegdenken und konnten wir uns das Gewebe so denken, daft es 
nichts mehr hat von blutartigem Charakter, so wiirden wir uns 
vorzustellen haben, daft im Blutsystem sich hohere Prozesse abspie- 
len gegeniiber den Prozessen des Lymphsystems. In diesen Absonde- 
rungen fuhlt der Mensch gleichsam in einem dumpfen tierischen 
Bewufitsein seinen eigenen physischen Leib. Dumpf durchspiegelt er 
seine Organisation. Und ebenso wie auf der einen Seite durch das 
sympathische Nervensystem von dem Bewufttsein alles abgehalten 
wird, was vom Verdauungs- und Ernahrungsprozefi und den sieben 
Organen heraufdringen will, so wird auf der anderen Seite gleich- 
sam durch Riickstrahlung der Tatigkeit des sympathischen Nerven- 
systemSy durch Verbindung und Wechselwirkung mit den Lymph- 
bahnen, ein fur den heutigen Menschen allerdings vom hellen Tages- 
bewufttsein iiberstrahltes dumpfes Bewufksein ausgebildet. Es wird 
uberstrahlt vom hellen Tagesbewufitsein des Ich, wie ein schwaches 
Licht uberstrahlt wird durch ein starkes. Dieses dumpfe Bewulksein 
ist gleichsam die andere Seite jenes Bewufkseins, das sich des sym- 
pathischen Nervensystems als seines Werkzeuges bedient. 

Wiirde der Mensch seinen Organismus nur entwickelt haben bis 
zur Bildung des Korpergewebes und der Organe, die fur die inneren 
Verdauungsvorgange und fur die Absonderungen in die Lymphbah- 
nen notwendig sind, so wiirde er nur ein dumpfes Bewufitsein seines 
Innenlebens vermittelt erhalten konnen. Er wiirde aber nicht eine 
Ausbildung des Ich-Bewulkseins erreichen konnen; das kann er nur 
erwerben, wenn er sich nicht bloft in seinem Inneren erlebt, sondern 
sich auch nach aufien aufschliefit. Hier haben wir wiederum ein Sich- 
aufschliefien nach aufien zu verzeichnen. Wir haben ja schon fruher 
davon gesprochen, wie es dem Menschen durch die Atmung moglich 
wird, unmittelbar mit der Aufienwelt in Verbindung zu treten. Jetzt 
konnen wir weitergehen und sagen: Sofern wir den inneren Men- 
schen betrachten, diirfen wir eigentlich nur bis zum Verdauungs- 
system gehen, denn wir konnen sagen: Insofern Auslaufer der Orga- 
ne des inneren Weltsystems bis zum Verdauungskanal sich hinwen- 
den, haben wir in diesem Anstoften des inneren Weltsystems an den 
Verdauungskanal schon ein Sichaufschliefien nach aufien zu sehen, 



denn der Mensch ist gleichsam bereit, Nahrungsstoffe von aufien 
aufzunehmen. Indem er mit aus der Umwelt entnommenen Nah- 
rungsstoffen in enge Beriihrung tritt, ist er eigentlich schon nicht 
mehr nur innerlich. Ein weiteres Sichaufschliefien nach aufien haben 
wir kennengelernt in der Atmung, und in noch hoherem Mafie ist es 
zu erkennen in jenen Organen, die den seelischen Funktionen dienen. 

So also sehen wir, wie dem bewufiten Leben des Menschen 
zugrundeliegt einerseits ein dumpfes Innenleben, andererseits die 
Fahigkeit, sich der Aufienwelt aufzuschliefien, mit der Aufienwelt 
Verbindung zu haben. Dadurch erst kann der Mensch ein Ich-Wesen 
sein. Nur dadurch, dafi er nicht nur die Widerstande in seinem 
eigenen Innern in seinen Absonderungsprozessen spurt, sondern 
auch die Widerstande, die die Auftenwelt ihm entgegensetzt, kann 
der Mensch sein Ich-Bewufitsein entwickeln. So ist in der Tatsache, 
dafi sich der Mensch auch wieder nach aufien aufschliefien kann, die 
Grundlage gegeben fur die physische Ichheit des Menschen. Damit 
aber mufi der Mensch auch die Moglichkeit haben, in der mannigfal- 
tigsten Weise das Organ dieser Ichheit auszubilden. Und wir haben ja 
gesehen, wie in der Tat das Organ der Ichheit, das Blut, sich einglie- 
dert in den Organismus und wie der Blutkreislauf alle Organe durch- 
zieht, um ein Werkzeug zu sein fur die Ichheit. So wie die Ichheit 
geistig-seelisch den gesamten Menschen durchlebt und durchwebt, so 
durchzieht physisch der Blutkreislauf den gesamten menschlichen 
Organismus und wendet sich dabei gleichsam nach zwei Seiten, nach 
dem Innenwesen des Menschen mit den sieben Organen und so 
weiter, und dann haben wir wieder ein Sichaufschliefien nach aufien, 
ein In-Verbindung-Treten mit der aufieren Welt. Wir konnen also im 
hochsten Sinne des Wortes von einem Kreislauf der Krafte sprechen, 
welche hinter den physischen Erscheinungen stehen und welche 
durch das Ich einen Verbindungspunkt finden. 

Nun miissen wir uns einmal mit den einzelnen Phasen dieses 
Kreislaufes noch etwas beschaftigen. Da handelt es sich ja zunachst 
darum, dafi wir noch einmal den Ernahrungsprozefi verfolgen, das 
Aufnehmen der Nahrungsstoffe, welche dadurch, dafi sie vom Ather- 
leibe oder vielmehr von der Kraft des Atherleibes ergriffen werden, 



zu einem lebendigen Strom im menschlichen Organismus werden; 
dann stellt sich ihnen gegeniiber das innere Weltsystem, die sieben 
Organe, und zwar deshalb, weil - wie wir schon gesehen haben - der 
Mensch sonst nicht hinauskommen wiirde iiber das pflanzenhafte 
Dasein. Auf einer weiteren, hoheren Stufe ist es notwendig, dafi sich 
entgegenstellen dem Nahrungsstrom die Funktionen dieser sieben 
Organe. So wirkt also das, was aus der eigentlichen astralischen 
Natur des Menschen kommt, dem belebten Nahrungsstrom entge- 
gen; der Nahrungsstrom kommt von aufien, und das, was die innere 
Menschennatur ist, wirkt dem entgegen. Zunachst begegnet dem 
Nahrungsstrom, also der aufgenommenen Aufienwelt, der Atherleib, 
der die Nahrungsstoffe umwandelt im Verdauungssystem; dann tritt 
ihm entgegen der Astralleib des Menschen, wandelt die Nahrungs- 
stoffe weiter um und gliedert sie so ein, dafi sie immer mehr und 
mehr der inneren Regsamkeit des Organismus angepafk werden. In 
seinem weiteren Verlauf mufi der Nahrungsstrom auch erf afit werden 
von den Kraften des Ich, des Blutes selber. Das heifit, es mufi das 
Werkzeug des Ich mit seinem Wirken herunterreichen bis dahin, 
wo der Ernahrungsstrom aufgenommen wird. Tut dies das Blut? 
Bewahrheitet sich das, was wir aus der okkulten Anschauung heraus 
sagen miissen? 

Ja, das Blut wird heruntergetrieben in die Ernahrungsorgane 
ebenso wie in alle anderen Organe. Es macht in den Ernahrungsorga- 
nen einen Prozefi durch, durch den es erst das vollstandige Werkzeug 
des menschlichen Ich in der physischen Welt sein kann. Wir wissen, 
daft das Blut als Werkzeug des menschlichen Ich den Ubergang 
durchmachen mufi von dem sogenannten roten in blaues Blut. Das 
Ich wirkt mit seinem Werkzeuge, dem Blut, bis herunter zu den 
Anfangen der Verdauungs- und Ernahrungsprozesse. Da haben wir 
es nun auch wieder mit einem Widerstand zu tun. Wie geschieht das? 
Das geschieht, indem das Blut durch das Pfortadersystem in die 
Leber eintritt und dort aus sozusagen verandertem Blut die Galle 
bereitet wird und die Galle sich wiederum unmittelbar dem Nah- 
rungsstrom entgegenstellt. Hier in der Galle haben wir eine wun- 
derbare Verbindung der beiden Enden der inneren menschlichen 



Organisation. Auf der einen Seite stellt der vom Verdauungskanal 
aufgenommene Nahrungsstrom das aufierste Materielle dar, was in 
unseren physischen Organismus hineingelangt, auf der anderen Seite 
stent das Ich, das Edelste, was der Mensch innerhalb der Erdenwelt 
haben kann, mit seinem Werkzeug, dem Blut. Das Ich stellt eine un- 
mittelbare Verbindung her mit dem auflersten Materiellen, indem 
es am Ende des Blutprozesses auf dem Umwege iiber die Leber die 
Galle bereitet, und in der Galle stemmt sich - in dem umgewandelten, 
veranderten Blut - dem Nahrungsstrom entgegen das Ich. 

Da sehen wir das Ich hinunterwirken bis in das grobste Materielle 
und dann wieder hochorganisierte Stoffe wie die Galle aus sich 
heraussetzen. Und wer diese intimen Vorgange zwischen Blut, Galle 
und Ernahrungsprozeft verstehen will, der kann gerade in diesen 
Tatsachen etwas finden, was ihm viele Geheimnisse des menschlichen 
Organismus klarer erscheinen lafit; und er kann, wenn er diese Pro- 
zesse weiterverfolgt, zum Beispiel auch abnorme Prozesse, wie sie 
sich aus einer Ruckstauung der Galle, einer Ruckergiefiung der Galle 
ins Blut bei der sogenannten Gelbsucht ergeben, richtiger beurteilen 
und behandeln. Doch das wiirde heute zu weit fiihren, wenn wir 
solche Dinge auch noch ausfiihrten. 

So sehen wir, wie in der Tat die sieben Organe sich bis in das 
Wirken des Atherleibes hinuntererstrecken und die Einwirkungen 
des Ich von oben in sich aufgenommen haben. Wir haben also in der 
Galle etwas, das sich unter dem Einflufi des Ich dem Nahrungsstrom 
direkt entgegenstellt. Will die Galle auf den Nahrungsstrom wirken, 
der im Verdauungsprozefi schon ein Lebendiges geworden ist, so 
muE sie ihm auch als eine lebendige Substanz entgegentreten konnen. 
Das geschieht dadurch, dafi sie eben aus einem Organ heraus gebildet 
wird, welches zu den sieben Gliedern des inneren Weltsystems 
gehort, die das innere des Menschen beleben, so dafi damit die Galle 
als inneres Leben dem von aufien kommenden begegnet. 

Wie die Galle mit der Leber in Verbindung steht, so finden wir 
die Leber wiederum in Verbindung mit der Milz. Wenn wir diese 
Organe Leber, Galle, Milz ins Auge fassen, so miissen wir sagen, 
diese Organe sind es, welche sich dem Ernahrungsstrom unmittelbar 



entgegensetzen und ihn so umwandeln, daft er fahig wird, zu hoheren 
Stufen der menschlichen Organisation aufzusteigen. Sie haben aber 
auch diejenigen Organe zu versorgen, die sich nach aufien aufschlie- 
fien, und das tun das Herz, die Lungen, auch schon der Verdauungs- 
kanal selber, vor alien Dingen aber die Organe des Kopfes, die 
Sinnesorgane. 

Nun haben wir uns schon fruher klar gemacht, dafi alles innere 
Erleben mit Absonderungsprozessen eng verbunden ist. Deswegen 
haben wir auch diese Absonderungsprozesse besonders betrachtet. 
Leber, Galle und Milz haben im Sinne jener Vorgange in der Gesamt- 
organisation zunachst nichts unmittelbar mit Absonderungsprozes- 
sen zu tun, sie sondern zwar Stoffe ab, aber das hat mit der Ernah- 
rung zu tun. Sie vermitteln das aufsteigende Leben, das von den 
niedersten Lebensformen sich hinwendet zum Organ der Bewufit- 
heit, zum Bewufitsein selbst. Indem aber diesen Organen als ein viertes 
Organ das Herz sich angliedert und das Herz durch den Blutumlauf 
sich auch nach aufien aufschliefit, erlangt der Mensch sein Ich- 
Bewufitsein. Er wiirde aber nicht in der Lage sein, dieses Ich als das 
zu erleben, was der Aufienwelt gegeniibersteht, wenn er nicht dieses 
nach aufien schauende Ich in Beziehung bringen wiirde zu dem, was 
er als dumpfes Bewufitsein seines inneren Leibeslebens schon besitzt. 
Er mufi zu den Absonderungsprozessen des inneren Organismus 
noch einen anderen hinzufugen, welcher ihm auch ein Erleben seines 
Inneren vermittelt mit dem Ich, das im Blute sein Werkzeug hat. 

Zunachst erlebt der Mensch durch die Absonderung der Lymphe 
sein Innenleben nur in dumpfem Bewufitsein. Dann aber mufi auch 
aus dem Blute abgesondert werden konnen, und in dieser Absonde- 
rung wird der Mensch gewahr, dafi er als Eigenwesenheit der Aufien- 
welt gegeniibersteht, als inneres Ich, Der Mensch wiirde aber in 
seinem Erleben der Aufienwelt so gegenuberstehen, dafi er sich selbst 
innerlich verlore, wiirde er nicht wissen, dafi das dasjenige, was da die 
Luft atmet und die Ernahrungsstoffe von aufien aufnimmt und verar- 
beitet, dasselbe Wesen ist wie das, welches er im Inneren erlebt. Dafi 
der Mensch sich nicht verliert, dafi er mit seinem Eigenwesen der 
Aufienwelt gegeniibersteht, das ist dadurch moglich, dafi er durch die 



Lungen aus dem umgewandelten Blut absondert die Kohlensaure 
und durch die Nieren die umgewandelten Stoffe absondert, die aus 
dem Blut heraus kommen. 

Damit sind in ihrer Funktion sowohl die Organe gekennzeichnet, 
die einen aufsteigenden Prozefi vermitteln, Leber, Galle, Milz, wie 
auch diejenigen Organe, die einen absteigenden Prozefi vermitteln, 
Lungen und Nieren. Wir durfen da aber nicht schematisieren - das 
geht bei theosophischen Betrachtungen iiberhaupt nicht -, wir miis- 
sen sehen, dafi die Lungen, indem sie sich nach aufien aufschliefien, 
auch einen aufsteigenden Prozefi vermitteln. Wir sehen also, wie 
diese sieben wichtigsten Glieder des inneren menschlichen Weltsy- 
stems zusammenhangen mit dem inneren Erleben des Menschen und 
mit dem Sichaufschliefien nach aufien. Diese sieben Glieder ver- 
wandeln auf der einen Seite die Eigenregsamkeit der Nahrungsstoffe 
in innere Regsamkeit des Organismus und versorgen mit diesen 
umgewandelten S toff en den menschlichen Organismus. Sie machen 
es moglich, dafi der Mensch sich wieder nach aufien aufschliefk. Sie 
machen es aber auch moglich, dafi das, was der Mensch als eine zu 
starke innere Regsamkeit entwickelt, abgestofien wird nach aufien 
durch die Absonderungsprozesse der Lungen und Nieren. Durch die 
Arbeit der Lungen und Nieren haben wir also eine regelmafiige 
Regulierung der Regsamkeit der menschlichen Organsysteme. Dieses 
ganze Verhaltnis, in dem die menschlichen Organsysteme zueinander 
stehen, das driickt sich so aus, dafi man im Okkultismus in der Tat 
kein besseres Bild dafur geben konnte, als dafi man sagte: Das Herz 
als Sonne steht im Mittelpunkt und beeinflufit die drei Organe des 
inneren Weltsy stems, die die aufsteigenden Prozesse besorgen, 
Leber, Galle, Milz. So wie im Makrokosmos die Sonne im Planeten- 
system steht zu den aufieren Planeten Jupiter, Mars, Saturn, so steht 
im Mikrokosmos, im menschlichen Organismus, die innere Sonne, 
das Herz, zu Leber-Jupiter, Galle-Mars, Milz-Saturn. Ich miilke nun 
nicht wochenlang, sondern monatelang reden, wenn ich Ihnen alle 
die Griinde auseinandersetzen wollte, warum vor einem genauen und 
intimen okkulten Beobachten das Verhaltnis der Sonne zu den aufie- 
ren Planeten unseres Planetensystems wirklich in Parallele gesetzt 



werden darf zu dem Verhaltnis, das im menschlichen Organismus das 
Herz hat zu dem inneren Weltsystem, zu Leber, Galle und Milz. Es 
ist in der Tat das aufiere Verhaltnis absolut so hereingenommen, dafi 
in der Wechselwirkung dieser Organe sich das widerspiegelt, was in 
der grofien Welt des Makrokosmos, in unserem Sonnensystem vor 
sich geht. Und ebenso ist es berechtigt, davon zu sprechen, daft die 
Vorgange, die sich abspielen zwischen der Sonne und den inneren 
Planeten bis zu unserer Erde herunter, sich widerspiegeln in dem 
Verhaltnis des Herzens zu den Lungen und zu den Nieren. So haben 
wir in diesem inneren Weltsystem des Menschen etwas, was das 
auftere Weltsystem widerspiegelt. 

Wir haben im Verlaufe der Vortrage auch schon angedeutet, wie 
in der Tat, wenn wir hellseherisch hinuntertauchen in das eigene 
Innere, wir aufhoren, unsere inneren Organe nur so wahrzunehmen, 
wie sie sich dem aufieren Anblick des physischen Auges darbieten. 
Wir miissen hinauskommen iiber das Phantasiebild, das sich die 
aufiere Anatomie von unseren Organen macht, indem wir aufsteigen 
zur Betrachtung der wirklichen Gestalt, die diese Organe haben, 
wenn wir berucksichtigen, dafi diese Organe ja Kraftsysteme sind. 
Durch die aufiere Anatomie kann gar nicht das wirkliche Sein dieser 
Organe ergriindet werden, denn sie sieht ja in ihnen nur die hinein- 
gestopften umgewandelten Nahrungsstoffe. Und gerade dadurch, 
dafi die aufiere Wissenschaft nur diese Anschauung gelten lassen will, 
kann sie nicht die inneren Kraftsysteme, welche den Organen 
zugrundeliegen, erkennen. Fur denjenigen aber, der in der Lage ist, 
das, was diesen Organen als Kraftsysteme zugrundeliegt, durch hell- 
seherische Beobachtung zu schauen, der sieht, wie berechtigt es ist, 
die Organe mit den Namen der Planeten zu benennen, weil er 
erkennt, wie das Verhaltnis zwischen den Planeten unseres aufieren 
Weltsystems sich wiederholt in unserem inneren Organsystem. 

Nun haben wir gestern gesagt, dafi die Organe eine zu starke 
innere Regsamkeit entwickeln konnen. Jedes einzelne der Organe 
kann eine zu starke Regsamkeit entwickeln, und diese Unregelmafiig- 
keit kann sich so ausdriicken, daft sie sich auf den ganzen Organis- 
mus auswirkt. Nun habe ich schon gestern darauf hingedeutet, dafi 



wenn durch solche zu starken inneren Regsamkeiten etwas wie ein 
eigensinniges Eigenleben in den inneren Organen auftritt, es notwen- 
dig ist, dasjenige entgegenzusetzen, was diese inneren Regsamkeiten 
dampft. Das heilk, wenn die inneren Organe zu stark umsetzen, zu 
stark umwandeln die aufieren Regsamkeiten der Nahrungsstoffe, 
wenn sie ein zu starkes inneres Verwandlungsprodukt liefern, dann 
miissen wir ihnen etwas von aufien entgegensetzen, das sie eindammt, 
das die iibermafiige innere Regsamkeit dampft. 

Wie kann das geschehen? Wenn wir ein Organ des inneren Systems 
treffen wollen, das eine zu starke innere Regsamkeit entwickelt, so 
miissen wir in der Aufienwelt dasjenige suchen, welches die entge- 
gengesetzte Regsamkeit hat, und dies dem Organismus zufiihren, um 
dadurch die zu starke Regsamkeit des Organs bekampfen zu konnen. 
Das heifit, wir miissen versuchen, jene auiSeren Regsamkeiten aufzu- 
finden, welche den Regsamkeiten der einzelnen Organe entsprechen. 
Im Mittelalter haben die Menschen noch vieles davon gewuftt, wie 
die Stoffe der Umwelt, also aufiere Substanzen, der iibertriebenen 
Regsamkeit der Organe entgegenwirken konnen. Fur den heutigen 
Menschen, dem solche Dinge oft nur aus verballhornten Schriften des 
Mittelalters entgegentreten, in denen er nichts als bunten Aberglau- 
ben sehen kann, hort sich das ganz sonderbar an. Aber von der 
okkulten Wissenschaft ist das Entsprechen der Organe des inneren 
Weltsystems mit gewissen aufieren Substanzen durch Jahrtausende 
sorgfaltig, tief und griindlich untersucht worden, und unzahlige 
Beobachtungen, die mit dem hellsichtigen Auge gemacht worden 
sind, haben erwiesen, dafi zum Beispiel dem iibermafiig tatigen in- 
neren Jupiter, der Leber, Einhalt geboten werden kann durch die 
Metallsubstanz des Zinns. Die iibermafiige innere Regsamkeit der 
Galle bekampfen wir durch dasjenige, was in der Metallsubstanz des 
Eisens zum Ausdruck kommt. Das ist gar nicht zu verwundern, denn 
Eisen ist das einzige Metall, das wir in unserem Blut haben miissen als 
wesentlichen Bestandteil fur das Werkzeug des Ich, und wir haben ja 
gesehen, dafl in der Galle gerade dasjenige Organ vorliegt, welches 
vermittelt die Verbindung von dem Ich mit dem dichtesten Materiel- 
len, das dem Menschen eingelagert wird, dem Nahrungsstrom. 



Ebenso konnen wir sagen, dafi die Milz ihre aufiere Entsprechung hat 
in dem Metall Blei. Dem Herzen - Sonne - entspricht das Gold. Den 
Lungen - Merkur das sagt der Name selbst, entspricht das Queck- 
silber und den Nieren das Metall Kupfer, also die Venus. (Es wird an 
die Tafel geschrieben:) 



Saturn 


Milz 


Blei 


Jupiter 


Leber 


Zinn 


Mars 


Galle 


Eisen 


Sonne 


Herz 


Gold 


Merkur 


Lungen 


Quecksilber 


Venus 


Nieren 


Kupfer 



Nun mussen wir, wenn wir mit den Regsamkeiten, die in diesen 
Metallen sich finden, die iiberhandnehmenden Regsamkeiten des 
inneren Organismus bekampfen wollen, uns dariiber klar sein, dafi 
alles im Organismus mehr oder weniger zusammenhangt und dafi ja 
die einzelnen Organsysteme parallel miteinander gebildet werden, 
dafi also nicht etwa der Mensch zuerst als kopfloses Wesen entstan- 
den ist; sondern es bilden sich natiirlich diejenigen Organe, welche in 
Zusammenhang stehen mit dem oberen Blutkreislauf, das Gehirn- 
Riickenmarksystem, gleichzeitig mit den Organen des inneren Welt- 
systems. 

Wie wir gesehen haben, dafi es einen nach oben gehenden und 
einen nach unten gehenden Blutkreislauf gibt, so haben wir auch ein 
Hinaufwirken des Lymphprozesses, dem wir ein dumpfes Bewufk- 
sein zuerkannt haben, zu den oberen Partien des menschlichen Or- 
ganismus. Und es besteht nun die Tatsache, dafi das, was dem 
Blutstrom oben eingegliedert ist, in gewisser Weise demjenigen ent- 
spricht, was dem unteren Blutstrom eingegliedert ist, und wir konnen 
sehen, dafi die vorher genannten Metalle auch eine Verwandtschaft 
haben zu dem oberen Organsystem des Menschen. Sie wissen, dafi 
die Lunge sich aufschliefit nach aufien zum Kehlkopf, der ein Organ 
des oberen menschlichen Organismus ist. Wie wir fur die Galle im 
unteren Organsystem einen Zusammenhang zu sehen haben mit dem 
Eisen, so konnen wir das Eisen im oberen Organsystem in Verbin- 
dung bringen mit dem Kehlkopf. Diese Dinge sind natiirlich schwie- 



rig, aber ich mochte doch einiges davon andeuten. So wie wir einen 
Zusammenhang vermerkt haben zwischen Galle und Kehlkopf in 
bezug auf das Eisen, so gibt es auch in bezug auf das Zinn - Jupiter - 
eine gewisse Entsprechung zwischen den oberen Teiles unseres 
Kopfes mit allem, was als Vorderhaupt und als Gehirnbildung dazu- 
gehort, und der Leber; und in bezug auf das Blei - Saturn - eine 
Entsprechung zwischen Hinterhaupt und Milz. 

Auf diese Weise haben wir unsere Betrachtungen erstrecken kon- 
nen auf alles das, was dem menschlichen Blutkreislauf eingegliedert 
ist in den sieben Gliedern des inneren Weltsystems, und darauf, wie 
es in Zusammenhang steht mit der aufieren Welt. Fur das normale 
wie fur das abnorme Leben konnen wir diese Entsprechungen in 
Betracht ziehen. In diesen Entsprechungen der Metalle zu den inne- 
ren Organen haben wir eine hochst interessante Tatsache. Und wenn 
einmal nicht in chaotischer Weise, sondern systematisch dasjenige 
untersucht und zusammengestellt wurde, was unsere therapeutischen 
Biicher an vielfachen Angaben enthalten, dann wiirden diese Ent- 
sprechungen sich schon ganz von selbst nachweisen lassen aus den 
aufieren Tatsachen. Und wenn heute solche Ausfiihrungen noch als 
Phantasiegebilde betrachtet werden, so kann sich der Okkultist dazu 
ganz ruhig verhalten, denn er weifl, daft die Zeit kommen mull, wo 
die aufieren Tatsachen seine Behauptungen bestatigen werden. 

Nun diirfen wir nicht denken, daft wir zum Beispiel bei einer 
Nierenkrankheit ohne weiteres gewohnliches Kupfer geben miifiten; 
das ware naturlich ein Fehler. Wenn wir dem Organismus metallische 
Substanzen zufiihren wollen, so miissen wir sie erhitzen, so daft sie in 
eine Art Metalldampf ubergehen. Dabei entwickelt sich etwas wie 
dampfformige Korperchen, und in dieser Form kann die Metallitat 
auf die inneren Organe wirken. Nehmen wir jetzt das Blutsystem, so 
ware bei Erkrankungen mit Metallen nichts geholfen. Wir haben 
schon darauf hingewiesen, dafi im Blutsystem eine Art Salzablage- 
rung vor sich geht. Und geradeso nun, wie auf die inneren Organe 
das Metallische wirkt, so wirkt auf das Blutsystem das Salzartige. 
Will man nun das Blutsystem durch aufiere Mittel beeinflussen, so 
mufi man ihm Salzartiges zufiihren. Dies kann geschehen durch 



Einatmen von salzhaltiger Luft, durch Salzbader oder dergleichen. 
Wir konnen aber auch von der anderen Seite, durch den Verdauungs- 
prozefi, Salze oder Salzbildendes zufiihren, so dafi wir in der Lage 
sind, von zwei Seiten her den Prozefi der Salzbildung, der Salz- 
einlagerung hervorzurufen. 

Wenn Sie sich erinnern an das, was ich gestern ausgefiihrt habe 
iiber die physischen Wirkungen der inneren geistig-seelischen Pro- 
zesse, so werden Sie sich leicht denken konnen, dafi alles dasjenige, 
was im Gegensatz zu den im Metallischen wirkenden Vorgangen 
steht, die physische Wirkung der Gefiihlsprozesse ist, denn diese 
Gefiihlsprozesse stehen in engstem Zusammenhang mit den Quel- 
lungsprozessen im Blut, die aber aufgehalten werden konnen durch 
Zufuhrung aufierer metallischer Stoffe, welche die entgegengesetzte 
Regsamkeit zeigen. Wenn zum Beispiel die Verdauungstatigkeit 
iiberhand nimmt und dort, wo der Ernahrungsstrom vom Atherleib 
ergriffen wird, eine eigene Regsamkeit entwickelt, so konnen wir 
dieser entgegenwirken durch geeignete Salzzufuhrung; denn, iiber- 
treibt der Atherleib diesen Prozefi des Ergreifens des Ernahrungs- 
stromes, so bedeutet das ein zu starkes Aufnehmen des Salzes. Er 
mufi abgedampft werden durch die Zufuhr der aufieren Regsamkeit 
eines Salzes. 

Dann haben wir Prozesse, welche sich aufierlich abspielen als 
Verbrennungs- oder Oxydationsprozesse; das sind solche Prozesse, 
wo sich etwas mit dem Sauerstoff der Luft verbindet. Alle diejenigen 
Stoffe, die sich leicht mit dem Sauerstoff der Luft verbinden, durch- 
strahlen, wenn sie in den Organismus aufgenommen werden, mit 
ihrer Regsamkeit den Organismus am weitesten. Wahrend Salze, 
wenn wir sie dem Organismus zufiihren, nur bis zu einem mafiigen 
Grade auf den Organismus wirken, kann die Metallitat bis in das 
innere Weltsystem hinein wirken. Und in der Luft, also in den 
Stoffen, die sich leicht mit dem Sauerstoff der Luft verbinden, haben 
wir etwas, was, wenn es in den Korper aufgenommen wird, den 
ganzen Organismus durchstrahlt bis in das Blutsystem hinein. So 
werden wir es begreiflich finden konnen, dafi wir durch solche Vor- 
gange, die eine zu starke innere Regsamkeit in der Warmeentwicke- 



lung bilden, die ja der aufiere Ausdruck der Willensimpulse ist, in 
unserem ganzen Organismus uns beeinflufk fiihlen. Bei den organi- 
schen Riickwirkungen des Denkerischen ist das nicht so; wenn wir 
auf diese unser Augenmerk richten, fiihlen wir, dalS diese Wirkungen 
nur in gewissen Organen sich abspielen. Sie sehen daraus, wie aufler- 
ordentlich kompliziert der ganze Apparat des menschlichen Organis- 
mus ist und wie kompliziert sein Verhaltnis zur AufSenwelt ist. 

So haben wir jetzt gezeigt, wie dem menschlichen Organismus mit 
seiner eigenen inneren Regsamkeit entgegengesetzt werden kann die 
aufiere unorganische, unbelebte Natur, und wie durch Salze und 
durch verdampfte Metallitat auf den Organismus eingewirkt werden 
kann. Aber wir haben auch die Moglichkeit, aus anderen Bereichen 
der Natur auf den Menschen einzuwirken. Wir konnen dem mensch- 
lichen Organismus ebenso das entgegensetzen, was die regsamen 
Krafte in der Pflanzenwelt sind. Wenn wir ein pflanzliches Heilmittel 
einfach als Nahrung aufnehmen, so wiirden wir dadurch nicht viel 
erreichen, weil, wie wir gesehen haben, die inneren Organe dafur 
sorgen, dafi den eingenommenen Stoffen ihre eigene Regsamkeit 
genommen wird. Soli also die Pflanze in den menschlichen Organis- 
mus so aufgenommen werden, dafi sie auch in ihrer Eigenschaft als 
Pflanze weiterwirkt, so kann das nicht geschehen, wenn wir sie als 
Nahrung zu uns nehmen. Dieses Pflanzliche kann auf das Ich nicht 
einwirken, denn die Pflanze hat als hochstes Glied nur einen Ather- 
leib. Das Pflanzliche wird also einfach aufgenommen, da wo der 
Nahrungsstrom eingefangen wird vom Atherleib, so dafi das Pflanz- 
liche als Heilmittel noch nicht im Verdauungskanal in Betracht kom- 
men kann, sondern erst in jenen Organen, in die neben dem Ather- 
leib auch schon der astralische Leib des Menschen hineinwirkt. Aus 
diesem Grunde beginnt das Pflanzliche erst zu wirken auf das innere 
Weltsystem und auf das sympathische Nervensystem und das 
Lymphsystem. Nicht mehr erstreckt sich die Wirkung des Pflanzli- 
chen dahin, wo der Mensch durch das Blut sich wiederum aufschliefit 
der aufieren Welt. Die Pflanze ist zugeordnet dem mittleren Teil des 
menschlichen Organismus, so dafi alles, was in dem Pflanzlichen 
gesucht werden kann an Regsamkeit, nur wirken kann auf alles das, 



was zu dem inneren Weltsystem gehort und auf die entsprechenden 
Organe des Kopfes und des oberen Teiles des Organismus. Wenn die 
Tatigkeiten, die Funktionen dieser Organe gestort sind, wenn sie in 
einer abnormen Weise wirken, dann kommt zur Bekampfung die 
Einwirkung des Pflanzenhaften in Betracht. 

Wir haben also gesprochen iiber die Wirkungen von Metallen, 
Salzen und Pflanzen. Es ist nun nicht angezeigt, in unseren Betrach- 
tungen noch auf weitere Arten der Bekampfung von Unregelmafiig- 
keiten oder Storungen im menschlichen Organismus einzugehen, 
nicht so sehr deshalb, weil die Zeit zu kurz ist, sondern in der 
Hauptsache, weil sich Theosophen am besten fernhalten von all den 
Gebieten, die heute in den Streit der Parteien hineingezogen werden. 
Das, was bis jetzt aufgezahlt worden ist, gehort nicht dem Streit der 
Parteien an; man kann es einfach aufnehmen, und dann wird man 
schon die Richtigkeit einsehen; oder aber die Menschen halten es 
eben fur reinen Unsinn, fur Phantasterei. Das macht nichts. Denn da 
mufite man als Theosoph iiberhaupt schweigen, wenn man alle Dinge 
nicht sagen wollte, die von den Menschen als Unsinn angesehen 
werden. Wenn wir aber die Einwirkungen tierischer Substanzen auf 
den Menschen untersuchen wollten, so wiirden wir in den Streit der 
Parteien hineinkommen und man konnte dann meinen, Theosophie 
wolle sich einmischen in diesen Streit, der sich abspielt zwischen den 
Vorkampfern und den Bekampfern der Heilmethoden auf dem 
Gebiete des Tierischen. Und es kann niemals Aufgabe des Theoso- 
phen sein, sich in solche fanatischen Streitigkeiten zu mischen, denn 
dann wiirden wir Gefahr laufen, den objektiven allgemein-mensch- 
lichen Standpunkt zu verlassen. 

Das eine aber haben wir gesehen, wenn auch die Andeutungen alle 
nur skizzenhaft waren, dafi dieser menschliche Organismus ein kom- 
pliziertes System ist von einzelnen Organen, die auf verschiedenen 
Stufen der Entwickelung stehen und die in der mannigfaltigsten 
Weise unter sich und mit dem Gesamtorganismus zusammenhangen. 
Was als physischer Organismus des Menschen sichtbar ist, was wir 
mit Augen sehen, mit Handen greifen konnen, ist nur ein Teil der 
menschlichen Organisation; das Ubersinnliche aber, das da hinein- 



wirkt, das nehmen wir nicht in solcher Weise sinnlich wahr, das er- 
schliefit sich erst dem geistigen Auge des Sehers. Wir diirfen also nicht 
sagen, daft alle Organe sich gleichmaftig ausgebildet haben, sondern es 
hat sich gezeigt, daft wir den menschlichen Organismus so anzusehen 
haben, daft darin Alteres und Jungeres zu erkennen ist. Wir haben ja 
schon hervorgehoben, daft wir zum Beispiel das Gehirn als ein alteres, 
hoher entwickeltes Organ anzusehen haben als das Riickenmark und 
daft das Gehirn friiher gewissermaften auf der Stufe des Riickenmarks 
gewesen ist. In analoger Weise konnen wir das Verdauungs- und das 
Blutsystem betrachten gegeniiber dem Lymphsystem. Hier haben wir 
das Lymphsystem vergleichsweise auf die Stufe des Riickenmarks zu 
stellen, es ist also das jiingere, wahrend das komplizierte Verdauungs- 
und das Blutsystem bereits in vielf acher Weise umgewandelt und alter 
sind als das Lymphsystem, das sich nicht nach aufien aufschlieftt und 
seine Stoffproduktion nur nach innen in die Gewebe absondert. Das 
ist ein sehr wichtiger Gesichtspunkt. Wir haben also unser heutiges 
Lymphsystem anzusehen als etwas, das, wenn es nicht eingelagert 
ware den anderen Systemen, bei fortschreitender Entwickelung zu 
einem Verdauungs- und Blutsystem wurde. 

Ein einfacheres Vermittlungssystem des Bewufttseins haben wir im 
Lymphsystem; das, was komplizierter ist, haben wir im Verdauungs- 
Blutsystem. Wir haben also im menschlichen Organismus Organe zu 
suchen, welche aus Organsystemen hervorgegangen sind, die friiher 
andere Aufgaben hatten. Die Mitteilungen, die hier dariiber gemacht 
worden sind, wiirden auch fur die auftere Wissenschaft sehr klar 
nachzuweisen sein, wenn man sich damit vertraut machen wollte. 
Alles, was iiber die Umwandlung der Organe gesagt worden ist, lafit 
sich nachweisen durch embryologische Untersuchungen. Bei einem 
jeglichen Lebewesen ist es so, daft dasjenige, was im Laufe der 
Entwickelung spater erscheint, in der Keimanlage bereits vorgebildet 
ist. Wenn wir vom ausgebildeten Menschenorganismus bis zum 
befruchteten Keim zuriickgehen, so konnten wir mit geeigneten 
Methoden die komplizierten Organsysteme in ihrer allerersten 
Anlage bereits angedeutet finden, und zwar so, daft sie selbst in der 
allerersten Anlage schon zeigen, wie sie eigentlich zueinander stehen. 



Wenn Sie sich einmal das anschauen, was wir als auftere Umhiil- 
lung, als Begrenzung des Menschen vor uns haben in seiner Haut, 
und dann weiterhin das, was zu den ihr eingelagerten Sinnesorganen 
fuhrt, so werden Sie sich sagen konnen, dafi alles das, was da in dieser 
aufiersten Begrenzung des Menschen vorhanden ist, schon umgewan- 
delt sein mufi aus einem Anderen. Denn es ist schon ein sehr kompli- 
ziertes System, dem auch ein Gehirn angehort; und ein Gehirn ohne 
langwierige Vorbereitung sich zu denken ist unmoglich. Wir miissen 
uns also denken, dafi die aufiere Umhiillung des Menschen ein 
Umwandlungsprodukt ist, ahnlich wie wir ja das Gehirn als ein 
umgewandeltes Riickenmark bezeichnet haben und das Ernahrungs- 
und Blutsystem als ein Umwandlungsprodukt des Lymphsystems. 
Wahrend nun das Riickenmark und das Lymphsystem auf fruheren 
Stufen eine aufsteigende Tendenz zeigten, miissen wir von dem heu- 
tigen Riickenmark- und Lymphsystem sagen, dafi sie in absteigender 
Entwickelung begriffen sind. Man wiirde auch zeigen konnen, dafi das 
Blut in seiner heutigen Konfiguration ein doppeltes Umwandlungs- 
produkt ist. Dadurch, dafi sich das Verdauungs- und Blutsystem 
nach aufien aufschliefk, wird es zu einem umgewandelten Lymph- 
system. Ware das Verdauungssystem mit seinen Bewegungen nur 

nach innen hin entwickelt, ware es ganz nach innen abgeschlossen, 
hatten wir in ihm eine ahnliche Tatigkeit wie in der heutigen Lymph- 
tatigkeit. Bei ihr wird nur dasjenige aufgenommen, was iiber die 
Gewebe zugefuhrt wird. 





So ist auf der einen Seite in der aufieren Umgrenzung des Men- 
schen, im Hautsystem, ein Umgewandeltes zu sehen aus einem ande- 
ren System, dem Blutsystem, das ich hier so zeichnen will, und auch 
in dem Verdauungssystem haben wir die Umwandlung aus einem 
anderen System zu sehen, das heute in absteigender Entwickelung ist. 
Wir rrnissen nun festzustellen suchen, ob wir diese auf- und abstei- 
gende Natur von Organsystemen schon angedeutet finden in der 
Keimanlage. Und in der Tat zeigt sich, dafi wir den Gesamtorganis- 
mus in der Keimanlage angedeutet finden - ich will es schematisch 
zeichnen - in den vier iibereinanderliegenden Keimblattern, die man 
nennt: das aufiere Keimblatt - Ektoderm — , das innere Keimblatt - 
Entoderm - und das Mesoderm - das auflere und das innere mittlere 
Keimblatt. 




Dabei haben wir im Sinne unserer Anschauung iiber die Entwicke- 
lung das aufiere Keimblatt, das Ektoderm, das man in der heutigen 
Anatomie auch das Hautsinnesblatt nennt, anzusehen als ein 
Umwandlungsprodukt, das seine erste Anlage zeigt in dem aufieren 
Mittelblatt, dem aufieren Mesoderm. In diesem haben wir dasjenige 
als Keimanlage vor uns, was auf einer hoheren Stufe in dem Hautsin- 
nesblatt uns vor Augen tritt. Und in dem inneren Mittelblatt, dem 
inneren Mesoderm, haben wir die jiingere Bildung dessen vor uns, 
was sich spater im Entoderm, im Darmdrusenblatt, zeigt. 

Wenn wir den menschlichen Keim in seiner Entwickelung betrach- 
ten, so haben wir die erste Anlage des Menschen in den beiden 
mittleren Keimblattern angedeutet, in den Mesodermen; die beiden 



anderen Keimblatter, Ektoderm und Entoderm, sind bereits umge- 
wandelt. Die beiden Mittelblatter sind also die, welche den urspriing- 
lichen Zustand darstellen, wahrend Ektoderm und Entoderm die 
hohere Entwickelung zeigen. 

Nun wissen wir, dafi die entwickelungsfahige Keimanlage des 
Menschen zusammenfliefk aus zwei Anlagen, aus der weiblichen und 
der mannlichen Keimanlage, und dafi eine Neuentwickelung nur 
entstehen kann durch das lebendige Zusammenwirken dieser beiden 
Anlagen. In den beiden Keimanlagen mussen also getrennt enthalten 
sein alle die Prozesse, die nur vereint die Keimanlage fur den mensch- 
lichen Organismus bilden. 

Was zeigt uns nun der Okkultismus in bezug auf die hierbei 
obwaltenden Verhaltnisse? Er zeigt uns, dalS unter den heutigen 
physischen Bedingungen der weibliche Keim [Entoderm] nur im- 
stande ist, eine solche menschliche Korperanlage zu produzieren, 
die, wenn sie sich einzeln entwickeln wollte, nicht das entwickeln 
konnte, was wir das Formprinzip nennen, das zuletzt zur Einlage- 
rung des Knochensystems fiihrt, das dem Menschen seine Festigkeit 
gibt; und auch das Hauptsinnessystem wiirde nicht durch den weib- 
lichen Keim geliefert werden konnen. Es ist der weibliche Keim so 
angelegt, dafi man fast sagen konnte, das, was da entsteht, wiirde zu 
gut sein fur die Welt, so wie sie heute besteht, denn es sind nicht alle 
Prozesse in der aufieren physischen Welt vorhanden, welche einem 
solchen Organismus notwendig waren. Dieser weibliche Menschen- 
organismus konnte sozusagen nicht bis zu jener «Vererdigung» fort- 
schreiten, wie sie in dem eingelagerten Knochensystem zum Aus- 
druck kommt, und er hatte nicht die Moglichkeit, verbunden zu sein 
mit der Aufienwelt durch die Sinne. Er miifite in den aufieren Bedin- 
gungen eine Stiitze finden, um sein weicheres inneres Material, das er 
anstelle des festen Knochengeriistes hatte, auszugleichen; er konnte 
sich nicht nach auften aufschliefien, sondern wiirde in seinem inneren 
Leben abgeschlossen bleiben. Das ist der weibliche Anteil an der 
Keimanlage; er wiirde iiber das Ziel dessen hinausschieften, was heute 
in unserem irdischen Dasein moglich ist, einfach weil in den heutigen 
physischen Erdenverhaltnissen nicht die Bedingungen gegeben sind, 



welche ein solcher verfeinerter Organismus notig hatte, der so wenig 
zur Vererdigung und zum Aufschliefien nach aufien angelegt ist. Ein 
solcher Organismus ware unter den heutigen irdischen Verhaltnissen 
von vornherein zum Tode bestimmt. So ist wirklich der mensch- 
lichen Keimanlage, gerade durch die Tendenz, dafi der Mensch in 
seiner Fortentwickelung zu weit kommen konnte, schon die Ursache 
dafiir eingepragt, dafi der Mensch zum Tode bestimmt ist. 

Der andere Anteil der Keimanlage, der mannliche [Ektoderm], ist in 
der genau umgekehrten Lage. Wenn die mannliche Keimanlage allein 
sich entwickeln wiirde, so wiirde dies zu machtiger Entfaltung dessen 
fuhren, was sich kundgibt in dem Sichaufschlieften nach aufien im 
Hautsinnessystem, und dessen, was zur Verfestigung im Knochen- 
system fuhrt, also nach der anderen Seite uber das Ziel hinausschie- 
flen. Eine solche Einseitigkeit wiirde ebensowenig eine lebensfahige 
Keimanlage hervorbringen konnen wie der weibliche Keim fur sich, 
denn der Organismus, den die mannliche Keimanlage entwickeln 
wiirde, wiirde so starke Krafte entfalten, dafi er sich selbst zerstoren 
und zugrunde gehen mufke unter den Verhaltnissen, wie sie heute auf 
der Erde vorhanden sind, das heifit, er wiirde unter diesen heutigen 
Verhaltnissen auf der Erde als Organismus nicht bestehen konnen. 
Der mannliche Keim kann daher nur dann zu einem lebensfahigen 
Ausdruck kommen, wenn er mit der weiblichen Keimanlage zusam- 
menwirkt. Nur dadurch, dafi die beiden Keimanlagen sich ausglei- 
chen, dafi dasjenige, was in der weiblichen Keimanlage zum Tode 
bestimmt ist, sich ausgleicht mit dem der mannlichen Keimanlage 
durch den Befruchtungsprozefi, ist eine lebendige Gesamtanlage des 
Menschen moglich. Was an Kraften zusammengedrangt vorhanden 
ist in der mannlichen Keimanlage, das wiirde, wenn es fiir sich allein 
auswachsen wiirde, unendlich unter das Irdische hinunterfuhren, es 
wiirde zu einer viel grofieren Verhartung des Knochensystems fuh- 
ren, zu einem weit grofieren Sichaufschliefien und Aufgehen in der 
Aufienwelt. Diese beiden organischen Keime miissen sich schon in 
ihrer allerersten Entstehung zu weiterer Entwickelung zusammenfin- 
den, denn einzeln ist jede von ihnen zum Tode bestimmt. Nur die 
lebendige Wechselwirkung dessen, was nach beiden Seiten hin das 



Uberhandnehmen des einen iiber das andere verhindert, ergibt die fiir 
das Erdendasein des Menschen mogliche Keimanlage. 

So sehen wir, wenn es auch nur in skizzenhafter Art gezeigt 
werden konnte, dafi wir die geistigen Tatsachen bis dahin zuriickver- 
folgen konnen, wo der Mensch seinesgleichen hervorbringt. Wir 
wiirden dies naturlich noch viel ausfuhrlicher darstellen konnen, aber 
in einem kurzen Zyklus lafit sich naturlich nicht alles sagen. Wenn 
wir noch tiefer hineinleuchten wiirden, so wiirden wir sehen, wie sich 
bewahrheitet, dafi auch das Minuzioseste auf geistige Tatsachen 
zuriickgeht, bis hin zu dem, was hier iiber die iibersinnlichen Kraft- 
systeme gesagt worden ist, die ihren aufieren Ausdruck finden in den 
Organsystemen, die der Mensch entwickelt, damit sein Geschlecht 
iiber die Erde hin lebt. 

Wir haben gesehen, dafi die Erde als Ergebnis des dichtesten «Ver- 
erdigungsprozesses» in uns hervorgebracht hat das Knochensystem, 
und als das am wenigsten verdichtete, als das regsamste, das Blut- 
system. Und es soli nur noch kurz hinzugefugt werden, dafi alles, 
was vorgeht im irdisch-physischen Menschenorganismus, hinauf- 
dringt bis zu den Vorgangen, die sich im Blute abspielen; das sind die 
Erwarmungsvorgange. Wir haben in diesen Erwarmungsvorgangen 
des Blutes den unmittelbaren Ausdruck des Ich und damit das ober- 
ste Niveau zu sehen, und darunter sich abspielend die anderen Pro- 
zesse des menschlichen Organismus. Der Erwarmungsprozefi ist also 
das Hochste, in diesen greift unsere Ich-Seelentatigkeit unmittelbar 
ein. Deshalb fuhlen wir auch etwas wie eine Verwandlung unserer 
Ich-Seelentatigkeit in ein inneres Warmwerden, das bis zum physi- 
schen Warmwerden im Blutprozefi gehen kann. Wir sehen also, wie 
das Geistig-Seelische von oben nach unten gehend durch den Erwar- 
mungsprozefi eingreift in das Organische, das Physiologische, und 
wir konnten noch an vielen anderen Tatsachen zeigen, wie das Gei- 
stig-Seelische sich in Erwarmungsprozessen beriihrt mit dem Orga- 
nischen. Erwarmungsprozesse haben wir auch durch die Vorgange in 
den Ernahrungsorganen. Durch die Tatigkeit der komplizierten 
Apparate des Ernahrungssystems finden die mannigfaltigsten Ver- 
wandlungen statt, durch die es im physischen Organismus zu Erwar- 



mungsprozessen kommt. Diese erstrecken sich von unten nach oben. 
Es reicht also im Erwarmungsprozefi der physische Organismus des 
Menschen bis hinauf ins Geistig-Seelische. Horen damit die 
Umwandlungen auf? Oder gehen sie weiter? Was dann folgt, kann 
nur angedeutet werden; es mufi zunachst dem weiteren Nachdenken 
und namentlich Nachfiihlen eines jeden Zuhorers uberlassen werden. 
Wenn wir diese Umwandlungen mit Gefiihlen wirklicher Ehrfurcht 
fiir den menschlichen Organismus betrachten konnen, so lernen wir 
einsehen, dafi Physiologie nicht eine trockene Wissenschaft zu sein 
braucht, sondern eine Quelle hochster menschlicher Erkenntnis sein 
kann. 

Was der Organismus produziert an innerer Warme in unserem 
Blut, an Warme, die er uns durch die gesamten inneren Prozesse 
zuleitet, das zeigt, dafi wir in den Erwarmungsvorgangen etwas zu 
sehen haben wie eine Bliite aller anderen Prozesse im Organismus. 
Die innere Warme des Organismus dringt bis hinauf in das Geistig- 
Seelische und kann sich bis in Geistig-Seelisches hinein verwandeln. 
Das ist das Hdchste, das Schdnste, das durch die Kraft des Men- 
schenleibes Physisches umgewandelt werden kann in Geistig-Seeli- 
sches. Wenn alles, was im menschlichen irdischen Organismus veran- 
lagt ist, zu Warme geworden ist und die Warme vom Menschen in 
der rechten Weise umgewandelt wird, dann entsteht aus der inneren 
Warme Mitgefiihl und Interesse fiir andere Wesen. Wenn wir durch 
alle Prozesse des menschlichen Organismus hindurch aufsteigen bis 
zum obersten Niveau, den Erwarmungsprozessen, so schreiten wir 
gleichsam durch das Tor des menschlichen Organismus, das gebildet 
wird durch die Warmeprozesse, hinauf bis dahin, wo die Warme des 
Blutes verwertet wird durch das, was die Seele daraus macht. Durch 
lebendiges Interesse fiir alle Wesen, durch Mitgefiihl fiir alles, was 
um uns herum ist, erweitern wir, indem unser physisches Leben uns 
bis zur Warme hinauffiihrt, unser Geistig-Seelisches iiber das ge- 
samte irdische Dasein, und wir machen uns eins mit dem gesamten 
Dasein. Es ist eine wunderbare Tatsache, dafi die Weltwesenheit den 
Umweg gemacht hat durch unseren physischen Organismus, um uns 
zuletzt die innere Warme zu geben, die wir Menschen in der Erden- 



mission berufen sind umzuwandeln durch unser Ich in lebendiges 
Mitfiihlen mit alien Wesen. 

Warme wird in Mitgefiihl umgewandelt in der Erdenmission! 

Die Tatigkeit des menschlichen Organismus beniitzen wir sozusa- 
gen als Heizwarme fiir den Geist. Das ist der Sinn der Erdenmission, 
dafi der Mensch als physischer Organismus dem Erdenorganismus so 
eingelagert ist, dalS alle physischen Prozesse zuletzt ihre Vollendung, 
ihre Krone in der Blutwarme finden, und dafi der Mensch als Mikro- 
kosmos in Erfiillung seiner Bestimmung diese innere Warme wie- 
derum umwandelt, um sie auszustromen als lebendiges Mitgefiihl 
und Liebe fiir alles, was uns umgibt. Durch alles, was wir aus leben- 
digem Interesse in unsere Seele aufnehmen, wird unser Seelenleben 
erweitert. Und wenn wir dann durch viele Inkarnationen gegangen 
sind, in denen wir alle Warme, die uns gegeben worden ist, verwertet 
haben, dann wird die Erde ihr Ziel, das innerhalb der Erdenmission 
zu erfiillen war, erreicht haben, dann wird sie als Erdenleichnam 
hinuntersinken und dem Verfall iiberliefert sein. Und aufsteigen wird 
die Gesamtheit aller jener Menschenseelen, die die physische Warme 
umgewandelt haben in Herzenswarme. Wie die einzelne Seele, wenn 
der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, aufsteigt zu 
einer geistigen Welt, nachdem der physische Leichnam den Erden- 
kraften ubergeben wurde, so wird einstmals der Erdenleichnam den 
Weltenkraften ubergeben werden, und die einzelnen Menschenseelen 
werden zu neuen Daseinsstufen fortschreiten. Nichts in der Welt 
geht verloren. Was die Menschenseelen als Friichte auf der Erde 
errungen haben, das wird durch die Menschenseelen in Ewigkeiten 
hiniibergetragen. 

So gestattet uns die Geisteswissenschaft, auch die physiologischen 
Prozesse im menschlichen Organismus anzukniipfen an unsere 
Ewigkeitsbestimmung. Wenn uns die Geisteswissenschaft (Theoso- 
phie) nicht blofie Theorie, nicht blofi abstrakte Erkenntnis ist, son- 
dern wenn wir sie so betrachten, da£ sie uns zeigt: wir stehen als 
Menschen nicht nur auf der Erde, sondern wir gehoren zum gesam- 
ten Weltensystem -, und wenn wir lernen, so iiber die Bestimmung 
des Menschen zu denken, dafi er die Krafte von der Erde nimmt, um 



in die Ewigkeit hineinzuwirken, dann nehmen wir durch Geisteswis- 
senschaft (Theosophie) das auf, was durch sie errungen werden mufi. 
Und wenn die Menschen, die dieses hohe Ideal ahnen oder erkennen, 
sich briiderlich zusammenfinden und iibereinstimmen in ihrem Stre- 
ben, das heifit, wenn wir erkennen, dafi in uns selbst die Keime zur 
Weiterentwickelung enthalten sind, die fruchtbar werden konnen fiir 
die weitere Erden- und Menschheitsentwickelung, dann konnen wir 
in aller Bescheidenheit das Gefuhl haben, dafi wir als Theosophen 
(Anthroposophen) durch die Entwickelung unserer eigenen Krafte 
mitwirken konnen an der Erfiillung der Erdenmission. 

Wir sind hier zusammengekommen und werden nun wieder hin- 
ausgehen, um draufien zu leben und vielleicht manches von dem, was 
ja nur skizzenhaft hier als Anregung hat gegeben werden konnen, mit 
hinaus zu nehmen und weiter zur Entfaltung zu bringen. Aber auch 
wenn wir in der Welt zerstreut sind, so wollen wir in lebendigen 
Gedanken und Empfindungen und mit unserem ganzen Wollen mit- 
einander harmonisch zusammenwirken. In diesem Geiste wollen wir 
voneinander scheiden, in diesem Geiste wollen wir uns auch wieder- 
finden, wenn dazu Gelegenheit sein wird. 



SONDERVORTRAG 
Prag, 28. Marz 1911 



Aphorismen iiber die Beziehung von 
Theosophie und Philosophic 

Eine Sonderbetrachtung zu den Vortrdgen iiber «Okkulte Physiologie» 

Im Anschlufi an die offentlichen Vortrage « Wie widerlegt man Theo- 
sophie ?» und «Wie verteidigt man Theosophie ?» sowie im Anschlufi 
an die Betrachtungen, die ich in diesen Tagen in dem Vortragszyklus 
iiber «Okkulte Physiologie» gegeben habe, konnen sich eine Reihe 
von Fragen aufdrangen, und es liegt das Bedurfnis vor, iiber diese 
Fragen, die hier beriihrt worden sind, sich mit den verehrten Zuho- 
rern ein wenig zu verstandigen. Die beiden offentlichen Vortrage 
hatten vor alien Dingen das Ziel, zu zeigen, wie man auf dem Boden 
der Geisteswissenschaft oder Theosophie sich sehr wohl bewufit sein 
mufi der moglichen Einwande, die sich ergeben konnen, und wie der 
Okkultist das Berechtigte dieser Einwande durchaus anerkennt, und 
andererseits konnte Ihnen aus den Vortragen hervorgehen eine ganz 
bestimmte, scharf nuancierte Stellungnahme, wie die theosophischen 
Wahrheiten gegenuber den gewichtigen Einwanden der Gegner zu 
vertreten sind. 

Gerade aus der Erkenntnis der gekennzeichneten Schwierigkeiten, 
die sich fur die Theosophie ergeben, sollte sich aber bei jedem Theo- 
sophen das Bedurfnis bilden, dafi in der Vertretung der theosophi- 
schen Wahrheiten moglichste Genauigkeit, hochste Prazision walten 
moge. Das ist etwas, dessen sich derjenige, der aus der Erkenntnis der 
entsprechenden Zusammenhange heraus diese Dinge zu vertreten 
hat, sehr wohl bewufit ist, womit er aber - trotz alle dem, was in den 
offentlichen Vortragen hervorgehoben worden ist - unvermeidlich in 
Kollision mit denjenigen kommt, die auf dem Boden der heutigen 
Wissenschaft stehen. Deshalb erfordert Theosophie, so sonderbar das 



scheinen mag, auf der einen Seite zum Einkleiden der aus den hohe- 
ren Welten heruntergeholten Wahrheiten, auf der anderen Seite nicht 
minder aus der blofien gewohnlichen Verniinftigkeit heraus das 
genaueste, praziseste logiscne Formulieren. Und wer sich diese Auf- 
gabe setzt, prazis und genau logisch zu formulieren, und zu diesem 
Zwecke alles vermeidet, was etwa Wortfiillsel in einem Satze oder 
nur rhetorische Verbramung ware, der fiihlt sehr haufig, wie leicht er 
mifiverstanden werden kann, einfach aus dem Grunde, weil in unse- 
rer Zeit nicht iiberall das intensive Bediirfnis vorhanden ist, die 
vertretenen Wahrheiten ebenso genau und prazis, wie sie ausgespro- 
chen werden, auch hinzunehmen. Es ist in unserer Zeit die Mensch- 
heit, selbst da, wo sie sich wissenschaftlich betatigt, noch gar nicht 
gewohnt an dieses Ganz-genau-Nehmen. Wenn man das Vorgetra- 
gene ganz genau nimmt, so darf man in den Satzen nicht nur nichts 
andern, sondern man mufi auch genau auf die Grenze achten, die in 
die Formulierungen mit aufgenommen ist. 

Wir haben hierfur ein leichtes Beispiel, das bei dem Fragenstellen 
kiirzlich aufgetaucht ist. Es wurde gefragt: Wenn das Traumbe- 
wufksein nur eine Art Bilderbewufksein ist, wie kommt es denn 
dann, dafi aus diesem Traumbewufitsein heraus gewisse unterbe- 
wufite Handlungen, wie zum Beispiel Nachtwandeln, vollzogen wer- 
den konnen? - Da hat der Fragesteller nicht beachtet, wie ich auch 
damals schon erwahnt habe, dafi mit dem Satze, es seien die Inhalte 
des Traumbewufitseins etwas Bildhaftes, nicht gemeint ist, sie seien 
nur Bildhaftes, sondern dafi selbstverstandlich, da nur von einer Seite 
her der Horizont des Traumbewufitseins charakterisiert worden ist, 
gerade aus der Natur dieser Charakteristik sich ergab: Wie unsere 
Tageshandlungen folgen aus unserem Tagesbewufksein, so konnten 
gewisse Handlungen weniger bewufiter Natur auch folgen aus dem 
Bilderbewulksein des Traumes. 

Es soil durchaus ohne Anklage gesagt werden, dafi das ungenaue 
Zuhoren einer der hauptsachlichsten Grunde ist, warum der Theoso- 
phie und ihrer Vertretung heute so viele Mifiverstandnisse entgegen- 
gebracht werden. Es werden solche Mifiverstandnisse nicht etwa blofi 
von den Gegnern der Theosophie entgegengebracht, sondern in 



einem hohen Mafie auch von denjenigen, die Bekenner dieser theoso- 
phischen Weltanschauung sind. Und vielleicht liegt ein grofier Teil 
der Schuld an den Mifiverstandnissen, welche die Aufienwelt der 
Geisteswissenschaft entgegenbringt, daran, dafS gerade auch inner- 
halb der theosophischen Kreise nach der gekennzeichneten Richtung 
hin so viel gesiindigt wird. 

Wenn wir nun unter den Wissenschaften, welche in unserer Zeit 
Geltung haben, Umschau halten, so konnte vielleicht die allgemeine 
Empfindung dahin gehen, daft die Theosophie am meisten Beziehun- 
gen hatte, am meisten verwandt ware mit der Philosophic mit ihren 
verschiedenen Zweigen. Eine solche Behauptung ware auch durchaus 
richtig, und man konnte eigentlich aus der Natur der Sachlage heraus 
voraussetzen, dafi die nachste Moglichkeit, den theosophischen 
Erkenntnissen Verstandnis entgegenzubringen, auf der Seite der Phi- 
losophic vorliegen wurde. Aber gerade da zeigen sich wieder andere 
Schwierigkeiten . 

Philosophic, wie sie heute, man darf sagen, alliiberall gepflegt wird, 
ist in einem viel hoheren Ma£e eine Art Spezialwissenschaft gewor- 
den, als sie vor verhaltnismafiig noch kurzer Zeit war. Sie ist eine 
Spezialwissenschaft geworden und arbeitet, wenn wir ihre praktische 
Arbeit heute ansehen und uns nicht auf einzelne Theorien einlassen, 
praktisch im wesentlichen in abstrakten Regionen. Und es ist nicht 
viel Neigung vorhanden, die Philosophic zu der konkreten Auffas- 
sung des Tatsachlichen herunterzufuhren. Ja, es ergeben sich sogar 
Schwierigkeiten in dem heutigen Betriebe der Philosophic, wenn man 
mit diesem philosophischen Streben von heute die Welt des Tatsach- 
lichen umfassen will. Die nach den verschiedensten Richtungen hin 
mit groftem Scharfsinn in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts 
und bis in unsere Tage hinein ausgefiihrte Erkenntnistheorie ist 
ja so, wie wir sie heute haben, hauptsachlich aus dem Grunde entstan- 
den, weil diese Schwierigkeiten, aus den abstrakten Hohen des Den- 
kens, des Begriffes herab an die Tatsachen heranzudringen, gefuhlt 
wurden. 

Nun fuhlt man, dafi gerade bei solchen Vortragen, wie es diejeni- 
gen dieses Zyklus iiber «Okkulte Physiologie» sind, Theosophie 



iiberall genotigt ist, mit dem, was sie als iibersinnliche Bewufitseins- 
inhalte zu geben hat, unmittelbar heranzudringen an unsere tatsachli- 
che Welt. Wenn ich trivial reden darf, mochte ich sagen: Theosophie 
hat es nicht so gut wie die heutige Philosophic, welche sich in 
abstrakten Regionen halt und welche durchaus nicht sehr geneigt sein 
wiirde, in ihre Betrachtungen solche Begriffe wie, sagen wir, zum 
Beispiel des Blutes oder der Leber oder der Milz, also Inhalte des 
Tatsachlichen aufzunehmen. Es wiirde diese Philosophic sehr davon 
zunickschrecken, die Briicke von ihren abstrakten Begriffsbildungen 
zu schlagen nach den konkreten, unmittelbar tatsachlich an uns her- 
antretenden Ereignissen und Dingen. Die Theosophie ist in dieser 
Beziehung waghalsiger und kann gerade deshalb gegeniiber der Phi- 
losophic sehr leicht angesehen werden als eine Geistesbetatigung, die 
kiihn und unberechtigt eine Briicke schlagt von dem Geistigsten bis 
zu dem Allertatsachlichsten herunter. 

Nun mufi es doch eigentlich interessant sein, sich einmal zu fragen: 
Woher kommt es denn, dafi es Philosophen so schwer ist, an die 
Theosophie heranzukommen? - Vielleicht gerade aus diesem 
Grunde, weil die Philosophic es vermeidet, diese Briicke zu schlagen. 

Fur die Theosophie selber ist diese Tatsache in gewissem Sinne eine 
Fatalitat, ist aufierordentlich fatal. Denn man stofit mit den theoso- 
phischen Erkenntnissen, insbesondere dann, wenn man sie herunter- 
fiihren will bis zur logischen Durcharbeitung, sehr, sehr haufig auf 
Widerstande. Gerade auf philosophischer Seite stofit man in dieser 
Beziehung auf Widerstande. Und zwar ist es sogar sehr oft vorge- 
kommen, daft man weniger auf Widerstande stofit, wenn man sozu- 
sagen lustig darauflos den Menschen sensationelle Beobachtungen 
aus den hohere Welten erzahlt. Das verzeihen sie oftmals verhaltnis- 
mafiig leicht, denn erstens sind diese Dinge «interessant», und zwei- 
tens sagen sich die Menschen: Nun, insofern wir nicht in diese 
Welten hinaufschauen konnen, sind wir gar nicht dazu aufgerufen, 
irgendein Urteil dariiber zu fallen. 

Nun ist es aber das Bestreben der Theosophie, alles, was in den 
hoheren Welten gefunden werden kann, zum vernunftigen Begreifen 
herunterzufiihren. Gefunden sind die Tatsachen, wenn sie wirklich 



als solche gelten konnen, durch iibersinnliches Forschen in den uber- 
sinnlichen Welten. Die Form der Darstellung sollte aber in unserer 
Gegenwart so gegeben werden, dafi alles in streng logische Formen 
gekleidet wird und dafi an all den Stellen, wo es heute schon moglich 
ist, darauf hingewiesen wird, wie die allertatsachlichsten aufieren 
Vorgange uns schon iiberall Bestatigungen fur das ergeben konnen, 
was wir aus der geistigen Forschung heraus behaupten konnen. In 
diesem ganzen Vorgange, die Erkenntnisse der geistigen Welt herun- 
terzuholen, sie einzukleiden in logische oder sonstige Vernunftfor- 
men und sie so darzubieten in einer Gestalt, welche dem logischen 
Bediirfnisse unserer Zeit entgegenkommt, besteht nun heute eine, 
man darf sagen, wirklich aufterordentlich begreifliche Quelle zahl- 
reichster Mifiverstandnisse. 

Nehmen Sie einmal das Komplizierte, was in diesen Vortragen 
iiber «Okkulte Physiologie» gesagt worden ist, das in seinen Bestim- 
mungen iiberall nur mit Einschrankungen, mit genauen Angaben der 
Grenzen Hinzunehmende, nehmen Sie das ganz Komplizierte der in 
sich ungeheuer beweglichen und variablen Welt des Geistigen, und 
vergleichen Sie diese Welt des geistigen in ihrer ganzen Variabilitat, in 
der Schwierigkeit, etwas uns aus geistigen Welten Herunterkommen- 
des mit groben Begriffskonturen zu umspannen, vergleichen Sie es 
mit der Leichtigkeit, irgendeine aufiere Tatsache durch ein Experi- 
ment oder durch sinnliche Beobachtung zu charakterisieren und in 
einem logischen Stil zu beschreiben! 

Nun besteht aber heute iiberall in unserer Philosophic die Ten- 
denz, wo Begriffe erlautert und beschrieben werden, auf gar nichts 
anderes Riicksicht zu nehmen als auf solche Vorstellungen, die aus 
der Welt gewonnen werden, die als die sinnliche Welt vor uns liegt. 
Das wird in der Philosophic besonders dann fuhlbar, wenn sie geno- 
tigt ist, zum Beispiel auf ethischem Gebiete einen anderen Ursprung 
fiir die Grundbegriffe zu finden als solche Vorstellungen, die an der 
aufieren Wahrnehmung der physischen Welt gewonnen werden. Wir 
finden - und das ware unschwer nachzuweisen, aber naturlich nur 
durch ausfuhrliche Darlegungen aus der zeitgenossischen philo- 
sophischen Literatur -, dafi bei allem, was heute in der Philo- 



sophie verarbeitet wird, die Begriffsbestimmungen so grob sind, 
weil fur begriffliche Bewufitseinsinhalte im Grunde genommen nur 
Riicksicht genommen wird auf die Wahrnehmungswelt, die urn uns 
herum existiert und nur aufgrund derselben die Begriffe gebildet 
werden. 

Gibt es eigentlich einen Anhaltspunkt dafiir, dafi in der Philoso- 
phic bei der Entstehung der allerelementarsten Begriffe Bewufitseins- 
inhalte auch von anderer Seite gewonnen werden als von der Seite 
der sinnlich wahrnehmbaren Welt? - Kurz gesagt: es fehlt der zeitge- 
nossischen Philosophic die Moglichkeit, zu einem Verstandnis der 
Theosophie zu kommen, weil sie mit ihren Theorien nicht ankniipfen 
kann an solche Begriffe, wie wir sie in unseren theosophischen Aus- 
einandersetzungen pflegen. Wir haben in der philosophischen Litera- 
tur den Bewulkseinshorizont dadurch bestimmt, dafi bei dem Bilden 
von Begriffen uberall nur Riicksicht genommen wird auf die aufiere 
Wahrnehmungswelt und nicht auf solche Inhalte, die von anderer 
Seite als von der der sinnlichen Wahrnehmungen herriihren. 

Die Theosophie nun mufi ihre Begriffe auf eine ganz andere Weise 
gewinnen; sie mufi zu iibersinnlicher Erkenntnis aufsteigen und ihre 
Begriffe aus dem Ubesinnlichen herunterholen, sie muE aber auch in 
die Seite der Realitat sich hineinvertiefen und mufi die aus der Beob- 
achtung der sinnlichen Welt gewonnenen philosophischen Begriffe 
beherrschen. Wenn wir uns das einmal schematisch vorstellen wol- 
len, so haben wir auf der einen Seite in der Philosophic Begriffe, die 
durch aufiere Wahrnehmung gewonnen werden, auf der anderen 
Seite die Begriffe, die aus dem Ubersinnlichen durch geistige Wahr- 
nehmung gewonnen werden. Und wenn wir das Feld der Begriffe uns 
denken, durch die wir uns verstandigen, so miissen wir sagen: Wenn 
Theosophie als etwas Berechtigtes gelten soli, dann miissen unsere 
Begriffe von beiden Seiten her genommen werden, auf der einen Seite 
von der sinnlichen Wahrnehmung, auf der anderen Seite von der 
geistigen Wahrnehmung, und auf dem Felde unserer Begriffe miissen 
diese beiden Seiten sich treffen. 



Durch auftere Wahrnehmung Durch iibersinnliche Wahrnehmung 



Es muE das Bediirfnis bestehen, gerade in theosophischen Darstel- 
lungen mit den aus der geistigen Welt heruntergeholten Begriffen sich 
mit den philosophischen Begriffen zu treffen, das heifit, daft mit un- 
seren Begriffen iiberall angeschlossen werden kann an die Begriffe, 
die aus der aufieren sinnlichen Wahrnehmungswelt gewonnen werden. 

Unsere heutigen Erkenntnistheorien sind mehr oder weniger fast 
ausschlieftlich von dem Gesichtspunkt aus aufgebaut, daft die 
Begriffe nur von einer Seite her genommen werden. Ich will damit 
nicht sagen, daft es nicht auch Erkenntnistheorien gibt, wo etwas 
Ubersinnliches als Urspmng der Begriffe zugelassen ist. Aber iiber- 
all, wo etwas positiv bewiesen werden soll^ sind die Beispiele dadurch 
charakterisiert, daft die Begriffe nur von der linken Seite (Schema) 
genommen sind, also von der Seite, auf der die Begriffe an der 
sinnlich-physischen Wahrnehmungswelt gewonnen werden. Das ist 
auch ganz natiirlich, weil [in der Philosophic] geistige Tatsachen als 
solche nicht anerkannt werden. Man beriicksichtigt eben nicht den 
Fall, daft geistige Tatsachen, die aus den geistigen Welten herunterge- 
holt werden, ebenso in Begriffe gebracht werden konnen, wie die 
Tatsachen der physischen Welt in Begriffe gebracht werden. Dieser 
Umstand hat dazu gefiihrt, daft die Theosophie, wenn sie sich mit der 
Philosophic verstandigen will, auf der Seite der Philosophic fast gar 
keinen vorbereiteten Boden findet und daft in der Philosophic die Art 
und Weise, wie in der Theosophie die Begriffe gebraucht werden, 
nicht leicht verstanden werden kann. 

Man mochte sagen: Steht man der aufieren sinnlichen Wahrneh- 
mungswelt gegeniiber, so hat man es leicht, den Begriffen scharfe 
Konturen zu geben. Da haben die Dinge selbst scharfe Konturen, 
scharfe Grenzen, da ist man leicht imstande, auch den Begriffen 



gewonnene Begriffe 
(Philosophic) 




gewonnene Begriffe 
(Theosophie) 



Begriffsfeld 



scharfe Konturen zu geben. Steht man dagegen der in sich bewegli- 
chen und variablen geistigen Welt gegeniiber, so mu!5 oft vieles erst 
zusammengetragen und in den Begriffen Einschrankungen oder 
Erweiterungen gemacht werden, urn einigermafien charakterisieren 
zu konnen, was eigentlich gesagt werden soil. Die Erkenntnistheorie, 
wie sie heute getrieben wird, ist am allerwenigsten geeignet, sich auf 
solche Begriffe einzulassen, wie sie in der Theosophie verwendet 
werden. Denn indem man, um die Begriffe zu bestimmen, die 
Griinde fur die Begriffsbestimmungen - bewufit oder unbewufit - 
nur von einer Seite nimmt, mischt sich in alle Begriffe, die man bildet, 
ohne dafi man es recht wei$, etwas hinein, was zu solchen erkennt- 
nistheoretischen Begriffen fuhrt, die iiberhaupt nicht zu brauchen 
sind, um in der Theosophie irgend etwas zu erlautern oder zu erkla- 
ren. Der Begriff, wie er von der sozusagen nichttheosophischen Welt 
geliefert wird, ist einfach ungeeignet als Instrument zum Charakteri- 
sieren dessen, was durch die Theosophie aus der geistigen Welt 
heruntergeholt wird. 

Nun gibt es insbesondere einen solchen Begriff, der auf dem 
Gebiet der Erkenntnistheorie ein furchtbarer Storenfried ist. Ich 
weifi sehr wohl, dafi er gar nicht als solcher empfunden wird, aber er 
ist ein Storenfried. Das ist, wenn man von alien feineren Nuancierun- 
gen absieht, die in so scharfsinniger Weise im Verlaufe des 19. Jahr- 
hunderts sich herausgebildet haben, der Punkt, wo das erkenntnis- 
theoretische Problem so formuliert wird, dafi man sagt: Wie kommt 
eigentlich das Ich mit seinem Bewufitseinsinhalt - oder wenn man 
meinetwillen es vermeiden will, vom Ich zu sprechen -, wie kommt 
unser Bewufitseinsinhalt dazu, von uns auf eine Realitat bezogen zu 
werden? - Diese Gedankengange haben mehr oder weniger - mit 
Ausnahme von gewissen erkenntnistheoretischen Richtungen im 19. 
Jahrhundert - zu einer Erkenntnistheorie gefuhrt, welche immer 
wieder und wieder als eine grofie Schwierigkeit empfindet, die Mog- 
lichkeit zu sehen, wie das Transsubjektive oder Transzendente, also 
das, was aufierhalb unseres Bewufitseins liegt, in unser Bewufitsein 
eintreten kann. Ich will zugeben, dafi damit das Erkenntnisproblem 
nur grob charakterisiert ist. Aber es sind doch die Schwierigkeiten im 



wesentlichen damit charakterisiert, dafi man sagt: Wie kann uber- 
haupt das, was subjektiver Bewufitseinsinhalt ist, irgendwie heran an 
das Sein, an die Realitat? Wie kann es bezogen werden auf die 
Realitat? Denn wir miissen uns klar sein, dafi, selbst wenn wir eine 
aufterhalb unseres Bewulkseins liegende transsubjektive Realitat vor- 
aussetzen, dasjenige, was in unserem Bewufitsein drinnen ist, nicht 
unmittelbar an diese Realitat herantreten kann. Wir haben also - so 
heifit es - in uns den Bewufitseinsinhalt, und wir konnen uns fragen: 
Wie haben wir die Moglichkeit, aus diesem Bewufitseinsinhalt heraus 
in das Sein, in die Realitat, die unabhangig ist von unserem Bewufit- 
sein, hineinzudringen? - 

Ein bedeutender Erkenntnistheoretiker der Gegenwart hat dieses 
Problem mit einem pragnanten Ausdruck charakterisiert: Das 
menschliche Ich, insofern es den Bewufitseinshorizont umfafit, 
konne sich nicht selber uberspringen, denn es mixfite aus sich heraus- 
springen, wenn es in die Realitat hineinspringen wiirde. Dann ware es 
aber in der Realitat und nicht im Bewufksein. — Es scheint also fur 
diesen Erkenntnistheoretiker klar zu sein, dafi uberhaupt nichts dar- 
iiber ausgemacht werden kann, wie der Bewufitseinsinhalt zur wirk- 
lichen Realitat steht. 

Es ist mir vor vielen Jahren in meinen erkenntnistheoretischen 
Schriften darum zu tun gewesen, zunachst einmal dieses Erkenntnis- 
problem festzustellen - das ja auch in der Theosophie grundlegend 
ist - und dann die Schwierigkeiten, die sich aus einer solchen wie 
der eben bezeichneten Formulierung ergeben, wegzuschaffen. Dabei 
konnte einem allerdings sehr Merkwiirdiges passieren. So zum Bei- 
spiel gab es in der Zeit, in welcher sich das zugetragen hat, wovon ich 
sprechen will, Philosophen, die von vornherein davon ausgingen - 
ganz ahnlich wie Schopenhauer - zu sagen: «Die Welt ist meine 
Vorstellung.» Das heifit, das, was im Bewufksein gegeben ist, das ist 
zunachst nur Vorstellungsinhalt, und nun handelt es sich um die 
Frage, wie eine Briicke zu schlagen ist von der Vorstellung zu dem, 
was aufierhalb des Vorgestellten ist, zu der transsubjektiven Realitat. 
Nun ist eigentlich fur jeden, welcher sich nicht faszinieren lafit durch 
Feststellungen, die angeblich auf diesem Felde gemacht worden sind, 



sondern der unbefangen an die Sache herantritt, eine Frage sogleich 
gegeben, und einer groften Menge der erkenntnistheoretischen Lite- 
ratur gegeniiber, namentlich der, welche in den siebziger und in der 
ersten Halfte der achtziger Jahre geschrieben worden ist, mufi man 
diese Frage aufwerfen: Wenn irgend etwas «meine Vorstellung» ist, 
und wenn dieses Vorgestellte selbst mehr sein soli als etwas innerhalb 
des Bewufttseinsinhaltes Liegendes, wenn es Geltung fur sich selbst 
haben soil, dann ist damit etwas gesagt, was im Grunde genommen 
nicht vor dem Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie liegen darf, 
sondern etwas, was erst festgestellt werden kann, nachdem diese viel 
wichtigeren erkenntnistheoretischen Grundfragen erortert worden 
sind. Denn wir miissen uns zuerst fragen: Warum diirfen wir iiber- 
haupt etwas, was in uns als Bewufttseinsinhalt auftritt, «meine Vor- 
stellung» nennen? Haben wir ein Recht zu sagen: Was auf meinem 
Bewufttseinshorizont auftritt, ist meine Vorstellung? - Die Erkennt- 
nistheorie hat durchaus nicht das Recht, auszugehen von dem Urteil, 
das Gegebene sei meine Vorstellung, sondern sie hat die Pflicht, 
wenn sie wirklich auf ihre ersten Anfange zuruckgeht, erst zu recht- 
fertigen, daft das, was da auftritt, der subjektive Bewufttseinsinhalt 
ist. 

Es gibt selbstverstandlich mehrere hundert Einwande gegeniiber 
dem, was jetzt gesagt worden ist, aber ich glaube nicht, daft es 
moglich ist, einen einzigen dieser Einwande lange festzuhalten, wenn 
man unbefangen auf die Sache eingeht. Aber ich habe erlebt, daft ein 
bekannter und bedeutender Philosoph mir eine ganz eigentumliche 
Antwort gab, als ich ihn auf dieses Dilemma aufmerksam machte und 
ihm auseinandersetzen wollte, daft es doch zuerst gepriift werden 
miisse, ob es erkenntnistheoretisch gerechtfertigt sei, die Vorstellung 
als etwas Nicht-Reales zu charakterisieren. Da sagte er: Das ist doch 
selbstverstandlich, das liegt doch schon in der Definition des Wortes 
«Vorstellung», daft wir etwas vor uns stellen, was nicht real ist. - Er 
konnte gar nicht begreifen - so sehr waren ihm diese Vorstellungen 
eingewurzelt, welche im Laufe von Jahrhunderten gewachsen sind -, 
daft man mit dieser ersten Definition etwas noch vollstandig Unbe- 
griindetes hinstellt. 



Wenn wir iiberhaupt innerhalb des Umfanges der Welt, in der wir 
drinnenstehen - wobei ich Sie bitte, die Worte «die Welt, in der wir 
drinnenstehen» zu verstehen als die Welt, wie wir sie im Alltag ha- 
ben -, wenn wir iiberhaupt innerhalb dieser Welt irgendeine Feststel- 
lung machen wollen, zum Beispiel dafi dasjenige, was da als Welt 
gegeben ist, eine «Vorstellung» sei, so miissen wir uns klar sein, daE 
es ja gar nicht moglich ist, eine solche Feststellung zu machen, ohne 
dasjenige, was wir unsere denkerische Tatigkeit nennen, ohne Ge- 
danken und Begriffe. Ich will jetzt nichts dariiber sagen, dafi eine 
solche Feststellung eigentlich formallogisch schon ein «Urteil» ist. In 
dem Augenblick, wo wir iiberhaupt beginnen, irgend etwas nicht so 
zu lassen, wie es vor uns auftritt, sondern ihm gegeniiber eine Fest- 
stellung machen, greifen wir mit unserem Denken ein in die Welt, die 
um uns herum ist. Und wenn wir irgendein Recht haben sollen, so in 
die Welt einzugreifen, dafi wir etwas als «subjektiv» bestimmen, dann 
miissen wir uns bewuftt sein, daft dasjenige, was bestimmt, dafi etwas 
«subjektiv» genannt wird, selber nicht subjektiv sein darf. 

Denn nehmen wir an, wir hatten hier die Sphare der Subjektivitat 
(es wird ein Kreis an die Tafel gezeichnet und dariiber das Wort 
«Subjektivitat» geschrieben) und es ginge von derselben aus zum 
Beispiel die Feststellung, A sei subjektiv, sei «meine Vorstellung» 
oder was auch immer, dann ist diese Feststellung selber subjektiv. 

Subjektivitat 



Die Folgerung daraus ist dann nicht etwa, daft wir diese Feststellung 
gelten lassen diirfen, sondern die Folgerung muE sein, daft ein solcher 
Schluft nicht gemacht werden darf, denn eine solche Feststellung 
wiirde sich selber aufheben. Wenn eine Subjektivitat nur aus sich 




A Vorstellung 



selbst heraus festgestellt werden kann, so ware das eine sich selbst 
aufhebende Feststellung, Wenn die Feststellung «A ist subjektiv» 
einen Sinn haben soli, so mufi sie nicht ausgehen von der Sphare der 
Subjektivitat, sondern von einer Realitat aufierhalb der Subjektivitat. 
Das heilk, wenn das «Ich» uberhaupt in der Lage sein soil, sagen zu 
diirfen, etwas trage einen subjektiven Charakter, zum Beispiel etwas 
sei «meine Vorstellung», wenn das «Ich» das Recht dazu haben soil, 
etwas als subjektiv zu bezeichnen, dann darf es nicht selber innerhalb 
der Sphare der Subjektivitat sein, sondern es mufi diese Feststellung 
von aufierhalb der Sphare der Subjektivitat machen. Wir diirfen also 
die Feststellung, daft etwas subjektiv sei, nicht zuriickleiten auf das 
Ich, das selber subjektiv ist.*) 

Damit ergibt sich aber ein Ausweg aus der Sphare der Subjektivitat 
heraus, indem wir uns klar dariiber werden, dafi wir keine Feststel- 
lung daruber machen konnten, was subjektiv und was objektiv ist, 
und schon die allerersten Schritte des Denkens daruber uberhaupt 
unterlassen mufiten, wenn wir nicht zu Subjektivitat und Objektivi- 
tat in einer solchen Beziehung stiinden, dafi beides gleichen Anteil an 
uns hat. Das fuhrt uns dazu, anzuerkennen - was ich jetzt nicht 
weiter ausfuhren kann — , dafi unser Ich nicht nur subjektiv genom- 
men werden darf, sondern umfassender ist als unsere Subjektivitat. 
Wir haben ein Recht dazu, aus emem gewissen gegebenen Inhalte, 
also aus etwas Objektivem, dasjenige abzugrenzen, was subjektiv ist. 

Es treten uns zunachst die verschiedenen Begriffe «objektiv», 
«subjektiv» und « trans sub jektiv» entgegen. «Objektiv» ist selbstver- 
standlich etwas anderes als «transsubjektiv» [Liicke in den Nach- 
schriften]. 

Nun handelt es sich darum - wenn wir diese Voraussetzungen 
gemacht haben -, ob wir in der Lage sind, den Stein des Anstofies 
wegzuraumen, der zu den wichtigsten Hemmnissen in der Erkennt- 
nistheorie gehort, namlich die Frage, ob innerhalb der Subjektivitat 
der ganze Umfang unseres Ich gefunden werden kann oder nicht. 
Denn wenn das Ich auch an der Objektivitat teilhaftig sein mufi, 



*) Siehe Hinweis auf Seite214 



gewinnt die Frage «Kann etwas in die Sphare der Subjektivitat her- 
einkommen?» eine ganz andere Gestalt. Sobald man das Ich als an der 
Sphare der Objektivitat teilhaftig bezeichnen darf, mufi das Ich in 
sich gleichartige Qualitaten haben wie das Objektive; es muft etwas 
von der Sphare der Objektivitat auch im Ich zu finden sein. Mit 
anderen Worten: Wir diirfen jetzt eine Beziehung zwischen Objekti- 
vem und Subjektivem voraussetzen, die wesentlich abweicht von der 
Auffassung, daft nichts vom Trans sub jektiven zum Subjektiven hin- 
uberkommen konne. 

Wenn man sagt, daft nichts zum Subjektiven hinuberkommen 
kann, dann hat man erstens das Subjektive erkenntnistheoretisch als 
in sich abgeschlossen bestimmt, und zweitens hat man dabei einen 
Begriff verwendet, der nur fur eine gewisse Sphare der Realitat 
Berechtigung hat, nicht aber fur den ganzen Umfang der Realitat 
Geltung haben kann. Das ist der Begriff des «Ding an sich». Dieser 
Begriff spielt bei vielen Erkenntnistheoretikern eine grofte Rolle; er 
ist wie ein Netz, in welchem sich das philosophische Denken selber 
fangt. Man merkt aber dabei gar nicht, daft dieser Begriff nur fur eine 
gewisse Sphare der Realitat gilt und daft er aufhort Geltung zu haben, 
wo diese Sphare aufhort. 

Im Materiellen zum Beispiel hat der Begriff Geltung. Ich mochte 
erinnern an das Beispiel vom Petschaft und Siegellack. Wenn Sie ein 
Petschaft nehmen, auf dem der Name «Muller» stent, und Sie driik- 
ken es in heiften Siegellack, dann konnen Sie mit Recht sagen: Es 
kann nichts von der Materie des Petschaft heruberkommen in den 
Siegellack. - Da haben Sie etwas, wo das Nicht-heruberkommen- 
Konnen gilt. Mit dem Namen «Mxiller» aber ist das anders, der kann 
restlos hintiberflieften in den Siegellack. Und wenn der Lack selbst 
sprechen konnte und betonen wollte, daft nichts von der Materie des 
Petschaft in ihn hineingeflossen ist, so miifite er doch zugeben, daft 
das, worauf es ankommt, namlich der Name «Miiller», restlos her- 
iibergekommen ist. Da haben wir also die Sphare iiberschritten, wo 
der Begriff des «Ding an sich» eine Berechtigung hatte. 

Woher ist es denn gekommen, daft dieser Begriff, der in einer 
gewissen feineren Weise bei Kant, ziemlich grobklotzig bei Schopen- 



hauer, dann aber scharfsinnig beschrieben bei den verschiedensten 
Erkenntnistheoretikern des 19. Jahrhunderts auftritt, eine solche 
Bedeutung hat gewinnen konnen? 

Es ist, wenn man auf die ganze Sache naher eingeht, daher gekom- 
men, daft das, was die Menschen in Begriffen ausarbeiten, doch von 
der ganzen Art ihres Denkens abhangt. Nur in einem Zeitalter, in 
welchem alle Begriffe so charakterisiert werden miissen, daft sie 
immer an der aufteren Wahrnehmung gebildet sind, hat sich ein 
solcher Begriff wie der des «Ding an sich» bilden konnen. 

Die nur an der aufteren Wahrnehmung gewonnenen Begriffe sind 
aber nicht geeignet zur Charakterisierung des Geistigen. Wiirde man 
nicht einen solchen verkappten, man mochte sagen, griindlich mas- 
kierten Materialismus in die Erkenntnistheorie eingeschleppt haben - 
denn das ist das Faktum, worauf es ankommt: es ist ein wirklich nicht 
leicht zu erkennender Materialismus in die Erkenntnistheorie einge- 
schleppt worden — , so wiirde man sich dariiber klar sein, daft eine Er- 
kenntnistheorie, die fur die geistigen Gebiete gelten soil, auch solche 
Begriffe haben mufi, die nicht in diesem groben Stile gebildet sind wie 
der Begriff des «Ding an sich». Fur das Geistige, wo uberhaupt von 
einem Draufien und Drinnen nicht in demselben Sinne gesprochen 
werden kann, mufi es klar sein, daft wir feinere Begriffe brauchen. 

Ich konnte das nur skizzenhaft andeuten, denn ich rmiftte sonst ein 
ganzes Buch schreiben, das sehr dick werden wiirde und auch meh- 
rere Bande haben miiftte, weil an die Philosophiegeschichte und an 
die Erkenntnistheorie sich auch metaphysische Gebiete anschlieften 
miiftten. Aber Sie konnen daran sehen, daft es ganz begreiflich ist, 
wenn diese Art des Denkens, weil sie aus tief maskierten Vorurteilen 
entspringt, unbrauchbar ist fur alles das, was in die geistige Welt 
hineinreicht. 

Ich habe Ihnen jetzt eine Stunde lang nur iiber diesen allerabstrak- 
testen Begriff gesprochen. Ich habe mich bemiiht, die Sache verstand- 
lich zu machen und bin mir absolut klar dariiber, daft die Einwande, 
die mir selber deutlich vor der Seele stehen, selbstverstandlich in 
mancher anderen Seele auch auftauchen konnen. Wenn es sich um 
eine andere Versammlung handelte, so bediirfte es vielleicht einer 



besonderen Rechtfertigung, dafi man, man konnte sagen, seine Zuho- 
rer so hintergeht, dafi man statt des gewohnten Tatsachenmaterials, 
das erwartet wird, einmal auch in abstraktesten - wie wohl manche 
glauben: vertracktesten - Begriffen spricht. Nun, wir haben schon im 
Laufe unserer theosophischen Arbeit immer wieder gesehen, dafi 
Theosophie auch das Gute hat, dafi man innerhalb der theosophi- 
schen Bewegung die Pflicht zur Erkenntnis ausbildet, und daft damit 
nach und nach ein unartiger Begriff iiberwunden wird, der iiberall 
sonst existiert, ein sehr unartiger Begriff, welcher sagt: Das ist ja doch 
etwas, was iiber meinen Horizont geht, womit ich mich nicht 
beschaftigen will, was mir nicht interessant ist! 

Fur manchen, der sich mit philosophischen Grundfragen beschaf- 
tigt und der die manchmal nur sparlich besuchten Kollegien uber 
Erkenntnistheorie aus Erfahrung kennt, mag es uberraschend sein, 
dafi hier in unserer Bewegung so viele Menschen, die doch nach dem 
Urteil dieses oder jenes Erkenntnistheoretikers «griindlichste Dilet- 
tantes auf dem Gebiete der Erkenntnistheorie sind, zu einer Ver- 
sammlung kommen, um sich ein solches Thema anzuhoren. Wir 
haben an manchen Orten sogar eine noch grofiere Anzahl von Zuho- 
rern gerade bei philosophischen Vortragen gehabt, die zwischen die 
theosophischen eingelegt worden sind. Wenn man die Sachlage aber 
gnindlicher betrachtet, wird man sagen diirfen, dafi dies gerade eines 
der besten Zeugnisse fur die Theosophen ist. Die Theosophen wis- 
sen, dafi sie alles unbefangen anhoren sollen, was an Einwanden 
vorgebracht werden kann. Sie sind ruhig dabei, denn sie wissen ganz 
genau, daft Einwande gegen die Forschungen in den iibersinnlichen 
Welten zwar moglich und berechtigt sind, sie wissen aber auch, dafi 
manches, was zunachst als unlogisch bezeichnet worden ist, sich 
schlieftlich doch als sehr logisch herausstellen kann. Der Theosoph 
lernt auch, es als seine Pflicht zu betrachten, Erkenntnisse in seine 
Seele hineinzubekommen, wenn es ihm auch Miihe macht, sich mit 
Erkenntnistheorie und Logik zu beschaftigen. Denn so wird er 
immer mehr und mehr in der Lage sein, nicht nur allgemeine theoso- 
phische Darstellungen anhoren zu wollen, sondern auch mit logi- 
schen Begriffen und Begriffsgliederungen ernst in der Theosophie zu 



arbeiten. Es wird sich die Welt schon mit dem Gedanken bekanntma- 
chen miissen, dafi die Philosophic in ihrem umfanglichsten Sinne 
innerhalb der theosophischen Bewegung wird wiedergeboren werden 
konnen. Eifer fiir philosophische Strenge, fur griindliche logische 
Begriffsbildung wird sich nach und nach, wenn ich das Wort gebrau- 
chen darf, einnisten innerhalb der theosophischen Bewegung. Womit 
ich nicht gesagt haben will, dafi die Resultate in dieser Beziehung bei 
genauem Zusehen jetzt schon sehr befriedigend sind. Wir werden das 
durchaus noch mit Bescheidenheit ansehen miissen, aber wir sind auf 
dem Wege zu diesem Ziel. 

Je mehr wir uns den guten Willen zum Denkerischen, zur wissen- 
schaftlichen Gewissenhaftigkeit, zur philosophischen Griindlichkeit 
aneignen, desto mehr werden wir durch die theosophische Arbeit 
nicht nur unsere verganglichen personlichen Zieie verfolgen, sondern 
menschheitliche Ziele erreichen konnen. Manches ist heme erst auf 
der Stufe des allerersten Wollens. Aber es zeigt sich, dafi in dem 
Willen, der aufgewendet wird zur Erkenntnis, schon etwas liegt wie 
eine ethische Selbsterziehung, die erreicht wird durch das Interesse, 
das wir der Theosophie entgegenbringen. Und daran wird es bald 
nicht mehr mangeln. Wenn keine anderen Hindernisse sich finden als 
die, welche es heute schon gibt, so wird von der Aufienwelt der 
Theosophie die Anerkennung nicht versagt werden konnen, dafi der 
Theosoph nicht strebt nach leichter Befriedigung seiner seelischen 
Sehnsuchten, sondern dafi sich in der Theosophie ein ernstes Streben 
nach philosophischer Griindlichkeit und Gewissenhaftigkeit kund- 
gibt, nicht ein blofter Dilettantismus. Dieses Streben wird gerade 
geeignet sein, das philosophische Gewissen der Menschen zu schar- 
fen. Wenn wir die theosophischen Lehren nicht als Dogmen hinneh- 
men, sondern verstehen, was Theosophie als reale Macht in unserer 
Seele sein kann, dann kann das Anfeuerungsmaterial fiir die mensch- 
liche Seele sein, um immer mehr und mehr die in ihr verborgenen 
Krafte zu ergreifen und um sie zum BewuEtsein ihrer Bestimmung zu 
fiihren. Deshalb wollen wir innerhalb unserer theosophischen Bewe- 
gungen fordern diesen Eifer fiir griindliche Logik und Erkenntnis- 
theorie, und so, indem wir fester auf dem Boden unserer physischen 



Welt stehen, immer klarer und ohne Schwarmerei und nebulose 
Mystik aufschauen lernen zu den geistigen Welten, deren Inhalt wir 
herunterholen und einfiigen wollen in unser physisches Weltbild. 

Ob wir das tun wollen, davon hangt es einzig und allein ab, ob wir 
der Theosophie eine wirkliche Mission im Erdendasein der Mensch- 
heit zuschreiben konnen. 



Einladung zum Vortrags-Zyklus 



Hmweise zu dieser Ausgabe 



Ubersicht iiber die 
Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



/ 



THEOSOPHISCHE GESELLSCHAFT (ADYAR) 

BOHMISCHE SEKTION - PRAG. 



WIR ERLAUBEN UNS HIEMIT ALLE FREUNDE DER THEOSOPHISCHEN 

BEWEGUNG ZU EINEM 

VORTRAGS-ZYKLUS VON Dr. RUDOLF STEINER 

UBER 



mi 




KKULTE WHYSIOLOGIE 



AUFS HERZLICHSTE EINZULADEN. 

DER ACHTTAGIGE ZYKLUS FINDET STATT 

VOM 20. BIS 24. UND VOM 26. BIS 28. MARZ 1911 

IM S AALE DES KAUFMANNISCHEN VEREINES „MERKUR M , PRAG, 

MIKULASSKA TRfDA. 

BEGINN ALLABENDLICH 8 UHR. 



AUSSERDEM HALT Dr. RUD. STEINER IM GLEICHEN RAUME 

2 OFFENTLICHE VORTRAGE: 

AM 19. MARZ ABENDS 8 UHR — 

WIE WIDERLEGT MAN THEOSOPHIE. 

AM 25. MARZ NACHMITTAGS 4 UHR — 

WIE VERTEIDIGT MAN THEOSOPHIE. 

NACH DEM SCHLUSSE DER VORTRAGE FRAGEN - BEANTWORTUNG. 



EINLASSKARTEN: fur den Zyklus: K 10-— , fur 8ffcat!iche Vortrlge k K V— ; fur atislandische 
Gaste auf alle 10 Vortrage M 10 — . — Anmeldungen (unter Einsendung des Beitrages) werden 
baldmoglichst crbetcn an das Secretariat der Sektion: Prag-Kgl. Weinberge, Vocelova 2, II. Stock, 
•wohin auch alle Anfragea fiber Wohnungsangelegenheiten zu richtea sind. 

Wir freuen uns auf recht zahlreiche TeUnahme unserer Freunde und heissen alle 

herzlichst willkommen. 

Mit theosophischem Grusse 
B6HMISCHE SEKTION DER THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT. 



HINWEISE 



7.u dieser Ausgabe 

Die in diesem Band enthaltenen Vortrage hielt Rudolf Steiner im Jahr 1911 auf 
Einladung von Prager Theosophen. 

In Prag - das damals als Hauptstadt des Konigreiches Bohmen zur Osterrei- 
chisch-Ungarischen Monarchic gehorte - gab es in diesen Jahren vor dem ersten 
Weitkrieg drei verschiedene theosophische Gruppierungen. Neben der «B6hmi- 
schen Sektion Prag der Theosophischen Gesellschaft (Adyar)» hatte sich eine 
Gruppe von Tschechen unter der Leitung von Jan Bedrnicek schon seit dem Jahr 
1906 direkt an den von Rudolf Steiner geleiteten Besant-Zweig in Berlin ange- 
schlossen; sie fiihrte offiziell den Namen «Abteilung Prag des Besant-Zweiges, 
Berlin». Aufierdem gab es eine unabhangige theosophische Arbeitsgruppe etwa 
seit 1909, die «Bolzano-Gruppe», die sich im Jahr 1912 als «Bolzano-Zweig» 
ebenfalls der Deutschen Sektion und spater der Anthroposophischen Gesell- 
schaft anschlofi. Die Leiterin dieser Gruppe war Berta Fanta. 

Die Initiative, Rudolf Steiner zu einem Vortragszyklus nach Prag zu bitten, 
ging von der tschechischen Gruppe aus. Am 25. Mai 1910 fuhr deren Leiter Jan 
Bedrnicek nach Hamburg, urn mit Rudolf Steiner, der dort die Vortragsreihe 
iiber «Die Offenbarungen des Karma» hielt, Termin und Themen zu besprechen. 
Zwischen den verschiedenen theosophischen Gruppierungen hat es damals eine 
gute Zusammenarbeit gegeben. So trat als offizieller Veranstalter von Rudolf 
Steiners Vortragen die «B6hmische Sektion» auf, die die Einladungen verschickte 
(siehe Seite 200) und die Vortrage im «Prager Tagblatt» Nr. 74 vom 15. Marz 
1911 mit folgender Anzeige ankiindigte: 

Die Theosophische Gesellschaft in Prag veranstaltet im laufenden Monate 
einen offentlichen Vortragszyklus, gehalten von dem hervorragenden Philo- 
sophen und Okkultisten Dr. Rudolf Steiner iiber «okkulte Physiologie» und 
zwar vom 19. bis 28. Marz (prazise 8 Uhr abends) im Saale des kaufmanni- 
schen Vereins «Merkur», Niklasstrafie. Anmeldungen an das Sekretariat der 
Sektion Prag, Weinberge, Bocelgasse 2, 2. St. 

Das Thema «Eine okkulte Physiologie» geht mit Sicherheit auf Rudolf Steiner 
selbst zurtick, hatte er sich doch schon seit Jahren mit einer okkulten Betrach- 
tung des menschlichen Organismus beschaftigt. So sagte er zum Beispiel in 
einem Vortrag, der anlaftlich der 5. Generalversammlung der Deutschen Sektion 
der Theosophischen Gesellschaft gehalten wurde (Berlin, 21. Oktober 1907 
vormittags, in GA101): 

«Es ist . . . moglich, die Organe des Menschen zu studieren in ihrer verschiede- 
nen Wertigkeit, wenn man zuruckgeht auf die Urgriinde, die in den geistigen 
Welten zu finden sind. Wir finden, dafi Leber, Galle, Milz und so weiter etwas 



ganz anderes sind, wenn man weifi, wie verschiedene Welten an ihrer Gestal- 
tung beteiligt sind. . . . Sie sind Erbteile aus der geistigen Welt heraus. Es 
miissen alle Organe beim Menschen aus ihren geistigen Urspriingen heraus 
von uns betrachtet werden, wenn wir deren Bedeutung richtig verstehen 
wollen. Da sehen wir hin auf eine zukiinftige Behandlungsweise des menschli- 
chen Leibes, wo man sich dieses geistigen Ursprunges der Organe bewufit sein 
wird und diese Erkenntnisse anwenden wird in der alltaglichen Medizin.» 

und in Miinchen - nachdem das Thema fur den Prager Zyklus schon feststand - 
am 26. August 1910 (in GA125): 

«Es ware im Sinne dessen, was ich selbst als geisteswissenschaftliche Bewe- 
gung ansehen raufi, mein dringendster Wunsch, daft diejenigen, welche eine 
physiologisch-arztliche Vorbildung haben, sich so weit mit den Tatsachen der 
Geisteswissenschaft bekanntmachen, dafl sie in bezug auf ihren Tatsachencha- 
rakter die Ergebnisse der Physiologie einmat durcharbeiten konnen. Ich werde 
selbst im nachsten Fruhjahr nur hochstens die Grundlinien dieser geisteswis- 
senschaftlichen Physiologie Ziehen konnen . . .» 

Uber die Teilnehmer an dem Prager Vortragszyklus ist nur wenig bekannt; 
insbesondere konnte bisher nicht herausgefunden werden, welche Arzte teilge- 
nommen haben. Nur einige wenige Namen sind dokumentarisch gesichert: Dr. 
Ludwig Noll aus Kassel, der wahrend dieser Zeit die erkrankte Marie von Sivers 
behandelte (siehe «Marie Steiner-von Sivers - Ein Leben fur die Anthroposo- 
phie», Seite 201 ff.), sowie die drei Munchner Arzte Dr. Felix Peipers - der selbst 
in theosophischen Zusammenhangen schon Vortrage gehalten hatte uber okkulte 
Anatomie und Medizin — , Dr. Max Hermann und Dr. Hanns Rascher. 

Ein Wiener Mitglied berichtet: 

«Ein fmanziell gliicklicher Zufall machte es mir damals moglich, verspatet 
zu dem Vortragszyklus Dr. Steiners uber okkulte Physiologie nach Prag zu 
fahren. Die Vortrage, denen ein grower Teil der Prager Intelligenzkreise 
beiwohnen konnte, gaben den ersten Ausblick in eine neue Betrachtungsweise 
des Menschen. Die Stimmung dieses Neuen herrschte namentlich unter den 
anthroposophischen Wissenschaftlern und Arzten (darunter Dr. Peipers und 
Dr. Hermann). An den offentlichen Vortragen «Wie widerlegt man Theoso- 
phie?» und «Wie verteidigt man Theosophie» nahmen auch viele Menschen 
der Zionistischen Bewegung teil und ich kam bei dieser Gelegenheit in nahen 
Kontakt zu dem jungen Philosophen Hugo Bergmann (jetzt Professor in 
Jerusalem), dessen Schwiegermutter und Tante (Frau Fanta und Frau Freund) 
im Mittelpunkt der theosophischen Bewegung in Prag standen. . . . Die Tage 
von Prag, an denen fast alle Wiener Theosophen teilnahmen, bekamen noch 
ihren besonderen Glanz durch den Eindruck einer in der Einheit des theoso- 
phischen Strebens gegriindeten echten Verbindung zwischen Deutschen und 
Tschechen. Dies gab eine innere Warme, in der auch Dr. Steiner sich beson- 
ders wohl zu fiihlen schien. Unter den tschechischen Theosophen fiel beson- 



ders ein greiser Musikprofessor auf, dessen Aufieres stark an Leo Tolstoi 
erinnerte.» (Aus einem undatierten Manuskript «Erinnerungen» von Dr. 
Ernst Miiller, Wien.) 

Am SchluG der Veranstaltungen fand noch ein urspriinglich im Programm 
nicht vorgesehener Vortrag Rudolf Steiners statt iiber die Beziehung der Theoso- 
phie zur Philosophic Dieser Vortrag liegt bereits gedruckt vor im Band der 
Gesamtausgabe «Die Mission der neuen Geistesoffenbarung», GA127, wird 
aber wegen seiner direkten Beziehung zu den Vortragen iiber okkulte Physiolo- 
gie in den hier vorliegenden Band mit aufgenommen. Die beiden offentlichen 
Vortrage vom 19. und 25. Marz 1911 «Wie widerlegt man Theosophie?» und 
«Wie verteidigt man Theosophie?» sind in der Gesamtausgabe noch nicht 
erschienen, sie waren - nach einer mangelhaften Nachschrift - abgedruckt in 
«Mensch und Welt», Blatter fur Anthroposophie 1968, Nrn. 1-4. 

Zu der Zeit, als Rudolf Steiner diese Vortrage hielt, stand er mit seiner 
Geisteswissenschaft noch innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Er ver- 
wendete die Worte «Theosophie» und «theosophisch» jedoch immer im Sinne 
seiner spater «Anthroposophie» genannten Geisteswissenschaft. Die Ausdriicke 
«Theosophie», «Geisteswissenschaft» oder «Geistesforschung» sind hier jeweils 
so wiedergegeben, wie sie von den Stenographen festgehalten wurden. 

Der Titel des Vortragszyklus ist von Rudolf Steiner. 

Die Zeichnungen im Text wurden von Hedwig Frey und Leonore Uhlig nach 
den Skizzen der Stenographen ausgefuhrt. Originaltafelzeichnungen sind nicht 
erhalten. 

Textunterlagen: Eine wortwortliche stenographische Mitschrift dieser Prager 
Vortrage Rudolf Steiners gibt es nicht. Wohl haben verschiedene Teilnehmer 
mitgeschrieben, doch reichten ihre stenographischen Fahigkeiten nicht aus, um 
einen ganzen Vortrag durchgehend wortlich festhalten zu konnen. 

Von den vorliegenden Unterlagen - es sind insgesamt neun verschiedene 
Textfassungen - sind acht sogenannte Ausarbeitungen (die neunte besteht nur 
aus stichwortartigen Notizen), das heifit, sie geben nicht nur die urspriinglich 
s tenographisch oder handschriftlich festgehaltenen Wortlaute wieder, sondern 
sie sind von den jeweiligen Schreibern mehr oder weniger bearbeitet worden 
(stilistisch zu einem lesbaren Text formuliert, Interpunktion eingefugt, gelegent- 
lich inhaltlich erganzt, Liicken nach eigenem Verstandnis oder Gedachtnis aus- 
gefiillt und anders mehr). Da sich keinerlei Originalstenogramme erhalten haben, 
i:>t es schwierig, den Grad der «Bearbeitung» im einzelnen festzustellen. Deshaib 
wurden bei den Vorarbeiten fur die Neuausgabe 1991 zunachst alle vorliegenden 
Textfassungen Satz fur Satz miteinander verglichen, woraus sich folgendes Bild 
ergibt: 

Vier Stenographen (Walter Vegelahn, Fritz Mitscher, Wilhelm Friedrich und 
ein unbekannter) haben sich bemuht - entsprechend ihren individuellen Fahig- 
keiten die Vortrage weitgehend wortlich mitzuschreiben. Ihre Klartextiiber- 



tragungen wurden in unterschiedlicher Weise und zum Teil mehrmals bearbeitet 
und zwar von den Nachschreibern selbst. Die iibrigen Nachschriften sind 
Zusammenfassungen der Vortragsinhalte. Im einzelnen liegen vor: 

- Nachschrift Walter Vegelahn in zwei stark voneinander abweichenden 
Fassungen: 

a) Erstiibertragung des Stenogramms, geringfiigig bearbeitet (maschine- 
geschrieben) 

b) von Vegelahn selbst iiberarbeitete Fassung von a), durch dessen eigene 
Einfugungen oft stark verandert (maschinegeschrieben) 

- Nachschrift Fritz Mitscher in zwei Fassungen: 

a) Erstiibertragung des Stenogramms (haridschriftlich) 

b) bearbeitete Fassung, zum Teil unter Beriicksichtigung des Vegelahn- 
textes (maschinegeschrieben) 

- Nachschrift Wilhelm Friedrich (handschriftliche Ubertragung des Steno- 
grammtextes) 

- Nachschrift eines unbekannten Stenographen (handschriftlich) 

- Kurznachschrift (referatartig) von Jan van Leer (maschinegeschrieben) 

- Kurznachschrift (referatartig) von Fritz Rascher (maschinegeschrieben) 

- Kurznotizen von unbekannter Hand (handschriftlich). 

Als offizieller Stenograph war der Berliner Walter Vegelahn, der schon mehr- 
jahrige Erfahrungen im Mitschreiben von Vortragen hatte, mit nach Prag gereist. 
Jedoch gelang es ihm diesmal nicht - aus welchen Griinden auch immer -, die 
Vortrage wirklich wortlich mitzuschreiben. Vielleicht waren ihm die Thematik 
und das Vokabular ungewohnt, vielleicht waren die raumlichen oder akustischen 
Verhaltnisse ungiinstig, vielleicht lag auch eine personliche Indisposition vor - all 
das lalk sich heute nicht mehr feststellen. Das Ergebnis seiner Mitschrift, die 
Ubertragung des Stenogramms, war jedenfalls sehr unbefriedigend. 

Am 2. Mai 1911 schrieb Marie von Sivers aus Porto rose, wo sie und Rudolf 
Steiner sich damals aufhielten, an die Leiterin des Philosophisch-Theosophischen 
Verlages, Johanna Mucke: «Der Doktor mochte doch gern alle Vortrage iiber 
<Okkulte Physiologio haben. Schicken Sie sie also bitte, so wie Sie es beabsichti- 
gen, und auch den zweiten offentlichen in Prag.» - Doch obgleich Rudolf Steiner 
ausdriicklich schon so bald urn die Nachschriften gebeten hatte, sind die Vor- 
trage zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt worden. Man darf annehmen, dafi er die 
Druckerlaubnis nicht gegeben hat, weil er mit der Qualitat des Vegelahnschen 
Textes unzufrieden war und fur eine Bearbeitung nicht die erforderliche Zeit 
hatte. 

Vegelahn, der sich iiber die Mangelhaftigkeit seiner Nachschriften wohl selbst 
klar war, hat diese spater noch einmal iiberarbeitet und so eine zweite Textfas- 
sung erstellt, die sich von der ersten dadurch unterscheidet, daE er dem Wortlaut 
seines urspriinglichen Stenogrammtextes alle moglichen Zutaten beifiigte (Fiill- 
worte, Wiederholungen vorangegangener Satzpassagen oder Gedankengange, 
Nachahmung bestimmter Eigentiimlichkeiten von Rudolf Steiners Sprechstil 



und so weiter). Die auf diese Weise entstandenen Satzkonstruktionen sind haufig 
so unklar gegliedert, dafi ihr Sinn nur schwer verstandlich ist. Solche Satzkon- 
struktionen stammen also nicht von Rudolf Steiner, sondern sind durch die 
nachtragliche Bearbeitung Vegelahns entstanden. 

Erst im Jahr 1927 wurden die Vortrage erstmals gedruckt und zwar als 
Manuskriptdruck fur Mitglieder, bezeichnet als «Zyklus OP». Sowohl dieser 
Erstdruck wie auch die folgenden Auflagen innerhalb der Gesamtausgabe basier- 
ten auf der oben beschriebenen Textbearbeitung Vegelahns, konnen also nicht als 
die authentische Wiedergabe des Wortlautes Rudolf Steiners angesehen werden. 

«erfordert Theosophie . . . das genaueste, praziseste logische Formulieren», so 
sagt Rudolf Steiner im Vortrag vom 28. Marz 1911 (siehe Seite 181/182), und 
nach Ausfuhrungen iiber «Wortfullsel» und «rhetorische Verbramungen» fugt er 
hinzu: «Wenn man das Vorgetragene ganz genau nimmt, so darf man in den 
Satzen nicht nur nichts andern, sondern man mufi auch genau auf die Grenze 
achten, die in die Formulierungen mit aufgenommen ist.» - 

Bald nach dem Erscheinen von «Zyklus OP» im Jahr 1927 meldeten sich eine 
Reihe von Arzten, die auf Fehler in den Texten aufmerksam machten und 
entsprechende Korrekturen vorschlugen. Fur die spateren Auflagen 1957 und 
1971 konnte der Herausgeber Dr. med. H. W. Zbinden durch Priifung der 
damals vorliegenden Nachschriften einige sachliche Korrekturen durchfuhren; 
die Vegelahnsche Textbearbeitung wurde dadurch jedoch nicht grundsatzlich in 
Frage gestellt. Die Tatsache, dafi es sich bei dieser keineswegs um den originalen 
Wortlaut Rudolf Steiners handelt, konnte erst in jungster Zeit festgestellt werden 
durch einen genauen Vergleich mit den anderen, auf Stenogramme zuriickgehen- 
den Nachschriften. Einige dieser Unterlagen hat die Nachlafiverwaltung erst in 
den letzten Jahren erhalten. 

Trotz der zahlreichen Differenzen in den einzelnen Wortlauten der verschie- 
denen Nachschriften sind Inhalt, Aufbau und Verlauf der Vortrage von alien 
Nachschreibern gleich wiedergegeben. Diese Tatsache ermoglichte es, nunmehr 
fur die Neuausgabe 1991 eine neue Textfassung zu erarbeiten, deren Grundlage 
die am wenigsten bearbeiteten Niederschriften der Stenographen sind: 

— die Erstausschriften von Walter Vegelahn und Fritz Mitscher, sowie die 
handschriftlichen Stenogrammubertragungen von Wilhelm Friedrich und von 
Unbekannt. Die Referate von van Leer und von Fritz Rascher wurden inhaltlich 
mit beigezogen. Auch diese verbesserte Textfassung enthalt Unklares und Liik- 
kenhaftes, das mangels eines wortgetreuen Stenogrammes nicht rekonstruiert 
werden kann. Inhalt und Aufbau der Vortrage sind jedoch durch die zahlreichen 
Unterlagen gesichert. 



Hinweise zum Text 



Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

zu Seite 

13 die geistige, iibersinnliche Grundlage der Organe, der Lebensformen, der 
Lebensprozesse: In seiner Schrift «Anthroposophie - Ein Fragment aus dem 
Jahre 1910» (GA 45) gibt Rudolf Steiner im Kapitel IV «Die Lebensvor- 
gange» eine Schilderung des Sinneslebens des Menschen im Verhaknis zu 
seinem inneren Leibesleben. Diese inneren Lebensvorgange werden dort 
charakterisiert als Atmen, Warmung, Ernahrung, Absonderung, Erhaltung, 
Wachstum und Hervorbringung. Erweiterte und modifizierte Darstellungen 
finden sich in den Vortragen vom 12. August 1916, enthaken im Band «Das 
Ratsel des Menschen» (GA 170), und vom 29. Oktober 1921, enthaken im 
Band «Anthroposophie als Kosmosophie - Zweiter Teil» (GA 208). Siehe 
hierzu auch in Heft Nr. 58/59 der «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtaus- 
gabe» die Aufzeichnungen Rudolf Steiners zu den Sinnesbereichen und 
Lebensstufen, mit einem Vorwort von Hendrik Knobel. 

16 was iiber die Bedeuttmg der Organe in bezug auf den Menschen gesagt wird, 
das kann nicht . . . in gleicher Weise fur die Tiere gesagt werden: Ausfuhrliche 
Darstellungen dariiber gibt Rudolf Steiner u. a. in folgenden Berliner Vortra- 
gen: «Menschenseele und Tierseele», «Menschengeist und Tiergeist», am 10. 
und 17. November 1910, beide enthaken im Band «Antworten der Geistes- 
wissenschaft auf die grofien Fragen des Daseins» (GA 60), «Der Ursprung 
der Tierwelt im Lichte der Geisteswissenschaft» am 18. Januar 1912, enthal- 
ten im Band «Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung» (GA 61), 
«Menschenwelt und Tierwelt nach Ursprung und Entwickelung dargestellt 
im Lichte der Geisteswissenschaft» am 15. April 1918, enthaken im Band 
«Das Ewige in der Menschenseele» (GA 67), sowie am 28. Juli 1922 in 
Dornach, enthaken in dem Band «Das Geheimnis der Trinitat» (GA 214). 

17 dafi Goethe, Oken . . . den Blick darauf gerichtet haben, daft die Schadelkno- 
chen gewisse Formdhnlichkeiten haben mit den Wirbelknochen des Riickgra- 
tes: Lorenz Oken (1779-1851), Professor in Jena und Miinchen, ab 1832 in 
Zurich, veroffentlichte 1807 beim Antritt seiner Professur in Jena ein Pro- 
gramm: «Uber die Bedeutung der Schadelknochen», in dem er die von 
Goethe 1790 entdeckte Wirbeltheorie als seine Entdeckung vortrug. 

Goethe hatte seine Wirbeltheorie des Schadels schon 1790 im Freundes- 
kreise vorgetragen, sie jedoch erst nach Oken veroffentlicht. Siehe hierzu in 
«Goethes naturwissenschaftliche Schriften», 5 Bande, herausgegeben und 
kommentiert von Rudolf Steiner in Kurschners «Deutsche National- Littera- 
tur», GA la-e, in Band I «Bildung und Umbildung organischer Naturen» die 
Aufsatze Goethes «Zwischenknochen», Abschnitt VIII, und «Das Schadelge- 
riist aus sechs Wirbelknochen auferbaut», sowie die dazugehorigen Fufinoten 
Rudolf Steiners (a.a.O. Seite 316-323). Goethe schreibt dort: «. . . ein solches 
Gewahrwerden, Auffassen, Vorstellen, Begriff, Idee, wie man es nennen mag, 



behalt immerfort, man gebarde sich, wie man will, eine esoterische Eigen- 
schaft; im ganzen lafk sich's aussprechen, aber nicht beweisen ...» - und 
Rudolf Steiner in einer FulSnote dazu: 

«Eine solche ideelle Wahrheit kann und mufi zunachst ganz allgemein, 
abgesehen von jedem einzelnen Falle, aufgefaflt werden. Dafi sie sich als 
solche nun nicht beweisen lafk, hat seinen guten Grund. Ein Beweis kann 
immer nur die Begriindung irgend eines Satzes durch etwas anderes sein. Jene 
Wahrheit tragt aber ihre Gewahr in sich selbst, kann also nicht durch etwas 
anderes begriindet werden. Dies zu erkennen, geht nun freilich jenen ab, 
welche glauben, allgemeine Wahrheiten seien nur abstrakte Satze aus unzahli- 
gen Beobachtungen abgeleitet. Die Aufgabe der empirischen Wissenschaft 
kann nur sein, zu zeigen, wie sich eine allgemeine, ihre Gewahr in sich selbst 
tragende Wahrheit in ihrer Verwirklichung im Individuellen darstellt.» 

18 in unserem Gehirn ein differenziertes RUckenmark: Erganzende Ausfuhrun- 
gen in bezug auf die kosmische Evolution des Hauptes, wenn man zuriick- 
geht bis zur Mondenentwickelung, finden sich u. a, in folgenden Vortragen: 
Am 20. Dezember 1914, enthalten im Band «Okkultes Lesen und okkultes 
H6ren» (GA 156); am 26. und 27. November 1920, enthalten im Band «Die 
Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen» 
(GA 202); am 12. Januar 1924, enthalten im Band «Mysterienstatten des 
Mittelalters» (GA 233 a), sowie in den Vortragen des Bandes «Die Sendung 
Michaels» (GA 194). 

Siehe: Rudolf Steiners Aufsatz «Goethes Naturanschauung gemafi den 
neuesten Veroffentlichungen des Goethe-Archivs» (heute enthalten in GA 
30), worin er iiber eine Tagebuchaufzeichnung Goethes aus dem Jahr 1 790 
berichtet. «Das Hirn selbst ist nur ein grofks Hauptganglion. Die Organisa- 
tion des Gehirns wird in jedem Ganglion wiederholt, so daft jedes Ganglion 
als ein kleines subordiniertes Gehirn anzusehen ist.» 

25 die menschliche Aura: Ausfuhrlich dargestellt in Rudolf Steiners «Theoso- 
phie» (GA 9), im Kapitel «Von den Gedankenformen und der menschlichen 
Aura», sowie in dem Aufsatz «Von der Aura des Menschen», enthalten im 
Band «Lucifer - Gnosis. Grundlegende Aufsatze zur Anthroposophie» (GA 
34). 

30 sogenanntes blaues Blut: Die populare Vereinfachung, das venose Blut als 
«blau» und das arterielle Blut als «rot» zu bezeichnen, lafit sich nicht auf den 
Lungenkreislauf anwenden: hier fuhren die vom Herzen zur Lunge gehenden 
Arterien «blaues» Blut, die von der Lunge zum Herzen fuhrenden Arterien 
dagegen «rotes» Blut. Uber die Besonderheiten des Lungenkreislaufes sagt 
Rudolf Steiner am 26. Mai 1922 (in «Menschliches Seelenleben und Geistes- 
streben» (GA 212): «Das Ich . . . schliipft in die Organe der Lunge hinein; mit 
den Adern, die von der Lunge zum Herzen hineingehen, nahert sich das Ich 
immer mehr dem Herzen. Das Ich folgt immer mehr und mehr, . . . innig 
verbunden mit dem Blutkreislauf, dem Wege dieses Blutkreislaufes. So 
dafi . . . das Ich eingreift in dasjenige, was aus dem Zusammenschlufi des 
atherischen und des astralischen Herzens gebildet worden ist.» 



31 Nebenstrbmung . . welche ins Gehirn fuhrt: Gemeint sind die beiden Kopf- 
schlagadern. 

38 wie die aufiere Wissenschaft von einer spekulativen Lebenskraft gesprochen 
hat: Die Anschauung von der Lebenskraft, der «vis vitalis», welche bis iiber 
die Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet war, ist ein Produkt rein spekulati- 
ven Denkens; sein eigentliches Wesen, das «vitale Prinzip», ist unbekannt, 
unbegriindbar und phanomenologisch nicht zu erfassen. Dafi mit der 
Bezeichnung «Atherleib» etwas ganz anderes gemeint ist als mit der « Lebens- 
kraft* der alteren Naturwissenschaft, schreibt Rudolf Steiner in seinem Buch 
«Theosophie» (GA 9) in einer Fufinote zum Kapitel «Das Wesen des Men- 
schen», in Abschnitt IV. Leib, Seele und Geist. Erganzendes u. a. in den 
Vortragen vom 7. Februar 1918 in «Das Ewige in der Menschenseele» (GA 
67) und vom 6. April 1921 in «Die befruchtende Wirkung der Anthroposo- 
phie auf die Fachwissenschaften» (GA 76). 

40 in dem Blutsystem ein Abbild des Ich . . . und in dem Nervensystem ein 
Abbild des Astralleibes: Siehe hierzu auch Rudolf Steiners Ausfuhrungen im 
Vortrag vom 21. Oktober 1907 vormittags, enthalten im Band «Mythen und 
Sagen» (GA 101). 

52 was wir das sympathische Nervensystem nennen: Siehe hierzu: Dr. Rudolf 
Steiner / Dr. Ita Wegman «Grundlegendes fur eine Erweiterung der Heil- 
kunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen» (GA 27), Kapitel VI. 
Blut und Nerv. Man unterscheidet ein sympathisches und ein parasympathi- 
sches System und fafit beide als vegetatives bzw. autonomes Nervensystem 
zusammen. Es bestehen jedoch weniger anatomische als physiologische 
Unterscheidungsmerkmale. Der Ausdruck «parasympathisches Nervensy- 
stem* wurde erst im Jahr 1905 eingefiihrt, es findet in den Darstellungen 
Rudolf Steiners keine Erwahnung. 

Sonnengeflecht: Das machtigste Geflecht des Sympathikus wird als Plexus 
Solaris bzw. Plexus coeliacus bezeichnet und befindet sich im Oberbauch. 
Erganzende Ausfuhrungen Rudolf Steiners iiber das Sonnengeflecht finden 
sich u. a. in folgenden Vortragen: 26. September und 7. Oktober 1905 im 
Band «Grundelemente der Esoterik» (GA 93 a), und 8. Juni 1912 im Band 
«Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophic* 
(GA 137). 

56 die mystische Versenkung: Ausfiihrlich dargestellt in den Vortragen vom 
Marz 1910 im Band «Makrokosmos und Mikrokosmos» (GA 119). 

dafi alles, was im leidenschaftlichen Blute ist, mit hineingepr'dgt wird in das 
sympathische Nervensystem: Siehe hierzu Rudolf Steiners Vortrag vom 14. 
Januar 1917, enthalten im Band «Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter 
Teil» (GA 174): «Das wirkliche Ich greift als bildsame Kraft durch das 
Sonnengeflecht in die ganze Organisation des Menschen ein. . . . Da das 
Gangliensystem die ganze Zirkulation des Blutes mitbedingt, so widerspricht 
das auch nicht der Tatsache, daf? das Ich im Blute seinen Ausdruck hat. 
. . . Was nun als Gangliensystem, als Sonnengeflecht im Menschen lebt, ist 
schon vor der Mondenentwickelung herubergekommen und stellt gewisser- 
mafSen das Haus fur das Ich dar.» 



57 wenn ich dutch mein sympathisches Nervensystem hellsichtig werde: In spate- 
ren Jahren spricht Rudolf Steiner von «Bauchhellsehen». Siehe hierzu u. a. die 
Vortrage vom 27. Marz und vom 1. Mai 1915, beide enthalten im Band 
«Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung kiinstlerischer Weltan- 
schauung» (GA 161), vom 4. Januar 1915 (2. Teil des Vortrages), enthalten in 
«Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» (GA 275), vom 15. Februar 1915 
im Band «Die geistigen Hintergriinde des ersten Weltkrieges» (GA 174 b), 
vom 2. Marz 1915 im Band «Menschenschicksale und V6lkerschicksale» (GA 
157). 

59 wenn wir den dufieren Rhythmus des Kosmos wiedererkennen im Blut- 
Puhschlag: Der Friihlingsaufgangspunkt der Sonne - also der Punkt inner- 
halb des Tierkreises, an dem die Sonne zum Zeitpunkt der Tag- und Nacht- 
gleiche im Friihling aufgeht - bleibt bekanntlich nicht immer der gleiche, es 
verschiebt sich dieser Punkt vielmehr im Verlaufe von 72 Jahren um ein 
Grad. Der Zeitraum, in welchem die Sonne so den ganzen Tierkreis durch- 
lauft, betragt etwa 25 920 Jahre. Man nennt dies ein Wekenjahr oder ein 
platonisches Jahr. - Der Mensch atmet innerhalb einer Minute normalerweise 
18mal, das sind in einer Stunde 1080, in einem Tage = 25920 Atemziige. 
25 920 Erdentage wiederum sind die durchschnittliche Lebensdauer des Men- 
schen, etwa 72 Jahre. Rudolf Steiner hat auf diese Zusammenhange haufig 
aufmerksam gemacht, besonders ausfuhrlich in den Vortragen vom 28. 
Januar 1917 im Band «Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter Teil» (GA 
174), vom 13. Februar 1917 im Band «Bausteine zu einer Erkenntnis des 
Mysteriums von Golgatha» (GA 175) und vom 24. September 1924 im Band 
«Die Schopfung der Welt und des Menschen» (GA 354). 

62 Es w'dre nun . . . interessant zu sehen, ob die tiufiere Physiologie solche 
Dinge . . . bestdtigen wiirde: Ein erster Versuch der experiementellen Bestati- 
gung dieser Anschauungen wurde von Lilly Kolisko unternommen mit ihrer 
Arbeit «Milzfunktion und Piattchenfrage», Stuttgart 1922. In spateren Kur- 
sen fur Arzte hat Rudolf Steiner wiederholt auf diese Arbeit hingewiesen. 

64 Daft ein System sich abschlieftt: Vom kosmologischen Aspekt aus hat Rudolf 
Steiner auf diese Probleme hingewiesen in den Vortragen «Die Evolution 
vom Gesichtspunkt des Wahrhaftigen» (GA 132), erganzend zu dem in dem 
Buch «Die Geheimwissenschaft im Umrif5» (GA 13) Dargestellten. 

66 enthalten Mythen und Sagen wirkliche Weisheiten Uber das menschliche 
Wesen, wirkliche Physiologie: Siehe hierzu die Vortrage vom Oktober 1907 
im Band «Mythen und Sagen» (GA 101). 

Namen wie Kain und Abel: Siehe hierzu die Vortrage vom 27. Marz 1913 
enthalten im Band «Welche Bedeutung hat die okkuke Entwickelung des 
Menschen fur seine Hiillen und sein Selbst?» (GA 145) sowie vom 10. Juni 
1904 im Band «Die Tempellegende und die Goldene Legende» (GA 93). 

Wie haben wir es heute so herrlich weit gebrachtl: Nach Goethes «Faust», I. 
Teil, Nacht (Zeile 573): Und wie wirs dann zuletzt so herrlich weit gebracht. 



67 in den Namen der Mythen und Sagen erst einen Sinn finden, wenn sie darin 
die Physiologic erkennen: Siehe Hinweise zu Seite 66. Anhand der griechi- 
schen Mythologie wurde dies dargelegt in den Vortragen vom August 191 1 in 
dem Band «Weltenwunder, Seelenpriifungen und Geistesoffenbarungen» 
(GA 129). 

68 in dem ersten offentlichen Vortrage: «Wie widerlegt man Theosophie?», 
Vortrag vom 19. Marz 1911, in der Gesamtausgabe noch nicht erschienen, 
nach einer mangelhaften Nachschrift abgedruckt in «Mensch und Welt. 
Blatter fur Anthroposophie» 1968, Nr. 1-2. 

80 Wdhrend wir durch den Atmungsprozefi die Auflenwelt stofflich aufnehmen, 
nehmen wir im Wahrnehmungsprozeft . . . etwas durch einen vergeistigten 
Atmungsprozefi in unseren Organismen auf: Erganzende Gesichtspunkte 
hierzu gibt R. Steiner u. a. in folgenden Vortragen: Am 16. April 1921, im 
Band «Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie» (GA 313): 
«Das Sinneswahrnehmen ist nichts anderes als ein verfeinerter, das heifit ein 
ins Atherische hineingetriebener Atmungsprozefi.» - Am 21. Juli 1924, im 
Band «Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin» (GA 319): 
«So haben wir also in der Atmung gegeben einen groberen Prozefi, wo der 
eingeatmete Sauerstoff sich mit dem Kohlenstoff unseres Organismus verbin- 
det und ais Kohlensaure ausgeatmet wird. Daneben haben wir einen feineren 
Prozefi, wo sich der Sauerstoff mit dem Silizium zu Kieselsaure verbindet 
und als solche in die menschliche Organisation hinein abgesondert wird.» - 
Am 28. August 1924 in dem gleichen Band: «Diese Kieselsaure ist das 
aufierliche Korrelat, die Wirksamkeit nach aufien fur die Ich-Organisation. 
Astralischer Leib: das innerlich Spirituelle; Kohlensaureprozefi: das aufier- 
liche Physische . . .». 

82 Denen stehen andere [Weltanschauungen] gegenuber, die materialistischen: 
z.B. 

Carl Vogt, 1817-1895: «Physiologische Briefe fur Gebildete aller Stande» 
(1845, Seite 206): «Ein jeder Naturforscher wird wohl denke ich bei einiger- 
mafien folgerichtigem Denken auf die Ansicht kommen, dafi alle jene Fahig- 
keiten, die wir unter dem Namen der Seelentatigkeiten begreifen, nur Funk- 
tionen der Gehirnsubstanz sind; oder, um mich einigermalSen grob hier 
auszudriicken: daft die Gedanken in demselben Verhaltnis etwa zu dem 
Gehirn stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren. Eine 
Seele anzunehmen, die sich des Gehirns wie eines Instrumentes bedient, mit 
dem sie arbeiten kann, wie es ihr gefallt, ist reiner Unsinn.» 

Jacob Moleschott, 1822-1893. In «Der Kreislauf des Lebens» (1852, Seite 
402) schliefk sich dieser der Ansicht Carl Vogts an: «Der Vergleich ist 
unangreifbar, wenn man versteht, wohin Vogt den Vergleichspunkt verlegt. 
Das Gehirn ist zur Erzeugung der Gedanken ebenso unerlafSlich, wie die 
Leber zur Bereitung der Galle und die Niere zur Abscheidung des Harns.» 

Demgegeniiber sagt Rudolf Steiner im Vortrag vom 30. Januar 1921, 
enthalten im Band «Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwicke- 
lung» (GA 203): «Es ist ein Unsinn, denn das Umgekehrte ist richtig, dafi 
namlich von den Gedanken das Gehirn abgeschieden wird, naturlich immer 



neu abgeschieden wird, weil es immer wiederum vom Stoffwechselorganis- 
mus aus ersetzt wird.» 

82 Psychophysischer Parallelismus: Eine 1860 von Gustav Theodor Fechner 
(1801-1887) begriindete psychologische Teilwissenschaft, nach der Leib und 
Seek als zwei getrennte, doch einander korrespondierende Erscheinungen 
zusammenhangen. 

83 Es sind Seelenubungen notwendig, um den Menschen in die iibersinnliche 
Welt hineinzufubren: Siehe «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren 
Welten» (GA 10) und «Die Geheimwissenschaft im Umrifi» (GA 13), Kapitel 
«Zur Erlangung iibersinnlicher Erkenntnisse». 

85 iiberall im Atherleibe Strdmungen sich entwickeln: Erganzendes hierzu u. a, 
im Vortrag vom 25. August 1911, enthalten in «Weltenwunder, Seelenprii- 
fungen und Geistesoffenbarungen» (GA 129) und vom 1. Oktober 1911 «Die 
Atherisation des Blutes», enthalten in «Das esoterische Christentum und die 
geistige Fuhrung der Menschheit» (GA 130). 

95 wurde die Milz zu alien Zeiten in der okkulten Literatur . . . immer als ein 
besonders geistiges Organ angesehen und geschildert: Z. B. in H.P. Blavat- 
skys «Geheimlehre». 

107 dafi das Aufienleben und das Innenleben des Menschen .. . in einem Gegen- 
satz zueinander stehen und ... in Spannungen zum Ausdruck kommt ... in 
den Organen des Gehirnes, die wir als Zirbeldruse und Gehirnanhang 
bezeichnen: Die Zirbeldruse (Corpus pineale, Glandula pinealis, Epiphysis 
cerebri) ist schon beim Embryo mit 12 Wochen deutlich zu identifizieren. 
Die in ihr stattfindenden Mineralisierungsprozesse sind mit Beginn der 
Pubertat so weit vorgeschritten, dafi sich der sogenannte «Hirnsand» nach- 
weisen lafk, der biochemisch aus Kalk- und Magnesiumsalzen besteht. Die 
Epiphyse ist stark von Fasern des sympathischen Nervensystems durchdrun- 
gen und ist stark durchblutet. Eine intensive wissenschaftliche Erforschung 
der Zirbeldruse setzte etwa 1959 ein; ubereinstimmend wurde eine Abhan- 
gigkeit von Lichtverhaltnissen und eine Tages- und jahreszeitliche Rhythmik 
des Organs festgestellt. 

Die Hirnanhangdriise (Hypophyse, Glandula Pituitaria - Schleimdriise) ist 
ein an der Hirnbasis in den Turkensattel des Keilbeins eingelagertes inkreto- 
risches Organ, welches im wesentiichen die Funktionen der iibrigen Hor- 
mondriisen des Korpers reguliert. Sie hat die Grofie einer Haselnufi. Es lassen 
sich insgesamt etwa 20 verschiedene Hypophysenhormone nachweisen, wel- 
che aus dem Vorderlappen (Adenohypophyse) und dem Hinterlappen (Neu- 
rohypophyse) ins Blut abgesondert werden. - Im Jahr 1911 - als diese 
Vortrage gehalten wurden - stand die Erforschung der Hypophyse noch 
ganz in den Anfangen. (Literatur: Dietrich Boie: «Das erste Auge», Stuttgart 
1968.) 

114 Das Blut ist nicht nur im Sinne des Dichterwortes «ein ganz besonderer Saft»: 
In Goethes «Faust» sagt Mephistopheles, nachdem Faust den Vertrag mit 



Blut unterzeich.net hat: «Blut ist ein ganz besondrer Saft» (Faust I, Studier- 
zimmer, Zeile 1740). Rudolf Steiner hielt einen Vortrag mit diesem Titel am 
25. Oktober 1906, enthalten im Band «Die Erkenntnis des Ubersinnlichen in 
unserer 2eit» (GA 55). 

114 das Verhdltnis von menschlichem Blut zu tierischem Blut: Schon im Vortrag 
vom 21. Oktober 1907 vormittags hatte Rudolf Steiner ausgefuhrt: «Ich- 
Wesen sind die Bildner und Baumeister dieses roten Blutes (beim Menschen). 
Sie wirkten von aufien, damit das Ich sich in den Menschen versenken 
konnte. Die Tiere haben das Ich noch nicht. Wo beim Tier rotes Blut ist, da 
wirken Wesen von auften; die Tiere sind vom roten Blute <besessen>. Der 
Mensch aber kommt dadurch zur Freiheit, dalS er von seinem Ich, von sich 
selbst <besessen> ist. Er mufite von sich selbst Besitz ergreifen, um die Herr- 
schaft iiber sein Blut erlangen zu konnen.» 

125 Phrenologie: Begriinder der sogenannten Schadellehre (Phrenologie) war 
Franz Joseph Gall (1758-1828). Er glaubte, psychologische Eigenarten und 
moralische Qualitaten kamen in der Hirnoberflache zum Ausdruck und ihre 
Uber- oder Unterentwicklung konne durch Palpation des aufteren knocher- 
nen Schadels festgestellt werden. Galls Lehre fand zu seiner Zeit weite 
Verbreitung, er trug sie 1805 auch in Gegenwart Goethes vor; in weiten 
Kreisen wurde die Phrenologie allerdings als Modetorheit aufgefafit. - Nach 
Aussagen Rudolf Steiners ist eine individuelle Berechtigung der Phrenologie 
insofern gegeben, als sich Krafte, die in einem vorangegangenen Leben 
erworben wurden, in den Hockerbildungen des Schadels ausdriicken: 
«. . . das, was die Individuality wahrend des vorhergehenden Lebens ... oft 
mit sich verbunden hat und was doch den Kopf nicht mehr hat umbilden 
konnen, das driickt sich da aus.» - Siehe hierzu auch die Ausfiihrungen 
Rudolf Steiners im Vortrag vom 27. Juni 1916 im Band «Weltwesen und 
Ichheit» (GA 169) und im 3. Vortrag des «Heilpadagogischen Kurses» (GA 
317). 

131 Wenn ich . . , ein halbes Jahr uber diese Dinge bier sprechen konnte: Erst vom 
Jahr 1920 an hat Rudolf Steiner auf Bitten von Arzten viele Vortrage uber 
Medizin gehalten: «Geisteswissenschaft und Medizin» 1920 (GA 312); «Gei- 
steswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie» 1921 (GA 313); «Phy- 
siologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft» 
1920-1924 (GA 314); «Heileurythmie» 1921-1922 (GA 315); «Meditative 
Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst» 1924 (GA 
316); «Heilpadagogischer Kurs» 1924 (GA 317); «Das Zusammenwirken von 
Arzten und Seelsorgern» 1924 (GA 318); «Anthroposophische Menschener- 
kenntnis und Medizin» 1923-1924 (GA 319). 

138 «Es ist nichts in der Haut, was nicht im Knochen ist»: Goethe, im Gedicht 
«Typus»: 

Es ist nichts in der Haut, 

Was nicht im Knochen ist. 

Vor schlechtem Gebilde jedem graut, 

Das ein Augenschmerz ihm ist. 



Was freut denn jeden? Bliihen zu sehen 
Das von innen schon gut gestaltet; 
Aufien mag's in Glatte, mag in Farben gehen: 
Es ist ihm schon voran gewaltet. 

140 bestehen die Knochen zum Teil aus phosphorsaurem und kohlensaurem Kalk: 
Hierzu sagt Rudolf Steiner im Vortrag vom 4. Januar 1924, enthalten im 
Band «Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heil- 
kunst» (GA 316): «. . . Der kohlensaure Kalk bildet fur die Erde den substan- 
tiellen Angriffspunkt, um nach ihren Bildungskraften den Knochen zu for- 
men. Der phosphorsaure Kalk bildet fur den Kosmos den Angriffspunkt, um 
den Knochen zu formen.» 

152 die Ubersinnliche Form, welch e als ein aus den iibersinnlichen Welten heraus- 
geborenes Kraftsystem dazu bestimmt ist, die Materie aufzunehmen: In ande- 
rem Zusammenhang spricht Rudolf Steiner von «der Formgestalt des physi- 
schen Leibes, welche als ein Geistgewebe die physischen Stoffe und Krafte 
verarbeitet, so dafi sie in die Form hineinkommen, die uns als der Mensch auf 
dem physischen Plane entgegentritt» und nennt diese Formgestalt das «Phan- 
tom» des Menschen (im Vortrag vom 10. Oktober 1911, enthalten im Band 
«Von Jesus zu Christus», GA 131). Die verschiedenen Angaben Rudolf 
Steiners hieriiber wurden von Maximilian Rebholz dargestellt in seinem 
Aufsatz «Beitrage zum Phantom-Problem* , erschienen 1957 in «Studien zur 
Geisteswissenschaft». 

167 eine Art Metalldampf: Durch Kondensation von Metalldampfen an einer 
gekuhlten, glatten Oberflache werden Metallspiegel gewonnen. Indem das 
Metallwesen dem Kosmos durch diesen Destillationsprozefi angenahert wird, 
wird die Heilwirkung der Metalle gesteigert. 

171 Alles, was iiber die Umwandlung der Organe gesagt worden ist, laftt sich 
nachweisen durch embryologische Untersuchungen: Siehe hierzu die Arbeiten 
von Erich Blechschmidt: «Die vorgeburtlichen Entwicklungsstadien des 
Menschen. Eine Einfiihrung in die Humanembryologie», 1960, und «Der 
menschliche Embryo. Dokumentation zur kinetischen Anatomie», 1963. 

172 Wdhrend nun das Riickenmark und das Lymphsystem auf fruheren Stufen 
eine aufsteigende Tendenz zeigten, mussen wir von dem heutigen Riicken- 
mark und Lymphsystem sagen, dafi sie in absteigender Entwickelung begrif- 
fen sind: Siehe hierzu den Vortrag vom 21. Oktober 1907 vormittags, enthal- 
ten im Band «Mythen und Sagen» (GA 101). 

178 die . . . Mensch enseelen werden zu neuen Daseinsstufen fortschreiten: Siehe 
hierzu «Die Geheimwissenschaft im UmrifS» (GA 13), Kapitel: «Gegenwart 
und Zukunft der Welt- und Menschheitsentwickelung». 

181 Im Anschlufi an die bffentlichen Vortrage «Wie widerlegt man Theosophie?» 
und «Wie verteidigt man Theosophief»: Die Vortrage wurden am 19. und 25. 
Marz 1911 gehalten und sind in der Gesamtausgabe noch nicht erschienen. 
Sie sind 1968 veroffentlicht worden in «Mensch und Welt», Blatter fur 
Anthroposophie, Nrn. 1-4, allerdings nach einer mangelhaften Nachschrift. 



182 Es wurde gefragt. . .: Hiervon iiegt keine Nachschrift vor. 

189 Ein bedeutender Erkenntnistheoretiker der Gegenwart: Otto Liebmann 
(1840-1912) in seinem Werk «Zur Analysis der Wirklichkeit. Eine Erorte- 
rung der Grundprobleme der Philosophies 3. Aufl., Straftburg 1900, S. 28. 
Wortlich heifit es: «Gerade deshalb, weil in der Tat kein vorstellendes Sub- 
jekt aus der Sphare seines subjektiven Vorstellens hinaus kann, gerade des- 
halb, weil es nie und nimmermehr mit Uberspringung des eigenen Bewufit- 
seins, unter Emanzipation von sich selber, dasjenige zu erfassen und zu 
konstatieren imstande ist, was jenseits und aufierhalb seiner Subjektivitat 
existieren oder nicht existieren mag, gerade deshalb ist es ungereimt, behaup- 
ten zu wollen, dafi das vorgestellte Objekt aufierhalb der subjektiven Vorstel- 
lung nicht da sei.» 

in meinen erkenntnistheoretischen Schriften: Siehe «Grundlinien einer 
Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Riick- 
sicht auf Schiller» (1886) GA 2, sowie «Wahrheit und Wissenschaft» (1892) 
GA3. 

190 ein bekannter und bedeutender Philosoph: Eduard von Hartmann, 
1842-1906. Siehe Rudolf Steiner «Mein Lebensgang», GA 28, Kapitel IX, 
und den Aufsatz «Philosophie und Anthroposophie» im Band mit dem 
gleichen Titel, GA 35. 

192 *) In der Nachschrift ist vermerkt, dafi Rudolf Steiner an dieser Stelle hinwies 
auf die Begriffe «Ich» und «Nicht-Ich», wie sie von Carl Unger behandelt 
wurden in seiner Schrift «Das Ich und das Wesen des Menschen», die kurz 
zuvor im Philosophisch-Theophischen Verlag erschienen war. Dieser Auf- 
satz ist heute zuganglich in «Carl Unger, Schriften», Erster Band.